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Masken aus Sachsen werden nicht gefördert

Hersteller in Sachsen folgten dem Ruf der Regierung, FFP2-Masken herzustellen. Das taten sie, investierten – und wurden im Stich gelassen.

Die FFP2-Maske „made in saxony“ könnte längst massenweise vom Band laufen und das zu wettbewerbsfähigen Preisen. Doch von der Landesregierung gibt es bislang keine Großaufträge.
Die FFP2-Maske „made in saxony“ könnte längst massenweise vom Band laufen und das zu wettbewerbsfähigen Preisen. Doch von der Landesregierung gibt es bislang keine Großaufträge. © www.imago-images.de

Andre Langs Standardtest von Schutzmasken läuft immer wie folgt ab: Mittags aus dem Büro raus, die Treppe hinunter, über den Hof der Firma bis zum Pennymarkt im Ort. Dort einkaufen, Mittagessen holen und dann wieder zurück ins Büro. „Danach haben Sie einen guten Eindruck, wie Sie sich danach fühlen – gut oder ob Sie schnaufen wie ein Walross, weil Sie keine Luft bekommen“, sagt der Chef des Vliesherstellers Norafin aus Mildenau.

Lang hat in den letzten zehn Monaten Hunderte von Masken auf diese Art und Weise geprüft. Denn er wollte die perfekte FFP2-Maske entwickeln: mit hoher Filtrationsleistung, durch die sich gut atmen lässt. Und die in Sachsen produziert wird. Im vergangenen Frühjahr folgten er und sein Geschäftspartner Tobias Reissmann, Geschäftsführer der Xenon Automatisierungs GmbH in Dresden, dem Aufruf der Bundesregierung, geeignete Filter-Vliesstoffe für FFP2-Masken herzustellen und eine heimische Maskenproduktion aufzubauen. Rund 100 Millionen Euro an Fördermitteln stellte der Bund zur Verfügung für die Herstellung der Vliesstoffe und für Investitionen in Maskenanlagen. Je lokaler und innovativer die Lieferkette, desto höher die Förderquoten von 30 bis 50 Prozent wurden in Aussicht gestellt.

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Die Firma Xenon investierte über 750.000 Euro in die Entwicklung einer voll automatisierten Maskenfertigung. „Bei unserer Anlage muss die Maske nicht angefasst werden bis hin zur hygienischen Verpackung“, betont Reissmann. Verpackung und Qualitätssicherung seien im automatisierten Produktionsprozess integriert, während die Masken bei Wettbewerbern am Ende oft lose in den Karton fallen würden und per Hand geprüft und verpackt werden müssten, erläutert der Xenon-Chef die Innovation seiner Anlage. Auch die Leistungsfähigkeit lässt sich sehen. Mit der Fertigungsanlage können 60 Masken pro Minute, 250.000 Masken in der Woche oder bis zu einer Million Masken im Monat hergestellt werden – und das bei überschaubaren Personalkosten.

Tobias Reissmann, Geschäftsführer der Firma Xenon Automatisierungstechnik GmbH, mit der Eigenentwicklung einer FFP2-Maske.
Tobias Reissmann, Geschäftsführer der Firma Xenon Automatisierungstechnik GmbH, mit der Eigenentwicklung einer FFP2-Maske. © Jürgen Lösel

Norafin steckte einen sechsstelligen Betrag in die aufwendige Prüf- und Zertifizierungsprozedur. „Meltblown-Vliesstoffe sind viele im Markt, aber die wenigsten sind für FFP2-Masken tauglich“, sagt Lang. Die Firma hat die Zusammenarbeit mit Meltblown-Lieferanten intensiviert, um deren Maschinen auf die Verarbeitung feinster Fasern einzustellen. 300 verschiedenste Kombinationen wurden ausprobiert, dafür extra der eigene Prüfstand erweitert und die Mitarbeiter geschult. Das Ergebnis ist eine Faltmaske, die nach eigenen Angaben dünner und leichter ist als die Konkurrenz, durch die sich deshalb besser atmen lässt, die aber dennoch eine hohe Filterleistung schafft.

Auch gäbe es beim Aufsetzen keine Druckstellen oder nach vorn geklappte Ohren. Die FFP2-Maske „made in saxony“ könnte längst massenweise vom Band laufen und das zu wettbewerbsfähigen Preisen. Doch von der Landesregierung gibt es bislang keine Großaufträge. Und bei den Förderprogrammen des Bundes gingen Xenon und Norafin leer aus. Einen Tag vor Weihnachten kam der endgültige Bescheid mit dem kurzen Satz „Sie konnten leider nicht berücksichtigt werden.“ „Der Antrag hätte genehmigt werden müssen, aus unserer Sicht haben wir alles richtig gemacht“, betont Reissmann. Das Produkt wie der Produktionsprozess seien innovativ und lokal, die Rohstoffe und Maschinen kämen von deutschen Lieferanten. „Vielleicht haben sie nicht ausreichend dargestellt, wie nachhaltig die Lieferkette ist“, überlegt der Xenon-Chef selbstkritisch.

