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"Patienten erleiden ein Multi-Organversagen"

Fast 1.000 Corona-Patienten in Ostsachsen in der Klinik, erkrankte Ärzte und Pfleger. Wie geht es weiter? Ein Gespräch mit dem Chef der Dresdner Uniklinik.

Weicher Lockdown, Corona-Leugner, Glühwein-Grüppchen: Michael Albrecht, der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Dresden, übt Kritik am Umgang mit der Pandemie.
Weicher Lockdown, Corona-Leugner, Glühwein-Grüppchen: Michael Albrecht, der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Dresden, übt Kritik am Umgang mit der Pandemie. © dpa/Robert Michael

Dresden. Acht Tote, fast 30 neue Krankenhaus-Patienten: Die Dresdner Corona-Zahlen vom Dienstag geben keinen Anlass zur Hoffnung. Auf den Intensivstationen in der Stadt spielen sich dramatische Szenen ab - etwa jeder dritte Corona-Patient dort stirbt.

Er hätte sich von Anfang an einen harten Lockdown gewünscht, sagt Michael Albrecht, der Medizinische Vorstand des Dresdner Universitätsklinikums. Im Gespräch sagt er, womit er in den nächsten zwei Wochen rechnet, was er von Corona-Leugnern hält, woran Covid-19-Patienten genau sterben, und ob es inzwischen Medikamente gibt, die Erkrankten helfen zu überleben.

Herr Professor Albrecht, wie dramatisch ist die Lage an den Krankenhäusern?

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Wir steuern ja die Patientenverteilung für ganz Ostsachsen. Mit Stand vom Dienstagmorgen gab es knapp 1.000 stationäre Patienten, davon 165 auf einer Intensivstation. Der Großteil von ihnen wird beatmet. Jeden Tag werden in Ostsachsen etwa 150 bis 200 neue Patienten angemeldet. Wir verteilen sie dann dort, wo es freie Betten gibt.

Und am Dresdner Uniklinikum selbst?

Am Uniklinikum selbst werden mit Stand vom Dienstagmorgen 92 Covid-19-Patienten versorgt. Davon befinden sich 39 auf der Intensivstation. Bei uns ist die Intensiv-Patienten-Quote höher, weil wir Intensivpatienten von vielen anderen Häusern übernehmen. Mindestens die Hälfte bis ein Drittel der Erkrankten bei uns kommt nicht aus Dresden, sondern zum Beispiel aus Görlitz, Bautzen, Hoyerswerda oder Zittau.

Wie viele Patienten überleben auf der Intensivstation?

Die Sterblichkeit liegt bei uns zwischen 25 und 40 Prozent. Das hängt natürlich vom Alter ab. Sie können sich vorstellen, dass Patienten, die über 85 Jahre alt sind, eine deutlich niedrigere Chance haben, das zu überstehen. Aber es gibt durchaus auch Patienten im Alter zwischen 50 und 60, die schwere Verläufe haben und für die wir nichts mehr tun können.

Woran sterben diese Patienten genau?

Covid-19 ist nicht einfach nur eine Lungenentzündung. Es ist eine Erkrankung, die den gesamten Körper erfasst. Die Patienten haben alles, was ein schwer erkrankter Intensivpatient haben kann. Sie haben schwerste Gerinnungsstörungen. Diese Gerinnsel können in jedem Organ auftreten. Die Nieren können ausfallen, die Leberfunktion kann schwer gestört sein. Das heißt, die Erkrankten erleiden ein richtiges Multi-Organversagen. Etwa 20 bis 30 Prozent haben außerdem neurologische Probleme, zum Beispiel Lähmungserscheinungen.

Ist absehbar, wie sich die Pandemie in den nächsten Tagen und Wochen entwickeln wird?

Wir sammeln seit März jeden Tag Daten der Gesundheitsämter und der Landesuntersuchungsanstalt sowie alle Fälle in den Krankenhäusern, positive wie negative Testungen, und haben daraus einen Rechenalgorithmus entwickelt. Dieser zeigt, wie sich die Lage in den kommenden zwei Wochen entwickeln könnte.

Da gibt es eine optimistische, eine einigermaßen realistische und eine pessimistische Variante. Für den 15.12. kann ich sagen, dass wir selbst in der moderaten Variante etwa 1.100 Patienten haben werden, aber deutlich mehr auf den Intensivstationen. Weihnachten könnte es im schlimmsten Fall fast zu einer Verdoppelung der Intensivpatienten-Zahl kommen. Wir können anhand der vergangenen Monate sagen, wie oft wir uns geirrt haben. Leider muss ich sagen, dass wir mit unserer mittleren Schätzung immer sehr exakt bei der dann eingetretenen Wirklichkeit lagen.

Was heißt das für die Kapazitäten am Uniklinikum?

