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Corona in Sachsen: Die große Unsicherheit an den Schulen

In sächsischen Schulen herrscht wieder Alltag – mit strengen Hygieneregeln. Bisher hält sich das Chaos in Grenzen, doch es zeigen sich auch erste Schwachstellen.

Im Schulhaus des Gymnasiums Cotta in Dresden herrscht Maskenpflicht.
Im Schulhaus des Gymnasiums Cotta in Dresden herrscht Maskenpflicht. © Matthias Rietschel

Zum Glück gab es früher Platzprobleme. Weil die Mensa zu klein war, mussten die Schüler des Gymnasiums Dresden-Cotta in Schichten essen. Heute, wo die Mensa zwar neu gebaut und somit groß genug ist, aber der Schutz vor dem Coronavirus in den Schulen Einzug hält, kommt das gerade recht: Durch gestaffelte Mittagszeiten bilden sich am Buffet keine Schlangen, die jüngeren Schüler mischen sich nicht mit den älteren.

Punkt 10.55 Uhr klingelt es zur Pause. In einem Klassenzimmer im Erdgeschoss packen die Kinder noch ihre Instrumente ein. Sie haben in der Musikstunde Trompete gespielt. Nun heißt es Maske auf und los: Das große Gewusel in der Schule startet. Auf der Treppe herrscht Gedränge, wenn 850 Schüler und 70 Lehrer im Schulhaus unterwegs sind. Sie wechseln die Klassenräume, die Kinder in den unteren Klassen gehen schon mal in Richtung Mensa. Einige rücken die Stoffmasken noch schnell zurecht, wenn sie den Schulleiter sehen.

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Maskenpflicht „im Großen und Ganzen“ akzeptiert

Im Gymnasium Cotta müssen alle Schüler und Lehrer im Schulgebäude in den Pausen und bei der Essensausgabe einen Mund-Nase-Schutz tragen. „Überall dort, wo wir die Schüler nicht trennen können“, sagt Schulleiter Jürgen Karras. Es gab ein paar, die rumdiskutiert haben, klar, aber „im Großen und Ganzen“ wird das akzeptiert. Für die paar, die es „wirklich vergessen“, gibt es zwei Möglichkeiten: „Einmal zum Aldi rüber, einen Fünferpack holen. Die haben das Geschäftsfeld erkannt.“ Oder die Eltern anrufen, damit sie die Maske vorbeibringen. „Im Notfall geben wir für einen Euro Pfand eine Maske aus und wollen am nächsten Tag eine neue wiederhaben“, sagt der Schulleiter. Das funktioniert. „Man hat sich daran gewöhnt.“

Wie in der Dresdner Schule läuft es in vielen Gymnasien und Oberschulen im Freistaat ab. Regelbetrieb unter Pandemie-Bedingungen nennt Sachsens Kultusministerium das. Seit fast vier Wochen läuft das neue Schuljahr, alle Kinder sind zurück in ihren Schulen – wegen Corona aber unter strengen Hygienevorschriften. Dazu zählt regelmäßiges Händewaschen, Lüften und Desinfizieren sowie die Dokumentation der an der Schule tätigen Personen. Ob die Schüler eine Maske tragen müssen, entscheidet jede Schule selbst.

Jürgen Karras ist Schulleiter am Gymnasium Dresden-Cotta. Die komplette elfte Jahrgangsstufe musste für zwei Wochen in häusliche Isolation, weil sich ein Schüler mit dem Coronavirus infiziert hatte.
Jürgen Karras ist Schulleiter am Gymnasium Dresden-Cotta. Die komplette elfte Jahrgangsstufe musste für zwei Wochen in häusliche Isolation, weil sich ein Schüler mit dem Coronavirus infiziert hatte. © Matthias Rietschel

In den Grundschulen sieht es anders aus. Die Kinder müssen zwar eine Maske dabei haben, tragen müssen sie sie aber nicht. Auch die strikte Trennung der Klassen ist weitgehend aufgehoben. In den meisten Grundschulen helfen sich die Schulleiter anders: der Unterrichtsbeginn und die Pausenzeiten im Hof finden gestaffelt statt. Damit sind weniger Schüler gleichzeitig auf dem Hof – eine Erfahrung, die in vielen Schulen unter den strengen Corona-Auflagen vor den Sommerferien ausgetestet und für den normalen Alltag für gut befunden wurde. Das habe auch den Effekt, dass sich die Gruppen nicht all zu sehr vermischen und eine Kontaktverfolgung möglich ist, sagt etwa Karsten Reisinger, der die 122. Grundschule in Prohlis mit rund 300 Kindern leitet. In manchen Grundschulen unterrichtete in den ersten zwei Wochen nach den Sommerferien ausschließlich der Klassenlehrer, in anderen galt der normale Stundenplan.

