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Warum die Halbleiterindustrie ins Rampenlicht gehört

20 Prozent Marktanteil an der weltweiten Chip-Produktion – das ist das Ziel der EU-Kommission. Davon profitiert auch das Silicon Saxony. Ein Gastbeitrag.

Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Branchenverbandes Silicon Saxony e.V.
Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Branchenverbandes Silicon Saxony e.V. © privat

Von Frank Bösenberg

In den letzten Wochen wurde vermehrt über eine Branche berichtet, deren Produkte weit verbreitet und dennoch für die meisten unsichtbar sind – die Mikroelektronik. Kleine Bauteile, sogenannte Chips, teilweise nicht größer als ein Fingernagel und zum Stückpreis von teilweise unter einem Euro verkauft, waren auf einmal nicht mehr lieferbar – und die Produktion bei den Automobilherstellern kam ins Stocken. Aber nicht nur Autos brauchen Chips. Halbleiter sind die Basis fast aller Produkte in einer digitalen, vernetzten Welt.

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Dass Halbleiter vergleichsweise günstig eingekauft werden können, bedeutet nicht automatisch, dass sie auch einfach und günstig herzustellen wären. Im Falle der Mikroelektronik kann die Komplexität der Herstellung kaum überschätzt werden. Bis ein Roboter arbeitet, ein Smartphone seinen Besitzer erfreut oder Cloud Computing internationale Konzerne arbeitsfähig macht, muss eine komplexe und tief gestaffelte Wertschöpfungskette stolperfrei abgeschritten werden. Kaum eine andere Industrie orchestriert so komplexe Prozessschritte vom Grundstoff Silizium bis zum fertigen Produkt.

Erweiterungen und Verbesserungen der Chipherstellung sind daher vor allem eines: teuer. Dass die Halbleiterindustrie als solche dennoch als bedeutsam angesehen wird, liegt vor allem an ihrer enormen industriellen Wertschöpfung. Egal ob Autos, Computer, Smartphones, Streaming- oder Lieferdienste, ohne Chips würden Unternehmen dieser Branchen keine derartigen Umsätze und Gewinne erzielen und Arbeitsplätze schaffen können. Diese Hebelwirkung ist der Grund dafür, warum die Industrie in anderen Teilen der Welt staatliche Unterstützung erfährt: Viele Milliarden werden durch die USA, China, Taiwan oder Südkorea investiert. Zuletzt haben die USA für die Ansiedlung von TSMC, dem größten Halbleiterproduzenten der Welt aus Taiwan, in Arizona Subventionen in Aussicht gestellt. Insgesamt soll das Vorhaben 12 Mrd. Euro kosten. Das entspricht 56 Prozent des sächsischen Staatshaushaltes.

Doch trotz der enormen wirtschaftlichen Bedeutung von Chips sowie in Anbetracht der staatlichen Unterstützung, die die Industrie auch in Europa in den letzten Jahrzehnten erfahren hat, hört man hierzulande immer wieder die Frage: Was macht es schon, wenn die gar nicht so teuren Chips als Grundstoff der Digitalisierung einfach importiert werden? Muss Europa diesen Teil der Wertschöpfungskette überhaupt betreiben, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Corona-Pandemie macht Anfälligkeit deutlich

China und die USA – dies sei vorausgeschickt – haben die Frage klar für sich beantwortet und Initiativen gestartet, um die eigene Region unabhängiger zu machen. Europas Halbleiterindustrie ist zwar in die globale Wertschöpfungskette eingebunden und auch Asien und die USA können nicht gänzlich auf Europas Kompetenzen verzichten – vor allem bei Anlagen für die Produktion. Um aber bei der enormen Innovationsgeschwindigkeit in der Branche mithalten zu können, ist nicht nur Wissen, sondern auch sehr viel Kapital erforderlich.

