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Haribo wird in der Krise 100

Haribo wird 100 Jahre alt, doch gerade im Jubiläumsjahr läuft es schlecht – vor allem für den einzigen ostdeutschen Standort.

160 Millionen Gummibären produziert Haribo täglich - bald nicht mehr in Sachsen.
160 Millionen Gummibären produziert Haribo täglich - bald nicht mehr in Sachsen. © Martin Gerten/dpa

Für Haribo sollte 2020 ein Jahr zum Feiern werden, doch seit Monaten kommt der Konzern nicht zur Ruhe. Negativschlagzeilen häufen sich – verstärkt in den letzten Wochen mit dem erklärten Aus des einzigen Haribo-Werkes im Osten. In Wilkau-Haßlau soll zum 31. Dezember der Betrieb geschlossen werden.

Doch zwei Tage vor dem eigentlichen Geburtstag des Süßwarenherstellers am 13. Dezember kommt noch eine leidlich gute Nachricht: In diesem Jahr wird es keine Kündigung geben und auch für die ersten Folgemonate des Jahres 2021 gibt es Beschäftigungsgarantien.

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Protest gegen die Schließung des Werkes in Wilkau-Haßlau.
Protest gegen die Schließung des Werkes in Wilkau-Haßlau. © Bodo Schackow/dpa

Die Geschäftsführung und der Betriebsrat des Haribo-Werks in Wilkau-Haßlau haben sich mit der Gewerkschaft NGG auf einen Sozialplan für die rund 150 Beschäftigten des Standorts verständigt. Die Vereinbarung regelt die finanziellen Kompensationsmaßnahmen, mit denen die wirtschaftlichen Nachteile abgemildert werden, die durch die Schließung des Werkes in Wilkau-Haßlau entstehen.

Kein Spielraum für Verhandlungen

Hierzu erklärt Michael Molsberger, Geschäftsführer Produktion und Technik von Haribo Deutschland: „Wir haben wie versprochen, ein sehr faires Paket für unsere Mitarbeiter erarbeitet und konnten auf dieser Grundlage mit dem Betriebsrat eine Einigung erzielen. An dieser Stelle möchten wir nochmals den Dank an unsere engagierten Mitarbeiter richten, deren hohe Zuverlässigkeit wir immer geschätzt haben.“

Die Entscheidung, den Standort zu schließen, werde aber nicht zurückgenommen. Der Betrieb in Sachsen entspreche nicht mehr den Anforderungen an eine wirtschaftliche und effiziente Produktionsstruktur im Rahmen des neuen Standortkonzepts von Haribo. Das Konzept sieht vor, die Produktion in Deutschland an weniger Standorten, dafür aber mit mehr Produktionsstraßen und höherer Leistungsfähigkeit zu bündeln. Schon allein aufgrund seiner baulichen Substanz verfügt das Werk in Wilkau-Haßlau nicht über die notwendigen Entwicklungsmöglichkeiten.

„Wir sind uns darüber im Klaren, dass es sich sowohl für unsere Mitarbeiter als auch die Region um einen schweren Schritt handelt. Nachdem wir uns mit dem Betriebsrat auf einen Sozialplan verständigt haben, werden wir nun daran mitarbeiten, eine zukunftsfähige Nachfolgenutzung für unser Betriebsgelände zu finden, hierzu wird es zeitnah weitere Gespräche mit der Lokal- und Landespolitik geben“, so Haribo-Geschäftsführer Molsberger.

Impulsprodukte haben es derzeit schwer

Rund 160 Millionen Goldbären verlassen Tag für Tag weltweit die Haribo-Werke - und dazu noch zahllose Tüten voller Lakritz-Schnecken und anderer Süßwaren. Zum 100-jährigen Firmenjubiläum ist das am 13. Dezember 1920 in Bonn gegründete Familienunternehmen damit nicht nur nicht nur Marktführer im Fruchtgummi- und Lakritzsegment in Deutschland. Es ist in diesem Jahr nach eigenen Angaben auch in den USA – den Schokoladenmarkt ausgenommen – zur Süßwarenmarke Nummer eins aufgestiegen.

