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Patient Wald holt wieder Luft

Der Borkenkäfer hat 2020 weniger schlimm gewütet als befürchtet. Eine Lageerkundung im Forstbezirk Neustadt.

Sie kann wieder lachen: Karolin Zinnert ist die Chefin des Holzbüros beim Forstbezirk Neustadt. Nachfrage und Preise ziehen an.
Sie kann wieder lachen: Karolin Zinnert ist die Chefin des Holzbüros beim Forstbezirk Neustadt. Nachfrage und Preise ziehen an. © Egbert Kamprath

Ob sie mal an den Holzstapel gehen und dazu lächeln könnte, für den Fotografen? Karolin Zinnert kann. Denn das Lächeln kostet die junge Chefin des Holzbüros vom Forstbezirk Neustadt an diesem Tag kurz vor Jahresende keine Mühe. Die 130.000 Kubikmeter Schadholz sind verkauft, die Zwischenlager geräumt. Und die Säger haben wieder Hunger. "Das spiegelt sich im Preis."

Der Intensivpatient Wald schöpft Atem, nicht nur in der Sächsischen Schweiz, sondern landesweit. Durch intensive Gegenmaßnahmen sei es 2020 gelungen, die "Borkenkäfer-Welle" zu brechen, sagt Renke Coordes, Sprecher von Sachsenforst in Graupa. "Ohne Extremwetterereignisse sind wir zuversichtlich, dass die Borkenkäfersituation 2021 weiter entschärft werden kann."

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Seit Ende 2017 reihte sich im Wald Katastrophe an Katastrophe. Im März 2019 hinterließ Sturm Eberhard diesen Fichtensalat am Hühnerberg, Revier Rosenthal.
Seit Ende 2017 reihte sich im Wald Katastrophe an Katastrophe. Im März 2019 hinterließ Sturm Eberhard diesen Fichtensalat am Hühnerberg, Revier Rosenthal. © Daniel Schäfer

Hinter Sachsens Fortleuten liegen drei Jahre und zwei Monate Krisenmodus. Ende Oktober 2017 hatte Sturm Herwart den Auftakt zum schlimmsten Waldsterben der jüngeren Geschichte geliefert. Danach verdichteten sich die Rückschläge - Stürme, Hitze, Dürre, Schneebruch, Käfer - zur Dauerkatastrophe. Hatte Sachsenforst normalerweise 1,2 Millionen Kubikmeter Holz im Jahr geerntet, waren es 2018 und 2019 jeweils fast zwei Millionen, meistenteils "zwangsgenutzt", als Schadholz.

Neustadt mit Rekord bei Waldschäden

Die Wälder im Osterzgebirge und am Übergang zur Sächsischen Schweiz zählten zu den Brennpunkten der Misere. Karolin Zinnert, die Holzlogistikerin des Forstbezirks Neustadt, war mittendrin. Ihre Job ist es, das richtige Holz zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge den Kunden anzubieten. Intuition und Planung sind alles. Aber Stürme und Käfer machten Holz, wann und wo sie wollten. Das zerrte an den Nerven, sagt sie. "Man rennt hinterher, und schafft es doch nicht."

Sägeholz bereit zur Abfuhr: Holzvermesser Philipp Hahn an frisch geschlagenen Stämmen nahe der Nikolsdorfer Wände im Revier Königstein.
Sägeholz bereit zur Abfuhr: Holzvermesser Philipp Hahn an frisch geschlagenen Stämmen nahe der Nikolsdorfer Wände im Revier Königstein. © Egbert Kamprath

Im Forstbezirk Neustadt waren die Schäden zeitweise so hoch wie nirgends sonst bei Sachsenforst. Der Spitzenwert wurde im Juli 2020 erreicht. Allein in diesem Monat fielen 40.000 Kubikmeter Schadholz an, beinahe die Hälfte einer zuvor üblichen Jahresernte. Die Preise steckten im Keller. Lieferte Karolin Zinnert vor der Krise gutes Sägeholz noch für rund neunzig Euro pro Festmeter, gab es später für das schlechte - Käferholz gilt fast immer als schlecht - nur dreißig oder noch weniger. Wenn es überhaupt einer kaufte.

Stürme fielen 2020 weitgehend aus

Aber jetzt steht Karolin Zinnert hier, im Wald des Reviers Königstein, bei den Nikolsdorfer Wänden, und kann lächeln. Um sie herum stapeln sich acht verschiedene Sortimente Holz. Zu jedem gibt es einen Käufer. Mario Prielipp, Leiter der Staatswälder im Forstbezirk, steht daneben und lächelt auch. Die Zeichen stehen auf steigende Holzpreise. "Es geht aufwärts", sagt er, "und es wäre schön, wenn es noch schneller aufwärts ginge."

