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Dresdens Tourismus in Schockstarre

Die neuesten Übernachtungszahlen zeigen, dass sich mit Geschäftsreisenden kaum Geld verdienen lässt. Die Hotels fordern eine Öffnungsperspektive.

Fast menschenleer ist der Neumarkt in Dresden. Der Lockdown verhindert, dass sich auf diesem Platz wie gewöhnlich eine große Anzahl von Touristen und Bewohnern aufhält.
Fast menschenleer ist der Neumarkt in Dresden. Der Lockdown verhindert, dass sich auf diesem Platz wie gewöhnlich eine große Anzahl von Touristen und Bewohnern aufhält. © Matthias Rietschel/dpa-Zentralbild

Dresden. Wie viele Bereiche der Wirtschaft leidet auch die Dresdner Tourismusbranche unter der Corona-Pandemie. Fehlende Umsätze und damit verbundene Existenzsorgen, drohende Mitarbeiterentlassungen und im schlimmsten Fall die Insolvenz treiben Unternehmer in der Dresdner Tourismuswirtschaft seit Monaten um.

Für den Monat November, in dem der zweite Lockdown begann, liegen nun die Übernachtungszahlen von Geschäftsreisenden vor. Das Ergebnis: In Dresden buchten nur noch 21.850 Gäste ein Zimmer. Das sind knapp 88 Prozent weniger als im November des vergangenen Jahres, teilt die Dresden Marketinggesellschaft mit. Während Urlaubsübernachtungen bis heute verboten sind, sind dringend notwendige Geschäftsreisen erlaubt. Sie verhindern den kompletten Stillstand.

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Sieben Wohnwelten – ein Geschäft
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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Für Dezember gibt es noch keine konkreten Übernachtungszahlen. Da in dem Monat Monaten aber ebenfalls jegliche Beherbergung von Urlaubern verboten war, kann Johannes Lohmeyer, Chef des Dresdner Tourismusverbandes (TVD), recht gut abschätzen, wie die Dresdner Hoteliers das Jahr abgeschlossen haben. "Wir rechnen aufs Jahr gesehen mit einem Umsatzverlust von 80 Prozent", sagte der Vorsitzende des Tourismusverbandes, der selbst Hotelier ist, zuletzt. Dramatisch sei der fehlende Striezelmarkt, so Lohmeyer.

Öffnungsperspektive für Tourismusbranche gefordert

Doch betroffen sind nicht nur Hotels und Restaurants, so der Tourismusverband. Zur Branche gehören außerdem Reiseveranstalter, Event- und Kongressagenturen sowie Gästeführer. Sie alle leiden darunter, dass Privatreisen und Veranstaltungen seit Monaten untersagt sind sowie Geschäftsreisen auf ein absolutes Minimum reduziert wurden.

Hinzu kommen Rechtsunsicherheiten, in welche Hilfsgelder-Kategorien die Unternehmen fallen, ein hoher bürokratischer Aufwand bei der Antragstellung für staatliche Unterstützungsleistungen und Kurzarbeitergeld, sowie Probleme und lange Laufzeiten bei der Auszahlung der benötigten finanziellen Mittel.

Tourismuschef Johannes Lohmeyer fordert eine klare Öffnungsperspektive für die Dresdner Tourismusbranche.
Tourismuschef Johannes Lohmeyer fordert eine klare Öffnungsperspektive für die Dresdner Tourismusbranche. © Archiv Sven Ellger

"Die Tourismusbranche braucht dringend eine verlässliche Öffnungsperspektive. Gab es während des ersten Lockdowns noch viel Optimismus und Aufbauwillen, herrschen inzwischen Verunsicherung und Verzweiflung vor", sagt Lohmeyer.

"Wir haben uns in eine Art Winterschlaf begeben"

Hart trifft es auch die Gästeführer. Sie können seit Monaten keine Touristen mehr durch die Stadt führen. Sie sind oft Soloselbstständige und haben oftmals kaum Betriebsausgaben, auf die die üblichen Hilfsgelder abzielen, sondern bestreiten aus ihren Einnahmen ihren Lebensunterhalt. Viele Gästeführer haben nicht einmal einen Steuerberater.

Insofern sind die Hürden für die Antragstellung von Sofort- und Überbrückungshilfen für sie ungleich höher, für einige Gelder kommen sie gar nicht in Betracht. Dennoch konnten einige von ihnen vom 1.000-Euro-Corona-Zuschuss der Stadt im Frühling 2020 profitieren und haben Anträge auf November- und Dezemberhilfe gestellt, die bislang teilweise als Abschlag oder sogar komplett ausgezahlt wurden.

"Viele Gästeführer mussten trotz allem Sozialhilfe beantragen oder sind bereits in andere Branchen abgewandert - vom Job als Kassiererin bis hin zum Wiedereinstieg in den ehe-maligen Beruf", sagt Carola Knipping, stellvertretende TVD-Vorsitzende und seit vielen Jahren als Gästeführerin selbstständig. "Es bleibt also die große Frage, wer von den Kolleginnen und Kollegen nachher wieder am Markt sein wird."

