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Wirtschaft

Der Niedergang des Bäckerkönigs

In Vorpommern baut der DDR-Flüchtling Volker Schülke mit Lila Bäcker die sechstgrößte Kette der Republik auf und wird zum Millionär. Jetzt ist der Gründer seinen Job los.

Der Millionär Volker Schülke, wie er sich selbst am liebsten sieht: als Pilot von alten Kriegsflugzeugen, nicht als Ex-Manager des größten ostdeutschen Backkonzerns.
Der Millionär Volker Schülke, wie er sich selbst am liebsten sieht: als Pilot von alten Kriegsflugzeugen, nicht als Ex-Manager des größten ostdeutschen Backkonzerns. © Foto: radvenom.com

Von Doreen Reinhard und Ulrich Wolf

Auf Usedom hat ein Mann seinen Kindheitstraum erweckt. Hier draußen, nicht weit vom Getümmel des Seebads Heringsdorf, liegt der Hangar 10. Darin stehen restaurierte Kampfflugzeuge aus den 30er- und 40er-Jahren: Messerschmitt, Jakovlew, Spitfire. Sammler zahlen für solche Raritäten mitunter Hunderttausende Euro. Auch für Volker Schülke, 55, sind sie Liebhaberstücke. Und ein neues Ziel. Ein Wettbewerb, in dem er wieder nach vorn will. Es gibt Weltranglisten, "die werten, welcher Pilot die meisten dieser Modelle fliegt", sagt er. Zurzeit sei er unter den ersten zehn. Doch Schülke will an die Spitze. "Dinge schaffen, die sich keiner vorstellen kann."

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Im Nordosten Deutschlands ist Volker Schülke bekannt als Bäckerkönig. Ein Dorfjunge aus Vorpommern, der aus der DDR floh und kurz nach dem Mauerfall in seine Heimat zurückkehrte, um dort zu probieren, was er im Westen entdeckt hatte. Geschaffen hat Schülke die Marke Lila Bäcker. Ein Unternehmen, das jahrelang gewachsen, nun aber ins Wanken geraten ist.

Unser Heimatbäcker Holding GmbH heißt das Unternehmen, in dem die Marke Lila Bäcker steckt. Lila ist die Signalfarbe eines Backkonzerns, der in Deutschland - gemessen an der Zahl der Filialen - Ende März auf Rang sechs lag und rund 2 800 Mitarbeiter hat. Vom Firmensitz in Pasewalk aus erstrecken sich 410 Filialen von der Ostsee bis in den Süden Brandenburgs.

Knapp drei Jahrzehnte, nachdem Volker Schülke sein allererstes Brötchen verkauft hat, hört man von seiner Geschichte zwei Versionen. In der ersten ist er ein Vorzeigeunternehmer in einer wirtschaftlich schwachen Region. Einer, von dem sich Geschäftsleute und Politiker gern durch seinen Hangar 10 führen lassen. "Ich erlebe ihn als herausragenden Unternehmer", sagt ein Bürgermeister von der Insel.

In der zweiten Version wird Schülke "ostdeutsche Heuschrecke" genannt, meist hinter vorgehaltener Hand. Ein Mann, der stets seinen eigenen Vorteil sehe. Ganz offen kritisiert ihn Jörg Dahms, Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Mecklenburg-Vorpommern: "Für seinen Aufstieg hat Schülke eine Bäckerei nach der anderen gekauft, das Beste rausgezogen und den Rest geschlossen. Viele kleine Bäcker waren weg vom Markt."

Welche Version stimmt, ist nicht eindeutig zu klären. Fest steht nur: Seit Anfang des Jahres ist Schülke seinen Job als Chef der Heimatbäcker-Holding los. Der neue Manager hat 225 Mitarbeitern gekündigt. Die Belegschaft ist verunsichert, die sozialen Netzwerke sind voll mit Gerüchten: Von prekären Arbeitsverhältnissen ist die Rede, von nachlassender Warenqualität, sogar von Insolvenzgefahr. Die im Juli frisch gewählte Betriebsratschefin in Pasewalk sagt nur, sie wolle es sich nicht schon am Anfang mit der Chef-Riege verderben.

