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Angst vor Randalen: Wenn Fußball zur Nebensache wird

Für Roter Stern Leipzig ist es das weiteste Auswärtsspiel, für den FSV Oderwitz 02 das erste Risikospiel der Vereinsgeschichte. Die Begegnung am Sonntag hat Brisanz.

Präsident André Cerwinka (links) und der sportliche Leiter Jens Grunewald stehen vor dem ersten Risikospiel in der Geschichte des Vereins: So geht's gegen Roter Stern Leipzig am Sonntag um mehr als das Erreichen der nächsten Pokalrunde.
Präsident André Cerwinka (links) und der sportliche Leiter Jens Grunewald stehen vor dem ersten Risikospiel in der Geschichte des Vereins: So geht's gegen Roter Stern Leipzig am Sonntag um mehr als das Erreichen der nächsten Pokalrunde. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

André Cerwinka und Jens Grunewald haben gemischte Gefühle, wenn sie an den kommenden Sonntag, den 5. September, denken. Einerseits freuen sich der Präsident und der sportliche Leiter vom FSV Oderwitz 02 auf die Begegnung in der zweiten Runde des Sachsen-Pokals gegen Roter Stern Leipzig. Immerhin spielen beide Mannschaften in der Landesklasse - das verspricht ein Duell auf Augenhöhe. Andererseits müssen die Oderwitzer eine Reihe von Auflagen erfüllen, fürchten sich vor möglichen Provokationen und Ausschreitungen. "Wir wissen noch nicht, was auf uns zukommt", sagt Jens Grunewald und zeigt sich schockiert angesichts der Brisanz, die diese Begegnung - Anstoß ist 14 Uhr - schon vorab hat.

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Der FSV steht vor dem ersten Risikospiel seiner Geschichte, die mit der Fusion der beiden Fußballabteilungen vom TSV Niederoderwitz und SV 1861 Oberoderwitz 2002 ihren Anfang nahm. Grund dafür ist der Gegner: Roter Stern sieht sich als antifaschistisches Sportprojekt, das sich gegen jegliche Form von Diskriminierung wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Homophobie richtet. Sport, Kultur und Politik sind im 1999 gegründeten Verein untrennbar miteinander verbunden. Regelmäßig organisiert oder unterstützt er Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, Partys und Demos. Beheimatet ist Roter Stern in Connewitz, einem linksalternativen Viertel im Süden Leipzigs.

Die politische Ausrichtung führte immer wieder zu Problemen, weil anderen Vereinen aus dem Leipziger Umland wiederum rechtes Klientel nahesteht - ohne sich damit gemein machen zu wollen. Traurige Bekanntheit erlangte ein Auswärtsspiel im Oktober 2009 in Brandis. Damals stürmten rechte Hooligans den Platz, griffen den Gegner mit Stangen und Holzlatten an. Es gab mehrere Verletzte, ein Roter-Stern-Anhänger sieht seither auf einem Auge nur zehn Prozent. Auch in den Folgejahren gab's immer wieder Spielabbrüche, wegen Provokationen und Angriffen auf und neben dem Platz. So stellt manche Auswärtsbegegnung von Roter Stern ein Sicherheitsrisiko dar.

Heim- und Gästefans werden getrennt

Auch in Oderwitz, was für die Leipziger die bisher weiteste Anreise in ihrer Vereinsgeschichte bedeutet. Als "störanfälliges Spiel" eingestuft, standen zwischenzeitlich beim FSV sogar eine Absage, die Abgabe des Heimrechts oder ein Umzug in ein Stadion in der Umgebung im Raum. "Wir wollen uns aber nicht wegen einer politischen Einstellung sportlich benachteiligen, sondern die Heimstärke nutzen", sagt Präsident André Cerwinka.

