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Schule und Corona: "So lange wie möglich Regelbetrieb“

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz spricht im Interview über Neuinfektionen an Schulen, Unterricht im Schichtsystem und Halbjahresnoten.

Der CDU-Politiker und Jurist Christian Piwarz (45) ist seit 2017 in Sachsen als Kultusminister für Schulen verantwortlich.
Der CDU-Politiker und Jurist Christian Piwarz (45) ist seit 2017 in Sachsen als Kultusminister für Schulen verantwortlich. © Foto: Kairospress/Thomas Kretschel

Dresden. In der ersten Woche nach den Herbstferien sind insgesamt 111 Schüler in Sachsen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Nach Angaben des Kultusministeriums befinden sich derzeit etwa 400 Schüler in Quarantäne. Auch bei 52 Lehrkräften wurde eine Infektion gemeldet. „Die Neuinfektionen von Schülern und Lehrern gehen fast ausschließlich auf Infektionen außerhalb von Schulen in den Ferien zurück“, sagt Kultusminister Christian Piwarz (CDU).

Herr Piwarz, das öffentliche Leben in Sachsen ist wieder heruntergefahren. Aber die Schulen sind offen. HabenSie dafür kämpfen müssen?

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Ich hatte nach der positiven Entwicklung im Sommer gehofft, dass wir an so einer Situation vorbeikommen. Wir haben immer gewusst, die zweite Welle wird kommen. Dass sie so heftig und schnell kommt, und auch so zeitig im Herbst, habe ich nicht erwartet. Aber wir sind jetzt in dieser Situation, in der wir Maßnahmen ergreifen müssen. Umso wichtiger ist es, dass klar ist, dass Schulen und Kitas davon erst einmal nicht betroffen sind. Das ist auch Konsens bei allen. Seit dem Spätsommer hat sich bei allen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Schulen und Kitas offen bleiben und die letzten sein sollten, die schließen. Aber wir müssen natürlich die Entwicklung in den Schulen im Auge behalten.

Wie lief denn die erste Schulwoche nach den Herbstferien? Spiegelt sich das erhöhte Infektionsgeschehen in den Einrichtungen wider?

Wir nehmen jetzt vor allem Nachmeldungen aus der Ferienzeit wahr, also Lehrer und Schüler, die Kontaktpersonen waren, in Quarantäne sind oder auch positiv getestet wurden. Das macht sich zum Glück nicht an den Schulen bemerkbar, weil sie ja nicht in der Schule waren. Natürlich haben wir auch aktuelle Meldungen aus den Schulen, aber das sind in der Regel wieder nur Einzelfälle. Das ist genau das, was uns wie vor den Ferien darin bestärkt, die Schulen offen zu halten. Wir können relativ sicher sagen, dass die Schulen nicht die Verbreitungsherde sind, sondern die Infektionen von außen hereingetragen werden.

Sind das hauptsächlich Reiserückkehrer, die jetzt nach den Ferien positiv getestet werden?

Es gibt natürlich auch Fälle von Leuten, die infiziert aus dem Urlaub zurückkommen. Wir merken aber auch an den Schulen das allgemein erhöhte Infektionsgeschehen in der Gesellschaft. Wenn außen mehr passiert, macht sich das auch an den Schulen bemerkbar. Signifikant ist, dass die Infektionen bisher nahezu ausschließlich außerhalb der Schule stattgefunden haben. Das hat trotzdem Auswirkungen, weil in diesen Fällen Lehrer oder Klassen in Quarantäne geschickt werden.

Masken gehören in Sachsens Schulen inzwischen zum Alltag.
Masken gehören in Sachsens Schulen inzwischen zum Alltag. © Robert Michael/dpa

Mit den erneuten Einschränkungen im November wurden auch die Schutzmaßnahmen an den Schulen verschärft.

Wir haben deutlich gemacht, dass noch stärker als bisher auf die Hygienekonzepte geachtet werden soll. All die Maßnahmen, die möglich sind, sollen genutzt werden. Wenn kleine Gruppen möglich sind, soll das auch genutzt werden. Da, wo der Abstand nicht eingehalten werden kann, sollen Masken getragen werden. Lüften gehört ganz selbstverständlich dazu. Ich nehme auch wahr, dass die Schulen das sehr, sehr gut umsetzen und sich des erhöhten Infektionsgeschehens bewusst sind.

Trotzdem gibt es Forderungen von Gewerkschafts- und Elternvertretern nach einer Abkehr vom Regelbetrieb. Zum Schutz der Schüler und Lehrer soll wieder ein Wechselmodell oder Schichtsystem für den Unterricht eingeführt werden. Was halten Sie davon?

Ich kann die Sorgen und Ängste verstehen: Wenn es heißt, wir sollen die Kontakte reduzieren, warum soll das an Schulen und Kitas anders sein? Aber unsere zentrale Annahme wird wissenschaftlich immer stärker bestätigt: Kinder und jüngere Schüler sind nicht Treiber der Pandemie. An den Schulen haben wir ein vergleichsweise geringes Infektionsrisiko, wenn die Regeln eingehalten werden. Das Risiko, dass von außen Infektionen hereingetragen werden, ist viel höher. Zum Schluss bleiben wir es den Kindern schuldig, so viel wie möglich Präsenzunterricht zu ermöglichen.

