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Wespen in Sachsen: Gekommen, um zu bleiben

Wespen haben in Sachsen dieses Jahr für viele Probleme gesorgt. Doch es könnte sein, dass wir uns in Zukunft an noch größere Völker gewöhnen müssen.

Ja, sie können gefährlich sein und bald sind es vermutlich noch deutlich mehr. Menschen und bestimmte Wespenarten rücken immer näher zusammen.
Ja, sie können gefährlich sein und bald sind es vermutlich noch deutlich mehr. Menschen und bestimmte Wespenarten rücken immer näher zusammen. © Max Muselmann/Unsplash

Dresden. Es war ein Ausflug, der für mehrere Kinder im Krankenhaus endete. Ende Juli attackierten Wespen eine Kita-Gruppe aus dem Erzgebirge, der Rettungsdienst behandelte 20 Personen. Vor noch mehr Stichen konnte sich die Gruppe nur retten, weil sie Zuflucht in der Wohnung einer Betreuerin fand.

Nicht der einzige Vorfall, bei dem die schwarz-gelben Insekten dieses Jahr in Sachsen für Ärger sorgten: In Hähnichen bei Niesky konnten Anwohner beispielsweise keine Post mehr verschicken, weil Wespen in einem Briefkasten genistet hatten

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Vielerorts haben Menschen den Eindruck, dass es von Jahr zu Jahr mehr Wespen werden – und dass diese auch zunehmend aggressiver agieren. „Die internistische Notaufnahme vermeldet tatsächlich einen Zuwachs an Notfällen aufgrund von Wespenstichen“, sagt Holger Ostermeyer, Pressesprecher an der Uniklinik Dresden. 

Genaue Zahlen habe man aktuell noch nicht. Doch die leitende Oberärztin Simone von Bonin hatte alleine im August mehrere Patienten, die mit schweren Kreislauf- und Atemnotbeschwerden eingeliefert wurden. „Ein Teil kam auf die Intensivstation und musste intubiert werden“, sagt Bonin. 

Schädlingsbekämpfer: "Ein gutes Jahr"

Rund 20 Prozent aller Deutschen leidet laut Zahlen der Helios-Klinikgruppe an allergischen Reaktionen auf Insektenstiche. Wespengift gilt als besonders gefährlich, weil es unter anderem lebensgefährliche Schwellungen, akute Herzprobleme und Ganzkörperausschläge erzeugen kann. Gleichzeitig gehören bestimmte Wespenarten – besonders im Sommer – längst zu unserem Alltag.

Doch werden die Tiere immer mehr zur Gefahr? Und wenn ja, woran liegt das? Der Pirnaer Schädlingsbekämpfer Silvio Korn ist Sommer für Sommer in Ostsachsen unterwegs. Korn kommt, wenn sich wieder mal Wespen in Türrahmen, auf Dachböden und in Holzverschlägen eingenistet haben.

„Dieses Jahr ist ein gutes Jahr“, sagt Korn und meint damit seine Auftragslage. Rund 20 Nester pro Woche entfernen er und sein Team, manchmal sind es auch mehr.

Wespenplage: Ist der Klimawandel schuld?

Eine extreme Plage habe es diesen Sommer aber nicht gegeben. „2015 und 2016 waren heftigere Jahre, 2019 gab es dann wieder weniger Nester. Übernatürlich ist das Vorkommen momentan nicht“, sagt Korn.

Ob Wespen aggressiv werden, hänge vor allem von den Standortbedingungen ab. Wenn es früher warm werde und lange trocken bleibe, mangele es den Tieren an Nahrung und Flüssigkeit. Das führe zu mehr Reizbarkeit.

Sind Wespenattacken also eine Folge des Klimawandels? Der Tierökologe Marc Frenzel untersucht am Helmholtz-Institut für Umweltforschung, wie sich veränderte Ökosysteme auf Vorkommen und Verhalten von Insekten auswirken.

„Die Wespen, die uns in Deutschland am Gartentisch begegnen, gehören immer zur Familie der Echten Wespen, darunter vor allem die Gemeine und die Deutsche Wespe“, sagt Frenzel. Der Grund: Die Völker dieser Arten sind besonders groß – sie bestehen aus bis zu 10.000 Individuen.

Unter diesen Bedingungen wachsen die Völker

Wespen ernähren sich eigentlich vorwiegend von Blütennektar, Aas und kleineren Insekten, darunter auch Mücken und Bremsen. „Der Zucker aus dem Nektar ist ihr Flugbenzin, mit dem Fleisch ernähren Königinnen und Arbeiterinnen die Larven“, erklärt Frenzel.

