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Wirtschaft

Auf Klassenfahrt in den Wald statt nach Rom

Das Dresdner Unternehmen Herolé will auf Klassenfahrten nachhaltiges Handeln vermitteln. Etwas Überzeugungsarbeit braucht es bei den Schülern schon.

Umweltbildnerin Irina Kubat von der Wildnis-Herberge am Lilienstein zeigt den Oberstufen-Schülern eine Vogelmiere. "Das ist das, was Wellensittiche so lieben."
Umweltbildnerin Irina Kubat von der Wildnis-Herberge am Lilienstein zeigt den Oberstufen-Schülern eine Vogelmiere. "Das ist das, was Wellensittiche so lieben." © ronaldbonss.com

Dresden. Ein wenig überwiegt die Skepsis unter den 24 Geographie-Leistungskurs-Schülern, die am sonnigen Donnerstagmorgen entlang des Feldes zu einem Waldstückchen oberhalb von Pirna-Liebethal wandern. Es geht um essbare Wildpflanzen. Sauerklee, Hagebutten, Nadeln von Kiefern und Tannen: Umweltbildnerin Irina Kubat weiß Essbares von Nicht-Essbarem zu unterscheiden. "Lasst diesen Pilz bitte stehen, sonst habt ihr am nächsten Tag Bauchweh", ruft sie. "Und rauchen kann man ihn auch nicht, das muss man heutzutage ja dazu sagen." Kubat will den Schülern zeigen, welche natürlichen Nahrungsmittel im Wald zu finden sind - über das klischeehafte Stück Baumrinde hinaus.

"Wir wären eigentlich lieber ins Ausland gefahren, in die Toskana zum Beispiel", sagt die 17-jährige Laura. Doch stattdessen führte es die Gymnasiasten aus Hilden bei Düsseldorf auf Oberstufenfahrt nach Pirna in die Sächsische Schweiz. "Die meisten haben gestöhnt, als es hieß, dass wir viel wandern gehen", erzählt Geographie-Lehrer Hannes Ernst, kaum ein Schüler habe Wanderschuhe dabei und von der Sächsischen Schweiz habe kaum einer vorher gehört. "Aber ich wollte mit ihnen mal was ganz anderes machen. Eine Großstadt können sie ja immer besuchen."

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Die 18-jährigen Schüler Felicitas und Florian probieren Sauerklee: "Schmeckt einfach nach Grün."
Die 18-jährigen Schüler Felicitas und Florian probieren Sauerklee: "Schmeckt einfach nach Grün." © ronaldbonss.com

Deshalb hat sich Ernst für eine Klassenfahrt mit Fokus auf BNE entschieden. BNE steht für "Bildung für nachhaltige Entwicklung", es geht darum, im eigenen Handeln die zukünftigen Generationen im Blick zu haben. Zum Beispiel bei der Beschaffung von Essen. Immerhin ein Drittel der Schüler der Klasse aus NRW beziehen Zucchini, Salat, Tomaten und anderes Obst und Gemüse bereits aus dem eigenen Garten.

Gebucht hat Ernst das Programm beim Dresdner Klassenfahrts-Anbieter Herolé. Dort steht Nachhaltigkeit seit 2019 ganz oben auf der Agenda. "Wir wollen den Schülern zeigen, dass jeder seinen Beitrag leisten kann", erklärt Geschäftsführer Carsten Herold. Im Unterricht käme das Thema viel zu kurz, daher soll es verstärkt auf Klassenfahrten vermittelt werden. Etwa bei Mikroplastik-Projekten in Kroatien oder an der Ostsee. Dabei werden Sedimentproben am Strand oder Ufer entnommen und das enthaltene Mikroplastik gefiltert und untersucht. Auch in der Sächsischen Schweiz ist das möglich.

