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Corona-Schnelltest als Eintrittskarte zum Friseur?

Die Österreicher machen es ab Montag vor. Und Sachsen könnte bald ab einer 7-Tage-Inzidenz unter 100 nachziehen.

Seit Wochen haben die Frisöre geschlossen. Inhaber, Kunden und Mitarbeiter sehnen sich nach Wiedereröffnung der Salons.
Seit Wochen haben die Frisöre geschlossen. Inhaber, Kunden und Mitarbeiter sehnen sich nach Wiedereröffnung der Salons. © imago images

Friseurbesuche könnten zeitnah an einen Corona-Schnelltest gekoppelt sein. Das ist eine der Ideen zur Lockerung des Lockdowns, die in Sachsens Sozialministerium diskutiert werden. Das Haus von Ministerin Petra Köpping (SPD) wollte sich nicht zu dem groben Fahrplan äußern, der Öffnungsszenarien für vier Infektionsstufen vorsieht und am Dienstag publik wurde. Darunter bei einer 7-Tage-Inzidenz von 50 bis 100 geringfügige Lockerungen wie den Abholservice Click&Collect sowie körpernahe Dienstleistungen des täglichen Bedarfs mit Schnelltest und FFP2-Maske.

„Es handelt sich bei dem Papier um eine Ideensammlung für einen Perspektiv-Plan als Diskussionsgrundlage für die Gespräche und Abstimmung innerhalb der Staatsregierung, mit den Fraktionen und weiteren Gesprächspartnern“, heißt es aus dem Sozialministerium. Noch stünden viele Gespräche mit Experten an. Dabei orientiere man sich an Inzidenzen, Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz und der Lage in den Nachbarregionen. Hinzu kämen Unwägbarkeiten durch Mutationen sowie die Sicherung der Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter.

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Wiederholt hatten Kammern und Verbände vor einem Friseursterben durch die Corona-Krise gewarnt und die Politik mit der Aktion „Licht an!“ zum Handeln aufgerufen. In den seit sieben Wochen geschlossenen Läden sollte in der Nacht zum Montag bundesweit das Licht brennen. Auch die in Gründung befindliche Friseur- und Kosmetikinnung Dresden rief zwei Mal zum stillen Protest am Elbufer auf, um auf die prekäre Lage der Handwerksbetriebe in Sachsen aufmerksam zu machen. Sie warten nach eigenen Angaben auf versprochene Wirtschaftshilfen und eine langfristige Corona-Strategie. Laut Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Dresden gibt es im Freistaat 3.289 Friseurunternehmen, darunter viele Solisten. Drei Viertel der Läden haben höchstens vier Beschäftigte.

Warnung vor zunehmender Schwarzarbeit

Nach Angaben des Zentralverbands steht der Branche mit rund 80.000 Betrieben und 240.000 Mitarbeitenden das Wasser bis zum Hals. Trotz fehlender Einnahmen durch die staatlich angeordnete Schließung müssten Miete und andere Fixkosten weiterbezahlt werden, Rücklagen seien aufgebraucht. Bundesgelder flössen nur schleppend, und die meisten Salons hätten keinen Anspruch auf Dezemberhilfe, weil sie bis zur Monatsmitte offen waren, klagen Interessenvertreter. Und Sachsen hatte schon im ersten Lockdown klargestellt, dass es Kredite für die nachhaltigere und effektivere Hilfe hält und einmalige Zuschüsse abgelehnt.

Laut Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks hatten die Betriebe 2020 im Schnitt 30 Prozent weniger Umsatz, beträgt die mittlere Rendite kaum zehn Prozent vom Umsatz. Die Überbrückungshilfe III könne erst jetzt beantragt werden, würden in diesem Monat Abschlagzahlungen fließen, ehe es im März den Rest gebe.

Nach Ansicht der Handwerkskammer Dresden und der Sächsischen Landesärztekammer ist nach der nationalen Impfstrategie „dringend und zeitnah auch eine nationale Lockerungs- bzw. Öffnungsstrategie vonnöten“. Handwerkspräsident Jörg Dittrich warnt zudem vor zunehmender Schwarzarbeit. Gerade bei den Friseuren blühe hinter Wohnungstüren die Schattenwirtschaft, heißt es aus Branchenkreisen. Für eine Lockerungsstrategie ab dem 15. Februar wollen die Kammerspitzen in den nächsten Tagen Gespräche mit dem sächsischen Kabinett führen.

Vorschlag sei völlig unrealistisch

Österreichs Regierung hat dem Druck von Wirtschaft und Öffentlichkeit bereits nachgegeben – trotz der mit 108 schlechteren 7-Tage-Inzidenz bei Neuinfektionen als Deutschland (90). Am Montag dürfen mit verschärften Auflagen alle Geschäfte wieder öffnen. Wer sich die Haare schneiden lassen oder in ein Kosmetikstudio gehen will, braucht einen negativen Corona-Test, der nicht älter als 48 Stunden sein darf.

„Wir sind froh, dass wir überhaupt öffnen dürfen“, freut sich Bundesinnungsmeister Wolfgang Eder trotz der Auflagen. Allerdings räumt er ein, dass die vorgeschriebenen Tests ein großer logistischer und bürokratischer Aufwand seien. Noch müssten die Kunden vorher eine Teststation aufsuchen. „Deshalb fordern wir, dass wir Selbsttests in den Salons durchführen dürfen – so, wie sie bereits in den Schulen laufen“, sagt Österreichs Oberfriseur. Eine Diskussion über die Kosten wolle er nicht beginnen, „erst müssen die Tests da sein“.

Für die Geschäftsführerin der Dresdner Innung sind die Gedankenspiele des sächsischen Sozialministeriums „wenig praktikabel und völlig unrealistisch“. „Wer soll die Maske tragen: der Kunde oder die Friseurin oder beide?“, fragt Beatrice Kade-Günther. Laut Berufsgenossenschaft dürfe ein Friseur höchstens 75 Minuten mit einer FFP2-Maske arbeiten, alles andere sei eine Zumutung. „Eine Verschärfung ist völlig überflüssig, weil die Hygieneauflagen in den Salons so streng sind, dass sich dort so gut wie niemand ansteckt“, sagt sie und spricht von einer Inzidenz von 0,001. Wem es nicht gut gehe, der sollte ja ohnehin daheimbleiben.

Systemrelevanz wäre viel wichtiger

Zur Durchführung von Corona-Tests vor Ort braucht es nach Ansicht der Geschäftsführerin einen eigenen Eingang, einen separaten Raum und extra abgestelltes und vorher geschultes Personal unter Vollschutz. Außerdem: „Wer soll das bezahlen?“, fragt sie rhetorisch. Der Kunde, der schon für alle im Sommer durchgeführten Hygienemaßnahmen bis zu fünf Euro mehr löhnt? Oder die Unternehmerinnen und Unternehmer, die wegen der Auflagen schon Mehrausgaben und weniger Kundendurchlauf haben?

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Und was wäre die Lösung des Problems? „Einfach zurück zu den Regeln vom November, das reicht vollkommen“, sagt Kade-Günther. Statt sich über neue Regeln den Kopf zu zerbrechen, „wäre es wichtiger, den Beruf als systemrelevant anzuerkennen, damit die Frauen ihre Kinder in die Kita-Notbetreuung bringen dürfen“.

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