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Wirtschaft

Ihre Fenster lassen nur Luft statt Lärm rein

Eine Innovation der Eilenburger Fenstertechnik macht Lärmgeplagten Hoffnung. Ihre Chefs sind scharf auf den Unternehmerpreis.

Gerold Schwarzer (r.) und Wolf von Trotha begutachten ein fast fertiges Schallschutzfenster mit integrierten Absorbern.
Gerold Schwarzer (r.) und Wolf von Trotha begutachten ein fast fertiges Schallschutzfenster mit integrierten Absorbern. © Wolfgang Sens

Von Andreas Dunte und Frank Pfütze

Die Altbauwohnung in Leipzig ist schön, geräumig und leider auch laut. Was am Straßenlärm und den Fenstern liege, sagt Wolf von Trotha, der seit Ostern in Leipzig lebt und dem die Stadt bereits ans Herz gewachsen ist. Wäre da nur nicht dieser Autokrach, wenn man lüftet.

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Als Chef einer Fensterbaufirma weiß er: Helfen könnte ein Schallschutzfenster. Nicht irgendeines, sondern ein Hafencity-Fenster – das auch, wenn es geöffnet ist, den Schall erheblich mindert. „Dabei handelt es sich um ein Kastenfenster“, erklärt von Trotha und führt durch den Ausstellungsraum der Eilenburger Firma. Zwei hintereinander angeordnete Fenster werden geöffnet, also angekippt. Die frische Luft gelangt so ins Zimmer, der Lärm bleibt aber weitgehend draußen.

Lärm um fast zwei Drittel reduziert

Wie der Name verrät, hatten findige Köpfe an der Küste die Idee mit dem Fenster. Genauer in Hamburg. „In der wachsenden Stadt“, sagt der 45-Jährige, „musste Wohnraum her. Platz gab es am lauten Hafen.“ Eine Ausstellung am Firmensitz in Eilenburg zeigt verschiedene Fenster in unterschiedlichen Größen mit zwei, vier und mehr Doppelflügeln. „Wir haben das Prinzip aufgegriffen und weiterentwickelt.“

2014 erreichte das Unternehmen eine Anfrage aus Regensburg in Bayern. „Ein Investor wollte für ein Seniorenwohnprojekt Hafencity-Fenster verwenden. Doch die bis dahin üblichen Typen hätten nicht den geforderten Schallschutz erreicht“, weiß von Trotha. Die Eilenburger nahmen die Herausforderung an und entwickelten das Hamburger Modell weiter. Mit dem Ziel, ein neues Prinzip mit noch höheren Schallschutzwerten bei gekipptem Fenster zu erreichen.

Das Risiko hat sich für die Firma gelohnt

Im Inneren des Kastenfensters sind dicke Materialien mit kleinen Öffnungen verbaut. Durch diese Absorber wird die Frischluft geführt, mehrfach umgeleitet und so der Schall weit stärker als beim normalen Hafencity-Fenster geschluckt. In der Praxis bedeutet das: Bei einem Geräuschpegel von 75 Dezibel (dB) auf der Straße absorbiert das Eilenburger Fenster 48 dB, sodass im Zimmer gerade einmal 27 dB ankommen. „Handelt es sich um das Schlafzimmer, würde unser Fenster für einen ruhigen Schlaf mit Frischluft sorgen.“

Nicht nur der Bauherr in Regensburg sei damals ein Risiko eingegangen, sondern auch die bis vor Kurzem noch von Gerold Schwarzer geführte Firma. Das Risiko habe sich mehr als gelohnt. Die patentierten Fenster machten heute einen wesentlichen Teil des Jahresumsatzes von zuletzt zehn Millionen Euro aus. Überhaupt ist von Trotha sehr angetan von seinem Vorgänger, der mit 77 Jahren den Geschäftsführer-Posten zwar geräumt hat, aber immer noch im Unternehmen mitwirkt.

Die Eilenburger Fenstertechnik wird als eines der ersten Joint Ventures in Sachsen gegründet. Produktionsbeginn mit Kunststofffenstern ist am 2. Juli 1990. Die Firma hatte keinen leichten Start. Von Anbeginn dabei: Gerold Schwarzer, dessen Familie das Unternehmen 2000 mit hohen Bankverbindlichkeiten übernahm. Schwarzer steuerte es sicher durch manches Unwetter. 65 Mitarbeiter sind derzeit in Eilenburg beschäftigt, in der Hochzeit Ende der 1990er arbeiteten über 70 in dem beeindruckenden Industriegebäude im grünen Gürtel Eilenburgs.

Krisen blieben nicht aus. Etwa 2008. Der Fortbestand der Firma konnte nur durch Geld neuer Gesellschafter aus Dubai gesichert werden. 2012 wurde dafür eine Nachfolgelösung vor Ort gefunden. Einer der drei neuen Gesellschafter ist Wolf von Trotha. Der Architekt und Unternehmensberater sei über Freunde auf die Firma aufmerksam geworden.

Corona-Krise sorgt für ruinösen Preiskampf

Die Eilenburger Fenstertechnik sei eine besondere Firma, was vor allem am familiären Zusammenhalt im Unternehmen liege. Das zeige sich auch jetzt in der Corona-Krise. Hätten die Mitarbeiter nicht freiwillig einige Opfer gebracht, wäre man bislang nicht so glimpflich davongekommen. So wurden Überstunden geleistet, im Homeoffice gearbeitet und wenn es nicht anders ging, Kinder im Unternehmen von anderen Kollegen betreut.

Die Bauindustrie sei von der Corona-Krise zwar weniger stark betroffen als andere Branchen, „aber verschont werden auch wir nicht“, sagt der Chef. So hätte sich die Vergabe von Aufträgen verzögert, konnten Fenster nicht wie vereinbart eingebaut werden, weil der Rohbau nicht fertig wurde oder Zulieferer aus dem Ausland Teile wie Jalousien nicht liefern konnten. Aus der Ruhe habe ihn das nicht gebracht, sagt der gebürtige Bonner, dessen Familie zum Adelsgeschlecht derer von Trotha gehört, das seinen Sitz im heute halleschen Stadtteil Trotha hatte. Dass Corona zum ruinösen Preiskampf geführt hat, aber schon. „Die Unsicherheit in der Krise führt bei einigen dazu, Aufträge auf Teufel komm raus an Land zu ziehen. Auch wenn sie nicht einmal kostendeckend sind.“

Von einem Unternehmensberater, der zugleich noch Gesellschafter ist, könnte man denken, dass er beim Blick in die Zukunft von Umsatzsteigerung oder gar Gewinnmaximierung spricht. „Wir sind an mehreren Innovationen dran. Da sehe ich unsere Zukunft“, sagt der Diplomingenieur stattdessen. So entwickle ein Forscherteam im Haus das Hafencity-Fenster weiter. Mit der Uni Weimar und Partnern aus Grimma geht es neben Schallschutz auch um Solartechnik und Energieeffizienz. Als Beispiel zeigt er auf ein Fenster, in dessen Scheibe sich Kapillaren befinden, durch die eine Flüssigkeit läuft. Bei Sonneneinstrahlung erhitzt sie sich.

Ob er von dem innovativen Produkt der Firma auch seinen Vermieter in Leipzig überzeugen kann? „Es nicht zu versuchen, würde mir unruhige Nächte bescheren.“ Und das im Sinne des Wortes.

Der MDR-Sachsenspiegel zeigt am Freitag, 19 Uhr, ein Porträt der RWC factory GmbH in Chemnitz. Sie wurde für den Gründerpreis nominiert - wir berichteten am 27.11.

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