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"Für uns ist Corona noch nicht vorbei"

Beschäftigte der Corona-Intensivstation des Uniklinikums in Dresden haben vor fünf Monaten von ihrem harten Alltag berichtet. Wie geht es ihnen jetzt?

Oberarzt Peter Spieth, Pflegerin Michaela Strätz und der pflegerische Leiter Marco Reinhardt (v. l. n. r.) kümmern sich auf der Covid-Intensivstation der Dresdner Uniklinik um die Patienten.
Oberarzt Peter Spieth, Pflegerin Michaela Strätz und der pflegerische Leiter Marco Reinhardt (v. l. n. r.) kümmern sich auf der Covid-Intensivstation der Dresdner Uniklinik um die Patienten. © Ronald Bonß

Die Schritte haben ihre Kraft verloren. Kein Stapfen, kein Marschieren mehr. Nur müde Flure, Rollschränke auf PVC-Belag. „Wir haben keine Kraft mehr“, sagt Michaela Strätz und blickt in ein Krankenzimmer. Die 35-Jährige kümmert sich auf der Covid-Intensivstation des Uniklinikums in Dresden um die schwersten Fälle der Region. Zu Jahresbeginn, als die zweite Corona-Welle die Station überrollte, erzählte die Pflegerin der SZ von ihrem Alltag. Außerdem der pflegerische Leiter, der Oberarzt und eine Physiotherapeutin. Damals sagten sie, dass gerade keine Zeit bleibe, um über das Elend, die vielen Todesfälle nachzudenken. Inzwischen sind zehn von 30 Betten wieder für andere Intensivfälle freigegeben.

„Für uns ist es hier noch lange nicht vorbei“, sagt Strätz. Vor ihr liegt der Jüngste auf der Station. Blasen bilden sich vorm Mund des Mannes Anfang 30. Beutel, Monitore und Maschinen, Geräte piepsen. Durch daumendicke Schläuche fließt sein Blut. Aus verkrusteten Wunden in eine Ecmo-Maschine und wieder aus ihr heraus. Weil die Lunge nicht mehr kann, versorgt sie sein Blut mit Sauerstoff und tauscht es aus. Seit gut drei Wochen liegt er auf Station. Wie im Januar hängen konstant rund zehn Patienten an solchen Ecmos.

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Peter Spieth, Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor, klickt sich an einem Tresen durch Patientenakten. „In der dritten Welle sind die Patienten noch jünger, die Verläufe schwerer“, sagt er. Weniger Neuaufnahmen, mehr Langzeit-Therapien. Ältere Menschen sterben früher. Derzeit reicht das Alter von 30 bis zu Mitte 60.

Monitore und Maschinen, Geräte und Schläuche halten die Patienten am Leben. Auf der Covid-Intensivstation des Uniklinikums in Dresden liegen die schwersten Fälle der Region.
Monitore und Maschinen, Geräte und Schläuche halten die Patienten am Leben. Auf der Covid-Intensivstation des Uniklinikums in Dresden liegen die schwersten Fälle der Region. © Ronald Bonß

Nur wenn Hoffnung besteht, übernimmt Spieth Leute aus anderen Kliniken. „Solange jemand bei uns liegt, ist er auf der Kippe.“ Statistisch gesehen sind 47 Prozent der Ecmo-Patienten in Dresden gestorben. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient stirbt, ist aber völlig irrelevant, während er hier liegt. Für den sind es immer 100 Prozent. So könnten wir auch nicht arbeiten. Wir wissen ja vorher nicht, wer zu den 50 Prozent gehört, die sterben.“

Eine hellgraue Kabine schwebt über einer Frau, deren Gesicht hinter Pflastern und Schläuchen kaum zu sehen ist. Die Frau Anfang 60 wird geröntgt. Die Haut über ihren Brüsten ist gerissen, in ihrer Nase stecken Tampons gegen Blutungen, ihre geschwollenen Füße wirken, als hätte man sie aufgepumpt. Bei kranken Menschen läuft oft Flüssigkeit in das Gewebe. Liegen sie dann noch auf dem Bauch, reißt ihre Haut. Die Bauchlage gehört zu den wenigen Behandlungsmöglichkeiten, das Herz drückt dann nicht auf die Lunge, Sekret läuft besser ab.

