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"Wir haben Corona überstanden"

Sechs Menschen aus Görlitz und Niesky erzählen von ihrer Erkrankung. Sie zeigen, wie unberechenbar Corona nach wie vor ist. Und sie machen trotzdem Mut.

Ramona Lauer, Birgit Kiok, Uwe Restetzki, Frank Gröll, Alfred Hoffmann und René Straube erzählen ihre Geschichte.
Ramona Lauer, Birgit Kiok, Uwe Restetzki, Frank Gröll, Alfred Hoffmann und René Straube erzählen ihre Geschichte. © SZ-Bildstelle, Nikolai Schmidt

Als die erste Corona-Welle im Frühjahr durch Deutschland rollte, da blieb der Kreis Görlitz weitgehend von dem neuen Virus verschont. Sicher: Der Ausbruch im Nieskyer Altenheim „Abendfrieden“ war damals dramatisch. Aber seinerzeit gelang es, ihn auf das Heim zu beschränken. Jedenfalls wurde das Virus in der „normalen“ Bevölkerung im Frühjahr kaum nachgewiesen, auch wenn wegen der geringen Testkapazitäten mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen ist. Doch nun, im Herbst, ist alles anders.

Jetzt kennt jeder jemanden, der sich mit dem Virus infizierte und erkrankte. Und viel zu viele müssen den Tod naher Verwandter beklagen. Dabei ist der Eindruck entstanden: Wer sich mit Corona infiziert, landet über kurz oder lang im Krankenhaus, dann auf der Intensivstation. Und schließlich stirbt er. Aber so ist es nicht. Corona hat nach wie vor viele Gesichter. Tausende haben im Landkreis Görlitz die Krankheit auch bereits überstanden. Sechs von ihnen erzählen hier ihre Geschichte – auch um zu zeigen, Corona muss kein Todesurteil sein.

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„Ich war erst einmal verunsichert“

Frank Gröll auf einem Archivbild: Seit 2019 leitet er das Augustum-Annen-Gymnasium.
Frank Gröll auf einem Archivbild: Seit 2019 leitet er das Augustum-Annen-Gymnasium. © SZ-Archiv: Nikolai Schmidt

Schulleiter Frank Gröll hatte schon Hoffnung, ohne Symptome durch seine Corona-Infektion zu kommen. War aber nicht so.

Frank Gröll ist noch krank. „Diese riesige Spanne der Symptome finde ich am belastendsten“, sagt er. „Man kann es einfach nicht einordnen. Es gab Tage, an denen ich Untertemperatur hatte und am nächsten Tag hohes Fieber.“ Oder von der einen auf die andere Minute kamen Gelenkschmerzen dazu. „Dinge, die man nicht erwartet. Für mich als Laien ist das einfach seltsam.“

Als Frank Gröll zum Test ging, hatte er keine Symptome. Lehrer in Sachsen können sich einmal pro Woche auf eine Corona-Infektion testen lassen. Frank Gröll ist Leiter des Augustum-Annen-Gymnasiums in Görlitz, wo derzeit mehrere Schüler und Lehrer erkrankt sind. Die Klassenstufen 11 und 12 sind zu Hause, ebenfalls eine achte Klasse. Als die Fallzahlen in Görlitz immer mehr stiegen – auch in Grölls Bekanntenkreis und an seiner Schule – nutzte er die Test-Möglichkeit.

Am Dienstag vorm Buß- und Bettag ging er zur Hausärztin, „danach habe ich gar nicht mehr weiter daran gedacht.“ Weil er keine Symptome hatte. „Am Abend hatte ich dann mal nach den Ergebnissen geschaut.“ Dafür bekommt man bei der Testung einen QR-Code, mit dem man im Internet sein Testergebnis einsehen kann. Bei Frank Gröll ein positives. „Ich war erstmal verunsichert. Der erste Gedanke war: Ich will nicht ins Krankenhaus. Obwohl ich keine Symptome hatte, mir gingen trotzdem irgendwie die Bilder von Bergamo durch den Kopf.“ Die sich in den folgenden Tagen aber in die Hoffnung wandelten, symptomfrei zu bleiben. „War aber nicht so. Es fing an mit Geruchs- und Geschmacksstörungen, Grippe-Symptomen, wie man sie kennt. Und dann lag ich richtig flach“, erzählt der 46-Jährige.