Und hier liegt die Krux: Denn auch Grillsteak, Limo, Kuchen und Eis sind attraktive Alternativen für die Tiere. Über Duftstoffe informieren sie andere Mitglieder ihres Volks über die neue Nahrungsquelle – und über Gefahren. So kommt es schnell vor, dass die heimische Gartenparty unerwünschten Besuch erhält.

Zwei Bedingungen brauche es, damit Wespenvölker besonders groß werden, sagt Frenzel. Zum einen gute Klimabedingungen, zum anderen genügend zu Fressen. „Die Biomasse ist in den letzten Jahren stärker zurückgegangen als gedacht“, sagt Frenzel. Das liege sowohl am Klima als auch daran, dass der Mensch immer stärker in die Natur eingreife. 

Drohen Sachsen australische Zustände?

Den Wespen mangelt es also an Nahrung, wodurch sie tendenziell aggressiver werden – und sie sind mehr auf Ersatzfutter angewiesen. Gleichzeitig könnten die Völker in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich wachsen.

„Wenn wir vom Klimawandel sprechen, ist das immer eine Wette auf die Zukunft“, sagt Frenzel. Man dürfe nicht unbedingt vom schlechtesten Szenario ausgehen, ist der Forscher überzeugt.

Trotzdem: „In 20 Jahren werden sehr milde Winter und trockene, warme Sommer Dauerzustand sein.“ Was veränderte Klimabedingungen für Wespenpopulationen bedeuten, kann man heute schon in Teilen Australiens und in Neuseeland beobachten.

In den 1970er Jahren wanderte hier die Gemeine Wespe aus Mitteleuropa ein. Mittlerweile haben sich auf einem Hektar Fläche bis zu 12 Wespenvölker angesiedelt – in Sachsen ist es durchschnittlich eins. 

Ökologe: "Dann fehlen die Fressfeinde"

Wegen des fehlenden Frosts überleben mehr Jungköniginnen, das ganze Jahr über wird genistet. „Das führt dann zu einem ökologischen Ungleichgewicht, weil die Fressfeinde fehlen“, erklärt Frenzel.

Einer Untersuchung der Universität Melbourne zufolge sind Wespen auch für die meisten Krankenhauseinweisungen in Australien aufgrund von Tiergift verantwortlich – weit vor Schlangenbissen.

In Neuseeland, wo in den letzten Jahren massenhaft Insektizide eingesetzt wurden, haben Regierung und Wissenschaft vergangenes Jahr eine Task-Force gegründet, um dem Problem Herr zu werden. Ihr Ziel: Natürliche Fressfeinde wie Spinnen, Vögel, Mäuse und Waschbären ins Land holen. 

Das ist die optimale Strategie im Umgang mit Wespen

Zwar gibt es momentan noch genug Wespenjäger in Sachsen. Doch auch im Freistaat muss man sich wahrscheinlich an größere Völker gewöhnen, die weiter auf unseren Tellern nach Nahrung suchen werden. 

Doch diese Entwicklung sei auch selbstverschuldet: „Die größte Plage ist immer noch der Mensch“, sagt Frenzel. Jeder Organismus mache nur seinen Job. Wespen seien dem Ökosystem an sich sehr nützlich. „Sie fressen andere Stechtiere, beseitigen Aas und bestäuben unsere Blumen“, sagt Frenzel.

Eines ist klar: Aus dem Weg gehen können wir den Wespen kaum. Abseits von Umweltpolitik bleibt nur das friedliche Zusammenleben. „Wenn Sie eine Gartenfeier planen, stellen Sie eine Schale mit reifem Obst in die Ecke. 

Das ist die natürliche Nahrung der Jungköniginnen im Spätherbst“, rät Frenzel. Und: „Wenn die Wespen ihrem Essen zu nah kommen, schieben Sie sie konsequent mit einem Stück Papier zur Seite.“

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Denn das gebe den Tieren das Signal, dass sie hier nicht erwünscht sind. „Wenn eine Wespe auf meiner Haut landet, würde ich sie wegschnipsen“, sagt Frenzel. 

So schnell könne nämlich keine Wespe zustechen. Nur anpusten und schlagen sei ein No-Go. Dann nämlich rufen die Wespen ihre Mitstreiter zur Verteidigung. Und das kann leicht im Krankenhaus enden. 

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