merken
PLUS Zittau

Die gefährlichen Corona-Lügen

Wissenschaftler der Hochschule Zittau/Görlitz laden zum Corona-Dialog. Die Professorin Karin Fester klärt dabei über verschwörerische Impf-Gerüchte auf.

Prof. Dr. Karin Fester ist Biotechnologin an der Hochschule Zittau/Görlitz.
Prof. Dr. Karin Fester ist Biotechnologin an der Hochschule Zittau/Görlitz. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Die Corona-Krise hat die Gesellschaft gespalten. Viele Menschen zweifeln die Erkenntnisse der Wissenschaft zu dem Virus und daraus resultierende politische Entscheidungen an. Im Netz oder auch auf "Querdenker"-Demonstrationen werden Wissenschaftler angefeindet. Auch zu den Impfstoffen gegen Corona breitet sich teils verschwörerische Skepsis aus.

Im ersten "Corona-Dialog" der Volkshochschule Dreiländereck stellen sich daher am Montagabend, 22. Februar, drei Wissenschaftler der Hochschule Zittau/Görlitz dem Thema "Kann man der Wissenschaft noch glauben?"

TOP Deals
TOP Deals
TOP Deals

Die besten Angebote und Rabatte von Händlern aus unserer Region – ganz egal ob Möbel, Technik oder Sportbedarf – schnell sein und sparen!

Zum Thema Corona-Impfungen sprach SZ mit der Pharmazeutischen Biotechnologin und Apothekerin Professorin Karin Fester von der Hochschule. "Es ist sinnvoll, die Menschen über die Impfstoffe aufzuklären und Verschwörungs-Ideologien zu begegnen", sagt die Wissenschaftlerin.

Impfskeptiker behaupten, die vorliegenden Impfstoffe könnten unmöglich sicher sein, weil man sie in so kurzer Zeit gar nicht entsprechend hätte erproben können. Wie sehen Sie das?

Alle drei in Europa zugelassenen Impfstoffe hat man an vielen Tausend Menschen getestet. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff wurde zum Beispiel an über 20.000 Menschen getestet. Das heißt, etwa 20.000 Menschen erhielten den Impfstoff, 20.000 weitere Probanden erhielten als Placebo eine Kochsalzlösung.

Wie wurden diese Tests vorgenommen?

In der sogenannten ersten klinischen Phase der Tests wird zunächst an wenigen Probanden die Immunogenität, die Sicherheit und Verträglichkeit getestet. In einer zweiten Phase werden an mehreren hundert Teilnehmern die Dosierung und erneut die Sicherheit und Verträglichkeit getestet. Erst in der dritten Phase erfolgt die sogenannte pivotale Zulassungsstudie mit mehreren Tausend Probanden. Diese ist placebokontrolliert, das heißt, die Probanden erhalten Impfstoff oder Placebo. Die Probanden werden zufällig der Placebo- oder Impfstoffgruppe zugeteilt. Weder die Studienärzte noch die Probanden wissen, ob sie den Impfstoff oder die Kochsalzlösung erhalten haben. Erst wenn alle klinischen Studien positiv verlaufen sind, kann die Zulassung beantragt werden. Die sehr umfangreichen Zulassungsunterlagen der Covid-19-Impfstoffe wurden von Experten des Ausschusses für Humanarzneimittel der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) begutachtet. Die Gutachten (Assessment Reports) sind online verfügbar.

Aber wie konnte das so schnell gehen, wo die Entwicklung von Impfstoffen doch üblicherweise etliche Jahre dauert?

Das hat gleich mehrere plausible Gründe. Zum einen wurde bereits seit mehreren Jahren an Impfstoffen gegen ähnliche Viren geforscht, Sars-Cov-1 und MERS. Daraus hatte man schon die Erkenntnis gewonnen, was Immunität verleiht und dass es für einen Impfstoff auf ein charakteristisches Teil auf der Oberfläche des Corona-Virus ankommt - das Spike-Protein. Aufgrund dieser Erkenntnisse lassen sich mRNA- oder Vektor-Impfstoffe, die für die körperliche Immun-Abwehr dieses Spike-Protein darstellen, schneller entwickeln als herkömmliche Impfstoffe. Zudem wurde die Forschung an den Impfstoffen staatlich bezuschusst und die internationale Zusammenarbeit intensiviert. Es standen also enorme Finanzmittel und wissenschaftliche Expertise zur Verfügung. Eine erhebliche Zeitersparnis brachte außerdem das Verfahren, nicht erst den sehr umfangreichen Zulassungsantrag mit allen Daten zu begutachten, sondern die betreffenden Datenpakete bereits nach Abschluss der jeweiligen Studien zu bewerten.

