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Auf dem Holzweg zur großen Freiheit

Die Blockline will junges, wetterfestes Publikum auf Mountainbikes ins Osterzgebirge locken. Klappt das? Eine Testfahrt vom Kahleberg nach Holzhau.

Testfahrt auf der neuen Blockline: Mountainbiker Tino Weinberg (r.) und SZ-Reporter Jörg Stock passieren die Schneise 30, die zum Aussichtspunkt auf dem Kahleberg bei Altenberg führt.
Testfahrt auf der neuen Blockline: Mountainbiker Tino Weinberg (r.) und SZ-Reporter Jörg Stock passieren die Schneise 30, die zum Aussichtspunkt auf dem Kahleberg bei Altenberg führt. © Egbert Kamprath

Tino Weinberg hat mir den Tipp gegeben, wie man Hindernisse nimmt: „Du musst dem Fahrrad vertrauen und einfach drüber fahren.“ Leicht gesagt. Sechs- bis siebentausend Kilometer im Jahr verbringt er im Mountainbike-Sattel, am liebsten da, wo es über Stock und Steine geht. Diese Abfahrt durch den Busch, von Schellerhau zur Putzmühle, gut hundertfünfzig Höhenmeter, ist für ihn Spaß. Schon verschwindet er, federnde Sprünge vollführend, aus meinem Blick. Ich aber malträtiere die Scheibenbremse. Und während mir Schlamm auf die Brille spritzt, versuche ich, wenigstens Tipp Nummer 2 zu beherzigen: „Auf dem Rad immer locker bleiben.“

Das Osterzgebirge hat jetzt einen Mountainbike-Trail, hundertvierzig Kilometer zwischen Altenberg und Seiffen. Nach dem leisen Pre-Opening im Oktober 2020 hat Tourismusministerin Barbara Klepsch den Rundkurs diesen Sommer offiziell freigegeben. Der Name: Blockline. Ein Anklang an das Walderlebniszentrum Blockhausen bei Dorfchemnitz, Mekka der Kettensägenschnitzer, und an den Erzgebirgswald an sich, der, so schwärmt der Tourismusverband, für Freiheit, Sehnsucht und Abenteuer steht.

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Erster Stopp Kahleberg: Vom Aussichtspunkt überblickt man die Galgenteiche, das Elbtal, das Osterzgebirgsvorland und die Sächsische Schweiz.
Erster Stopp Kahleberg: Vom Aussichtspunkt überblickt man die Galgenteiche, das Elbtal, das Osterzgebirgsvorland und die Sächsische Schweiz. © Egbert Kamprath

Dieses Abenteuer will ich testen, auf der Teilschleife 1 von Altenberg nach Holzhau. Tino Weinberg ist mein Reiseführer. Es kann keinen Besseren geben. Als Chef der Jugendherberge von Altenberg kennt der 45-Jährige die Gegend wie seine Radlerhosentasche. Außerdem führt er beim SSV Altenberg die Abteilung Mountainbike und hat 18 Kilometer Blockline selbst mit ausgeschildert. Das grüne B wird mehr als fünfzig Kilometer lang unser Begleiter sein.

Der Sonntagsradler vertraut aufs E-Bike

Die Blockline ist für sportliche Familien konzipiert, mit Kindern ab acht. Vorerst habe ich meine Kinder daheim gelassen und für mich selbst ein E-Bike ausgeborgt. Freunde werden später sticheln: „Waden statt laden!“ Aber ich als Sonntagsradler, der nicht weiß, ob er überhaupt jemals fünfzig Kilometer am Stück gefahren ist, will sicher gehen, dass ich ankomme. Tino Weinberg garantiert das. Die Batterie sollte mindestens für siebzig Kilometer Hilfskraft bieten, „wenn Du nicht grade Turbo fährst“.

