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"Ich hatte Corona" - Ein Dresdner ein Jahr danach

Andreas Gesche war einer der ersten Sachsen, die mit Corona im Krankenhaus landeten. So geht es ihm ein Jahr danach.

Andreas Gesche hat sich vor genau einem Jahr mit dem Coronavirus angesteckt und musste ins Krankenhaus. Daraus wurde der Lauf seines Lebens.
Andreas Gesche hat sich vor genau einem Jahr mit dem Coronavirus angesteckt und musste ins Krankenhaus. Daraus wurde der Lauf seines Lebens. © Jürgen Lösel

Es ist schon sein zweiter Lauf an diesem frühlingshaften Sonntag, als Andreas Gesche auf den Waldweg in der Jungen Heide im Dresdner Norden einbiegt. Die Sonne schimmert durch Baumkronen auf vertrocknetes Laub aus dem letzten Herbst. In der Ferne ist das Rauschen der Autobahn 4 zu hören. Gut 30 Kilometer hat Andreas Gesche schon am Vormittag hinter sich gebracht. Kurze Pause. Noch zwei bis nach Hause. Der 47-Jährige trägt Sportkleidung und eine Mütze mit der Aufschrift „Rennsteiglauf“. Der Schriftzug ist Erinnerung und Mutmacher zugleich. Wenn alles gut läuft, kann er dieses Jahr endlich wieder teilnehmen.

Was haben das Coronavirus, seine Erkrankung und der Lockdown verändert? Er sei vor allem dankbar, sagt er. „Ich bin wahrscheinlich mit einem großen blauen Auge davongekommen im Vergleich mit denen, die immer noch unter den Spätfolgen leiden.“ Er hat eine Reportage über einen 20-Jährigen gesehen, der einen milden Verlauf hatte, aber keine Leistungsfähigkeit mehr.

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Vor einem Jahr wäre für Gesche nicht einmal an einen 30-Meter-Lauf zu denken gewesen. Der Verkehrsingenieur gehört zu den ersten Dresdnern, die mit Covid-19 in die Klinik mussten. Er fragt sich: „Wieso trifft es mich so hart?“ Ausgerechnet ihn, der Ultra-Distanzen von über 50 Kilometern absolviert, nie geraucht hat und topfit ist – weit entfernt von allen Risikogruppen. „Am schlimmsten war das Fieber, das von Tag zu Tag höher ging.“ Es sollte der anstrengendste Lauf seines Lebens werden.

Andreas Gesche hilft nach überstandener Corona-Infektion anderen Covid-19-Patienten mit einer Spende seiner Antikörper beim DRK Foto: DRK Blutspendedienst Nord-Ost
Andreas Gesche hilft nach überstandener Corona-Infektion anderen Covid-19-Patienten mit einer Spende seiner Antikörper beim DRK Foto: DRK Blutspendedienst Nord-Ost © DRK Blutspendedienst Nord-Ost

Zu diesem Zeitpunkt ahnen die wenigsten, was da wirklich anrollt. In Sachsen gibt es 134 Corona-Fälle. Fast alle haben mit Urlaubskontakten in Österreich und Italien zu tun. Bestätigte Infektionen werden hier noch einzeln in den Nachrichten vermeldet, während Italien bereits eine Schulschließung anordnet und mit 3.100 Corona-Fällen als das am schwersten von der Lungenkrankheit betroffene Land gilt.

Es ist Mittwoch, der 4. März 2020. Andreas Gesche ist zu Beratungen mit Kollegen im Berliner Büro seiner Firma. Mit einem, der später positiv auf Corona getestet wird, spricht er vielleicht eine halbe Stunde. Am Tag danach gibt es erste Hinweise auf den bis dato vor allem Skisportlern bekannten Ort Ischgl, der als Superinfektionsherd Schlagzeilen machen wird.