Seit Schülkes Abgang ist die Deutsche Beteiligungs-AG in Frankfurt am Main die Herrscherin im Lila Bäcker-Reich. Sie hat sich nicht nur von Schülke, sondern auch von seinem Führungsteam getrennt. Die Begründung: "Insbesondere war die wirtschaftliche Entwicklung nicht zufriedenstellend." Tatsächlich häufte der Konzern allein zwischen 2014 und 2016 Nettoverluste in Höhe von 23 Millionen Euro an. Auch das 2017er-Ergebnis sei "eher schlecht" ausgefallen, heißt es.

Hat Schülke bei seinem Drang nach Wachstum ein Stoppschild übersehen? Ist er, der Ostdeutsche, der den Kapitalismus verinnerlicht hat, bei seiner Expansion an Finanzinvestoren gescheitert?

Die Suche nach der Antwort beginnt in Rubkow. In dem 200-Seelen-Dorf im Landkreis Vorpommern-Greifswald kam Schülke 1963 zur Welt. "Ohne seinen Vater lief hier gar nichts", sagt ein Gemeindearbeiter. "Der Alte war hier der König." Rubkow war in der DDR Sitz einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft und Volker Schülkes Vater ihr Chef.

Einige Verwandte leben noch dort, auch Bekannte von früher wie Corina Möller. Mit Volker Schülke verbindet sie eine Jugendliebe. Und der Sohn Dieter. Dieter Möller, inzwischen Ende 30, gehörte zum Führungskreis der Lila Bäcker-Holding. Seine Mutter sagt über ihren Jugendfreund: "Volker war nicht angepasst. Er war ehrgeizig und unkonventionell."

Gesprächsanfragen lässt Schülke lange absagen. Dann reagiert er doch. Beim Treffen sitzt er im hauseigenen Restaurant seines Hangars, in einem Designersessel aus Flugzeugblech. Ein kräftiger Mann, der zunächst misstrauisch ist: "Keine Fotos, ich schicke Ihnen eins zu!" Locker wird er erst, als er von alten Zeiten erzählt.

Sein Opa hat ihn geprägt, ein Großbauer aus dem heutigen Polen. Der fremdelt mit dem Sozialismus, sein Enkel aber kommt anfangs gut klar in der DDR. Er glaubt an das System, lässt sich zum Elektrotechniker ausbilden und übernimmt die Verantwortung für die Schweinemastanlage der Rubkower LPG. Dort macht er Erfahrungen, die "sukzessive zum Bruch mit dem System" führten. "Es gab keine Motoren für die Belüftungsanlagen im Stall, die Schweine gingen zugrunde. Die Theorie der DDR hat sich wunderbar angehört, aber in der Praxis nicht geklappt."

Schülke flieht im September 1989 über Ungarn, als "das erste Loch im Zaun war", gemeinsam mit seiner heutigen Frau Arite. Im Westen bekommt er einen Job in einem Backwarenbetrieb im Ruhrgebiet. Dort sieht Schülke etwas für ihn völlig Neues: industriell gefertigte Brötchen.

Nach dem Mauerfall kehren die Schülkes im Frühling 1990 nach Vorpommern zurück. Aus Heimweh. In Rubkow eröffnet er den ersten Frischemarkt. Damals hat das Dorf noch genügend Einwohner und der Laden ausreichend Kunden. Dort verkauft Schülke seine ersten Brötchen. Seine Ware bestellt er bei dem Großbäcker im Ruhrgebiet: eine Ost-Edition. "Das normale Westbrötchen wog 50 Gramm. Ich bin auf 89 gegangen. Dadurch war das Brötchen kompakter, ein typisches Ostbrötchen eben."

Bei dem westdeutschen Bäckerfreund holt Schülke 20 Backöfen, die auf den Schrott sollten. Er macht die Öfen wieder fit, stellt sie bei Händlern auf. Seine Idee, die Teiglinge in den Märkten aufzubacken, kommt an. Bald pendelt ein Sattelschlepper mit einem Tiefkühlcontainer zwischen dem Ruhrgebiet und Vorpommern.

