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Telefonseelsorge: Das bewegt Menschen in Corona-Zeiten

Um die Weihnachtszeit sind die Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge Oberlausitz immer stärker gefragt als sonst im Jahr. Diesmal kommt noch ein Grund hinzu.

Gerald Demmler leitet die Telefonseelsorge Oberlausitz in Bautzen und Görlitz. Dafür werden neue Mitstreiter gesucht und geschult.
Gerald Demmler leitet die Telefonseelsorge Oberlausitz in Bautzen und Görlitz. Dafür werden neue Mitstreiter gesucht und geschult. © Archivfoto: Steffen Unger

Bautzen. Am Sonntag war erster Advent, und je mehr wir uns Weihnachten nähern, umso öfter klingelt es auch bei der Telefonseelsorge. Gerald Demmler spricht aus Erfahrung. Der Bautzener leitet die Telefonseelsorge Oberlausitz, die bei der Diakonie angesiedelt ist. Aber anrufen kann hier jeder, ob gläubig oder nicht. Und am Telefon sitzen gleichfalls Gläubige und Nichtgläubige, Akademiker ebenso wie Handwerker, Polizisten oder Pädagogen. Ihnen allen sind zwei Dinge gemeinsam: Sie machen das ehrenamtlich, also in ihrer Freizeit, auch nachts und am Wochenende. Und sie können einfühlsam zuhören.

"Es liegt eine große Hilfe im Zuhören und dem Dasein. Vieles löst sich gerade dadurch", weiß Gerald Demmler. Viele Anrufer haben sonst niemanden, dem sie von ihren Sorgen erzählen können; niemanden, der ihnen einfach mal Mut zuspricht. Die Gründe, die verzweifelte Menschen zum Telefon greifen lassen, haben sich über die Jahre kaum geändert: Einsamkeit, Angst, psychische Störungen, Beziehungsprobleme. Um die Weihnachtszeit rufen stets mehr Menschen als sonst bei der Telefonseelsorge an. "In den größeren Städten noch viel mehr als im ländlichen Raum", sagt der 64-jährige Diplom-Sozialpädagoge.

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Corona macht die Menschen dünnhäutiger

In diesem Jahr kommt noch ein Thema hinzu, das vielen Menschen Angst macht: Corona. Existenzangst, Angst durch Einsamkeit und durch Beziehungsprobleme. Das Virus quält auch die Seele, zahlreiche Menschen werden dünnhäutiger. Im Frühjahr konnten sich viele Angehörige wochenlang nicht besuchen. Gleichzeitig mussten während der Zwangspause von Betrieben, Geschäften und Schulen viele Menschen zu Hause bleiben, wo sie miteinander aber nicht immer klarkamen.

Jetzt werden viele Familien nicht wie gewohnt zusammen Weihnachten feiern können, geplante Silvesterfeten fallen aus. Im Frühjahr gab es wegen Corona 15 bis 20 Prozent mehr Anrufe als sonst bei der Telefonseelsorge, berichtet Gerald Demmler. Und auch jetzt sei wieder ein leichter Anstieg festzustellen.

"Ich weiß nicht mehr weiter"

Die meisten Telefonate, berichteten dieser Tage Telefonseelsorger aus ganz Deutschland im ZDF, beginnen mit dem Satz: "Ich weiß nicht mehr weiter." Am häufigsten klingelt das Telefon auch bei den ehrenamtlichen Seelsorgern in der Oberlausitz zwischen 17 Uhr und 2 Uhr nachts. Zwei Drittel aller Anrufer sind Frauen, die meisten von ihnen zwischen 40 und 70 Jahren alt. Gerald Demmler fasst die Zahlen zusammen: Innerhalb von 24 Stunden gehen in der Regel um die 25 bis 30 Anrufe ein. Manches Telefonat dauert nur ein paar Minuten, manches mehrere Stunden.

Für die Telefonseelsorge Oberlausitz sitzen rund um die Uhr Ansprechpartner an den Hörern in Bautzen und Görlitz. Sind hier die Telefone besetzt, wird der Anruf innerhalb Sachsens weitergeschaltet. Insgesamt sechs Stellen für die telefonische Seelsorge gibt es im Freistaat. Können die Angerufenen allein mit Zuhören und Reden nicht weiterhelfen, wissen sie zumindest Rat und verweisen auf entsprechende Einrichtungen oder Wohlfahrtsverbände. Oder rufen notfalls die Polizei, falls jemand Suizid-Gedanken äußert.

Neue Mitstreiter werden gesucht

Etwa 90 Ehrenamtliche sind in Bautzen und Görlitz nötig, damit zu jeder Tages- und Nachtzeit, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr immer jemand erreichbar ist. Mindestens zwei Vier-Stunden-Dienste oder eine Nachtschicht im Monat müssen die Seelsorger leisten. Weil da auch immer mal jemand ausfällt, sei es wegen Wegzugs oder aus Altersgründen, bildet die Telefonseelsorge Oberlausitz jedes Jahr neue Helfer aus.

Auch 2021 findet wieder ein Kurs statt. "Wir können noch Interessentinnen und Interessenten gebrauchen", sagt Gerald Demmler. Eine besondere fachliche Qualifikation müssen die Teilnehmer nicht mitbringen. "Aber Lebenserfahrung, ein gewisses Maß an Selbstreflexion, das Erkennen von Grenzen, Zuhören können und einiges mehr ist schon von Vorteil. Sie sollten ein Herz haben, sich Menschen zuzuwenden, und bereit sein, etwas zu lernen – auch für sich selbst." Kommunikation und fachliches Wissen werden in der einjährigen Ausbildung vermittelt.

Und auch das gehört dazu: die Fähigkeit, das Gehörte für sich zu verarbeiten, zu verkraften, um nicht selbst noch ein Fall für den Seelsorger zu werden. "Auch das ist Teil der Ausbildung", erklärt der Leiter der Telefonseelsorge Oberlausitz.

Krisentelefonnummern: 0800 111 0 111 oder 222 (kostenlos und anonym)

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