Ins Scheinwerferlicht von Öffentlichkeit und Medien geriet die Halbleiterindustrie kürzlich, als im wahrsten Sinne die Scheinwerfer der Automobilproduktion ausgingen, weil Chips fehlten. Globale Wertschöpfungs- und Lieferketten sind wegen Corona ins Stocken geraten. Die Situation hat viele aufgeschreckt, zeigt sie doch, wie verletzlich Europas Industrien inzwischen sind. Dieser Anfälligkeit stellt sich die Europäische Union nun entschlossen entgegen. So hat EU-Industriechef Thierry Breton kürzlich das Programm „Digitaler Kompass 2030“ vorgestellt, mit dem die EU versucht, den Anteil an der globalen Halbleiter-Wertschöpfungskette im Interesse Europas zu verbessern. Bis 2030 will man bei bestimmten Halbleitertechnologien, die niemand mehr in Europa produzieren kann, wieder auf Weltniveau aufschließen. Gleichzeitig soll die europäische Halbleiterindustrie gestärkt werden, denn die Chips, die aus Europa kommen, sind Weltspitze.

Silicon Saxony e.V. unterstützt ausdrücklich die ambitionierten Pläne der EU. Das Zauberwort dabei heißt Geschwindigkeit. Denn auch außerhalb Europas werden in diesen Tagen Investitionsentscheidungen für den Aufbau von neuen Produktionskapazitäten angestoßen. Zu befürchten ist, dass Entscheidungen in Asien und Amerika schneller getroffen werden, noch bevor man in Europa oder in Deutschland die laufenden Gespräche beendet hat.

Trotz vieler Einschränkungen im europäischen Förderrecht, sind die Instrumente, um wirtschaftspolitisch mithalten zu können, vorhanden. Die Ansiedlung von Bosch in Dresden ist Ausdruck der Möglichkeiten, wenn sich Politik und Industrie einig sind und an einem Strang ziehen. Vor diesem Hintergrund stellt sich auch nicht länger die Frage, ob sich die Fördersummen in die Halbleiterindustrie lohnen. Die Antwort darauf ist ein klares Ja! Und das sind die Gründe: Erstens, die Technologiesouveränität Europas und Deutschlands sowie die Fähigkeit, sicherheitskritische Technologien selbst herstellen zu können, statt diese mit dem Risiko der Sicherheitsgefährdung zu importieren.

Ein unterschätzter Beitrag zum Klimaschutz

Zweitens, jede Investition und Förderung erzeugt Hebeleffekte. Für jede große Firma, die unterstützt wird, werden ca. 800 Kleinunternehmer und Mittelständler mit unterstützt. Auch wenn Mittelständler die Fördermilliarden nur äußerst selten direkt sehen, profitieren sie von lokalen Kunden- bzw. Lieferantenbeziehungen. Dies wird durch die Beschäftigtenzahlen im Silicon Saxony eindrucksvoll bestätigt. Hier gab es allein in den letzten zehn Jahren ein Wachstum von 45.000 auf 65.000 Beschäftigte.

Drittens, Investitionen in die Halbleiterindustrie sind ein nicht zu unterschätzender Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz. Die europäische Mikroelektronik ist nicht nur Vorreiter bei einer umweltfreundlichen Produktion, sondern auch Treiber und Ermöglicher von CO2-Neutralität. Neben Batterien und Wasserstoff ist die Halbleiterindustrie die dritte klimarelevante Schlüsseltechnologie in Sachsen, die einen entscheidenden Eintrag für Europas Klimaneutralität leistet und hoch attraktive Arbeitsplätze schafft. Mit diesen Kompetenzen stärkt Silicon Saxony nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie, sondern auch deren Technologiesouveränität.

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Zum Autor: Frank Bösenberg ist Geschäftsführer des Branchenverbandes Silicon Saxony e.V., mit rund 350 Mitgliedern das größte Hightechnetzwerk in Sachsen und eines der größten Mikroelektronik- und IT-Cluster in Deutschland und Europa.

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