Teilnehmer eines Protestspaziergangs der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten protestieren am 6. Dezember vor dem Werksgelände von Haribo gegen das Aus für den Standort.
Teilnehmer eines Protestspaziergangs der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten protestieren am 6. Dezember vor dem Werksgelände von Haribo gegen das Aus für den Standort. © Bodo Schakow/dpa

Haribo feiert den 100. Geburtstag schon seit Jahresbeginn mit einer aufwendigen Werbekampagne. Allerdings erwies sich ausgerechnet das Jubiläumsjahr als nicht ganz einfach für den Konzern. Nicht nur Corona machte dem Süßwarenhersteller zu schaffen. Die Ankündigung, das Haribo-Werk in Wilkau-Haßlau zu schließen, führte zu Protesten. Das Land Sachsen beendete daraufhin seine Werbekooperation mit dem Süßwarenhersteller.

Streit um eine von Haribo geforderte Preiserhöhung führte außerdem dazu, dass Lidl-Kunden seit Monaten keine Haribo-Produkte mehr in den Regalen des Discounters finden. Auch Edeka hatte nach Brancheninformationen sein Haribo-Sortiment zeitweise eingeschränkt. Doch scheint dieser Streit mittlerweile beigelegt. „Bei Edeka füllen sich die Regale wieder“, hieß zuletzt bei Haribo.

Auch die Corona-Krise ging an dem Süßwarenhersteller nicht spurlos vorbei. Zwar verzeichnete das Unternehmen im Lebensmittelhandel im ersten Halbjahr Umsatzzuwächse. Doch brachen gleichzeitig in anderen Verkaufskanälen – etwa an Flughäfen und Bahnhöfen – die Umsätze ein. Außerdem mache sich in Zeiten von Teil-Shutdown und Shutdown bemerkbar, dass die Verbraucher seltener einkaufen gingen als früher – und dann oft Großeinkäufe tätigten, sagte ein Haribo-Sprecher. „Oft fehlt die Muße, was für ein Impulsprodukt wie unseres nicht vorteilhaft ist.“

Genascht wird immer

Gegründet wurde das Unternehmen 1920 von dem gelernten Bonbonkocher Hans Riegel in einem Bonner Hinterhof. Das spiegelt sich bis heute im Firmennamen: Er steht für HAns RIegel BOnn. Das Unternehmen wuchs schnell. Schon 1922 tauchten die ersten Fruchtgummibärchen im Angebot auf. 1925 begann Riegel auch mit der Herstellung von Lakritzprodukten.

Heute beschäftigt das Familienunternehmen weltweit 7.000 Mitarbeiter, hat Produktionsstätten in 10 Ländern und exportiert seine Süßwaren in mittlerweile mehr als 100 Länder. Allein in Deutschland sind etwas 300 Produkte im Angebot, weltweit sogar rund 1.000. Es gehöre zum Erfolgsgeheimnis, die eigenen Produkte geschmacklich auf die landestypischen Vorlieben abzustimmen, erklärt Haribo die Vielfalt. Firmensitz ist seit 2018 nicht mehr Bonn, sondern die nahe gelegene rheinland-pfälzische Gemeinde Grafschaft, wo Haribo eine neue Firmenzentrale bezog.

Ein Werbeplakat des Süßwaren-Herstellers Haribo mit dem Werbeslogan "Haribo macht Kinder froh" aus den 1950er-Jahren.
Ein Werbeplakat des Süßwaren-Herstellers Haribo mit dem Werbeslogan "Haribo macht Kinder froh" aus den 1950er-Jahren. © Haribo GmbH/dpa

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Die aktuelle Diskussion um den überhöhten Zuckerkonsum in der Bevölkerung sieht Haribo dennoch nicht als Gefahr für sich. „Den viel diskutierten versteckten Zucker gibt es bei Haribo nicht“, betonte ein Sprecher. Goldbären, Lakritzschnecken und Co. seien Genussprodukte und keine Grundnahrungsmittel. Das sei den Verbrauchern bewusst. Auf die nächsten 100 Jahre blickt Haribo denn auch mit Zuversicht, wie ein Firmensprecher sagt: „Genascht wird immer.“ (dpa/SZ)

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