Es gibt jetzt also zwei mRNA-Impfstoffe und einen sogenannten Vektor-Impfstoff. Was ist der Unterschied?

mRNA-Impfstoffe enthalten den Bauplan des Spike-Proteins in der Hülle des Corona-Virus. Die mRNA wird in sogenannte Lipidnanopartikel verpackt. Diese Lipidnanopartikel kann man sich wie kleine Fett-Tröpfchen vorstellen, die die mRNA in die Zellen unseres Körpers hineinschleusen und die mRNA gleichzeitig vor einem zu schnellen Abbau schützen. In den Körperzellen wird dann mit Hilfe der mRNA das Spike-Protein hergestellt. Bruchstücke des Spike-Proteins werden den Zellen des Immunsystem präsentiert. Das Spike-Protein wird als körperfremd erkannt und so die Immunantwort ausgelöst. Der Vektor-Impfstoff enthält Erkältungsviren, die in menschliche Zellen zwar eindringen, sich aber nicht mehr in ihnen vermehren können. Für den AstraZeneca-Impfstoff wurde ein Erkältungsvirus vom Schimpansen so modifiziert, dass er den Bauplan des Spike-Proteins in die Zellen schleust und somit eine Immunreaktion gegen das Spike-Protein auslöst. Auch bei den Impfstoffen vom Gamaleya-Institut (Sputnik V) und von Johnson & Johnson, die noch nicht in der EU zugelassen sind, handelt es sich um Vektor-Impfstoffe. Vektor-Impfstoffe wurden in den letzten Jahren bereits gegen Ebola entwickelt und zugelassen.

Impfskeptiker behaupten, die RNA-Impfstoffe könnten das menschliche Erbgut verändern.

Zunächst einmal: Wäre ein solcher Impfstoff in der Lage, das menschliche Erbgut zu verändern und zu schädigen, so würde es auch das Virus bei einer Infektion selbst tun. Das ist aber nicht der Fall. Das Erbgut liegt als DNA gut geschützt im Zellkern. Es ist ein ständiger Vorgang im Körper, dass der Zellkern RNA-Sequenzen ausschleust, als Bauplan für Proteine. Umgekehrt funktioniert das nicht. Die mRNA des Impfstoffs kann nicht in das Erbgut (die DNA) eingebaut werden. Es kommt also nicht zu Veränderungen des Erbguts. Es gibt allerdings tatsächlich Viren, die sich in das Erbgut einbauen können, etwa das krebsauslösende Papilloma-Virus.

Es gibt Behauptungen von Impfskeptikern, die Impfung könne bei Frauen zu Unfruchtbarkeit führen. Was ist da dran?

Ein wildes Gerücht. Es gibt ein Protein, das wichtig ist für die Bildung der Plazenta. Die Gerüchte sagen, dieses Protein sei dem Spike-Protein des Corona-Virus ähnlich. Wenn der mRNA-Impfstoff also die Bildung von Antikörpern gegen dieses Protein auslöse, könnte sich die Immunabwehr auch gegen das Protein wenden, das zum Aufbau der Plazenta nötig ist. In Wahrheit ist aber gar keine hinreichende Ähnlichkeit dieser beiden Proteine gegeben. Und auch hier gilt: Wenn dem so wäre, würde auch die Infektion mit dem Virus selbst einen Immunangriff auf das Plazenta-Protein auslösen. Und weder bei den Probanden der Impf-Tests, noch in der Corona-Krise wurden dadurch ausgelöste Fälle von Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten beobachtet.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Sie wollen die wichtigsten Nachrichten aus Löbau und/oder Zittau direkt aufs Smartphone gesendet bekommen? Dann melden Sie sich für Push-Nachrichten an.

Weiterführende Artikel

Corona: Sachsen hilft Tschechien mit Impfstoff aus

Corona: Sachsen hilft Tschechien mit Impfstoff aus

Massentestung in der Region Radeberg, Kretschmer schließt Impfpflicht nicht völlig aus, knapp 400 Neuinfektionen in Sachsen - unser Newsblog.

Querdenker wollen sie nicht sein

Querdenker wollen sie nicht sein

Menschen mit kruden Mutmaßungen über die Corona-Pandemie sind in der Oberlausitz mehr verbreitet, als man glaubt. Aber weniger, als sie denken.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Wer uns auf Social Media folgen will:

Mehr zum Thema Zittau