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Männer im Mais

Die Ernte wird besser. Doch Sorgen bleiben: Dürre und Schweinepest. Eine Häckslerfahrt am Oelsaer Götzenbusch.

Bald geschafft: Ein Häcksler der Dresdner Vorgebirgs Agrar AG schneidet auf einem Acker bei Oelsa die letzten Maisstängel ab. Der Maissalat wandert als Futter für die Milchkühe des Betriebs ins Silo.
Bald geschafft: Ein Häcksler der Dresdner Vorgebirgs Agrar AG schneidet auf einem Acker bei Oelsa die letzten Maisstängel ab. Der Maissalat wandert als Futter für die Milchkühe des Betriebs ins Silo. © Egbert Kamprath

Matthias Hoffmann ist startklar, und seine Maschine auch. Röhrend, die Zähne gebleckt, will sie in die Wand der Maisstängel hineinstoßen. Aus dem Bordradio hämmert Heavy Metal. Doch wo bleibt der Abfahrer? Er steckt fest. Der Feldboden ist so staubtrocken, dass er unter den Treckerrädern davonfließt wie Mehl. Die Gummiwalzen drehen durch. Hoffmann muss zurücksetzen und seinen Häcksler als Abschleppwagen benutzen. Es wird nicht das letzte Mal sein an diesem Tag.

Herbstzeit ist Maiszeit. Etwa 60 Quadratkilometer Acker im Landkreis sind mit der Kolbenfrucht bedeckt. Die Ernte geht ins Finale. Sie fällt besser aus als in den letzten beiden Jahren. Auch bei der Dresdner Vorgebirgs Agrar AG. Ingolf Schulze, der Vorstandsvorsitzende, steht am Feldrain beim Oelsaer Götzenbusch und schält einen Kolben. Etwa zwanzig Zentimeter lang ist er, trägt goldene Körner bis an die Spitze. "So muss es sein."

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Der Kapitän im Maismeer: Landwirt Matthias Hoffmann steuert seinen Feldhäcksler durch die Stängel am Götzenbusch bei Oelsa.
Der Kapitän im Maismeer: Landwirt Matthias Hoffmann steuert seinen Feldhäcksler durch die Stängel am Götzenbusch bei Oelsa. © Egbert Kamprath

Aber es gibt Kolben, da hat das Ende keine Körner. Eine Folge der Trockenheit. Auch der September war wieder mal viel zu dürr. Gut zwei Drittel des Monats fiel kein einziger Tropfen Regen auf die Felder der Firma. Deshalb rechnet Ingolf Schulze auch nur mit einem mäßigen Ertrag. Von den guten Jahren vor der Trockenperiode werde man weit entfernt sein, schätzt er.

Größere Einbußen als im "Jahrhundertsommer"

2017 wurden in Sachsen 45 Tonnen Silomais pro Hektar eingefahren. 2018 brachen die Erträge dann dramatisch ein, fielen auf 27 Tonnen, noch deutlich weniger als 2003, im sogenannten Jahrhundertsommer. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gewannen die Bauern 2018 je Hektar 31 Tonnen Häckselgut. Auf manchen Schlägen waren die Pflanzen, die sonst so hoch wie ein Häcksler stehen, kaum mehr als einen Meter gewachsen. 

Ingolf Schulze, Vorstandschef der Agrar AG, zeigt zwei Kolben: links das optimale Exemplar, rechts fehlen wegen der Trockenheit Körner an der Spitze.
Ingolf Schulze, Vorstandschef der Agrar AG, zeigt zwei Kolben: links das optimale Exemplar, rechts fehlen wegen der Trockenheit Körner an der Spitze. © Egbert Kamprath

"Die Einbußen waren unwahrscheinlich groß", sagt Ingolf Schulze. Zum Glück sei im Jahr davor genug Mais angebaut worden. Sonst hätte man die Tiere, aktuell etwa 230 Milchkühe plus Jungrinder, nicht mit den eigenen Reserven durchfüttern können. Allerdings musste dafür auch der Körnermais, der sonst für den Verkauf bestimmt ist, etwa um Bio-Sprit daraus herzustellen, im eigenen Stall verfüttert werden.

Acht Reihen Mais fallen auf einmal

Am anderen Ende des Feldes hat Matthias Hoffmann den Trecker freigeschleppt. Jetzt schneidet er mit seiner Maschine einen neuen Streifen von dem weiten Maisteppich ab. Sechs Meter breit ist dieser Streifen, erfasst acht Maisreihen auf einmal. Obwohl Wasser fehlt, ist der Landwirt heute ganz froh, dass die grauen Wolken am Horizont noch nichts ausgeschüttet haben. Matsch würde die Ernte in dem abschüssigen Gelände, das man den Weißeritzberg nennt, sehr viel schwieriger machen. Kommt ein Anhänger mit seiner Tonnenlast ins Schwimmen, landet er schlimmstenfalls auf der Seite.

