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Wie gut ist die Integration in Löbau und Zittau?

Nach dem Anschlag in Würzburg wird über die Betreuung von Geflüchteten diskutiert. Integrationsbetreuer Armin Pietsch sagt, was besser werden sollte.

Armin Pietsch kümmert sich beruflich und ehrenamtlich um ausländische Mitbürger.
Armin Pietsch kümmert sich beruflich und ehrenamtlich um ausländische Mitbürger. © Matthias Weber/photoweber.de

Die Diskussion kommt nicht überraschend: Seit der tödlichen Messerattacke eines Somaliers in Würzburg wird über die Integration von Geflüchteten gestritten. Wie gut ist sie? Wollen sich die Geflüchteten überhaupt integrieren?

Armin Pietsch findet dazu klare Worte: "Wir erziehen uns die Terroristen selbst." Der Zittauer weiß, wovon er spricht. Seit Jahren kümmert er sich um Flüchtlinge und Asylbewerber, zuerst beim Internationalen Bund in Hirschfelde, danach beim Psychosozialen Trägerverbund, der in Zittau minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge betreut. Nun unterstützt er junge Ausländer über 18 - offiziell wie auch ehrenamtlich.

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Er hilft ihnen bei der Suche nach einer Lehrstelle oder einem Job oder bei Anträgen. Seine Schützlinge kommen vor allem aus afrikanischen Ländern wie Gambia, Kamerun oder Eritrea. Und aus Somalia, der Heimat des Würzburger Täters.

Durchschnittlich 26 Flüchtlinge im Monat

Durchschnittlich kamen 2021 jeden Monat 26 Flüchtlinge im Landkreis Görlitz an, wie Pressesprecherin Julia Bjar mitteilt. Aktuell sind 450 Geflüchtete dezentral, also in eigenen Wohnungen, und 584 in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Die Gemeinschaftsunterkünfte befinden sich hauptsächlich im Kreissüden: Löbau (264), Zittau (208) und Friedersdorf (58). Darüber hinaus gibt es noch eine Unterkunft in Niesky mit derzeit 54 Bewohnern.

Wenn einer wie Armin Pietsch diese Worte sagt, dann sind sie gut überlegt. Denn Probleme gebe es durchaus bei der Integration der Geflüchteten. Sie fangen bei der Ausbildungssuche an. "Wegen der Unsicherheit einer Abschiebung will keiner in einen jungen Flüchtling investieren", weiß der 55-Jährige aus Erfahrung. Häufig werden die ausländischen Bewerber abgelehnt. Es dauere sehr lange, bis einer etwas findet. Zwar bekommen sie während der Ausbildung in der Regel eine Duldung, was danach passiert, ist allerdings ungewiss.

Die jungen Flüchtlinge müssen aber beschäftigt werden, damit radikale Kräfte sie nicht ködern können, meint Pietsch. Auch beim Somalier aus Würzburg wird ein islamistisches Motiv vermutet.

Aber was nützt am Ende eine Lehrstelle, wenn die Geflüchteten ihren Ausbilder nicht verstehen. Genau hier sieht Armin Pietsch ein weiteres Problem. Da immer mehr Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen sie nur eine unzureichende Schulausbildung hatten, müssen seiner Meinung nach passgenaue Sprachkurse angeboten werden.

Er hat es selbst erlebt: Die unter 18-Jährigen werden in eine Klasse "Deutsch als Fremdsprache" - kurz DAZ - gesteckt. Dort können sich die Lehrer aber nicht um einzelne Schüler kümmern. Bei den Sprachkursen werde auch ein Mindestmaß von Kenntnissen vorausgesetzt. Viele der Geflüchteten bräuchten aber einen Alphabetisierungskurs, weil sie nicht richtig lesen und schreiben können, findet Armin Pietsch.

Monatelang warten, bis Kurse starten können

"Für Analphabeten gibt es Kurse, die aber seltener starten, damit die erforderliche Teilnehmerzahl erreicht wird", heißt es vonseiten des Kreises. Darüber hinaus gebe es keine offiziellen Kursangebote, in denen Kinderbetreuung angeboten wird – was den Zugang für Eltern mit kleinen Kindern erschwert. Des Weiteren sind die einzelnen Kursträger vielmals so ungünstig zu erreichen, dass die realen Kosten weit über den regulär veranschlagten Fahrtkosten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge liegen. Dadurch sind die Bildungsträger dazu gezwungen, eine Ausnahmeregelung zu beantragen, welche meist geringe Aussicht auf eine Bewilligung hat.

Der Zugang zu Sprachkursen für Menschen, die keine sichere Bleibeperspektive haben, ist ungeklärt, teilt Frau Bjar mit. Diese ausländischen Mitbürger haben grundsätzlich die Möglichkeit, einen Landessprachkurs zu absolvieren, doch da oft die Perspektive unklar ist, kommt es bei diesen Kursen zu hohen Fluktuationen. Eine Vielzahl von Geduldeten habe aufgrund von ungeklärter Identität kaum bis keinen Zugang zu Sprachkursen.

Der Landkreis habe wenig Einflussmöglichkeiten, da die Zugänge zu geförderten Sprachkursen durch den Freistaat Sachsen oder den Bund geregelt werden.

Viele Flüchtlinge sind traumatisiert

Viele der jungen Geflüchteten sind auch traumatisiert. Im kindlichen Alter wurden sie Zeugen von Mord und Zerstörung, mussten miterleben, wie ihre Eltern getötet wurden. Auch die Trennung von der Familie sei oft eine schlimme Erfahrung. Aus Sicht von Armin Pietsch gibt es zu wenig Fachstellen, die sich mit solchen Traumata beschäftigen.

Manches kann er als Integrationsbetreuer abfangen. Um die Geflüchteten gut zu unterstützen - und sie damit von extremistischen Kräften fernzuhalten - brauche es mehr Personal, meint Pietsch. Treffpunkte wie die beiden "Café Solidarité" in Löbau und Zittau sollten, findet er, nur eine Ergänzung zur Arbeit der Behörden sein.

Auch in den Heimen brauche es eine aktive Sozialarbeit, so seine Forderung. In Friedersdorf und der Löbauer Unterkunft auf der Dietrich-Bonhoeffer-Straße wird die Sozialbetreuung vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) Löbau abgesichert, in den Heimen auf der Zittauer Sachsenstraße und der Georgewitzer Straße in Löbau übernimmt dies der Betreiber, die ABUB GmbH, selbst. Und in der Zittauer Unterkunft am Portsmouther Weg wurde das DRK Zittau beauftragt.

Derzeit kein Änderungsbedarf bei sozialer Betreuung

Derzeit gebe es vonseiten des Landkreises Görlitz keinen Änderungsbedarf bei der Umsetzung der sozialen Betreuung, teilt die Kreissprecherin mit. "Die Ausländerbehörde ist aber stetig bemüht, auf Situationen zu reagieren, und kann flexibel und unkompliziert kurzfristig gemeinsam mit den Vertragspartnern Änderungen herbeiführen", so Frau Bjar.

Armin Pietsch weiß aber auch, dass Probleme immer erst dann auffallen, wenn ein Fehlverhalten der Geflüchteten offenbar wird. Manchmal kann es dann zu spät sein.

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