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Riesen-Loch unter blankem Asphalt

Die Warnsdorfer Straße in Seifhennersdorf ist schon zum zweiten Mal eingebrochen. Während Anwohner zunehmend genervt sind, sucht die Stadt einen Schuldigen.

Direkt vor dem Haus von Hans-Jürgen Müller in Seifhennersdorf steht eine Straßensperre. Die Warnsdorfer Straße ist wegen einer Unterspülung dicht.
Direkt vor dem Haus von Hans-Jürgen Müller in Seifhennersdorf steht eine Straßensperre. Die Warnsdorfer Straße ist wegen einer Unterspülung dicht. © Matthias Weber/photoweber.de

Diese rot-weiße Absperrung, die hätten Hans-Jürgen Müller und seine Nachbarn in Seifhennersdorf gern so schnell wie möglich weg. Aber wann das sein wird und wie es überhaupt mit der Baustelle vor ihrer Haustür weitergeht, wissen sie nicht.

Müllers haben sich hinter ihrem Haus an der Warnsdorfer Straße eine gemütliche Sitzecke eingerichtet. Aber hier zu sitzen und einen Kaffee zu trinken oder zu grillen, das ist gerade kein Vergnügen. Direkt hinter dem Garten verläuft eine Behelfsstraße. Hier fahren alle diejenigen lang, die eigentlich die gesperrte Warnsdorfer Straße nutzen wollen. Mit jeder Menge Staub und Lärm muss Hans-Jürgen Müller deshalb derzeit leben. So geht das jetzt schon über zwei Monate.

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Straße schon zwei Mal eingebrochen

Was ist passiert? Schon im vorigen Jahr hatte es an der Warnsdorfer Straße eine Unterspülung gegeben, die Straße wurde gesperrt und das Problem behoben. Nun gab es in diesem Frühjahr wieder eine Havarie, erneut wurde eine Unterspülung festgestellt. Es folgte das gleiche Spiel wie im Vorjahr: Straßensperrung und Behelfsumfahrung. Mit dem Unterschied: Bislang wurde die Straße nicht instand gesetzt. Seit Mitte Mai steht die Straßensperre.

Hinzu kommt: Die Notumfahrung, sagen die Anwohner, ist eine Katastrophe. Sie führt am Netto vorbei über ein Stück des Richterbergweges und dann über den "Schießplatz". Hier gibt es eigentlich gar keine richtige Straße, die Fläche ist provisorisch mit feinem Kies befestigt. Der ist inzwischen ausgefahren, es haben sich tiefe Schlaglöcher gebildet. Und dort, wo die Notumfahrung wieder auf die Warnsdorfer Straße mündet, ist es sehr eng.

© SZ Grafik

Einzige Zufahrt zum Pflegeheim

Das allergrößte Problem: die Warnsdorfer Straße ist die einzige Zufahrt zum Seifhennersdorfer Pflegestift - eine große Einrichtung mit 84 Plätzen für Senioren. Rettungsfahrzeuge und Feuerwehr kommen zwar im Normalfall durch. Kommt aber ein Fahrzeug entgegen, kann es eng werden. Anwohner berichten auch von Situationen, wo ein Rettungswagen mit Blaulicht nicht durchkam, weil sich ein Laster festgefahren hatte. Und ob ein Krankenwagen auf der Holperstrecke sicher unterwegs ist, bezweifeln die Anwohner ebenso. Mancher hätte sich hier schon Schäden am Auto zugezogen. Betroffen sind auch Müllabfuhr und Lieferverkehr.

"Es gibt nicht einmal eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Theoretisch kann man 50 fahren", erzählen die Seifhennersdorfer. Und viele Autofahrer tun das auch. Entsprechend chaotisch ist die Lage für die Anwohner. Es stiebt fürchterlich, gerade bei trockenem Sommerwetter. Regnet es, verwandelt sich die Strecke in eine Schlammpiste. Hinzu kommt die Lärmbelästigung. Jeden Tag, erzählt Anwohner Hans-Jürgen Müller, donnern große Laster über die Behelfsstraße. Denn das Pflegeheim muss ja mit Waren versorgt werden. Das Schlimmste aber ist, dass er und seine Nachbarn keine Infos bekommen, wie lange dieser Zustand anhalten soll.

Das Hinweisschild an der Behelfsstraße lässt erahnen, was die Autofahrer erwartet.
Das Hinweisschild an der Behelfsstraße lässt erahnen, was die Autofahrer erwartet. © R. Altmann-Kühr

Unterschriftensammlung gestartet

Jetzt reicht es den Anwohnern. Sie wollen nun alle Hebel in Bewegung setzen, damit sich für die problematische Situation schnell eine halbwegs akzeptable Lösung findet.

Sie haben eine Unterschriftensammlung gestartet. Rund 100 Seifhennersdorfer haben sie bislang unterzeichnet. Listen liegen noch aus, unter anderem im Pflegeheim. Die dringendste Forderung: Es muss schnellstens eine ordentliche und sichere Notumfahrung her.