Butterbrot mit frisch gesammelten Kräutern: Vogelmiere, Rotkleeblüte, Sauerampfer, Labkraut, Sauerklee, Schafgarbe
Butterbrot mit frisch gesammelten Kräutern: Vogelmiere, Rotkleeblüte, Sauerampfer, Labkraut, Sauerklee, Schafgarbe © ronaldbonss.com

Herolé ist deutschlandweit einer der größten Anbieter von Klassenfahrten. Rund 140.000 Schüler waren 2019 in 4.200 Gruppen mit Herolé unterwegs. Wegen Corona war 2020 ein Großteil der Klassenfahrten ausgefallen, 2021 gab es unter den rund 1.000 übergebliebenen Reisen kaum noch Fahrten ins Ausland, 3.500 Reisen mussten vollständig storniert werden. Inländische Angebote wie Reisen an die Ostsee sind dagegen bereits für das Schuljahr 2022/23 komplett ausgebucht.

Insgesamt seien die Buchungen bislang auf rund einem Drittel des Standes vor Corona, meint Herold. Eine Normalisierung erwarte er erst im nächsten Jahr. "Die Unsicherheit ist noch extrem groß, viele buchen erst kurzfristig im September und Oktober", sagt er. Manche Lehrer wollten dann bereits binnen zwei, drei Wochen auf Klassenfahrt fahren. Das stelle auch die rund 100 Mitarbeiter von Herolé manchmal vor Herausforderungen.

Christian Herold, Geschäftsführer des Klassenfahrtsanbieter Herolé
Christian Herold, Geschäftsführer des Klassenfahrtsanbieter Herolé © ronaldbonss.com

Vor Corona zählte das Unternehmen noch etwa 140 Mitarbeiter. Mehr als 20 seien von sich aus gegangen, berichtet Herold. Um den gebliebenen Mitarbeitern die nötige Sicherheit zu geben, solle die Kurzarbeit nicht erneut auf null gesenkt werden, erklärt er. Das sei als Versprechen an die Mitarbeiter weitergegeben worden.

Die Preise für Klassenfahrten stiegen durch Corona um fünf bis zehn Prozent. "Aber Krisen sind immer eine gute Chance. Das Thema Nachhaltigkeit war eine der Sinnfragen, die sich viele während der Corona-Zeit gestellt haben", meint Herold. Seine Prognose: "Die Nachfrage nach nachhaltigen Reisen wird exorbitant steigen."

Nachhaltig reisen die Schüler allerdings nicht nur auf Klassenfahrten mit explizitem Fokus auf das Thema. Herolé ist heute einer der größten deutschen Anbieter von Klassenfahrten, doch ein großer Teil des Erfolgs geht auf Flugreisen zurück. "Mit Reisen nach Venedig und Barcelona haben wir zum Overtourism beigetragen", gibt Herold zu. Inzwischen gelte im Unternehmen allerdings die Regel, Strecken von unter 750 Kilometern nicht mehr per Flug anzubieten. Für jeden Teilnehmer einer Klassenfahrt wird außerdem ein Quadratmeter temperierter Regenwald in Kanada geschützt. 75 Prozent der CO2-Emissionen der Reisen würden so nach Angaben des Unternehmens bereits kompensiert.

Die 18-jährige Lisa ist mit ihrem Geographie-Kurs auf Klassenfahrt in Pirna.
Die 18-jährige Lisa ist mit ihrem Geographie-Kurs auf Klassenfahrt in Pirna. © ronaldbonss.com

Das Thema Nachhaltigkeit bewege ihre Generation schon, meint die 18-jährige Lisa. "Wir setzen uns mit der politischen Situation auseinander, aber wir können halt noch nicht so viel tun. Um im Biomarkt einzukaufen, haben wir nicht genug Geld." Dafür hat die Umweltbildnerin Irina Kubat Verständnis. "Ich gebe zu, im Biomarkt ist alles schweineteuer. Aber auf dem Wochenmarkt ist der Preisunterschied nicht ganz so krass. Das könnt ihr ja mal im Hinterkopf behalten."

Auch bei den BNE-Klassenfahrten dürfe es nicht nur um Wissensvermittlung gehen, findet Carsten Herold. "Es sollte eine Mischung aus Spaß, Erholung und Bildung sein." Deshalb steht für die Zwölfklässler aus NRW gleich nach der Wildpflanzen-Wanderung eine Bootstour auf der Elbe und ein Stadtbummel durch Pirna an. "Ich gehe auch lieber in der Stadt spazieren", sagt die 18-jährige Felicitas, die sich am Vortag bei einer Geocaching-Tour den Fuß verstaucht hatte. "Da kann ich wenigstens was zu trinken kaufen."

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