Die meisten Patienten sind übergewichtig, kein Schlauch darf verrutschen, keine Falte im Laken bleiben. Fünf Leute fassen an, um Menschen umzudrehen. Ein Kraftakt. Einen Patienten mit 150 Kilogramm hat das Team 23-mal auf den Bauch und wieder zurückgedreht. Er ist Mitte Mai gestorben.

„Man merkt den Leuten an, dass sie den Winter mitgemacht haben“, sagt Marco Reinhardt, Chef der Pflege auf Station. „Gern würde man sagen: ‚Fahrt doch zur Kur an die Ostsee, vergesst das alles‘ – was aber auch nicht geht.“ An manchem Abend habe er wach im Bett gelegen und gedacht: „Können wir diesen Ansturm noch beherrschen? Können wir jedem maximale Therapie bieten? Was, wenn plötzlich alle krank werden? Woher kriege ich Personal?“ In der Hochphase halfen Kräfte aus der Anästhesie. „Wir hatten schon weit vor der Pandemie ein Personalproblem. Das hat sich nicht verbessert.“

Gerade wenn eine Pflegerin zu viele Menschen parallel betreuen muss, zweifelt sie oft an dem Job. „So geht sie nach Hause, fällt um und schläft. Mit einem normalen Leben ist das nicht zu vereinbaren. Die Schwester will nicht nach Hause gehen und sich sagen: Ich konnte nicht das Beste geben.“

Michaela Strätz nickt. Sie sitzt mit Reinhardt und Oberarzt Spieth in einem Raum am Rande der Station. Einige aus ihrem Kollegium haben kürzlich gekündigt. Wegen der Arbeitsbedingungen, der Überforderung. Der Applaus vergangenes Frühjahr verhallte schnell. Die versprochene Revolution, sie lässt noch auf sich warten. Strätz studiert nebenher Pädagogik, findet dadurch Ausgleich. Doch auch sie hat gezweifelt, ob sie dem Ganzen gewachsen sei. „Zwei Ecmos zu betreuen, ist eine Hausnummer“, sagt sie. „Man steht die ganze Zeit unter Adrenalin. Wenn eine Ecmo steht, ist der Patient binnen Sekunden tot.“

Normalerweise sei gerade die Abwechslung der Anreiz von Intensivstationen. „Wenn man einen Patienten mehrere Tage betreut hat und merkt, dass es emotional anstrengend ist, teilt der Schichtleiter einen morgen woanders ein. Wenn die ganze Station voll mit Covid liegt, bringt das nichts.“ Jeden Tag das gleiche Krankheitsbild: „Das macht einen völlig Banane im Kopf, weil man weiß, wie oft es im Keller landet – im Exitusraum.“ Vor Corona sind wesentlich weniger Menschen auf der Station gestorben. „Wir sind ja dafür da, dass Leute nicht sterben.“

Blick in die Covid-Intensivstation der Dresdner Uniklinik.
Blick in die Covid-Intensivstation der Dresdner Uniklinik. © Ronald Bonß

Marco Reinhardt sagt, dass er auf keiner anderen Station arbeiten wollte: „Die Breite, der Grenzbereich des Möglichen in der Medizin, das permanente Updaten, sich verbessern, der technische Fortschritt, die Enge zwischen Pflege und Ärzten – man macht viel mehr, als man im normalen Krankenhausalltag als Pflegekraft macht, übernimmt mehr Verantwortung.“