Am Wochenende geht Andreas Gesche wie immer laufen. Dem einsetzenden Husten misst er keine Bedeutung bei. Seit Wochen trainiert er für den Rennsteiglauf im Mai. Eine Woche nach dem Berlin-Besuch: Symptome, die ihn an seine letzte Grippe vor 20 Jahren erinnern: Gliederschmerzen, 38 Grad Körpertemperatur. Er hat die Bilder aus Italien im Kopf: kollabierende Kliniken, Armeelaster mit Särgen. Gesche und seine Frau hoffen, dass er kein Corona hat. Die nächsten Tage bringen keine Besserung. Gesche liest über Corona-Symptome, ruft den Ärztlichen Notdienst an. Er soll am Montag in die Corona-Ambulanz kommen. Die Körpertemperatur ist auf 39,5 Grad geklettert. Eine Woche lang werden die Werte bei um die 40 Grad verharren.

Die Lunge viel trainiert

Ende Februar. Andreas Gesche hat in einer Presskanne Kaffee gemacht. Ein Teller mit Eierschecke und selbst gemachter Wasserkefir stehen auf dem Holztisch in der Küche der Altbauwohnung im Dresdner Norden. Gesche erzählt, dass er am Wochenende laufen will, während er die Eierschecke zerteilt.

Im Krankenhaus kämpft er damals mit gemischten Gefühlen. Es gibt nur wenige Erfahrungen aus Asien und keine Medikamente. Ein Standard-Malariamittel soll Gesches Lungenentzündung bekämpfen. Mit Infusionen versuchen die Ärzte, das Fieber im Griff zu halten. Ungewissheit, wie es weitergeht. Tagelang. Körperliche Schwäche. Jeder Toilettengang kostet gefühlt so viel Kraft wie ein halber Marathon. Wann sinkt endlich die Temperatur? „Das hat mir am meisten Angst gemacht.“ Währenddessen sind seine Frau und die zwei Kinder in Quarantäne. Sie schicken Videobotschaften per WhatsApp. Ein Netzwerk aus Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn hilft.

Auf der Corona-Station sorgen sein gesundes Herz und die trainierte Lunge dafür, dass er keine künstliche Beatmung oder zusätzlichen Sauerstoff braucht. „Meine Lunge musste mit Übungen wieder laufen lernen“, sagt Andreas Gesche. Nach der Entlassung bleibt er auch zu Hause in Quarantäne. Er im Schlafzimmer mit Gästeklobenutzung, Frau und Kinder in den anderen Räumen. Nur die Küche müssen sie teilen, nacheinander und mit viel Desinfektionsmittel. Die Lunge trainiert er weiter.

Andreas Gesche, hier in seinem Kleingarten in Dresden, ist von Covid-19 genesen. der Hobbyläufer sagt: „Es kann jeden treffen.“
Andreas Gesche, hier in seinem Kleingarten in Dresden, ist von Covid-19 genesen. der Hobbyläufer sagt: „Es kann jeden treffen.“ © Jürgen Lösel

Schon damals habe er sich über Unvernünftige geärgert, die sich weiter in großen Gruppen an der Elbe trafen. Ein Jahr später ist er abgestumpft. „Ich hab mich mit einer Dame aus dem schwäbischen Ländle unterhalten, die das Thema Abstandhalten ziemlich locker sah und mit seltsamen Theorien anfing.“ Von Microsoft-Gründer Bill Gates oder davon, dass China das Virus absichtlich in die Welt gesetzt habe. „Sie hat mir leidgetan, aber es hebt mich nicht mehr so an wie noch letztes Jahr. Am Anfang konnte ich mir so etwas nicht anhören.“ Dazu Demonstrationen von Verschwörungserzählern und Corona-Leugnern. Gesche hat die zweite Eierschecke verputzt. „Die Leute kriegt man eh nicht überzeugt, sollen sie ihre Theorien verfolgen, aber das hat dazu beigetragen, die Gesellschaft zu spalten, und das ist gefährlich.“