Auch Kersten Roscher von "Barokkokko - Die Erlebnisagentur" berichtet von einem nie da gewesenen Tiefpunkt, was die Anfragen angeht. Er und seine Kollegen bieten in Dresden unter anderem historische Stadtrundgänge mit Schauspiel und Animation an. Ob langjährige Partner wie Restaurants in Dresden nach der Pandemie noch am Markt sind, sei ungewiss.

Ebenso warte das Unternehmen immer noch auf die Auszahlung der Novemberhilfe. "Wir haben uns in eine Art Winterschlaf begeben, in dem wir unsere Ressourcen auf ein absolutes Minimum gesenkt haben, und hoffen, ab Ostern wieder in der Stadt mit Gästen präsent zu sein. Mal sehen, ob das eintrifft. Die Hoffnung stirbt zuletzt", so Roscher.

Deutsche Gäste buchen den Sommerurlaub sehr verhalten

"Da kein Ende des Lockdowns und keine Strategie in Sicht seien, außer alles dicht zu machen, könne man kaum für die Zukunft planen", sagt Dagmar Renger von Erlebnistouren Dresden. "Der jetzt häufiger zu vernehmende Aufruf nach vorn zu schauen, wird zur Farce. Es ist ungewiss, wann das Beherbergungsverbot aufgehoben wird, Gaststätten, Geschäfte, Theater, Museen wieder öffnen dürfen."

Es sehe im Moment düster aus: "Wir haben jetzt endlich die Überbrückungshilfe II erhalten, aber auf die Novemberhilfe warten wir weiterhin. Damit gibt es auch eine große Unsicherheit, wie wir Maßnahmen wie Anzeigen, Druckkosten und Systemgebühren finanzieren sollen, die für den Neustart notwendig sind", so Renger weiter.

Anke Herrmann, Inhaberin des Dresdner Aktivreiseveranstalters Augustus-Tours, zeichnet ein gemischtes Bild. Es seien nun auch die von 2020 auf 2021 umgebuchten Reisen internationaler Gäste in Gefahr. Reisen für das Frühjahr werden abgesagt und teilweise auf Herbst umgebucht. "Unsere britischen Gäste gehen davon aus, dass frühestens im Juni wieder Reisen stattfinden", so die Unternehmerin.

Laut Marketinggesellschaft kamen im November lediglich 1.827 Gäste aus dem Ausland nach Dresden. Normalerweise wären es fast doppelt so viele. Ein Problem, das aufgrund von Reisewarnungen seit dem ersten Lockdown fortbesteht. Besonders drastisch war 2020 der Rückgang US-amerikanischer, russischer und britischer Gäste.

"Das Fehlen der internationalen Gäste verspüren wir auch bei den Aktivreisen. In diesem Bereich kommt hinzu, dass auch deutsche Gäste im Moment nur sehr verhalten ihren aktiven Sommerurlaub anfragen oder gar buchen", sagt sie. Normalerweise müsste sie im Januar und Februar Überstunden machen. Jetzt seien die Kollegen zum Teil noch in Kurzarbeit und betreuen ihre kleinen Kinder.

Gibt es noch Tagungen und Kongresse?

"Die Politik muss wahrnehmen, dass auch wir als Veranstaltungsagentur von den Hotel-, Restaurant- oder Museumsschließungen direkt betroffen sind, selbst wenn wir grundsätzlich weiterarbeiten", fordert Susan Uhlemann, eine der Geschäftsführerinnen der Fuchs Event + Incentive GmbH in Dresden.

Das Kerngeschäft, die Umsetzung von Firmenveranstaltungen als Rundumpaket mit Übernachtungen, Verpflegung, Rahmen- und Abendprogrammen, sei erneut komplett zum Erliegen gekommen. "Unsere Veranstaltungen lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen, sie benötigen Planungsvorlauf", sagt sie.

"Die vergangenen Monate haben deutliche Spuren am Geschäft und Umsatz der Tagungshotels und allen Unternehmen der Branche hinterlassen. Eine Schockstarre blieb hierbei wohl kaum aus", sagt auch Sebastian Klink, General Manager des Bilderberg Bellevue Hotel Dresden und Mitglied im Dresden Convention Bureau, das sich gemeinsam mit der Dresden Marketing GmbH der nationalen und internationalen Vermarktung des Kongressstandorts Dresden widmet.

Hoffnungen liegen auf einen schnellen Aufschwung

Doch er blickt auch mit Optimismus in die Zukunft. "Hinzu kommt der Trend in Richtung der B-Destinationen wie Dresden, die als Gastgeber für Veranstaltungen und Kongresse eine steigende Nachfrage erfahren können."

Auch das klassische Urlaubsgeschäft könnte schnell wieder anziehen, hoffen die Touristiker. Das war schon im Sommer der Fall, als Dresden vor allem von deutschen Feriengästen profitierte. Über das gesamte Jahr (bis November) gesehen, steht Dresden mit den Touristenzahlen deshalb noch mit am besten da unter Deutschlands Großstädten. Nirgendwo war der Rückgang der Übernachtungszahlen mit rund 35 Prozent geringer im Krisenjahr 2020. Frankfurt zum Beispiel büßte knapp 60 Prozent an Übernachtungen ein, verglichen mit dem Vorjahr.

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