Die Quelle der Infektion lässt sich nicht zurückverfolgen. „Ich kann es wirklich nicht sagen. Ich kann höchstens vermuten: Schule oder Einkauf. Etwas anderes haben wir nicht mehr gemacht.“ Am nächsten Tag, am Feiertag, informierte er das Schulamt, seine Frau und er begaben sich in Quarantäne. Einige Tage später kam der Anruf vom Gesundheitsamt mit der Nachricht, die er schon kannte. „Man bekommt ein Merkblatt, wie man sich zu Hause verhalten soll. Man kann versuchen, das umzusetzen.“ Aber richtig alltagstauglich sei es nicht. „Soweit irgend möglich, habe ich mich versucht abzusondern von der Familie. Aber es gibt einfach Situationen, wo man sich doch begegnet im selben Haushalt.“

Die Zeit, als es ihm noch gut ging und seit es ihm nun wieder besser geht, vertreibt er sich mit Home-Office. „Als Lehrer kann man einfach nicht lange im Bett bleiben.“ Welche Auswirkungen die Corona-Pandemie haben kann, spürt Gröll derzeit auch an seiner Schule. „Wir haben in der letzten häuslichen Lernzeit im Frühjahr Konzepte für solche Fälle entwickelt. Teils helfen die uns jetzt, teils haben wir auch noch Baustellen.“Zum Beispiel versucht das Augustum-Annen-Gymnasium für Schüler, die in Quarantäne sind, den Unterricht per Video-Stream nach Hause zu bringen. „Ein Thema, das mich bewegt, ist die technische Unterstützung für finanziell schwächere Familien“, sagt Gröll. „Ansonsten kann ich nur wiederholen, was schon so oft gesagt wurde: Ich wünsche mir, dass sich alle an die Regelungen halten. Es ist einfach so, es liegt am Verhalten der Gesellschaft, wie sich die Situation entwickelt, auch für uns als Schule.“

„Man fragt sich: Wen habe ich vielleicht angesteckt?“

Uwe Restetzki leitete die Berufsfeuerwehr und die Freiwillige Feuerwehr Görlitz. In seiner Familie erlebte er, wie unterschiedlich Corona sich auswirkt.
Uwe Restetzki leitete die Berufsfeuerwehr und die Freiwillige Feuerwehr Görlitz. In seiner Familie erlebte er, wie unterschiedlich Corona sich auswirkt. © SZ-Archiv / Nikolai Schmidt

Feuerwehrchef Uwe Restetzki hatte fast keine Symptome. Dennoch belastet Corona die Familie sehr.

Ein Kratzen im Hals, leichte Kopfschmerzen. „Wüsste ich nichts von Corona, hätte ich gesagt, ich habe ein Herbstwetter-Gefühl.“ Aber er wusste von Corona, und auch, dass er Kontakt zu einer infizierten Person hatte. „Am 30. Oktober bin ich für einen Test zum Hausarzt gegangen.“ 24 Stunden später sah er sein Ergebnis in der Internet-App, positiv.

„Ich hatte erst mal weniger Angst um mich. Weil es mir ja gut ging“, erzählt er. „Klar macht man sich auch Gedanken, ob sich das noch ändert. Vor allem aber habe ich mir Gedanken gemacht, wen ich möglicherweise angesteckt haben könnte. Das war eigentlich das Erste, was mir in den Kopf schoss.“ Alle, die ihm einfielen, rief er an. Einen Tag später kam auch der Anruf vom Gesundheitsamt.

Wer nun wen infiziert hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, aber tatsächlich waren mehrere Familienmitglieder von Uwe Restetzki betroffen. Fast alle ohne oder nur mit leichten Symptomen. Bis auf eine nahe Verwandte. Zwei Tage, bevor Restetzki zum Test ging, wurde sie ins Klinikum eingeliefert. „Sie hatte schwere Atemnot und musste ins künstliche Koma versetzt werden.“ Die Gedanken um sie machten die Situation noch schwerer. Am belastendsten sei für ihn das Ohnmachtsgefühl gewesen. Nichts für die Verwandte im Krankenhaus tun zu können. „Logisch, ich durfte quasi doppelt nicht ins Klinikum als selbst Corona-Infizierter.“