Außerdem wollen die Anwohner eine Auskunft wie es weitergehen soll, wann und wie die Warnsdorfer Straße im Gesamten ausgebaut wird. Denn das ist ihrer Meinung nach unumgänglich. Und es müsse eine Lösung geben, wie die Anwohner während der gesamten Baumaßnahme vernünftig an ihre Grundstücke herankommen.

Die Unterschriftensammlung soll neben der Stadtverwaltung auch der Landkreis erhalten. Die Seifhennersdorfer überlegen, weitere Ansprechpartner zu suchen, zum Beispiel auf Regierungsebene, um Bewegung in die Sache zu bringen.

Gutachter soll Aufklärung bringen

Bürgermeisterin Karin Berndt (Unabhängige Bürgerinitiative Seifhennersdorf) kennt die Kritik und die Sorgen der Anwohner und kann sie verstehen. Im Moment sind ihr aber die Hände gebunden, erklärt sie. Denn der Schaden ist ihrer Ansicht nach im Zusammenhang mit einer Baumaßnahme beim Breitbandausbau vor zwei Jahren entstanden. Die beauftragte Baufirma hatte dabei ein sogenanntes Spülbohrverfahren angewendet.

Diese Methode nutzt man, um Leitungen in die Erde zu verlegen, ohne dass man erst einen Graben ausheben muss. An der Warnsdorfer Straße war dabei wohl der Regenwasserkanal an der Sohle beschädigt worden, weiß die Bürgermeisterin inzwischen. Dadurch konnte das Wasser stetig austreten und hat die Straße unterspült. "Oben war nur noch eine dünne Schicht Asphalt und drunter nichts mehr", schildert Frau Berndt. Das ist nun schon zum zweiten Mal passiert. Diesmal war das Loch besonders groß, rund acht Kubikmeter, erzählt sie. "Da hätte ein Auto drin verschwinden können."

Die Stadt hat einen Gutachter beauftragt, um zu ermitteln, was nun die genaue Ursache für den Schaden ist und eine Schadensanzeige bei den involvierten Firmen und dem Telefonanbieter gestellt. Bevor nicht geklärt sei, was die Ursache für die Schäden ist und wer für die Instandsetzung aufkommt, könne die Stadt nicht einfach reparieren. "Wir dürfen in dem Verfahren jetzt keinen Fehler machen." Soll das also jetzt so bleiben, bis der Rechtsstreit geklärt ist? "Auf keinen Fall, das geht nicht", sagt die Bürgermeisterin ganz klar.

Ihr Ziel sei es, die Warnsdorfer Straße so schnell wie möglich wenigstens halbseitig wieder befahrbar zu machen mit Ampelregelung. Der Stadtrat hat jetzt ein Planungsbüro beauftragt. Das soll zunächst einmal die Lage analysieren und eine grobe Kostenschätzung abgeben. Und einschätzen, was jetzt Sinn macht, um die Straße kurzfristig wieder befahrbar zu machen.

Eine Sanierung der gesamten Straße hält auch sie für notwendig. Aber das wird mindestens zwei Millionen Euro kosten, schätzt sie ein. Eine Summe, die sich die Stadt allein nicht leisten kann. Sie befindet sich in der Haushaltskonsolidierung, hat für 2021 auch noch keinen beschlossenen Haushalt. Schuld an dieser Situation ist laut Karin Berndt das Hochwasser 2013. Die Eigenmittel, die Seifhennersdorfer für die Hochwassermaßnahmen in den Folgejahren aufbringen musste, hätten die gute Reserve der Stadt aufgebraucht, sagt sie.

Anwohner drohen mit Steuer-Boykott

Die Bürgermeisterin will dennoch jetzt noch einmal Angebote einholen für eine Asphaltdecke auf der Behelfsstraße, um wenigstens das Problem Staub und Schlaglöcher zu lösen. Wirklich sinnvoll wäre das aus ihrer Sicht aber nicht. "Wir verbauen hier Geld, das wir lieber in die Warnsdorfer Straße stecken könnten."

Denn, wird die Warnsdorfer tatsächlich mal komplett ausgebaut, nützt der Stadt die jetzige Notumfahrung nichts. Dauerhaft ist sie mit diesem Verlauf nicht zu nutzen. "Wir bräuchten eine andere Umfahrung." Seit die Warnsdorfer Straße das erste Mal einbrach, suche man nach einer vernünftigen Lösung für eine Umfahrung. Durch die aktuelle Havarie musste jetzt erst einmal eine schnelle Lösung her.

Die Anwohner haben indes keine Geduld mehr. Die wiederholte Sperrung ohne Aussicht auf eine schnelle Lösung zehrt an den Nerven. Sie sind der Meinung: Die Stadt muss für eine vernünftige Zufahrt sorgen. Tut sich nichts, sind die Betroffenen fest entschlossen, zum äußersten Mittel zu greifen und kündigen an: "Dann zahlen wir eben keine Grundsteuer mehr."

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