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Wie Sachsen seine Bäume zählt

Im deutschen Wald ist Inventur. Die Orte der Stichproben sind geheim. Einer liegt vor den Toren Pirnas.

Sie leiten die Bundeswaldinventur in Sachsen: Michael Schmid (r.) und Tommy Schulze vom Staatsbetrieb Sachsenforst an einem Inventurpunkt im Liebethaler Wald.
Sie leiten die Bundeswaldinventur in Sachsen: Michael Schmid (r.) und Tommy Schulze vom Staatsbetrieb Sachsenforst an einem Inventurpunkt im Liebethaler Wald. © Daniel Schäfer

Langsam streicht der Detektor über den Boden. Es sieht aus, als wollte Michael Schmid Schätze heben. Aber nein, sagt er, die Sonde reagiert nicht auf Metall, sondern auf den "Pinokio". Das ist ein Minisender, lang und spitz, wie die Nase jener frechen Holzpuppe. Im Handel kriegt man ihn für ein paar Euro. Aber hier, vergraben in der Erde, ist er der Schlüssel zum Wissen über immense Reichtümer: den sächsischen Wald.

Wenn Menschen Computer mit Henkelgriffen, geringelte Markierungsstäbe, Maßbandrollen, Entfernungsmesser und GPS-Empfänger mit Pilzantenne, für die man einen ganzen Rucksack braucht, in die Botanik tragen, dann ist Bundeswaldinventur. Ende Mai hat Sachsens Forstminister bei Leipzig die Bestandsaufnahme im Freistaat eröffnet. Zugleich begannen Fachleute in der gesamten Republik - rund 90 Trupps insgesamt - mit dem Zählen und Messen.

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Die Inventurpunkte sind durch Transponder, die Pinokios (links), im Boden markiert. Mit GPS und Detektor lassen sie sich aufspüren.
Die Inventurpunkte sind durch Transponder, die Pinokios (links), im Boden markiert. Mit GPS und Detektor lassen sie sich aufspüren. © Daniel Schäfer

In Sachsen sind vier Trupps mit je zwei Mann zugange. Michael Schmid vom Kompetenzzentrum Wald und Forstwirtschaft bei Sachsenforst in Graupa, ist als Landesinventurleiter quasi ihr Chef. Der eingewanderte Schwabe arbeitet seit 25 Jahren an der großräumigen Erfassung der Waldverhältnisse. Und er weiß, dass immer mehr Nichtförster wissen wollen, was dabei herauskommt. "Angesichts des Klimawandels werden zuverlässige Informationen über den Wald immer wichtiger."

380 Millionen Bäume stehen im Sachsenland

Sachsen ist der letzten Erhebung zufolge zu knapp 30 Prozent bewaldet. Etwa 380 Millionen Bäume sollen im Land wachsen. Gezählt hat die natürlich keiner, sagt Schmid. Der Wert ist eine Hochrechnung aus Stichproben, gewonnen nach einem bestimmen Raster. Dieses Raster, eine Masche misst zwei mal zwei Kilometer, liegt unsichtbar über dem ganzen Land.

So sieht die Landkarte mit den geplanten Inventurtrakten aus. Der Finger zeigt auf Trakt 53024 im Liebethaler Wald.
So sieht die Landkarte mit den geplanten Inventurtrakten aus. Der Finger zeigt auf Trakt 53024 im Liebethaler Wald. © Daniel Schäfer

Wo sich die Linien schneiden, werden Quadrate gebildet, die man Trakte nennt, Seitenlänge 150 Meter. In die Stichprobe gelangt ein Trakt nur dann, wenn an wenigstens einer seiner Ecken auch Wald steht. Von den 4.635 sächsischen Trakten gelten 1.899 als Waldtrakte. Angenommene Zahl der Waldecken: 5.324. Diese Waldecken - das sind die Arbeitsorte der Inventurtrupps.

Inventurpunkte sind unsichtbar markiert

Im Liebethaler Wald, nördlich von Pirna, liegt der Waldtrakt Code 53024, genutzt zu Schulungszwecken. Hier wird Michael Schmid keine Mühe haben, den gesuchten Eckpunkt C zu finden. Allerdings kann es auch mal schwieriger sein. Er und sein Kollege Tommy Schulze inspizieren Trakte im gesamten Freistaat, um Inventurdaten zu prüfen, vor allem dann, wenn es Unstimmigkeiten gibt, die Bäume über die Jahre etwa dünner oder kleiner geworden sein sollen.

Inventurchef Schmid bei der Winkelzählprobe. Mit dem Spiegel-Relaskop werden die Bäume im Umkreis vermessen.
Inventurchef Schmid bei der Winkelzählprobe. Mit dem Spiegel-Relaskop werden die Bäume im Umkreis vermessen. © Daniel Schäfer

An einer Baumwurzel gibt die Sonde Laut. Ein wenig Laub und Erde beiseite gekratzt, schon taucht eine rote Markierung auf. Ecke C von Trakt 53024 ist lokalisiert. Der eigentliche Pinokio steckt etwa einen halben Meter tief in der Erde. Dort überdauert er alle Veränderungen an der Oberfläche. Außerdem soll keiner sehen, wo genau die Inventur stattfindet. Manipulation wäre sonst nicht auszuschließen. "Wir wollen ungestörte Verhältnisse", sagt Schmid.