Und nichts für sich selbst tun können. „Man darf ja nirgendwo hingehen. Hätte ich auch niemals gemacht. Das sind dann solche ganz primitiven Dinge, die plötzlich für Verunsicherung sorgen. Zum Beispiel: Die Milch ist alle.“ Einige Lebensmittel hatten Restetzkis im Haus, als sie sich von einem Abend auf den nächsten Morgen in Quarantäne begaben. „Was man eben ganz normal da hat. Aber zum Glück hat bei uns das Netzwerk um uns herum gut funktioniert.“ Ein anderer Verwandter machte zum Beispiel einen großen Wocheneinkauf für Restetzkis. „Ich hatte mich ins ehemalige Kinderzimmer verzogen. Meine Frau blieb in Wohn- und Schlafzimmer.“

Bücher hatte sich Restetzki rausgesucht, „ein bisschen habe ich gelesen.“ Aber ansonsten arbeitete er im Home-Office. „Ich habe Verwaltungsarbeiten gemacht, zum Beispiel Anträge zur Beschaffung von Ausrüstung bearbeitet“, erzählt er. „Mir selbst ging es ja gut. Man fühlt sich in dieser Situation dann schnell gefangen.“ Beruflich ist er immer auf Abruf: Seit bald 30 Jahren leitet er die Berufsfeuerwehr Görlitz und die Freiwillige Feuerwehr.

Auch seine Frau wurde positiv getestet, auch sie hatte kaum Symptome. Einen – logistischen – Vorteil hatte es: „Zumindest wir mussten uns nicht mehr voneinander fernhalten.“ Auch für die Verwandte, die ins Krankenhaus musste, rief Uwe Restetzki mögliche Kontaktpersonen an. Zwei Wochen lang war sie auf der Intensivstation. Am 13. November verlor sie den Kampf gegen Corona, sie starb nach einem Multiorganversagen. „Für mich ist das ein sehr emotionales Thema. Auch wenn meine Frau und ich kaum Symptome hatten, die psychische Belastung ist riesig für die ganze Familie.

„Die Ärzte und Pfleger haben mir Mut gegeben“

Ramona Lauer ist auf dem Weg der Besserung.
Ramona Lauer ist auf dem Weg der Besserung. ©  Nikolai Schmidt

Ramona Lauer musste auf die Intensivstation – und ist den Mitarbeitern im Krankenhaus sehr dankbar.

Am Donnerstag ist Ramona Lauer zum ersten Mal wieder einkaufen gegangen. Vorher ging es nicht, es war noch zu anstrengend, zu schnell blieb die Puste weg. An die Daten kann sich Ramona Lauer genau erinnern. Am 22. Oktober ließ sie sich testen. Sie arbeitet im gleichnamigen Immobilienbüro ihres Mannes, wo die Frau eines Kollegen positiv getestet wurde. „Zu dem Zeitpunkt war ich noch symptomfrei.“ Den Test machten sie und andere Kollegen im Büro, um Gewissheit zu haben. „Am 23. bekam ich den Anruf, dass ich leider positiv getestet wurde. Ich bin sofort nach Hause gefahren.“

Zunächst seien die Symptome unauffällig gewesen. Leichte Halsschmerzen, Husten, nichts, was für die Jahreszeit ungewöhnlich gewesen wäre. „Am 28. Oktober kamen dann aber richtige Erkrankungszeichen. Ich habe mich abgeschlagen gefühlt, war kurzatmig.“ Am 30. wies ihre Hausärztin sie ins Krankenhaus ein, nachdem sie Auffälligkeiten in der Lunge festgestellt hatte. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich zum Beispiel Probleme, Treppen zu laufen.“

14.30 Uhr kam sie im Städtischen Klinikum an. Sofort seien viele Untersuchungen gemacht worden, die Lunge geröntgt, Blut abgenommen, Geräte zur Überwachung des Zustandes angeschlossen. „Mir ging es zunehmend schlechter. Ich saß auf dem Bett, hatte Atemnot und Probleme beim Sprechen. Da kam wirklich die Angst auf. Ich kannte das nicht. Ich war gesund vorher.“ Leichte Diabetes, aber ansonsten ist die 60-Jährige ein aktiver, auch sportlicher Mensch. Bei Koweg besucht sie eine Sportgruppe, manchmal den Trimm-dich-Pfad in Rauschwalde.

