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Woher rührt die Aggressivität gegen Polizisten?

Angriffe und Beleidigungen nehmen zu. Drei Experten der Polizeihochschule Rothenburg/Bautzen sagen, woran das liegt - und wie in der Ausbildung darauf reagiert wird.

Immer öfter erleben Polizisten im Dienst Beleidigungen und Angriffe.
Immer öfter erleben Polizisten im Dienst Beleidigungen und Angriffe. © dpa

Bautzen. In Bautzen gehen zwei Männer mit Fäusten auf Polizisten los, einer von ihnen kann anschließend seinen Dienst nicht fortsetzen. In Zittau beschimpft ein junger Mann Polizisten bei einer Kontrolle als "Bullenfotzen". In Dresden verletzen Feiernde einen Beamten, als die Polizei eine laute nächtliche Party auflösen will.

Beleidigungen und Angriffe auf Polizisten sind an der Tagesordnung - nicht erst seit Corona. Laut dem aktuellsten Bundes­lage­bild "Ge­walt ge­gen Po­li­zei­voll­zugs­be­am­tin­nen und Po­li­zei­voll­zugs­be­am­te" gab es 2019 bundesweit 14.919 tätliche Angriffe, 3.215 mehr als im Jahr davor. In Sachsen verdoppelte sich die Zahl nahezu von 188 auf 367.

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Woher rührt diese zunehmende Aggressivität? Und wie reagiert die Polizei darauf? Sächsische.de sprach dazu mit drei Fachleuten der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg und Bautzen. Prof. Dr. Maria-Theresia Brauer (41) ist Professorin für Psychologie. Prof. Dr. Tom Thieme (42 ) ist Professor für gesellschaftspolitische Bildung, zudem einer der führenden Köpfe des Sächsischen Institutes für Polizei und Sicherheitsforschung. Polizeidirektor Sven Forbriger (42) ist Dozent der Einsatzlehre, zuvor war er unter anderem Leiter des Streifendienstes im Polizeirevier Zittau-Oberland und im Führungsstab der Polizeidirektion Görlitz tätig.

Tom Thieme, Maria-Theresia Brauer und Sven Forbriger (von links) lehren an der Hochschule der Polizei Sachsen in Rothenburg und Bautzen. Sie antworten auf Fragen von Sächsische.de zur zunehmenden Gewalt gegen Polizisten.
Tom Thieme, Maria-Theresia Brauer und Sven Forbriger (von links) lehren an der Hochschule der Polizei Sachsen in Rothenburg und Bautzen. Sie antworten auf Fragen von Sächsische.de zur zunehmenden Gewalt gegen Polizisten. © privat

Woher rührt aus Ihrer Sicht die zunehmende Respektlosigkeit, ja Aggressivität gegenüber Polizisten?

Maria-Theresia Brauer: Da gibt es nicht die eine, alles erklärende Antwort. Sozial verwerfliche Einstellungsmuster werden oftmals früh geprägt, beispielsweise durch "schlechte Vorbilder“ sowie durch den unkontrollierten Konsum von Medien mit gewalttätigen Inhalten. Werden persönliche Ziele nicht erreicht, entsteht bei diesen Menschen schnell Frust. Aus dem Lagebild zu Gewalt gegen Polizisten ist ersichtlich, dass etwa zwei Drittel der Täter bereits anderweitig polizeilich in Erscheinung getreten und kaum zur Einsicht eigener Schuld fähig waren. Etwa acht von zehn ermittelten Tatverdächtigen waren männlich, mehr als die Hälfte stand zum Zeitpunkt der Tat unter Alkohol- und/oder Drogeneinfluss.

Tom Thieme: Wir erleben eine immer stärkere Abschottung bestimmter sozialer Milieus. Damit sind Gruppen von Gleichgesinnten gemeint, die ähnliche Werte, Lebensvorstellungen und politische Positionen teilen. Die Mitglieder dieser Gruppen bleiben weitgehend in ihrer „Blase“ unter sich. So fehlt der Austausch mit anderen Menschen, die mäßigend wirken und auch andere Gedanken einbringen können. Und umgekehrt kommt es schneller zu Eskalationen und Gewalt, wenn beispielsweise die Polizei in diese vermeintlich „eigene Welt“ eindringt.

Sven Forbriger: Der Polizeibeamte rückt als unmittelbar verlängerter Arm und „Vollstrecker“ der Gesetze oft quasi als Ventil in den Fokus. Einem Politiker gegenüber äußern manche ihre Meinung im vermeintlichen Schutze der Anonymität des Internets. Ein Polizeibeamter hingegen ist unmittelbar greifbar.

