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Dresdner sind fast so mobil wie vor der Krise

Wie hat sich die Mobilität in der Pandemie verändert und welche Folgen hatte das auf die Infektionszahlen? Ein Dresdner Wissenschaftler hat das untersucht.

Dresden erwacht aus dem zweiten Corona-Winter - und ist fast so mobil wie vor der Krise. Schadet das im Kampf gegen die Pandemie?
Dresden erwacht aus dem zweiten Corona-Winter - und ist fast so mobil wie vor der Krise. Schadet das im Kampf gegen die Pandemie? © René Meinig

Dresden. Die Formel klingt denkbar einfach: Wer weniger unterwegs ist, hat weniger Kontakte zu anderen Menschen und verringert somit sein Ansteckungsrisiko. Vor diesem Hintergrund haben Bund und Länder in den vergangenen Monaten Anreize aus dem Weg geschafft, unterwegs zu sein. Hotelübernachtungen sind verboten worden, Homeoffice ist überall zur Pflicht geworden, wo es möglich ist, und viele Geschäfte dürfen Kunden nur per Click & Meet empfangen. Aber hat das alles wirklich dazu beigetragen, die Mobilität zu verringern und somit die zweite und die dritte Welle zu brechen?

Wie haben sich die Corona-Regeln auf die Mobilität in Dresden ausgewirkt?

Vom Stillstand zum Comeback – so könnte man das vergangene Jahr beschreiben. Verließen die Dresdner im April 2020 – mitten im ersten Lockdown – kaum ihre unmittelbare Umgebung, so schwärmten sie im Juli sogar stärker aus als im Sommer davor. So sank die Zahl der erfassten Bewegungen zunächst auf knapp minus 75 Prozent unter dem Normalniveau. Mit Abebben der ersten Welle und dem Lockdown-Ende nahm die Zahl der Bewegungen schließlich zu und lag im Hochsommer etwa plus 15 Prozent über dem üblichen Level. Der übermäßige Bewegungsdrang mit Reisen an die Ostsee, aber auch nach Spanien, Kroatien und Italien, hielt bis Ende Oktober an und mündete schließlich in der zweiten Corona-Welle.

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Wie ging es danach weiter?

Im sogenannten „Lockdown light“, der im November in Kraft trat und einen normalen Schul- und Kitabetrieb sowie geöffnete Geschäfte ermöglichte, ging die Mobilität zwar ebenfalls zurück, aber bei weitem nicht so stark wie im Frühjahr. Ungeachtet der vielen Neuinfektionen und Todesfälle schraubten die Dresdner ihre Bewegungen nur auf minus 10 bis 20 Prozent unter dem Normalniveau zurück. „Dies könnte damit zusammenhängen, dass die zu diesem Zeitpunkt geltenden Restriktionen vergleichsweise schwach waren und sich im Wesentlichen auf Besuche bei Gastronomie und Hotellerie beschränkten“, schätzt Professor Joachim Ragnitz vom Dresdner Ifo-Institut das Bewegungsverhalten ein. In seiner Analyse, die sich auf ganz Deutschland bezieht, nutzt er unter anderem anonymisierte Mobilfunkdaten.

Erst in der zweiten Dezemberwoche, und damit noch vor der Verschärfung der Restriktionen, sei die Mobilität deutlicher zurückgegangen. In Dresden sank sie stellenweise auf minus 50 Prozent. „Hierzu scheinen unter anderem die eindringlichen Appelle der Politik zur Vermeidung ‚unnötiger‘ Reisen und dadurch ausgelöste Verhaltensänderungen der Bevölkerung beigetragen zu haben.“

Seit dem Jahreswechsel steigt die Zahl der Bewegungen allerdings wieder und liegt inzwischen fast auf Vorkrisenniveau. Daran hat auch die Notbremse nichts geändert. „All dies zeigt, dass der Lockdown die gewünschten Wirkungen auf das Mobilitätsverhalten der Menschen durchaus erreicht hat“, so Ragnitz. „Die annähernde Stabilität des Mobilitätsverhaltens seit dem Jahresanfang 2021 deutet dementsprechend darauf hin, dass es sich hierbei um Bewegungen handelt, auf die nicht ohne Weiteres verzichtet werden konnte.“

Wo sind die Dresdner aktuell am agilsten?

Ganz klar sind das die Menschen im Westen der Stadt. Dort sind am vergangenen Freitag minus sechs Prozent weniger Wege gezählt worden. Anders ist das im Dresdner Osten, der neben Loschwitz und Bühlau auch die Neustadt umfasst. Am vergangenen Freitag lag die Zahl der Bewegungen bei minus 20 Prozent, verglichen mit den Mai-Freitagen 2019.