Die von Norafin entwickelte Maske erfüllt ein Nachhaltigkeitskriterium: Sie verbraucht weniger Material, schont also die Ressourcen. Dennoch bleibt sie ein Wegwerfartikel. „Eine wiederverwertbare FFP2-Maske herzustellen, ist technisch unmöglich“, so Reissmann.

Unternehmer fühlen sich im Stich gelassen

Auch Andre Lang ist enttäuscht und wütend über die Pressemeldungen, als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier Ende November der Firma Skylotec in Neuwied den ersten Förderbescheid persönlich überbrachte, „einer Firma, die niemand in der Textilbranche kannte“, so Lang. Skylotec ist Marktführer für Produkte der Absturzsicherung und wird nun mit drei Anlagen 54 Millionen FFP2-Schutzmasken und 543 Millionen medizinische Gesichtsmasken produzieren, vom Bund gefördert mit 3,2 Millionen Euro.

Lang und Reissmann beklagen ein „völlig intransparentes“ Auswahlverfahren, weil weder die Mitglieder der Bewertungskommission bekannt seien, noch welche Firmen einen Zuschlag erhalten hätten. Sie vermuten, dass andere Firmen und Landesregierungen „bessere Verbindungen nach Berlin“ hätten. Beim Bundeswirtschaftsministerium nachgefragt, heißt es dort, dass man aus „Datenschutzgründen und zur Wahrung der Neutralität und Unabhängigkeit“ die Mitglieder der Gutachterkommission nicht nennen dürfe. Dem Verband der Nord-Ostdeutschen Textilindustrie ist nicht bekannt, dass überhaupt ein Verbandsmitglied eine Förderung erhielt.

Auch von der sächsischen Landesregierung fühlen sich die Unternehmer im Stich gelassen. „Ich habe Wirtschaftsminister Martin Dulig im August persönlich Mustermasken in die Hand gedrückt“, sagt Reissmann. Das Einzige, was erreicht wurde, war, dass Dulig einen Förderbescheid zur VTI-Mitgliederversammlung im September mitbrachte, um einen Teil der Prüfkosten im Sächsischen Textilinstitut zu finanzieren. Dort entsteht eine Prüfstrecke für FFP2-Schutzmasken und medizinische Gesichtsmasken. „Der erste Einsatzfall der Prüfanlage wird vermutlich im kommenden September sein, im Prinzip nach der Pandemie“, sagt Lang. Das helfe der sächsischen Wirtschaft nicht.

Polizei trägt KN95-Masken

Er und seine Mitarbeiter haben sich ein Hobby daraus gemacht, bei Fernsehnachrichten genau hinzuschauen, welche Masken Politiker tragen. „Selbst wenn sie über FFP2-Masken reden, ziehen sie sich anschließend eine KN95-Maske aus China über“, so Lang und kritisiert vehement, dass Pflegeheime, Lehrerschaft und Polizei in Sachsen mit Schutzmasken aus Asien versorgt werden. „Es kann nicht sein, dass hier Expertise und Kapazitäten aufgebaut werden und dann kommen die Behörden und geben Masken aus, die nicht nach europäischen Normen zertifiziert sind“, regt sich der Vlieshersteller auf.

Im sächsischen Innenministerium wird bestätigt, dass die Polizei „überwiegend mit KN95-Masken“ ausgestattet wird. Die Landesregierung hat im Frühjahr 2020 aufgrund fehlender deutscher Produkte Masken „von einer Vielzahl verschiedener chinesischer Hersteller“ beschafft, heißt es auf Nachfrage der SZ. Dann seien die Bestände aber nicht abgerufen worden, so dass das Pandemie-Reservelager noch gut gefüllt ist. Es sei jedoch davon auszugehen, „dass eine Ausschreibung zur Beschaffung von FFP2-Masken zeitnah in die Wege geleitet wird“, betont eine Sprecherin.

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So lange will Xenon nicht warten. Reissmann ist in Gesprächen mit einem Unternehmen, das den weltweiten Vertrieb der Anlage plant. „Wir haben uns entschieden, mit diesem Partner jetzt den Weg nach Europa und Amerika zu gehen“, sagt der Manager. Die Marktchancen seien gut. Viele europäische Regierungen würden Fertigungszentren aufbauen, um die eigene Bevölkerung mit Masken zu versorgen. „Wir können das Komplettpaket liefern, aus Anlage und Rohmaterial.“

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