Stehen wir hier vor dem Problem, dass im familiären und schulischen Umfeld generell zu wenig Respekt vermittelt wird - nicht nur gegenüber der Polizei?

Maria-Theresia Brauer: Respekt ist eine Haltung, anderen Menschen gegenüber Wertschätzung und Ehrerbietung entgegenzubringen. Wie alle Einstellungen fußt sie in der Kindheitsprägung, zumeist durch Vorbilder wie Eltern, Freunde oder auch Lehrer. Respekt ist nicht direkt „anerzogen“, sondern erworben durch „Lernen am Modell“. Fehlt dieser Respekt, ist diese Haltung zumeist fest verankert und lässt sich später nur sehr schwer korrigieren.

Sven Forbriger: Ja, in manchen Familien fehlen augenscheinlich klare Ansagen und eine grundlegende Wertevermittlung. Das beste Vorbild sind in meinen Augen immer die Eltern.

Treten diese Erscheinungen erst jetzt so gehäuft auf, oder gab es so etwas schon immer?

Maria-Theresia Brauer: Der Anstieg der Widerstands- und Körperverletzungsdelikte zum Nachteil von Polizeibeamten ist meines Erachtens auf eine gestiegene Respektlosigkeit und auf die Zunahme von Frust in der Gesellschaft insgesamt zurückzuführen. Die angespannte Corona-Pandemielage wirkt sich weiter nachteilig aus.

Tom Thieme: Tatsächlich lässt sich seit einigen Jahren eine Verrohung der Umgangsformen innerhalb der Gesellschaft beobachten - ein Trend, der vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Reizthemen Zuwanderung, Klimawandel und nunmehr auch Corona eher noch zugenommen haben dürfte.

Sven Forbriger: Respektlosigkeit, Aggressivität und Gewalt gegenüber Polizeibeamten ist kein Phänomen der jüngeren Geschichte. Derartiges Verhalten wird auch in der Zukunft auf Polizisten zukommen. Darauf stellen wir uns ein.

Verändern diese Dinge auch die Ausbildung von Polizisten?

Maria-Theresia Brauer: Im Studium der angehenden Kommissare der Polizei Sachsen findet das Thema bereits Betrachtung. Eine noch stärkere Verankerung von Ausbildungsinhalten zur Prävention von Gewaltstraftaten gegenüber Polizeibeamten wäre möglich, dann aber wahrscheinlich mit Abstrichen an anderer Stelle verbunden.

Tom Thieme: Die wahrzunehmende Enthemmung geht häufig mit scharfen moralischen Grenzziehungen einher. Gewalt wird dann häufig als „Notwehrhandlung“ gegen vermeintliches Unrecht gerechtfertigt. Die Polizei muss folglich zunehmend die Rolle des Streitschlichters übernehmen, was die Notwendigkeit sozialer Kompetenzen auch und gerade bei Polizisten weiter erhöht.

Sven Forbriger: Themen wie der Umgang mit aggressiven und gewaltbereiten Personen sind schon immer Bestandteil der Aus- und Fortbildung von Polizisten. Wichtiger denn je sind jedoch kommunikative Aspekte. Auch wenn Polizisten per Gesetz zur Ausübung von Gewalt legitimiert sind, so ist und bleibt das wichtigste Einsatzmittel die zwischenmenschliche Kommunikation. Nichts desto trotz werden Polizeibeamte reagieren und handeln, wenn Kommunikation nicht mehr möglich ist. Das Bachelorstudium an der Hochschule ist ein polizeiwissenschaftliches, fachtheoretisches Studium, das in Übungen und mehrwöchigen Praktika mit Praxisanteilen ergänzt wird. Aber der Polizeiberuf ist ein sogenannter „Erfahrungsberuf“ mit der Notwendigkeit zum lebenslangen Lernen.

Wie trainieren Polizisten, bei solchen Vorfällen selbst Ruhe zu bewahren und immer höflich und korrekt zu bleiben, auch wenn es vielleicht im Innern brodelt?

Maria-Theresia Brauer: Im Fokus steht das Training eigener emotionaler Kompetenzen durch geschulte Einsatztrainer und Psychologen. Ziel ist es, auch in Belastungssituationen „einen kühlen Kopf“ bewahren zu können.

Sven Forbriger: Das ist eine interessante Frage für einen tiefergehenden Einblick in den polizeilichen Alltag. Grundsätzlich sind Polizisten deeskalierend wirkend eingestellt. Mein eigenes Credo war immer: Freundlich bleiben bis zur Endkonsequenz, auch wenn ich mal zupacken musste.

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