Teamarbeit: Häckslerfahrer und Traktorist müssen das richtige Tempo halten, damit das Häckselgut komplett auf dem Anhänger landet.
Teamarbeit: Häckslerfahrer und Traktorist müssen das richtige Tempo halten, damit das Häckselgut komplett auf dem Anhänger landet. © Egbert Kamprath

Matthias Hoffmann, 35, ist seit 2001 dabei. Wie ein Kapitän auf der Brücke steuert er seine Erntemaschine durch das wogende Maismeer. Ihm gefällt der Blick in die Weite, hinauf ins Osterzgebirge, oder, wenn er auf den Höhen um Kreischa arbeitet, über das ganze Elbtal. "Es macht Spaß." Zwischen den Stängeln entdeckt er immer mal Wild. Während Rehe und Füchse das Feld schnell räumen, bleiben die Schwarzkittel bis zuletzt. Wackelnde Pflanzen verraten ihm die Ausweichbewegung der Rotten. "Die wissen genau, dass draußen was passieren könnte."

Zweibeiniges "Wild" vergrault das echte

Damit etwas passiert, dafür sitzt Reinhold Zahnow mit seiner Büchse auf der Kanzel am Waldrand. Vor ihm steigt steil das Maisfeld empor. Weites Schussfeld, sicherer Kugelfang. "Ein idealer Standort", sagt er. Er hat Wildschweine im Mais gehört. Zwei, drei Stück sollten da drin sein. Doch der Jagderfolg ist mehr als unsicher. Schwarzwild verhält sich extrem vorsichtig. Beim leisesten Hauch eines fremden Geruchs zieht es sich zurück, unmerklich meist. Und wo es letztendlich aus der Deckung bricht, in den schützenden Wald rennt, ist unberechenbar.

Kein Schwein da? Jäger Reinhold Zahnow sitzt jedenfalls mit Büchse und Fernglas am Feldrain auf Posten.
Kein Schwein da? Jäger Reinhold Zahnow sitzt jedenfalls mit Büchse und Fernglas am Feldrain auf Posten. © Egbert Kamprath

Der pensionierte Schulmann Zahnow, jetzt 86, ist ein Urgestein der Jägerei. Seit 60 Jahren ist er im Geschäft. Es gab Zeiten, da hat er alleine zwanzig Schweine pro Jahr geschossen. Jetzt bringt es die ganze Pächtergemeinschaft vielleicht auf zehn. Dreißigmal, so schätzt er, muss er heutzutage ansitzen, um einen Schuss abzugeben. Und wenn es dann doch mal im Dickicht knackt und er denkt, ein Wildschwein könnte sich nähern, dann hat das Schwein zwei Beine und führt die Hunde aus.

Bei Pest-Ausbruch droht Ernteverbot

Der "Bewegungsdrang" der Leute in der Landschaft zur nachtschlafenden Zeit wurmt den Waidmann kolossal. Die dauernde Unruhe sieht er als Grund für die Scheu des Wildes. Dass die Agrar AG von Ingolf Schulze extra grüne Schneisen im Mais einrichtet, um Schussfeld zu schaffen, lobt er zwar. Doch was nützen die, wenn sie zum Spazierengehen und Moped fahren benutzt werden? Zahnow versucht immer wieder, einzuschreiten. Ohne nachhaltige Wirkung. "Man ist nur auf ewig der Böse."

Lästige Begleiterscheinung: Dicke Staubwolken verhüllen auf dem ausgetrockneten Acker zeitweise das Erntegerät.
Lästige Begleiterscheinung: Dicke Staubwolken verhüllen auf dem ausgetrockneten Acker zeitweise das Erntegerät. © SZ/Jörg Stock

Wildschweine machen im Mais Probleme, weil sie die Pflanzen umbrechen, um an die Kolben zu gelangen. Wenn Frischlinge da sind, machen sie das quasi auf Vorrat, um die Kleinen zu ernähren. So entstehen schnell etliche Quadratmeter Wüste. "Das sind die Schäden, die uns ärgern", sagt Reinhold Zahnow. Die Jäger müssen den Bauern diese Schäden bezahlen. Doch geht man fair miteinander um, sagt Zahnow. "Wir haben uns immer gütlich geeinigt."

Für Ingolf Schulze ist aufgefressener Mais derzeit kein großes Thema. Ihm graut vor etwas anderem: der Afrikanischen Schweinepest. Sollte ein verendetes Wildschwein mit dem Erreger auf seinen Äckern liegenbleiben, würden die Flächen wohl stillgelegt. Zwar soll es Entschädigungen geben. Doch die Details sind unklar. Bleibt die Versicherung. Sie abzuschließen, sei eine Frage der persönlichen Risikobereitschaft, heißt es vom sächsischen Sozialministerium. Ingolf Schulze ist noch unentschlossen. "Wir denken drüber nach."

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