Die Blockline ist 140 Kilometer lang. Man kann sie in drei einzelne Rundkurse, die Loops, zerlegen.
Die Blockline ist 140 Kilometer lang. Man kann sie in drei einzelne Rundkurse, die Loops, zerlegen. © SZ Grafik

Das Wahrzeichen der Blockline sind monumentale Holztore. Das Tor von Altenberg am Lokal „Bergglöck’l“ ist unser Startplatz. Darauf röhrt ein gravierter Rothirsch. Vielleicht hören wir den König des Waldes heute wirklich rufen, denn es ist Brunftzeit. Der Kampf um die Mädels sollte in vollem Gange sein.

Unser Kampf dreht sich um Höhenmeter. Der Kahleberg, die höchste Erhebung im sächsischen Osterzgebirge, ist schnell erreicht und die Aussicht an diesem klaren, kalten Morgen fabelhaft: Tellkoppe, Wilisch, Wachwitzer Fernsehturm, Pirnaer Sonnenstein, Sächsische Schweiz, Jeschken, sogar ein Hauch von Schneekoppe. Tino Weinberg, der schon wer weiß wie oft hier oben stand, genießt einmal mehr den Anblick. „Kahleberg ist schon cool.“

Im Bann des B: Die Blockline ist gut ausgeschildert. Kleine Pfeile zeigen die Fahrtrichtung an.
Im Bann des B: Die Blockline ist gut ausgeschildert. Kleine Pfeile zeigen die Fahrtrichtung an. © Egbert Kamprath

Bequem geht es weiter, dem dicken B nach, auf geschotterten Forststraßen und breiten Wiesenwegen. Das ist Standard auf der Blockline. Sportlich fordert sie deutlich weniger, als ihr kraftraubendes Pendant im Westerzgebirge, der Stoneman. Doch ist die Blockline auch für Überraschungen gut, so in Neuschellerhau, wo sie kurz nach der Bergstation des Rotterhanglifts jäh vom Asphalt in den dunklen Wald schwenkt, um ins Pöbeltal abzutauchen.

Atem holen im lauschigen Weißbachtal

Also Tipp 2: locker bleiben. „Wie beim Skifahren, da wird das auch nichts, wenn du verkrampfst“, hat Tino gesagt. Ich wünschte, ich könnte Ski fahren. Aber es gelingt mir, im Sattel zu bleiben und an der Putzmühlenbrücke zu meinem Reiseführer aufzuschließen.

Halbzeit: Reporter Jörg Stock pausiert am Blockline-Portal in Holzhau. Der imposante und sogar begehbare Bau wurde im Juli eingeweiht.
Halbzeit: Reporter Jörg Stock pausiert am Blockline-Portal in Holzhau. Der imposante und sogar begehbare Bau wurde im Juli eingeweiht. © SZ/Jörg Stock

Eine Spitzkehre lang müssen wir die Staatsstraße benutzen, wo Lastwagen an uns vorüber dröhnen. Es wird das einzige Stück mit nennenswertem Verkehr bleiben. Schon auf der nächsten Höhe, dem Schönfelder Kreuz, haben wir die Landschaft wieder für uns allein, passieren im Downhill-Ritt das Schönfelder Bad und biegen unten ins lauschige Weißbachtal ein.

Die Niederung mit dem Flüsschen ist der tiefste Punkt der Tour, traumhaft still, wie gemacht zum Atem holen für die folgende Kletterei auf die Höhen um Hermsdorf. Außer Puste komme ich dank Hilfsmotor nicht. Auch nicht beim Aufstieg vom Kalkwerk zum Drachenkopf, einem der 14 Achttausender des Osterzgebirges, hoch genug, auch wenn man in Dezimetern misst. Während Tino, die Jacke geöffnet, eifrig seine Trinkflasche benutzt, lange ich, ohne einen Tropfen Schweiß vergossen zu haben, am Blocklineportal von Holzhau an.