Unerträglich findet er, welche Maßstäbe und Vergleiche gewählt werden. Die Frau in einem TV-Beitrag, die sich durch die Einschränkungen wie das jüdische Mädchen Anne Frank fühlen würde. Die Ärztin aus dem Erzgebirge, die die Maske als Davidstern klassifiziert, wie ihn Juden unter Hitler tragen mussten. Gesche sieht Ärzte, die „querdenken“. Er hat selbst erlebt, was Covid-19 für das Gesundheitssystem bedeutet. „Ärzte und Pflegepersonal schieben Überstunden, um Menschen zu retten, und derselbe Berufsstand geht dagegen vor.“

Gesche wollte helfen, andere von der Gefahr durch Corona zu überzeugen, und lässt sich für die Kampagne #ichhattecorona des Bundesgesundheitsministeriums interviewen. Viele, die mitmachten und im Internet zu finden seien, hätten Hasskommentare erhalten. „Manche wurden als Huren der Pharmaindustrie bezeichnet.“

Corona lasse sich nur mit klaren Regeln in den Griff bekommen, sagt Andreas Gesche. „Maske tragen und Hygieneregeln beachten, ist, was ich von jedem als Beitrag abverlangen würde.“ Er sei stolz auf seine Kinder, die das ganz selbstverständlich täten. „Die Pandemie ist wie ein Schiffsleck, kaum ist ein Loch gestopft, geht ein neues auf.“ Die Politik mache keine gute Figur. „Es nutzt ja nichts, wenn sich die Kanzlerin und die Länderchefs an einen Tisch setzen, und zehn Minuten später verkündet jeder etwas anderes. Verständlich, dass die Leute müde werden.“

Beim Thema Impfen sei er enttäuscht, auch, weil das massive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft habe. „Da hat die Politik versagt, andere Länder wie Israel sind weit voraus.“ Gesche sorgt sich um die Wirtschaft, um Gastronomie, Kulturbetriebe, kleine Händler. Und kaum nachvollziehbare Regeln. „Während das Wirtschaftsleben weitergeht, fährt das private runter. Ein Bauarbeiter, der morgens mit fünf Leuten auf der Baustelle frühstückt, darf abends nur mit seiner Frau Bier trinken.“ Privat sei alles vorgeschrieben, für die Wirtschaft gebe es nur Empfehlungen. „Das widerspricht sich doch.“ Derlei Widersprüche würden von Gegnern der Corona-Maßnahmen dankbar aufgenommen.

Corona-Tote in der Familie

Als er im Frühjahr 2020 langsam wieder auf die Beine kommt, fühlt sich Andreas Gesche, als gehörte er sportlich zur Altersklasse Ü80. Anfangs schafft er nur ein paar Kilometer. Immer dabei: die Angst vor einer Herzmuskelentzündung. Der Rennsteiglauf findet virtuell statt. Die Distanzen kann jeder zu Hause absolvieren. Andreas Gesche ist noch nicht so weit, begleitet einen Freund nur mit dem Fahrrad. Der Sommer dämpft Befürchtungen zu Folgeschäden. Jeder Lauf führt ein bisschen weiter.

Den Arztbesuch mit Ergometrie-Test im November fürchtet er vielleicht auch deshalb, weil Corona fast gleichzeitig noch einmal seine Familie heimsucht. Ein Verwandter muss ins Krankenhaus und erhält Sauerstoff, um die Lunge zu stabilisieren. Ein Onkel stirbt mit über 90 Jahren an Corona, eine andere Verwandte einen Tag, nachdem sie positiv getestet worden war.

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Der Ergometrie-Test fällt gut aus. Haus- und Lungenarzt geben Entwarnung. Sein Blutplasma ist begehrt. Es kann bei schweren Corona-Verläufen helfen. 14-mal spendet er, bis die Antikörper im Blut zurückgehen. „Ich hab immer noch welche, aber ich will mich auf jeden Fall impfen lassen.“ Der Rennsteiglauf ist dieses Jahr gleich auf Anfang Oktober verlegt und auf zwei Tage verteilt worden. Ob im Internet oder im Thüringer Wald: Andreas Gesche ist dabei.

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