Wir steigern die Kapazität immer nach Bedarf und mit Vorlauf. Dafür nutzen wir das Vorhersage-Tool. Das ist bisher einigermaßen gut gelungen. Unsere Grenzen sind aber nicht die Betten, sondern das notwendige Personal. In der Pflege, aber auch bei den Ärzten haben wir im Moment eine relativ hohe Ausfall-Quote, weil Mitarbeiter selbst erkranken. Sie stecken sich gar nicht mal in der Klinik an, sondern zu Hause. Viele haben symptomatische Verläufe. Sie können also dann nach Ablauf der Quarantäne-Zeit nicht ohne Weiteres wieder voll eingesetzt werden. Selbst viele jüngere, erkrankte Mitarbeiter sind dann nicht in der Lage, lange mit Maske zu arbeiten, weil das ziemlich anstrengend ist.

Aber Sie können ja nicht endlos Kapazitäten steigern, oder?

Wir sagen verschiebbare Eingriffe ab, wir schließen jeden Tag OP-Säle. Auf der anderen Seite sind dort aber nicht Patienten, bei denen es um eine Lappalie geht, sondern die auf einen dringenden Eingriff warten. Sie haben Tumor-Erkrankungen, einen Schlaganfall, kardiale Erkrankungen. Diese versuchen wir auch weiter zu behandeln. Das ist ein schwieriger Balanceakt.

Könnte der Einsatz infizierter Mitarbeiter helfen?

Wenn Mitarbeiter infiziert sind und Symptome haben, gibt es gar keine Diskussionen, dass diese zu Hause bleiben. Bis jetzt können wir auch symptomfreie Infizierte in Quarantäne lassen. Das geht noch, muss man sagen. Wenn alles zusammenbrechen sollte, gibt es einen Notfallplan, bei dem dann positiv getestete Mitarbeiter ohne Symptome eingesetzt werden können.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von Corona-Leugnern hören, Covid-19 wäre nicht mehr als eine gewöhnliche Grippe?

Zu Beginn habe ich solche Äußerungen noch als Spinnerei abgetan, doch nun macht es mich zunehmend nur noch wütend. Meine Mitarbeiter schuften seit Monaten bis zum Umfallen und können es nicht nachvollziehen, wenn im Fernsehen Leute gezeigt werden, die sich ohne Maske zum Demonstrieren treffen oder in Gruppen gemeinsam Glühwein trinken. Das will mir einfach nicht in den Kopf.

Eine Verdopplung der Intensivpatienten bis Weihnachten – das klingt kritisch. Ist der bisherige Winter-Lockdown zu weich?

Ich bin relativ unglücklich mit dem moderaten Lockdown. Wir sehen ja, dass Selbstverantwortung ein ganz netter Appell ist, aber zu nichts führt. Ich hätte mir von Anfang an einen harten und viel leichter zu kontrollierenden Lockdown gewünscht. Dann hätte man nach 14 Tagen gesehen, wie sich die Situation entwickelt, und eventuell wieder lockern können. Dass Händler um das Weihnachtsgeschäft bangen, ist schon nachvollziehbar. Aber wenn wir jetzt noch endlos Zeit verlieren, wird es aus dem Ruder laufen. Wir müssen jetzt etwas tun und mit harten Einschränkungen leben. Ein Zwischending ist nicht kontrollierbar und ein Teil der Leute hält sich nicht an Appelle an die Vernunft. [Anmerkung der Redaktion: Etwa zeitgleich mit dem Entstehen dieses Textes hat die sächsische Landesregierung einen zweiten, harten Lockdown ab 14. Dezember angekündigt.]

Noch im Dezember soll es losgehen mit den Impfungen gegen Corona. Wie laufen die Vorbereitungen am Uniklinikum?

Wir sind seit zwei Wochen dabei, für die Impfung unserer Mitarbeiter einen Plan auszuarbeiten. Ich hoffe, dass wir noch vor Weihnachten Impfstoff bekommen und beginnen können. Wir sind auch involviert in den Aufbau der Impfzentren und werden bei Engpässen unterstützen, auch in Pflegeheimen.

Nicht alle Menschen können in den nächsten Wochen sofort geimpft werden. Gibt es denn Lichtblicke bei der medikamentösen Behandlung von Covid-19?

Unterm Strich kann man sagen, dass kein Therapieverfahren ein Allheilmittel ist. Es kommt darauf an, wie alt der Patient ist, wann die Behandlung begonnen wird und wie schwer die Erkrankung verläuft. Bei der Behandlung derer, die nicht auf die Intensivstation müssen, sehen wir, dass der frühzeitige Einsatz von Cortison, das wir im März und April in dieser Form nicht flächendeckend genutzt haben, schon Besserungen bringt. Ich denke, dass man damit den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Bei Remdesivir haben wir bei einzelnen gute Erfolge gesehen, bei anderen gar keine, mäßige oder schlechte. Auch bei anderen Medikamenten wird es sicherlich Effekte geben. Es ist aber nicht so, dass man dann geheilt und vor einem schweren Verlauf geschützt ist.

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