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Die Freiheit über den Dächern der Stadt

Miriam Rädel steigt Bewohnern von Dresden und Langebrück aufs Dach. Wir haben die Schornsteinfegerin begleitet und gelernt, warum sie Glück bringt.

Von Michael Rothe
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Auch wenn es regnet, verbreitet Miriam Rädel Sonnenschein. Aber im Lockdown war auch sie konsterniert: „Es ist schon komisch, wenn man auf den Dächern der quirligen Neustadt steht, aber unter sich eine tote Stadt sieht“, blickt sie zurück.
Auch wenn es regnet, verbreitet Miriam Rädel Sonnenschein. Aber im Lockdown war auch sie konsterniert: „Es ist schon komisch, wenn man auf den Dächern der quirligen Neustadt steht, aber unter sich eine tote Stadt sieht“, blickt sie zurück. © Jürgen Lösel

Von wegen Schornsteinfeger bringen Glück! Es regnet in Strömen an diesem Dienstag. Kein Parkplatz weit und breit in Dresdens Neustadt. „Das Problem haben wir jeden Tag“, ruft die Frau, die mit pechschwarzer Kluft und Zylinder aus ihrem Skoda steigt, dem Reporter zu. Schornsteinfeger haben Glück – und sie die letzte Parklücke in der Nordstraße. Wohl wegen des Aufklebers am Dienst-Skoda: „Zum Glück gibt’s den Schornsteinfeger“.

Schon im Mittelalter machten sie Schornsteine frei, sorgten dafür, dass gekocht und geheizt werden konnte, und verhinderten, dass sich abgelagerter Ruß entzündete und das Haus in Brand setzte. Der Essenkehrer bewahrte vor Gefahr und bösen Geistern. Und er machte den Weg frei für den Nikolaus. Noch heute soll es Glück bringen, einen Schornsteinfeger zu berühren oder den goldenen Knopf seiner Jacke. Einige halten ihm oder ihr gar ihren Lottoschein hin. Die meisten freuen sich, wenn sie jemandem von dieser Zunft begegnen.

Frauenanteil zehn Prozent

Hauke Schiek ist so einer. „Hallo Frau Rädel, schön sie zu sehen.“ Der Mann im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses hatte die Besucherin erwartet. Vielleicht kommt seine Begeisterung daher, dass der Museumspädagoge schon Lesungen zum Pflaumentoffel hielt, der dem Schornsteinfeger nachempfundenen Weihnachtsfigur aus Backpflaumen. „Toll wenn eine Frau in eine Männerdomäne einbricht“, sagt er und: „Sie musste sich bestimmt ganz schön durchbeißen.“ Tatsächlich ist nur etwa jeder zehnte Zylinderträger – Erkennungszeichen eines Meisters – eine Frau.

Miriam Rädel erfüllte sich einen Kindertraum. Schon als Mädchen wollte sie Glücksbringer und Schutzengel sein. Ihre Mutter wohnte in Crimmitschau, wegen der Textilfabriken auch „Stadt der hundert Schornsteine“ genannt. „Kein Wunder, dass ich begeistert Häuser mit großen Schloten gemalt habe“, sagt sie. Der Lehre in Kreischa folgten der Gesellen- und 2001 der Meisterbrief. Seit 2013 betreut sie den Kehrbezirk Neustadt/Langebrück, ihr siebtes Revier mit in Summe 2.300 Adressen.

Man kennt sie. Eine Frau habe sich mal bedankt, als ihr Kinderwunsch endlich in Erfüllung gegangen sei, sagt Miriam Rädel und schmunzelt. Weniger lustig war 2020: „Es ist schon komisch, wenn man auf den Dächern der quirligen Neustadt steht, aber unter sich eine tote Stadt sieht“, blickt die 44-Jährige auf den Lockdown zurück.

Viele Türen bleiben zu

Nicht überall ist die Schornsteinfegerin willkommen. Im Nachbarhaus bleibt die Tür zu und so der Zugang zu Dach und Keller. „Das passiert oft“, sagt sie. „Ich freue mich über jedes offene Haus.“ An manchen Tagen gehe trotz der Aushänge zwei Wochen vorher gar nichts – auch weil Eigentümer keine Leiter zum Dach bereitstellen. Trotz oft vergeblicher Klingeltour bleibt die Schornsteinfegerin gelassen. Zur Erinnerung hinterlässt sie ihre Visitenkarte.

Zur Arbeit von Miriam Rädel und Luis Weselowski (v.r.) gehört viel Schreibkram– unterm Dach und im Keller. Der Zylinder ist der Meisterin vorbehalten, Azubis und Gesellen tragen Kappen.
Zur Arbeit von Miriam Rädel und Luis Weselowski (v.r.) gehört viel Schreibkram– unterm Dach und im Keller. Der Zylinder ist der Meisterin vorbehalten, Azubis und Gesellen tragen Kappen. © Jürgen Lösel

Die Ruhe der Chefin färbt auch auf Luis Weselowski ab. Der Azubi im 3. Lehrjahr begleitet die Meisterin nach je zwei Wochen theoretischem Unterricht in Eilenburg in der Praxis. Das Duo wechselt sich ab: in der tragenden Rolle für 20-Meter-Seil mit 1,5-Kilo-Gummikugel, Kehrbesen, Schaufel und anderem Gerät sowie treppauf aufs Dach und treppab in den Keller.

Er sei „eher zufällig“ in dem Beruf gelandet, sagt der 19-Jährige, habe es aber nie bereut – auch wenn es trotz des auffälligen Outfits „leider keinen Bonus bei den Mädels gibt“. Wie es nach der Lehre 2022 weitergehe, wisse er noch nicht. Möglichkeiten gebe es viele: Geselle, Meister, Energieberater oder Brandschutzbeauftragter.