Ihm gefällt sein Wald schon viel besser: Bernd Kaiser, der Revierförster vom Bielatal, freut sich über junge Buchen und Weißtannen.
Ihm gefällt sein Wald schon viel besser: Bernd Kaiser, der Revierförster vom Bielatal, freut sich über junge Buchen und Weißtannen. © Egbert Kamprath

Landesweit hat Sachsenforst 2020 etwa 1,3 Millionen Kubikmeter Holz aus den Wäldern geholt, etwa 85 Prozent Schadholz. Insgesamt aber deutlich weniger als noch in den beiden Vorjahren. Es gab kaum Stürme. Auch fielen die Schäden durch Trockenheit und Käferfraß moderater aus als befürchtet, da ab Ende des Sommers kühlere und feuchtere Witterung einsetzte. Renke Coordes in der Graupaer Betriebszentrale bezeichnet die Absatzlage als gut. Im Staatswald befänden sich keine unverkauften Holzmengen mehr.

Dürre im Boden bleibt bestehen

Coordes sagt aber auch, dass die Lage im Wald 2021 angespannt bleiben wird. Allein wegen des Niederschlagsdefizits, das noch immer nicht abgebaut ist. Das weiß auch Bernd Kaiser, der Förster vom Bielatal, der beim Katzstein - nicht weit von Karolin Zinnert - durch seine Weißtannen streift. Alles hier müsste jetzt dick in Schnee eingepackt sein. Aber es gibt keinen. Auch geregnet hat es wochenlang nicht. Stattdessen Sonne, Wind, Plusgrade. Das treibt die Verdunstung an. "Wir verlieren jede Minute Wasser."

Wachsam bleiben: Thomas Schuchardt, Student der Holzwissenschaft, erfasst umgeworfene und vom Käfer befallene Bäume bei Cunnersdorf.
Wachsam bleiben: Thomas Schuchardt, Student der Holzwissenschaft, erfasst umgeworfene und vom Käfer befallene Bäume bei Cunnersdorf. © Egbert Kamprath

Keiner im Forstbezirk hegt sein Revier so lange wie Bernd Kaiser: seit 1988. Fast genauso lange hat er den Umbau seines Waldes betrieben. "Man wusste, dass die Fichte nicht das ewige Leben hat", sagt er. Das Tempo, mit dem sie ausfiel, hat ihn erschreckt. Doch der Nachwuchs war an vielen Stellen schon da: Buchen, Weißtannen, Douglasien, Eichen, durchsetzt mit Fichten, die sich von Natur aus einmischen. So hat die Waldkrise in seinem Revier praktisch keine Kahlstellen hinterlassen.

Gerüst gegen die Spirale der Zerstörung

Die Mischung macht's, sagt Staatsforstleiter Mario Prielipp. Man braucht ein Grundgerüst verschiedener Baumarten, das den Wald auch dann noch stabil hält, wenn eine Baumart ausfällt. So würde eine Spirale der Zerstörung, wie sie sich zuletzt in den Fichtenforsten drehte, verhindert. Wie so ein Gerüst aussehen muss, damit es auch einen Wert ergibt, hat keiner der Förster je gelernt, Bernd Kaiser nicht und auch nicht Mario Prielipp. "Wir müssen ganz viel Erfahrung sammeln."

Sachsenforst erntet wieder frisches Holz, hier nahe dem Cunnersdorfer Waldbad. Damit soll auch Platz für den Nachwuchs geschaffen werden.
Sachsenforst erntet wieder frisches Holz, hier nahe dem Cunnersdorfer Waldbad. Damit soll auch Platz für den Nachwuchs geschaffen werden. © Egbert Kamprath

Obwohl er immer noch an die 60 Prozent Fichten hat, gefällt Bernd Kaiser sein Wald schon heute entschieden besser als früher. "Sonst hätten wir was falsch gemacht." Die Herausforderung wird sein, die vielgestaltigen Bestände richtig zu pflegen, sagt er. Die Anforderungen an seine Waldarbeiter seien schon jetzt extrem gestiegen. Dabei besitzt er nicht mal eine eigene Kolonne. Er muss sich sechs Mann mit zwei anderen Revieren teilen.

Ohne Holzernte kein Nachwuchs

Auf der anderen Seite des Katzsteins, oberhalb des Cunnersdorfer Waldbads, singen die Sägen. Fichten, gesunde starke Bäume, fallen und werden vom Harvester einer Forstfirma aus dem Vogtland für die Abfuhr portioniert. Das mag auf Unverständnis treffen, sagt Mario Prielipp, wo doch schon so viele Bäume abgestorben sind, und weitere sterben werden. "Aber der Grüneinschlag ist extrem wichtig."

"Der Anfang ist gemacht." Mario Prielipp, Leiter der Staatswälder im Forstbezirk Neustadt, will, dass viel mehr Eichen wachsen.
"Der Anfang ist gemacht." Mario Prielipp, Leiter der Staatswälder im Forstbezirk Neustadt, will, dass viel mehr Eichen wachsen. © Egbert Kamprath

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