Sie will ein cooleres, frischeres Image für das Osterzgebirge: Iris Gläser, Chefin des Berghotels Talblick in Holzhau, auf ihrer Blockline-Bank.
Sie will ein cooleres, frischeres Image für das Osterzgebirge: Iris Gläser, Chefin des Berghotels Talblick in Holzhau, auf ihrer Blockline-Bank. © SZ/Jörg Stock

Der alte Waldarbeiter- und Flößerort liegt im Zentrum der Blockline. In Holzhau treffen die drei Teilschleifen, in die man den Rundkurs bei Bedarf zerlegt, aufeinander. Beim Berghotel Talblick machen wir Pause und essen Pflaumenkuchen, während Iris Gläser, die Chefin, erzählt, wie die Blockline geboren und sie selbst zur Geburtshelferin wurde.

Dass die 60-Jährige Stehvermögen besitzt, verrät schon ihre Vita. In der DDR war sie Traktoristin und Damenmaßschneiderin mit Meistertitel, schulte dann zur Kellnerin um, studierte Tourismus, kam schließlich 2003 nach Holzhau. Hier boomte der Fremdenverkehr, allerdings nur bei Schnee. Doch der fiel immer öfter aus. Und im Sommer hieß es ohnehin „Ruhe sanft“, sagt sie. Es hat sie gewurmt, dass das Erzgebirge vielen als Billigurlaubsland für Rentner galt. „Dem mussten wir etwas entgegensetzen.“

Geschichte erradeln: Hier passiert Mountainbiker Tino Weinberg den einstigen Haltepunkt der Kohlenbahn Nossen-Moldava in Hermsdorf-Rehefeld.
Geschichte erradeln: Hier passiert Mountainbiker Tino Weinberg den einstigen Haltepunkt der Kohlenbahn Nossen-Moldava in Hermsdorf-Rehefeld. © SZ/Jörg Stock

Sie war überzeugt: Die Region könnte ein super Ziel für den aufblühenden Mountainbiketourismus abgeben, mit dem Thema Holz als rotem Faden und mit etwas weniger Wildheit, als beim Stoneman. Auf der Blockline, das war der Gedanke, sollten die „Harten“ nicht alleine fahren, sondern ihre Familien mitnehmen.

Sechs Jahre für die Blockline geackert

Iris Gläser lief von Hinz zu Kunz, bohrte bei Touristikern, Wirten, Hoteliers, Bürgermeistern, macht Geld locker. Schließlich stiegen Freistaat und EU mit Fördermitteln ein, mit bisher mehr als 250.000 Euro. „Sechs Jahre hab’ ich geackert“, sagt die Wirtin, sechs Jahre, die sich gelohnt haben. Wer hier Rad fährt, findet das Erzgebirge überraschend schön. „Darauf kann man aufbauen.“ Und schließlich, sagt sie, müssten die Millionen Fahrräder, die in der Pandemie verkauft wurden, ja auch irgendwo hin.

Nicht jeder mag sie, ein Blickfang sind sie allemal: die neuen Architektenhäuser am Rehefelder Grenzweg.
Nicht jeder mag sie, ein Blickfang sind sie allemal: die neuen Architektenhäuser am Rehefelder Grenzweg. © SZ/Jörg Stock

Unsere Räder zieht es heimwärts, entlang der alten Kohlenbahn Nossen-Moldava. Plötzlich bremst Tino. War da was? Lauschen. Stille. Und dann ein dumpfes, ein inbrünstiges Geräusch, gedehnt, knarrend, ächzend, wie Baumstämme im Wind. Das ist der Hirsch. Tino strahlt. „Das ist Natur.“

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Der Hirsch hat Stress. In der Brunft verliert er zwanzig Prozent Masse, oder mehr. Wir lassen ihn in Ruhe und sind stressfrei gegen halb fünf zurück in Altenberg, nach sieben Stunden – Fotostopps und Pausen inklusive – 52 Kilometern und 1.290 Höhenmetern. Meine Batterie ist fast leer. Tino wirkt frisch wie am Morgen. Sein Akku ist lange noch nicht alle, darf es nicht sein, denn jetzt geht die Arbeit als Herbergschef los. Gelungen ist der Tag allemal, findet er. „Hauptsache, schön Rad gefahren.“

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