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Die Friseure machen auf - sie nicht

Julia Stork wird ihren Salon auf der Zittauer Oststraße nicht mehr wiedereröffnen. Corona ist dafür nicht der einzige Grund.

Julia Stork räumt ihren Friseursalon "Kopfarbeit" in Zittau aus. Sie wird ihn nach dem Lockdown nicht mehr wiedereröffnen.
Julia Stork räumt ihren Friseursalon "Kopfarbeit" in Zittau aus. Sie wird ihn nach dem Lockdown nicht mehr wiedereröffnen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Ab Montag dürfen Friseure wieder zur Schere greifen. Julia Stork lässt Kamm und Fön aber weiter liegen. Ihr Friseursalon "Kopfarbeit" in Zittau bleibt geschlossen - und wird auch nicht wieder öffnen. 13 Jahre hatte sie den Laden in der DRK-Wohnanlage an der Oststraße betrieben. "Der Salon war wie ein 'Baby' für mich", meint die 33-Jährige.

Mit gerade mal 20 Jahren hatte sie das Friseurgeschäft eröffnet. "Damals dachte ich mir, ich probiere es einfach und wenn es nicht klappt, mache ich ihn eben wieder zu", blickt sie auf den Anfang 2008 zurück. So blauäugig denke sie jetzt nicht mehr, heute sei ihr ein bisschen mehr Sicherheit wichtig. Und so war auch die Schließung ihres Salons "Kopfarbeit" keine spontane Entscheidung.

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Seit sie vor drei Jahren mit ihrer Familie nach Bertsdorf gezogen war, gab es Überlegungen, Räume zu suchen, die näher liegen. Schließlich fand sich ein Umgebindehaus gegenüber dem eigenen Zuhause. Dieses wird derzeit umgebaut. Im nächsten Jahr will Julia Stork hier einen neuen Friseursalon eröffnen.

In der dritten Generation Friseurin

Mit dem Frisieren von Haaren ist sie aufgewachsen. Schon ihre Oma war Friseurin, ihre Mutter betreibt heute noch in Hainewalde "Cordis Frisierstube". Stube deswegen, weil sich der Salon in einer Blockstube befindet. Für Julia Stork war deshalb immer klar gewesen, ebenfalls Friseurin zu werden. In einem Mittelherwigsdorfer Salon erlernte sie den Beruf und absolvierte bald nach dem Abschluss der Lehre die Meisterschule. Mit 19 Jahren war sie seinerzeit die jüngste Friseurmeisterin in Sachsen.

Auch während der beiden Corona-Lockdowns verlor sie nichts von ihrer Begeisterung fürs Frisieren. "Nachfrage nach einem schönen Haarschnitt ist immer da", meint sie. "Es ist ein zukunftssicherer Beruf." Sie verabschiedete sich aber im Vorjahr von dem Plan, den Zittauer Salon neben dem Bertsdorfer weiter zu betreiben. Im Mai kündigte sie das Geschäft an der Oststraße, Ende März läuft der Vertrag aus. Wegen der Kündigung konnte sie in der Corona-Pandemie keine staatliche Hilfe beantragen. Eine solche finanzielle Unterstützung setzt voraus, dass der Salon noch mindestens ein Jahr betrieben wird. Um die weiter anfallenden Kosten bezahlen zu können, musste Julia Stork eine fünfstellige Kreditsumme aufnehmen, die sie nun Stück für Stück abstottern muss. Ohne Corona, sagt die 33-Jährige, hätte sie den Vertrag noch ein bisschen laufen lassen - bis das Bertsdorfer Geschäft fertig umgebaut ist.

Personell nicht zu stemmen

Die Pandemie war aber nicht der alleinige Grund, keine zwei Geschäfte zu betreiben. Auch das Personalproblem spielte eine entscheidende Rolle. Der Salon in der DRK-Wohnanlage rechne sich nur, wenn hier mindestens vier Vollzeitkräfte arbeiten und 600 bis 700 Haarschnitte im Monat machen. Als sich abzeichnete, dass eine Kollegin 2021 aus gesundheitlichen Gründen den Beruf wechseln wird, und es schwer ist, Ersatz zu finden, musste sie sich gezwungenermaßen von der Idee eines Zweitgeschäftes verabschieden. "Personell, war der zweite Salon nicht zu stemmen", sagt sie.

Sie habe über offizielle Wege versucht, neue Mitarbeiter zu finden, sagt Julia Stork. In anderen Salons anrufen und dortige Beschäftigte abwerben - wie es in größeren Städten durchaus vorkommt -, das sei nicht ihr Stil, meint die 33-Jährige.

Die kritische Personalsituation in der Friseurbranche ist nicht neu. Bereits 2019 berichteten Friseure in Zittau, dass es unendlich schwer sei, neue Mitarbeiter zu finden. Wenn ältere Angestellte in Rente gehen, könne die entstehende Lücke kaum mehr geschlossen werden. Und in den nächsten Jahren werde sich viele Kollegen in den Ruhestand verabschieden, weiß Julia Stork. Aus ihrer eigenen Ausbildungsklasse seien eine ganze Reihe Friseure heute nicht mehr in dem Beruf tätig, berichtet die 33-Jährige. Der Nachwuchs kann das Personalproblem kaum lösen, denn dort sieht es nicht besser aus. An der Görlitzer Berufsschule starteten 2020 zehn Friseur-Azubis aus dem Landkreis Görlitz - normalerweise sind 16 Friseur-Azubis in der Klasse.

Auszubildende wechselt nach Seifhennersdorf

Julia Stork hat in ihrem Salon regelmäßig ausgebildet. Ihre derzeitige Auszubildende Leonie Knappe wird ihre Lehre ab März im Salon "Fönix Frisuren" in Seifhennersdorf fortsetzen. Auch für ihre zweite Mitarbeiterin fand sich eine Lösung: Sie ist künftig bei "Jump Inn" auf dem Zittauer Rathausplatz tätig.

Für den Salon an der Oststraße hätte sie gern einen Nachfolger gefunden, dem sie den Salon samt Einrichtung übergeben kann. Doch die Suche blieb erfolglos. "Es gab zwar Interessenten, aber als der zweite Lockdown kam, wollte keiner mehr den Salon übernehmen", erzählt Julia Stork. Die Einrichtung hat sie teilweise verkauft, ein kleinerer Teil wird eingelagert und soll später in ihrem "Bertsdorfer Friseurlädchen" zum Einsatz kommen. Dort will sie erst mal alleine starten, kann sich aber vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder Mitarbeiter einzustellen.

Dass sich kein Nachfolger fand, lag nicht an fehlender Kundschaft. Die Bewohner der DRK-Wohnanlage stellen den Hauptanteil der Kunden, dazu kommen viele Bewohner aus dem Wohngebiet Zittau-Nord. Die müssen sich nun nach einem neuen Friseur umschauen. Und das ist im Zittauer Norden nicht so leicht. Salons gibt es hier nicht wie Sand am Meer. Die nächsten Friseure befinden sich in der Eckartsberger und an der Löbauer Straße sowie an der Leipziger Straße - gegenüber Aldi. Gerade Letzterer ist eine ganze Ecke entfernt vom Wohngebiet Zittau-Nord.

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