Nach einem MRT der Lunge konnte ein Arzt etwas Entwarnung geben, eine Lun-genembolie war es wahrscheinlich nicht. Dennoch brauchte es Zeit, wieder auf die Beine zu kommen. Bis zum 10. November war Ramona Lauer auf der Intensivstation, dann wurde sie auf die Normalstation verlegt, die sie am 13. verlassen konnte.

„Hut ab vor allen Mitarbeitern im Klinikum“, die sie nicht nur medizinisch gut behandelten, sondern ihr auch Mut machten. Die alles möglich machten, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Das Telefon war in diesem Fall ein wichtiger Begleiter. „Es haben viele an mich gedacht. Und das ist schön und wichtig zu wissen.“ Vor allem gilt ihr Dank auch den Mitarbeitern im Klinikum. „Es ist eine extrem aufwendige Arbeit, die sie leisten“. Es sei nicht nur die Arbeit in der Schutzkleidung, die ständig zu wechseln ist, und extrem auf Sicherheit zu achten, sondern es müssen auch Krankheitsverläufe und Behandlung akribisch dokumentiert werden. Trotzdem hätten die Ärzte, Schwestern, Pfleger immer Zeit für ermunternde und motivierende Worte gefunden. „Und das, obwohl sie selbst einem Risiko ausgesetzt sind.“ Auch wenn im Vollschutz gearbeitet wird, ein gewisses Risiko bleibe.

„Es geht mir wesentlich besser“, sagt Ramona Lauer, „aber die Belastbarkeit stößt noch an ihre Grenzen.“ Manchmal verlange es der Körper noch, eine Pause einzulegen. Der Trimm-dich-Pfad wird noch eine Weile auf sie warten müssen.

„Am schwersten ist, nichts tun zu können“

Birgit Kiok ist Wohnbereichsleiterin im Pflegeheim „Abendfrieden“ in Niesky.
Birgit Kiok ist Wohnbereichsleiterin im Pflegeheim „Abendfrieden“ in Niesky. ©  Nikolai Schmidt

Als es im Nieskyer Pflegeheim „Abendfrieden“ einen Ausbruch gab, waren auch viele Mitarbeiter betroffen wie Birgit Kiok.

Fast den ganzen April war Birgit Kiok zu Hause. „Die Zeit, als bei uns der Hotspot war“, sagt sie. Birgit Kiok ist Wohnbereichsleiterin im Pflegeheim „Abendfrieden“ in Niesky, wo es im Frühjahr einen Ausbruch der Pandemie gab, zahlreiche Mitarbeiter und Bewohner erkrankten. „Nach den ersten Fällen gab es eine Massentestung“, erzählt sie. „Und dann sind wir in ein Loch gefallen. Es war unfassbar, wie viele Corona hatten.“ Sie selbst auch.

„Als der Test war, hatte ich noch keine Symptome, keinen Husten, nichts. Ich habe allergisches Asthma und nehme Medikamente. Vielleicht lag es daran, dass es bei mir die Lunge nicht betroffen hat.“ Die Krankheit zeigte sich bei ihr anders, mit Magen-Darm-Schmerzen, „ich hatte richtige Krämpfe.“ Alle Hausmittel, die sie als Pflegerin kennt, hätten nichts genützt. „Ein paar Tage bin ich gar nicht hochgekommen.“

Ihr Partner kümmerte sich um sie, ging für sie zur Apotheke, kochte, „ obwohl ich eine Woche kaum was runterbekommen habe. Als es besser ging, habe ich die Ernährung langsam wieder aufgebaut“, erzählt sie. „Das kenne ich ja von meinem Beruf.“ Aber was sie nicht von sich kannte, war das Schwächegefühl, „zum Beispiel, dass man nach dem Wäscheaufhängen knülle ist.“

Ihr Partner und ihre Tochter haben ihr sehr beigestanden. „Ich hätte in diesen Tagen nicht gewusst, was ich alleine hätte machen sollen.“ Oft schrieb sie sich über WhatsApp mit Kollegen, die ebenfalls erkrankt waren oder im „Abendfrieden“ arbeiteten. „Das war eine schwere Zeit. Aber auch eine, die uns zusammengeschweißt hat.“ Am stärksten bedrückt habe sie, nichts tun zu können. „Da habe ich noch Glück. Ich habe ein Haus und einen Garten.“ Ein sehr aktiver Mensch sei sie, zum Beispiel viel mit dem Fahrrad unterwegs. „Ich kenne hier viele Menschen. Darüber bin ich so dankbar.“ Mit manchen telefonierte oder schrieb sie, einige kamen zum Gartenzaun, um zu winken, erzählt sie.