In den 1990er-Jahren hilft die Treuhand indirekt bei der Genese des Lila Bäckers. Die Behörde hat das Backwarenkombinat Rostock in seine Einzelteile zerlegt. Eines davon ist die Nordback. Schülke gelingt es, diese Firma als Großkunden zu gewinnen. Um von den Lieferungen aus dem Ruhrgebiet unabhängig zu werden, baut er eine eigene Produktion auf. "Um das zu finanzieren, musste ich unser Haus in Rubkow verkaufen." Das Werk läuft nur vier Jahre, da verkaufen es Schülke und seine Frau wieder, "zu einem guten Preis".

Mit dem Erlös starten sie eine Einkaufstour. Als Erstes sind die Anklamer Backwaren Ende 2002 an der Reihe. Kurz darauf folgt die Mühlenback in Pasewalk. Dann schluckt das Paar seinen Großkunden Nordback in Rostock. Die NGG tobt: "Das hat mit sozialer Marktwirtschaft nichts mehr zu tun." Der Vorwurf prallt an Schülke ab, er kauft Rügenback. "Ich wusste: Die Ostsee wird sich als Urlaubsregion entwickeln. Der Rügenbäcker und die Nordback waren die, die genau da ihre Filialen hatten", sagt er. "Wäre jemand aus den alten Ländern gekommen, hätte ich vielleicht alt ausgesehen. Es kam aber niemand."

Das Ehepaar Schülke betreibt Arbeitsteilung: Er kümmert sich um die Expansion, sie kontrolliert die Finanzen. Geld, das übrig ist, landet in ihrer Beteiligungsgesellschaft. Was dem Unternehmen fehlt, ist ein Erkennungsmerkmal. Schülke befragt Kunden, die meisten finden lila schön. Auch Schülke ist überzeugt: "Die Backware strahlt davor besser." Er lässt ein Lila-Kundenmagazin drucken und organisiert Lila-Heimat-Touren. Beim Lila Bäcker wandern jetzt bis zu 120 000 Brötchen täglich über die Theken. "Wir hatten die Konsolidierung hinter uns, die Taschen voll Geld, also habe ich mitgeboten", erzählt Schülke von der nächsten Übernahme, der Filialbäckerei Schütte bei Wismar. "Ich habe ja keine privaten Bäcker eingesammelt, sondern Ketten."

Doch beim nächsten Expansionsschritt gerät er fast ins Stolpern. 2011 fusioniert er mit der Dahlewitzer Landbäckerei südlich von Berlin. Dort hat ein Finanzinvestor namens Steadfast Capital die Mehrheit. Der Deal ist so komplex, dass ihn eine spezialisierte Wirtschaftskanzlei organisieren muss. Schülke ist im Kapitalismus der Neuzeit gelandet.

Er ist nun Mitgesellschafter und Chef einer Bäckereikette mit 350 Filialen, fast 100 Millionen Euro Umsatz und rund 2 000 Beschäftigten. Einen Konzernbetriebsrat gibt es nicht. Noch heute sagt Schülke: "Es gibt niemanden, der so gut auf seine Mitarbeiter achtet wie ich als Chef. Da braucht man keinen Betriebsrat."

Drei Jahre lang geht alles gut, dann gibt der Finanzinvestor Steadfast seine Anteile ab, für - wie es in der Backbranche heißt - rund 100 Millionen Euro. Käufer sind die Deutsche Beteiligungs-AG und einer ihrer Fonds. Schülke und seine Frau halten nach dem Deal noch knapp 15 Prozent. Er bleibt Geschäftsführer, sie erhält einen Beratervertrag. Der Lila Bäcker-Konzern quillt weiter und übernimmt die Bäckerei- und Tiefkühlkostgruppe "De Mäkelbörger" in Neubrandenburg.