Was heißt das für die Infektionszahlen?

Die Corona-Regeln sind stets damit begründet worden, dass auf diese Weise das Infektionsgeschehen eingedämmt werden sollte. RKI-Chef Lothar Wieler betonte im Dezember, Mobilität und Kontakte seien die Treiber der Pandemie. „Dass eine Verringerung von Kontakten die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus verringert, ist dabei auch unstrittig“, so Ragnitz. Nur könne kein zeitlicher Zusammenhang zwischen der Zahl der Neuinfektionen und dem Mobilitätsverhalten festgestellt werden. „So nahm die Zahl der Neuinfektionen bis Mitte Dezember trotz rückläufiger Mobilität zu; ab Januar wiederum nahmen die Infektionszahlen bei weitgehend konstanter Zahl der Reisen deutlich ab.“ Parallelen seien lediglich für die Weihnachtsfeiertage zu sehen.

Auch ein erwarteter zeitverzögerter Effekt ließe sich nicht finden. „Zu erwarten wäre, dass eine hohe Mobilität mit gewisser Zeitverzögerung auch zu einem hohen Niveau beziehungsweise einer Zunahme der Infektionen in den nachfolgenden Wochen führt.“ Dies sei aber nicht der Fall. Genauso könne statistisch nicht nachgewiesen werden, dass sehr hohe Infektionszahlen in einer Region die Menschen dort dazu bewegen, zu Hause zu bleiben.

Was heißt das nun?

„Vieles spricht dafür, dass der Rückgang der Infektionszahlen seit Ende des vergangenen Jahres in engem Zusammenhang mit der Vermeidung von Kontakten steht“, schlussfolgert Ragnitz. Diese Aussage widerspreche keinesfalls der Erkenntnis, dass es zwischen Neuinfektionen und Mobilität kaum einen statistischen Zusammenhang gibt. Die Ergebnisse deuteten vielmehr darauf hin, dass wirksame Kontakteinschränkungen nicht notwendigerweise auch eine Verringerung der (großräumigen) Mobilität voraussetzen, so der Wirtschaftsforscher.

Diese Einschätzung hat aber keinen Einfluss auf die Bundes-Notbremse. So zählt Dresden auch zum Wochenstart mehr als 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Nächtliche Ausgangssperren bleiben deshalb weiterhin in Kraft. Außerdem darf in Geschäften des nicht täglichen Bedarfs nur mit Termin und negativem Schnelltestergebnis geshoppt werden. Gaststätten müssen geschlossen bleiben, Hotels dürfen nur Geschäftsreisende beherbergen.

Professor Dr. Joachim Ragnitz ist stellvertretender Leiter der Dresdner Niederlassung des Instituts für Wirtschaftsforschung Ifo.
Professor Dr. Joachim Ragnitz ist stellvertretender Leiter der Dresdner Niederlassung des Instituts für Wirtschaftsforschung Ifo. © PR

Woher wissen Forscher und Politiker, wie wir uns bewegen?

Um die Reisefreudigkeit der Deutschen beurteilen zu können, bedienen sich Wissenschaftler inzwischen mehrerer Quellen. Eine ist der Mobilitätsmonitor der Berliner Humboldt-Universität und des Robert-Koch-Instituts. Dieser zeigt, wie sich die tägliche Zahl längerer Wege im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 entwickelt hat. Dabei wird auf Mobilfunkdaten zurückgegriffen. Diese werden für größere Gebiete zusammengefasst und anonymisiert. Die Forscher sehen also nicht, wie sich eine einzelne Person bewegt. Als Bewegung wird dabei gewertet, wenn ein Nutzer eine Mobilfunkzelle verlässt und sich in einer neuen anmeldet und dort für längere Zeit bleibt. Eine Funkzelle kann in einer Großstadt wie Dresden einen Durchmesser von weniger als 100 Metern haben.

Dresden ist für den Mobilitätsmonitor in vier Gebiete unterteilt worden: Der Norden umfasst unter anderem Klotzsche, Hellerau, Weixdorf und Langebrück. Der westliche Teil reicht von Trachau bis hinüber auf die andere Elbseite nach Löbtau, Cotta, Gorbitz und Cossebaude. Zum südlichen Teil haben die Wissenschaftler unter anderem die Friedrichstadt, die Altstadt, Plauen, die Südvorstadt, Prohlis und Leuben zusammengefasst, also den Großteil der Altstädter Elbseite. Der östliche Teil umfasst dagegen weite Bereiche der Neustädter Seite – von Pillnitz über Bühlau und Loschwitz bis zur Inneren und Äußeren Neustadt.

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