Mit dem „Abendfrieden“ ist Birgit Kiok seit Langem verbunden. „Ich arbeite hier seit 1981.“ Das Geschehen im Frühjahr war für die 55-Jährige bislang die schwerste Situation. „Ich selbst war ja zu Hause.“ In Gedanken war sie aber viel im Pflegeheim. „Für die Bewohner ist es die letzte Station ihres Lebens“, erklärt sie. „Viele von ihnen haben multimorbide Erkrankungen. Es ist für mich plausibel, dass ein solcher Virus sie zuerst und am schwersten trifft. Aber so viele ... Das war einfach nur schrecklich.“ Zahlreiche Menschen waren im „Abendfrieden“ im Frühjahr infiziert, zwölf Menschen starben im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

„Das Schlimmste für mich war, dass wir uns nicht verabschieden konnten. Das gehört einfach dazu. Wir begrüßen die Menschen bei uns – und wir verabschieden uns von ihnen.“ Das sei ein festes Ritual. „Für die Angehörigen muss es noch viel schlimmer gewesen sein. Wir sind keine Angehörigen, trotzdem, wir sind unseren Bewohnern eng verbunden, verbringen jeden Tag viel Zeit mit ihnen.“

Später gab es einen Abschieds-Gottesdienst in der Brüdergemeine. „Ganz viele Angehörige waren dabei. Mit war das so wichtig, ihnen noch einmal die Hand geben, noch ein paar Worte mit ihnen sprechen zu können. Ich glaube, ihnen auch.“

„Das schlechte Gewissen schlägt aufs Gemüt“

Auch der katholische Generalvikar von Görlitz, Dr. Alfred Hoffmann, steckte sich wie der Görlitzer Bischof, Wolfgang Ipolt, mit dem Virus an. Wo und wann genau, das wissen beide bis heute nicht.
Auch der katholische Generalvikar von Görlitz, Dr. Alfred Hoffmann, steckte sich wie der Görlitzer Bischof, Wolfgang Ipolt, mit dem Virus an. Wo und wann genau, das wissen beide bis heute nicht. ©  Nikolai Schmidt

Generalvikar Alfred Hoffmann brauchte drei Wochen, bevor er das Coronavirus besiegt hatte.

Wenn sich der katholische Generalvikar von Görlitz, Alfred Hoffmann, an seine Corona-Erkrankung erinnert, dann ist da vor allem die „große Müdigkeit“. Das kannte der 62-Jährige zuvor nicht, der schlank, drahtig wirkt, keine Vorerkrankungen oder Allergien hat, keine Medikamente nimmt. Der zu Fuß durch halb Europa gepilgert ist und selbst von sich sagt, dass „ich ein wenig sportlich bin“. Noch heute, knapp drei Wochen nach der Genesung, schlafe er noch gern und länger als zuvor.

Dabei begann alles an einem Sonntag im Oktober mit ein bisschen Husten und dem Gefühl, „dass die Stirn heiß wird“. Fieber war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In anderen Jahren hätte Alfred Hoffmann an eine Erkältung gedacht, doch angesichts der Pandemie war er „hochsensibilisiert“ und ging am Montag nicht erst ins Büro, sondern gleich zum Hausarzt. Der sah die Lage auch noch nicht dramatisch, machte aber zur Sicherheit einen Test. Tags darauf das Ergebnis: Corona-positiv. Das war am 20. Oktober.

Wo sich Hoffmann mit dem Virus infizierte, das kann er wie so viele nicht mehr nachvollziehen. Umso quälender der Gedanke in den ersten Tagen danach: Hoffentlich habe ich niemanden angesteckt. Dieses schlechte Gewissen plagt viele, obwohl es dazu in aller Regel keinen Grund gibt. Zumal, wenn man sich an die Regeln hält, wie es Hoffmann getan hatte. Aber selbst bei größter Vorsicht ist eine Infektion nicht mehr auszuschließen, zu weit ist das Coronavirus in der Bevölkerung verbreitet.