Dann gibt es plötzlich doch ein Stoppschild. Um den Jahreswechsel 2018 müssen Schülkes engste Vertraute ihre Büros räumen, dann muss auch der Gründer gehen. Ein Mitglied der ehemaligen Geschäftsführung erklärt sich bereit, darüber zu sprechen. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben. Es sei klar, warum man gehen musste: "Wir haben die Renditeerwartungen nicht erfüllt, die neuen Gesellschafter haben ein ganz anderes Anspruchsdenken reingebracht." Von Schülke ist das frühere Management-Mitglied bis heute begeistert. Er sei "ein toller Mann mit unwahrscheinlich guten Ideen. Ich denke, er hatte auch den Ehrgeiz, nicht nur zu den sechs größten Bäckern zu gehören, sondern noch höher zu kommen."

Schülkes Nachfolger an der Spitze des Lila Bäckers ist nun der ehemalige Spirituosen-Manager Stefan Blaschak. Als Sanierer sieht sich der 49-Jährige nicht. "Das ist ein Begriff, den benutzen vor allem Gewerkschaften und Medien, um Angst zu schüren", sagt er. Die Entlassung von 225 Mitarbeitern im April rechtfertigt er mit "Defiziten in der gesamten Wertschöpfungskette, vom Einkauf über die Produktion bis hin zur Warenauslieferung." In diesem und im nächsten Jahr aber wolle man wieder um rund 20 Filialen wachsen. Das größte Problem sei es, Personal zu finden. "Aber wir haben jetzt eine Personalabteilung."

Dass um den Lila Bäcker die Gerüchte schwirren, hat der neue Konzernchef mitbekommen. "Das ging ja hin bis zu der Behauptung, es drohe die Insolvenz." Dem widerspricht Blaschak. Er sagt, er wolle das Unternehmen "mit Herzblut" vorantreiben. Von den Mitarbeitern ist er begeistert. "Ich bin anfangs durch die Filialen getourt, da habe ich sogar Verkäuferinnen mit lilafarbenen Haaren getroffen. Mehr Identifikation geht ja wohl kaum."

Und Volker Schülke? Der sitzt entspannt in seinem Hangar. Auf eine Diskussion über die Verluste beim Lila Bäcker lässt er sich nicht ein, über sein Aus will er nicht sprechen. Nur so viel: "Ich hatte mich mit der Deutschen Beteiligungs-AG auf einen einvernehmlichen Führungswechsel verständigt. Dazu kam es wegen der Abberufung allerdings nicht mehr." Nun habe er neue Ziele: "Kleinbeteiligungen an interessanten Unternehmen, der Handel mit alten Flugzeugen, das ist so meine Idee."

Das nötige Geld dürfte er haben. Die Beteiligungsfirma von ihm und seiner Frau verfügte nach dem zuletzt veröffentlichten Abschluss für 2016 über ein Eigenkapital von 38,6 Millionen Euro.

Was er mit dem Geld macht? Außer dem Sammeln von Flugzeugen findet sich dafür ein Beispiel an der Strandpromenade von Ahlbeck. Der einstige Bäckerkönig hat dort eine marode Villa erworben und saniert. Sie hat einst einem DDR-Verteidigungsminister als Feriendomizil gedient. Nun trägt sie den Namen seiner Frau: "Villa Arite".

"Ein Investment", sagt Schülke. Mit "hoher Wahrscheinlichkeit" werde man eine Stiftung gründen. "Die Villa wird ein gehobenes Schulungszentrum". Wohnen will er an der von Touristen bevölkerten Strandpromenade nicht. Lieber zieht sich Schülke in seinen Hangar zurück. "Mein Traum war immer, auf einem Flugplatz zu wohnen."

Die Farbe Lila sieht er immer noch überall. Filialen seines Lebenswerks gibt es genügend auf Usedom. Seine Brötchen aber kauft Volker Schülke dort nicht mehr.

Transparenzhinweis: Aufgrund des tragischen Todes Volker Schülkes bei einem Flugzeugunglück wurde der ursprüngliche Titel dieses Artikels "Bäckerkönig macht den Abflug" abgeändert. /mxh; 03.08.20

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