So gab's im Vorfeld eine Sicherheitsberatung mit Bürgermeister Cornelius Stempel, Vertretern beider Vereine, dem Sächsischen Fußballverband (SFV) und der Polizei. Das Ergebnis: Ob bei Parkplatz, Einlass, Toiletten, Verkaufsstellen - Heim- und Gästefans werden getrennt. Während die Oderwitzer mit 200 Anhängern rechnen, wollen die Leipziger mit 80 anreisen. Pufferzonen aus Bauzäunen trennen beide Fan-Lager im Stadion. Mehr Ordner als sonst und Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma sollen für den reibungslosen Ablauf sorgen.

Beamte der Polizeidirektion Görlitz unterstützen sie bei den Einlasskontrollen und der Fan-Trennung. Diese hat schon Risikospiele geführt, wenn auch noch nicht mit Roter Stern Leipzig. Die Polizei gehe davon aus, dass körperliche Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fangruppierungen bei der Begegnung mit Oderwitz nicht auszuschließen seien, teilt ihr Sprecher Kai Siebenäuger mit.

Durch die Sicherheitsauflagen rechnet der FSV mit zusätzlichen Kosten von mindestens 1.000 Euro. Während die Einnahmen zwischen beiden Vereinen geteilt werden, könnte Oderwitz auf den Ausgaben sitzen bleiben. Durch einen höheren Eintrittspreis und die Verkaufserlöse von Speisen und Getränken sollen die wieder eingespielt werden.

Rechtes Klientel nicht immer zu erkennen

Jens Grunewald findet das alles erschreckend. "Wir werden auf einmal mit Sachen konfrontiert, für die wir nichts können", sagt der sportliche Leiter, der auch an der Sicherheitsberatung teilnahm. Sein Gefühl: Die Leipziger sehen sich als die Guten, die das Böse anziehen. Nun müssen die Oderwitzer zusehen, kein rechtes Klientel anzuziehen. Nur sei das eben nicht immer offensichtlich zu erkennen, sagt er und glaubt, dass die Roter-Stern-Anhänger eine "kurze Zündschnur" hätten, wenn beispielsweise jemand aus ihrer Sicht in "falscher Kleidung" erscheine.

Ihn dahingehend beruhigen kann Lutz Mende, Sicherheitsbeauftragter beim SFV. "Wenn der Heimverein seine Aufgaben macht, passiert auch nichts", sagt er und verweist auf keinerlei negative Erfahrungen mit Roter Stern in den jüngeren zurückliegenden Jahren. Spielverordnung und Sicherheitsrichtlinien böten zudem die Möglichkeit, die Zuschauerzahl zu reduzieren, Gästefans nicht zuzulassen - schon um wie in dem Fall Kosten zu reduzieren. "Aber das wollen die Vereine meistens nicht, weil ihnen dadurch Einnahmen entgehen." Der SFV selbst kann nur organisatorisch behilflich sein, nicht finanziell. Dazu gehört der Verweis auf Broschüren wie die vom DFB "Gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung", mit der Ordner entsprechende Symbole und Zeichen erkennen können - und somit Provokationen Vorschub leisten.

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Auch Roter Stern wird sich nicht an den Ausgaben beteiligen. Schließlich hat der Verein mit Wurzen, Borna und Torgau mehrere Begegnungen pro Saison, die als Risikospiel eingestuft sind - und zusätzliche Ausgaben bedeuten. Dass Oderwitz nun auch dazu gehört, hängt laut Conrad Lippert nicht mit der Gemeinde, sondern der Region zusammen. "Es gibt dort eine organisierte Neonazi-Szene, die Spiele wie dieses als Bühne nutzen", sagt der Sprecher und stellvertretende Sicherheitsbeauftragte der Leipziger und beruft sich auf Aussagen zivilgesellschaftlicher Akteure wie "Augen auf". Das Fan-Klientel von Roter Stern sei jung und größtenteils gern gesehener Gast. "Von uns geht keine Eskalation aus, aber wir werden uns auch nicht angreifen lassen", meint er. Die Auflagen in Oderwitz sieht Conrad Lippert deshalb in erster Linie als präventiv an - aufgrund schlechter Erfahrungen.

"Vielleicht wird's gar nicht so schlimm, wie wir uns das vorstellen", sagt André Cerwinka. Wenn Not am Mann ist, will der 34-Jährige auch mitspielen.

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