Eva Krumbiegel hat bis zur Pandemie nur 20 Prozent auf der Intensiv- und die restlichen 80 auf Normalstation gearbeitet. Die Physiotherapeutin ist gerade krankgeschrieben, erzählt per Telefon vom vergangenen Jahr. Während der Pandemie arbeitet jede Kraft nur noch auf einer Station, um Infektionsketten zu unterbrechen. Auf die Intensivstation kommt nur, wer wirklich will. „Für mich war es gar keine Frage, dort zu helfen“, sagt Krumbiegel. „Als Physiotherapeutin hatte ich vorher nichts mit dem Prozedere des Sterbens zu tun. Ich komme zum Dienst, und während einer Schicht sterben fünf Leute. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin 26. Wenn meine Oma vom Krieg erzählt hat, war das Grauen nie greifbar. Mit der Pandemie hat sich das schlagartig geändert.“

Seit gut einem Jahr hilft Eva Krumbiegel vor allem Komatösen, beweglich zu bleiben. Am besten bleiben jene in Erinnerung, die noch keine künstliche Luftröhre im Rachen haben. „Mit denen konnte man sich unterhalten. Aber es verschwimmt alles. Der Durchlauf war so hoch. Ein paar krasse Schicksale waren da, der Familienpapa, der bei uns gelegen hat.“ Immer wieder spielte Krumbiegel ihm eine Audioaufnahme vor. „Da hat die Mutti gesprochen: Gib dir Mühe und kämpfe!“ Der Mann ist gestorben. „Dann ein Patient weit über 85, mit dem wir viel Spaß hatten, der trotz allem gut drauf war.“ Über Nacht verschlechterte sich sein Zustand, Organe versagten. Während Krumbiegel mit dem Patienten im Nachbarbett Gymnastik machte, drehte ein Team den Senioren. Seine Werte verschlechterten sich weiter, Pfleger und Arzt brachen ab. „Man konnte nichts weiter machen. Alles war ausgeschöpft. Ich bin mit rüber, habe Kissen weggezogen, damit er wenigstens noch eine Chance hat, auf dem Rücken zu sterben.“

Eines Morgens auf Arbeit erwartet Krumbiegel ein friedliches Bild. Ein Patient, den sie noch am Vortag betreut hat, liegt im Bett. Die Monitore sind abgeschaltet. „Man hat sich so hilflos gefühlt. Wieder jemand, der es nicht geschafft hat. Jede Lagerungstherapie, jedes Medikament, alle Menschen, die sich Mühe gegeben haben, konnten ihn nicht retten. Da verabschiedet man sich auf seine Weise, drückt noch mal die Hand.“ Michaela Strätz erinnert sich an einen Familienvater mit schlechter Prognose. „Ich dachte immer, dass er es nicht schafft. Ich saß mit ihm auf der Bettkante, habe Familienfotos mit ihm angeguckt.“ Der Mann ist inzwischen zu Hause.

Schon vor Corona nahmen manche Fälle das Personal stärker mit. „Wenn Kinder versterben, ist es ganz furchtbar“, sagt Reinhardt. „Ich bin bewusst nicht auf einer Kinder-Intensivstation.“ Auch an die Aussichtslosen erinnere man sich besonders, „wo man mit unwahrscheinlicher Einsatzbereitschaft doch allen bewiesen hat, dass man den Menschen retten konnte.“

Als die SZ im Januar auf Station war, war ein Mann Anfang 40 gerade dabei, aufzuwachen. Er hatte seine Mutter durch Corona verloren, sie bis zum Tod gepflegt, sich dabei selbst infiziert.„Die Chancen, dass er nicht überlebt, waren sehr hoch“, sagt Reinhardt. Einige Wochen später hat der Mann ein Video gesendet. „Er hat sich vorgestellt, sagte, dass er ein schwieriger Fall war, es mehrfach auf der Kippe stand, er sich ganz herzlich dafür bedanken will, was wir für ihn getan haben. Dass es ihm jetzt wieder ganz gut geht, er beginne zu laufen.“

In der dritten Welle der Pandemie sind die Patienten auf der Intensivstation jünger, die Verläufe schwerer. Zwar gibt es weniger Neuaufnahmen, dafür aber mehr Langzeit-Therapien.
In der dritten Welle der Pandemie sind die Patienten auf der Intensivstation jünger, die Verläufe schwerer. Zwar gibt es weniger Neuaufnahmen, dafür aber mehr Langzeit-Therapien. © Ronald Bonß

