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Der Frust vor dem Lockendown

Friseure dürfen am Montag öffnen. Das Handwerk ist dennoch aufgebracht: auch über Auflagen und Kosten.

Endlich wieder eine professionelle Dauerwelle - darauf freuen sich viel. Am 1. März 2021 dürfen Friseurbetriebe in Deutschland nach monatelanger Zwangspause wieder öffnen.
Endlich wieder eine professionelle Dauerwelle - darauf freuen sich viel. Am 1. März 2021 dürfen Friseurbetriebe in Deutschland nach monatelanger Zwangspause wieder öffnen. © dpa

Beatrice Kade-Günther ist stinksauer. Dabei sollte die Chefin der in Gründung befindlichen Friseur- und Kosmetikinnung Dresden eher Grund zur Freude haben. Schließlich dürfen die Salons in Sachsen am Montag wieder öffnen – nach gut zehn Wochen coronabedingter Zwangspause. Doch wie bei der Verweigerung von Zuschüssen für pandemiegeschädigte Firmen und der wochenlangen Ablehnung des Abholservices Click & Collect geht der Freistaat einen Sonderweg: Zusätzlich zu Hygieneauflagen der Berufsgenossenschaft gilt für die Betriebsinhaber und ihre Mitarbeiter eine wöchentliche Testpflicht.

Sachsens Sozialministerium beruft sich auf noch vergleichsweise hohe Infektionszahlen und die nahe Grenze zu Tschechien, einem „Virusvarianten-Gebiet“. Eine Vergleichbarkeit mit anderen Bundesländern sei „aufgrund der unterschiedlichen Risikofaktoren immer nur bedingt möglich“.

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Die Dresdner Innungschefin spricht von einer haarsträubenden Entscheidung. Laut Medizinabgabegesetz dürften Apotheken und Großhandel keine Tests an Friseure verkaufen, sondern nur an Krankenhäuser, Haus- und Betriebsärzte, Apotheken und das Rote Kreuz. Tests dürften nur private und öffentliche Teststellen durchführen, die vor allem auf dem Land fehlten. Und Hausärzte testeten nicht ohne Verdacht. „Die Preise schwanken zwischen rund 20 Euro im Covid-Testzentrum Dresden und 50 bis 80 Euro in Apotheken“, weiß Kade-Günther. Sie habe auch von „gut 100 Euro am Dresdner Flughafen“ gehört.

Auch samstags bis 22 Uhr offen

„Warum übernimmt nicht der Freistaat die Kosten, der sie uns auferlegt hat“, fragt die Innungschefin. Nun müssten die Kunden tiefer in die Tasche greifen. Mit dem Hygieneaufschlag vom letzten Frühjahr sei es nicht mehr getan. Die Geschäftsführerin spricht von acht bis zwölf Euro. „Einige erhöhen generell die Preise“, sagt sie.

Schon im ersten Lockdown galten strenge Hygieneregeln mit Maskenpflicht, Abstandsregeln, weniger Kunden und Mitarbeitende zeitgleich im Raum. Nun werden FFP2- oder OP-Masken und besagte Tests zur Pflicht – Zeit, die zur Arbeit fehle, so Kade-Günther. Da im Salon pro Person 20 Quadratmeter Fläche vorgeschrieben seien, könnten weniger Mitarbeitende gleichzeitig waschen, schneiden, föhnen. Wegen des Kundenansturms arbeiteten Salons in Schichten bis 22 Uhr, auch samstags. Angesichts dessen sorgt sich Kade-Günther um die Lehrlinge, die im Mai ihre Gesellenprüfung haben und jetzt arbeiten und üben müssten – „das geht gar nicht“, schimpft sie.

Auch der Präsident der Dresdner Handwerkskammer hat bei dem Thema Haare auf den Zähnen. Friseure hätten Monate auf die Fixkostenerstattung für Dezember warten müssen, und ein Unternehmerlohn als Entschädigung sei nicht in Sicht. „Als Dank hilft der Freistaat diesen Betrieben nun noch die Kosten für die Testung über“, wettert Jörg Dittrich. Das zerstöre Existenzen und befördere Schwarzarbeit. „Wenn die Landesregierung Tests möchte, dann muss sie dafür auch die Kosten tragen oder kostenfreie Tests für die Inhaber von Friseursalons und deren Mitarbeiter organisieren“, schlussfolgert der Kammerpräsident. Ansonsten müsse die Testpflicht zurückgenommen werden.

Vorbild Österreich

Sachsens Sozialministerium verweist auf „Auflagen des Arbeitsschutzes, die dem Infektionsschutz von Angestellten und Kunden dienen und durch den Arbeitgeber zu gewährleisten sind“. Das gelte auch für die Testkosten. „Der Bund hat angekündigt, im März kostenlose Testmöglichkeiten anzubieten, die dann auch von den Friseursalons in Anspruch genommen werden können“, sagt ein Sprecher.

Für Tests vor Ort braucht es nach Ansicht von Innungschefin Kade-Günther einen eigenen Eingang, einen separaten Raum, extra abgestelltes, geschultes Personal unter Vollschutz. Und was wäre ihre Lösung? „Einfach zurück zu den Regeln vom November, das reicht vollkommen.“

Österreich zeigt seit vier Wochen, wie es gehen kann. Wer sich dort die Haare schneiden lassen will, braucht einen höchstens 48 Stunden alten negativen Corona-Test. „Es funktioniert“, sagt Bundesinnungsmeister Wolfgang Eder zur SZ. Sorgen vor bürokratischem und logistischen Aufwand hätten sich zerstreut, weil es immer mehr Teststationen gebe. Auch Apotheken böten Tests an. Und die Kosten seien in der Alpenrepublik weder für die Salons noch für ihre Kundschaft ein Thema. „Der Bund bezahlt die Tests“, so Eder.

Warnung vor Friseursterben

Abgesehen vom Stadt-Landgefälle sei die Lage für die Zunft nicht schlecht, sagt Österreichs Oberfriseur mit eigenem Laden in Salzburg. In Dörfern gebe es kaum Testmöglichkeiten. „Auch Salons in Einkaufszentren haben es schwer, weil sie vor allem von Laufkundschaft leben“, sagt er. Schließlich brauche der spontane Friseurbesuch auch eine nahe Testmöglichkeit. „Daher bleibt unsere Forderung nach Selbsttests in den Salons bestehen.“

Wiederholt hatten auch Sachsens Kammern und Verbände vor einem Friseursterben durch die Corona-Krise gewarnt. Laut Wirtschaftsauskunftei Creditreform gibt es im Freistaat 3.289 Friseurunternehmen, darunter viele Solisten. Drei Viertel der Läden haben höchstens vier Beschäftigte.

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Vom Erfolg der Friseurregelung hängt nicht nur für die Zunft viel ab. Auch das gebeutelte Gastgewerbe fordert Pläne zur Wiederöffnung der Betriebe. Trotz der Generalabsage von Sachsens Premier Michael Kretschmer (CDU) hat die Branche das Ostergeschäft noch nicht aufgegeben. Feldversuche mit Schnelltests für Mitarbeiter und Gäste in Augustusburg und Oberwiesenthal könnten zu Lockerungen verhelfen, hofft der Hotel- und Gaststättenverband. Es sei möglich, nur Gäste und Mitarbeiter zusammenzubringen, die ein negatives Testergebnis vorweisen, heißt es vom Dehoga. In Abständen von drei Tagen müsse sich jeder erneut testen, um Zugang zum Restaurant oder Hotel zu erhalten.

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