150 einzelne Merkmale sind aufzunehmen

Um den Eckpunkt dreht sich nun die gesamte Bestandsaufnahme. Etwa 150 einzelne Merkmale werden in diesem winzigen Waldausschnitt erfasst. Dafür braucht ein routinierter Trupp eine bis anderthalb Stunden. Hat ein Trakt vier Ecken mit Wald, ist es schon "sportlich", sagt der Inventurleiter, zwei Trakte am Tag zu schaffen.

Wie dick ist diese Buche? Mit dem Durchmesser-Bandmaß lässt sich das auf einen Blick feststellen: 35,3 Zentimeter.
Wie dick ist diese Buche? Mit dem Durchmesser-Bandmaß lässt sich das auf einen Blick feststellen: 35,3 Zentimeter. © Daniel Schäfer

Grundgedanke jeder Inventur ist die Bestandsanalyse. So auch hier: Wie sieht es aus im Warenlager Wald? Wie viel Holz ist da? Welche Baumarten liefern es? Steigt der Vorrat an? Wann kann man wieviel davon heraus nehmen? Und: Wie wird die kommende Waldgeneration beschaffen sein? "Nur was ich kenne, kann ich auch fördern", sagt Michael Schmid. "Wenn ich nicht weiß, wie der Wald aussieht, weiß ich auch nicht, wo es klemmt."

Sachsens Wald wird immer natürlicher

Dieses "Aussehen" wird mit unterschiedlichen Verfahren erfasst. Kernstück der Prozedur ist die Winkelzählprobe. Sich im Kreis um den Eckpunkt drehend, werden die Bäume mit einem speziellen Instrument, dem Spiegel-Relaskop, anvisiert. Es kann Stämme von relevanter Dicke identifizieren, die der Inventurtrupp dann nummeriert und vermisst. Aus den summierten Stammquerschnittsflächen und den Baumhöhen, ermittelt per Ultraschall, ergibt sich, wie viel Holzvorrat auf der Fläche steht.

Die Zähl- und Messwerte werden gleich im Wald in den Computer eingegeben und später von Sachsenforst ausgewertet.
Die Zähl- und Messwerte werden gleich im Wald in den Computer eingegeben und später von Sachsenforst ausgewertet. © Daniel Schäfer

Gezählt und vermessen werden nicht nur die alten Bäume, sondern auch, in speziellen Radien, die jungen. Überhaupt: Wie dicht ist die Fläche bewachsen und mit welchen Baumarten? Die festgestellten Mischungsverhältnisse werden mit dem verglichen, was für den Standort als potenziell natürlicher Zustand gilt. Die letzte Bundeswaldinventur stufte bereits 27 Prozent von Sachsens Wäldern als naturnah oder sehr naturnah ein.

Hier, in Trakt 53024, wäre der Hainsimsen-Buchenwald anzustreben. "Da sind wir schon sehr nahe dran", sagt Michael Schmid, indem er sich umschaut. Die Inventur behält alles im Auge, was den Waldlebensraum stören könnte, etwa die Botschafter von Nähstoffüberschuss wie Brennnesseln und Giersch oder invasive Eindringlinge wie den Bärenklau, Indisches Springkraut oder die Spätblühende Traubenkirsche.

Auch totes Holz ist gutes Holz. Es bindet Kohlendioxid und wertet das Ökosystem auf: Tommy Schulze vermisst den Stubben einer Kiefer.
Auch totes Holz ist gutes Holz. Es bindet Kohlendioxid und wertet das Ökosystem auf: Tommy Schulze vermisst den Stubben einer Kiefer. © Daniel Schäfer

Gezählt werden aber nicht nur lebende Pflanzen, auch gestorbene. Jedes Stück Totholz, das mindestens zehn Zentimeter dick und lang ist, kommt in die Datei, selbst die Baumstümpfe, nebst Angaben zum Zersetzungsgrad. Der Totholzanteil ist ein Kriterium für die Wertigkeit des Ökosystems, aber auch für die Fähigkeit des Waldes, klimaschädliches Kohlendioxid zu binden.

An ausgewählten Stellen rücken die Inventurtrupps einzelnen Bäumen mit der Gartenschere zu Leibe. Sie schneiden Blätter oder Zweige ab und packen sie in Tüten mit Trockengel. Das bundeseigene Thünen-Institut für Forstgenetik untersucht die Erbmasse des Materials. Man erhofft sich Rückschlüsse darauf, woher jene Bäume stammen, die besonders gut mit dem Klimawandel zurechtkommen.

Erstmals wird der Wald auch genetisch analysiert, um die Herkunft der Bäume zu bestimmen. Allein Sachsen liefert 170 Proben.
Erstmals wird der Wald auch genetisch analysiert, um die Herkunft der Bäume zu bestimmen. Allein Sachsen liefert 170 Proben. © SBS/Tommy Schulze

Bis Ende nächsten Jahres werden die Inventurtrupps unterwegs sein. Die Ergebnisse erwartet Michael Schmid Anfang 2024. Auch wenn Stürme und Käfer die Wälder mancher Regionen verheert haben: Unterm Strich rechnet Sachsens Inventurchef mit einer positiven Bilanz für das Warenlager Wald. Es wird vielfältiger, ökologischer, naturnäher und noch besser gefüllt sein, vermutet er. "Holz hat Sachsen genug."

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