Videos, Briefe mit Fotos, Anrufe von Überlebenden: „Das motiviert uns, treibt uns an“, sagt Reinhardt. „Wenn man die Rückkopplung kriegt, sagt man: Hat sich schon gelohnt, der Riesenaufwand.“ Oft unterhalte sich die Station den ganzen Tag darüber. „Für viele ist es nicht das Erste, uns Bescheid zu sagen, dass es ihnen besser geht. Wer eine Intensivtherapie überlebt, löscht diese Erfahrung gern. Das Hirn hat dafür bestimmt gute Gründe. Viele können sich erst ab der Rehaphase wieder erinnern.“

Michaela Strätz begrüßt einen Kollegen, der zwei Männer versorgt. Beide Anfang 60, beide hängen an Ecmo-Maschinen, das Blut des einen fließt zusätzlich durch die Dialyse, auch seine Niere versagt. Verbände hüllen die thrombosegeplagten Beine und Zehen des einen Mannes ein. Aus der Nase des anderen zieht ein Pfleger mit einer übergroßen Spritze eine Mischung aus Magensekret, Blut und Ernährung. „Wir müssen prüfen, wie gut er verdaut. Optimal ist, wenn man gar nichts rausziehen kann“, sagt Strätz. Sollten die Männer überleben, würde man sie bald nicht mehr erkennen, ohne Schwellungen und Wunden. „Es könnte sein, dass ich Straßenbahn fahre und ehemaligen Patienten begegne, ohne dass einer von uns es merkt“, sagt Strätz. Wie viel Zeit, Kraft und Hoffnung Fremde in sie gesteckt haben, wissen Patienten selten. „Wer dankbare Patienten will, muss Hausarzt oder plastischer Chirurg werden“, sagt Peter Spieth. „Wenn sich ein Patient an einen Anästhesisten erinnert, ist irgendwas nicht optimal gelaufen. In der Intensivmedizin ist es auch so.“

Verarbeiten lässt sich all das fast nur untereinander. „Auf einer Intensivstation sieht man täglich Bilder, die Außenstehende sich nicht ansatzweise vorstellen können“, sagt Marco Reinhardt. „Mit Leuten von außerhalb brauchen wir über unsere Arbeit nicht viel zu reden. Das versteht keiner, kann sich keiner vorstellen. Es ist auch nicht sinnvoll, der Welt Horrorbilder zu erklären.“ Ab Dezember hat ein Psychologe die Station begleitet. „Wir fangen mit dem Verarbeiten hier schon an“, sagt Michaela Strätz. „Wir reden beim Essen, in der Umkleide, in WhatsApp-Gruppen.“ Eva Krumbiegel hat ihrer Familie viel erzählt. „Kratzbürstig“ sei sie oft gewesen, weniger geduldig und erschöpft.

Marco Reinhardt hat gelernt, „dass man doch unglaubliche Dinge hinbekommen kann. Dass es doch geht, man wie in einer Art Kriegszustand durchkommt. Die Leute halten erstaunlich viel aus, wenn sie wissen, worum es geht.“ 95 Prozent der Station seien geimpft. Eine Quote mehr als doppelt so hoch gegenüber den Pflegenden im gesamten Klinikum. Team und Krankenhäuser hat die Pandemie zusammengeschweißt. Einstige Konkurrenten hätten wahrgenommen, „dass wir ihnen ganz gut aus der Patsche geholfen haben“, sagt Spieth.

Mit einer vierten Virus-Welle rechnen alle auf der Station. „Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass wieder die ganze Station mit Covid-Patienten voll ist“, sagt Marco Reinhardt. „Aber auch nicht, dass wir in den nächsten zehn Monaten einen Tag erleben, an dem keiner da ist.“ Mehr Aufmerksamkeit für die Pflege, „mehr als Blumen und klatschen“ wünscht sich Eva Krumbiegel. „Einfach mal zuhören. Das wäre angebracht.“

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Bis zur Rente, sagt Michaela Strätz, werde sie den Job auf keinen Fall ausüben. Dazu fehlt selbst ihr die Kraft.

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