Wenn sich die Zahl der Infektionen weiter so entwickelt, was wären Ihre nächsten Schritte?

Wir haben dann zwei Optionen: eine Art Wechselmodell oder – im schlimmsten Fall – wieder komplette Schulschließungen. Das wollen wir beides nicht. Mein Problem ist, dass die Entscheidung, wann wir in so einer Phase sind, ja nicht bildungspolitisch getroffen wird, sondern durch die Gesundheitsbehörden. Dann müssen wir aber eine Diskussion in der Gesellschaft führen, was das für andere Bereiche heißt, etwa Kontakte weiter einschränken, Geschäfte schließen. Es gibt ja noch vieles, was weiterhin möglich ist. Dafür braucht es dann ein Gesamtkonzept.

Sie wollen beim Regelbetrieb bleiben?

Ja, so lange wie möglich. Alle anderen Modelle würden bedeuten, dass wir deutlich weniger Lernstoff vermitteln können und so auch deutlich weniger prüfungsrelevantes Wissen. Unsere Abschlussklassen würden erhebliche Probleme bekommen. Wenn man anfängt, vom Regelbetrieb abzuweichen und über Schulschließungen nachzudenken, weiß man nicht, wann die Schulen wieder öffnen können. Diesmal steht in zwei Monaten kein Sommer vor der Tür. Wir müssen durch die kalte Jahreszeit durch. Die Option, ein Wechselmodell über mehrere Monate durchzuziehen oder gar die Schulen zu schließen, ist aus Sicht der Kinder unverantwortlich. Wenn wir jetzt nicht ganze Jahrgänge verlieren wollen, müssen wir gemeinsam so viel wie möglich dafür tun, dass die Infektionen sinken. Und das heißt, Disziplin außerhalb der Schulen.

Regelmäßiges Lüften gehört zu den Hygienekonzepten der Schulen.
Regelmäßiges Lüften gehört zu den Hygienekonzepten der Schulen. © Jan Woitas/dpa

Nun läuft das Schuljahr zwar seit Beginn im September im Regel- aber wohl kaum im Normalbetrieb. Wie sieht der Unterricht aus?

Grundsätzlich läuft der wie in einem normalen Schuljahr. In den Abschlussjahrgängen haben wir aber die Lernbereiche reduziert. Damit wissen die Lehrer, worauf sie sich konzentrieren müssen, um die Klassen erfolgreich zum Abschluss zu führen. Gerade in den Wochen nach den Sommerferien haben wir die Lehrer gebeten, gezielt Lernstandserhebungen zu machen. So können sie dort nacharbeiten, wo Defizite entstanden sind. Aber es ist ein besonderes Schuljahr, in dem wir nicht alles erreichen können, was wir uns vorgestellt haben. Deswegen muss das Hauptaugenmerk auf den Abschlussklassen liegen, dort haben wir keine Zeit mehr aufzuholen.

Rechnen Sie damit, dass es Halbjahresnoten gibt?

Ja. Wir haben die ersten sieben Wochen nahezu reibungslos über die Bühne bekommen. Es werden jetzt noch mal sieben anstrengende Wochen bis zu den Weihnachtsferien, keine Frage. Auch hier hilft so viel wie möglich Präsenzunterricht, um Lernstände mit Noten zu dokumentieren. Zum Halbjahr kommt es auf den Pädagogen an, in der Benotung wohlwollend und motivierend den Lernstand zu bewerten.

Es findet also genug Unterricht statt?

Genaue Zahlen zum Unterrichtsausfall liegen derzeit noch nicht vor. Coronabedingt haben wir den Unterrichtsausfall im letzten Schuljahr nicht erhoben, das hätte ein komplett verzerrtes Bild ergeben. Natürlich fehlen momentan mehr Lehrer, etwa durch Krankheit oder weil Schwangere nicht vor der Klasse unterrichten dürfen. Das ist keine übermäßig große Zahl, aber es macht sich in der Unterrichtsabsicherung bemerkbar.

Der Bund hat Geld in Aussicht gestellt, um Laptops für Schüler anzuschaffen. Wann kommen diese Geräte?

Das Geld für die Schülerlaptops ist schon freigegeben und vollständig ausgezahlt. Sehr viele Schulträger haben die Geräte schon angeschafft. Bei einigen sind noch Lieferfristen einzuhalten. Die Geräte müssen noch eingerichtet werden, bevor sie an die Schulen kommen. Bis Jahresende sollen sie aber an den Schulen verfügbar sein, an manchen Schulen ist das schon der Fall.

Wie sieht es mit den angekündigten Laptops für alle Lehrer aus?

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Der Bund hat angekündigt, das Geld zur Verfügung zu stellen. Das ist allerdings noch nicht da. Wir warten jeden Tag darauf. Sobald die Zusage kommt, werden wir es über die Schulträger verteilen. Es soll ja bis Ende des Jahres kommen. Ich hoffe, dass der Bund bei seiner Zusicherung bleibt. Spätestens bis zum zweiten Halbjahr sollte das dann über die Bühne gegangen sein.

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