Lange konnte Hoffmann aber nicht seinen Gedanken unbeschwert nachhängen, denn am Ende seiner ersten Quarantänewoche stellte sich doch Fieber mit bis zu 39 Grad ein, er verlor den Geschmacks- und Geruchssinn, hatte keinen Appetit. Und es befiel ihn die große Müdigkeit. Von Atemnot blieb er verschont. Nach einer Woche etwa besserte sich sein Zustand. Seit 10. November ist er wieder auf Arbeit. Noch vorsichtiger geht es jetzt in der Verwaltung des Bistums Görlitz zu, wo sich insgesamt vier Personen infizierten. Eine weitere Ansteckung aber gab es nicht. So, hoffen nun alle, soll es auch bleiben.

„Ich lasse mich impfen“

René Straube (re.) vor drei Jahren, als der damalige Ministerpräsident Sachsens, Stanislaw Tillich (li.), das Bombardier-Werk besuchte.
René Straube (re.) vor drei Jahren, als der damalige Ministerpräsident Sachsens, Stanislaw Tillich (li.), das Bombardier-Werk besuchte. © Archiv: Nikolai Schmidt

René Straube, Betriebsratschef von Bombardier, erwischte es vor fünf Wochen ¨– und mit ihm seine Frau und die Mutter.

Bei René Straube ging es los wie eine klassische Grippe. Vor fünf Wochen an einem Freitag - also etwa zu Beginn der jetzigen zweiten Welle - fühlte er sich plötzlich schlapp, bekam leichtes Fieber, Gliederschmerzen, Husten, Schnupfen. „Ich wollte eigentlich zu meiner Schwester in den Taunus fahren. Stattdessen packte ich mich ins Bett, um übers Wochenende auszukurieren“, sagt er. Doch das dauerte ein bisschen länger. Nachdem er von einem positiv getesteten Kollegen erfahren hatte, schwante ihm nichts Gutes. Nach Telefonaten mit dem Gesundheitsamt und dem Arbeitssicherheitsmanager von Bombardier ließ sich Straube am Montag testen: positiv. Also zwei Wochen Quarantäne.

„Parallel zu mir hatte es auch meine Frau und meine Mutter erwischt, die bei uns lebt - alle mit den gleichen Symptomen. Mein Sohn, der auch noch bei uns wohnt, war negativ. Wir haben uns vor allem wegen der 78-jährigen Mutter schon ziemliche Sorgen gemacht“, sagt Straube. „Aber letztlich haben es meine Mädels gut überstanden.“ Versorgt wurde die Familie während der Quarantäne vom älteren Sohn, der in Klingewalde wohnt - und von der Kühltruhe. „14 Tage Quarantäne sind nicht leicht“, sagt Straube. „Wenn der weiteste Weg der zur Mülltonne ist.“ Die Krankheit war im Wesentlichen nach einer Woche besiegt - auch der Geschmacks- und Geruchssinn sind zurück. Nach fünf Wochen kann Straube sagen, dass alle wieder topfit sind.

„Vorsichtig sind wir aber weiter, ich nehme die Sache sehr ernst, will sie aber auch nicht überstrapazieren.“ Was sich René Straube jetzt wünscht: dass die Hysterie endlich aufhört - und er hofft, dass das mit Beginn der Impfungen passiert. Er selbst will sich sofort und hundertprozentiger Überzeugung impfen lassen - auch wenn er Corona schon hatte - und er hofft auch, dass die Impfung verpflichtend wird. Überhaupt trage er alle Entscheidungen, die Bund und Länder bislang zur Pandemie getroffen haben, absolut mit. "Es gibt kein Lehrbuch, das uns sagt, wenn die Pandemie diesen Grad erreicht, dann ist das und das zu tun. Der eingeschlagene Weg ist für mich plausibel." Dass es so viele gibt, die dagegen protestieren und Corona verharmlosen, könne er nicht nachvollziehen.

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Straube selbst will sich nach überstandener Infektion weiterhin strikt an die Hygieneregeln halten. "Sie machen Sinn, auch im Bombardier-Werk." Hier muss die Belegschaft auf sämtlichen Wegen außerhalb von Büro oder Werkhalle Maske tragen. Dort wo es möglich ist, sind Kollegen im Homeoffice - mit großzügigen Regelungen, vor allem für Mütter, sagt Straube. Corona-Fälle gebe es im Werk immer mal. Aber meist gut lokalisierbar und eingrenzbar.

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