"Greta kann nicht meckern"

Beim Dienstgang am Dienstag stimmen alle Messwerte. „Bei Abgasverlusten um sechs bei erlaubten elf Prozent kann auch Greta nicht meckern“, resümiert die Schornsteinfegerin in Anspielung auf die Klimaaktivistin. Rund ein Dutzend Adressen stehen auf dem Plan und alle mit ähnlichem Arbeitspensum.

Was hatten die 7.700 Schornsteinfegermeister in Deutschland mit 20.000 Beschäftigten getobt, als ihr Kehrmonopol 2013 teilweise abgeschafft wurde und Jahrzehnte alte Pfründe drohten, durch die Esse zu gehen. 2008 hatte die Bundesregierung das von den Nationalsozialisten zementierte Kehrmonopol der Bezirksschornsteinfeger mit fünfjähriger Übergangsfrist gekippt. Seitdem können Haus- und Wohnungsbesitzer ihren Kaminkehrer selbst wählen.

Doch wie beim Strom- und Gasmarkt bleiben die meisten ihrem schwarzen Mann bzw. Frau aus Gewohnheit treu – obwohl die für angeblich viel zu wenig Arbeit viel zu viel Asche kassieren. Kritiker nennen die Feuerstättenschau „eine reine Show“: aufgelistete Tätigkeiten, die nur Inaugenscheinnahme der Anlage ohne Funktionskontrolle seien.

Wer Miriam Rädel im Job begleitet, kann das nicht bestätigen. Akribisch prüft sie alle drei Jahre Heizkessel, schaut sie sich jährlich Kamine an, kontrolliert Abgasanlagen, führt Protokoll und erteilt bei Verstößen Auflagen zum Brandschutz. Gerade auf dem Land gebe es noch zahlreiche Häuser mit reiner Ofenfeuerung, sagt sie. Rädel bedauert, dass in der Neustadt „viel totsaniert“ wurde. „Was spricht gegen einen schönen Kachelofen?“, fragt sie rhetorisch.

Nebenjobs sind jetzt erlaubt

Statt des Kehraus lebt die Zunft auf. Kaum vier Prozent der Kundschaft waren laut Bundesverband des Schornsteinfegerhandwerks „abgängig“. Laut Umfragen seien gut 97 Prozent der Kunden mit ihrem/ihrer Schornsteinfeger/in sehr zufrieden, heißt es. „Der Schornsteinfeger ist und bleibt eine große Vertrauensperson, die neutral berät und auf Wünsche Ihrer Kunden eingeht“, so die Organisation.

Die Dresdner Handwerkskammer spricht von 133 Betrieben im Kammer- und Direktionsbezirk. Damit hat sich ihre seit der Wende um ein Viertel geschrumpfte Zahl leicht erhöht. Praktisch kontrolliert der alte – jetzt „bevollmächtigte“ – Bezirksschornsteinfeger im Staatsauftrag weiter, ob Kamin und Ofen in Ordnung, fristgerecht gekehrt und bausicher sind. Er führt das Kehrbuch, erteilt Feuerstättenbescheide, macht Bauabnahmen. Kehren und messen dürfen auch andere – Qualifikation und Eintrag in die Handwerksrolle vorausgesetzt. Die Preise dafür sind frei verhandelbar.

Als Trostpflaster für das verlorene Monopol dürfen Schwarzmänner seit der Reform Nebenjobs ausüben: Vorträge in Stadtwerken halten, sich als Energiesparberater profilieren, für Kaminbauer werben. Für solche Hobbys hat Miriam Rädel keine Zeit – auch nicht für andere „heiße Öfen“. Die Motorradbesitzerin widmet die wenigen freien Stunden lieber ihren drei Kindern. Für sie hat die toughe Mutter im Hinterhof einen Backofen gemauert. Sein Schornstein raucht – ganz im Gegensatz zum 30-Meter-Schlot einer Messtechnikfirma nebenan, der nur noch als Sendemast für den Mobilfunk dient.

Berufsschullehrer fehlen

Und was wäre Miriam geworden, wenn es als Feger nicht geklappt hätte? „Schneiderin“, sagt sie. Das Zeug dazu hätte sie gehabt. Immerhin hat sie für Arthur, Sofus und Lysann, die sie allein erzieht, schon Schornsteinfeger-Kleider genäht. Ihre Begeisterung sei aber noch nicht abgefärbt.

Immer weniger Jugendliche wollten sich die Hände schmutzig machen, klagt Rädel wenig später in ihrem Büro im Dach eines Mehrfamilienhauses im Dresdner Osten. Schreibtische für sich und eine Bürokraft, Einbauküche, Hometrainer, Spielecke für die Zwerge, Regale mit unzähligen Leitzordnern und – überraschungsfrei – ein Kachelofen sowie ein kleineres Teil aus Gusseisen. Es fehle an Berufsschullehrern und der Politik an Verständnis fürs Handwerk, sinniert sie und zeigt auf die Ordnerfront mit Verordnungen und Gesetzen.

Am Freitag beging die schwarze Zunft den „Tag des Schornsteinfegers“ – eingebettet in die Spendenaktion „Triff das Glück“ für schwerstkranke Kinder.

Und was heißt Glück für Glücksbringerin Miriam selbst? „Gesundheit für mich, meine Kinder und ein sicherer Job“, sagt sie. Dann geht die Tür auf und Lysann, ihre Jüngste, stürmt herein. „Mami, Mami, ...“. Schwupp ist die Siebenjährige auf ihrem Arm. Und stolz auf ihre Mutter, wie sie sagt. Schornsteinfeger bringen doch Glück.