Kultusminister Christian Piwarz (CDU) ist zufrieden. Die Rückkehr zum Regelbetrieb war ein Versprechen an die Bevölkerung, der Druck von Eltern und Schülern entsprechend groß. „Angesichts der schwierigen Bedingungen in diesem Schuljahr bin ich sehr dankbar für das besonnene Handeln der Schulen.“ Sie seien gut vorbereitet und haben die Erfahrungen des letzten Halbjahres genutzt. Auch die Schüler würden überwiegend „sehr, sehr diszipliniert“ mit der Situation umgehen. „Das, was wir uns erhofft haben, ist weitgehend aufgegangen“, sagt Piwarz.

Im Musikunterricht wird auch wieder an Blasinstrumenten geübt. Das geht – vorausgesetzt, der Klassenraum wird regelmäßig gelüftet.
Im Musikunterricht wird auch wieder an Blasinstrumenten geübt. Das geht – vorausgesetzt, der Klassenraum wird regelmäßig gelüftet. © Matthias Rietschel

Tatsächlich gab es seit dem Start des Schuljahres am 31. August insgesamt 49 Corona-Fälle bei Schülern und Lehrern an Sachsens Schulen. 919 Schüler mussten daraufhin in Quarantäne – das sind 0,2 Prozent der etwa 413.000 Schüler. Das heißt auch: 99,8 Prozent der Schüler hatten uneingeschränkten Zugang zur schulischen Bildung. Bisher musste nur eine Schule komplett geschlossen werden. In der Grundschule Langleuba-Oberhain in Penig wurde ein Schüler in der zweiten Schulwoche positiv getestet, für alle 102 Schüler wurden 14 Tage Quarantäne angeordnet. 

In Markneukirchen im Vogtlandkreis waren vergangene Woche gleich mehrere Schulen gleichzeitig betroffen. Weil die Fallzahlen den Grenzwert überschritten, hat das zuständige Landratsamt die Hygienemaßnahmen verschärft – unter anderem mit neuen Kontaktbeschränkungen für den öffentlichen Raum. 

Ansonsten haben die Gesundheitsämter einzelne Lehrer oder Schüler, ganze Klassen oder die betroffenen Jahrgänge nach Hause geschickt – je nachdem, wer Kontakt hatte. „Ich bin sehr zufrieden damit, dass die Gesundheitsämter versuchen, eine auf den Einzelfall angepasste Lösung zu finden“, sagt Piwarz.

Im Gymnasium Cotta musste die komplette elfte Jahrgangsstufe für zwei Wochen in häusliche Isolation. Auch hier wurde ein Schüler positiv getestet. Die Kontaktverfolgung und Befragung der Lehrer hat die Schule übernommen. Von dem positiven Corona-Test hat Jürgen Karras von der Mutter erfahren. Die Information des Gesundheitsamtes kam erst am Nachmittag. Auch ob alle Schüler nach zwei Wochen wirklich zurückkehren und wie die Ergebnisse der freiwilligen Corona-Tests ausgefallen sind – davon weiß der Schulleiter nichts. „Unbefriedigend“ sei das, sagt Karras. Er hatte sich zumindest eine E-Mail mit den wichtigsten Informationen vom Gesundheitsamt erhofft.

Corona an Sachsens Schulen - in Zahlen:

49 bestätigte Corona-Fälle gab es bei Schülern und Lehrern in Sachsens Schulen bisher.

919 Schüler mussten seit Beginn des aktuellen Schuljahrs in Quarantäne zu Hause unterrichtet werden.

2% der Lehrer haben sich aus Sorge vor Ansteckung vom Unterricht befreien lassen.

58,6% der 14-Jährigen haben schätzungsweise keinen eigenen Computer zu Hause.

278 Millionen Euro gibt der Freistaat Sachsen für Schuldigitalisierung aus.

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Dazu kommt, dass die Entscheidung im Einzelfall von Amt zu Amt unterschiedlich sein kann. Am Gymnasium Cotta musste nur eine Lehrerin aus Pirna daheimbleiben – eine Entscheidung des dortigen Gesundheitsamts. Unverständlich sei, warum das Dresdner Gesundheitsamt im Fall der Dresdner Lehrer, die ebenfalls Kontakt mit dem infizierten Schüler hatten, anders entschied. „Für mich nicht nachvollziehbar“, sagt Karras. Auch der Kreiselternrat Dresden forderte, dass klare Richtlinien kommuniziert werden, wer wann in Quarantäne geschickt wird. „Es muss geklärt werden, wie genau die Kontaktermittlung funktioniert.“

Ob Schüler eine Maske tragen müssen, entscheidet in Sachsen jede Schule selbst.
Ob Schüler eine Maske tragen müssen, entscheidet in Sachsen jede Schule selbst. © Matthias Rietschel

Die Gesundheitsämter richten sich streng nach den Regeln des Robert-Koch-Instituts, wenn sie das Umfeld eines Corona-positiv getesteten Menschen ermitteln, heißt es. An Grundschulen werden möglicherweise nur einzelne Klassen isoliert, weil ein Grundschüler im Klassenverband arbeitet. Er ist immer mit denselben Schülern am Tag zusammen und hat tendenziell weniger engen Kontakt zu Schülern anderer Klassenstufen und Parallelklassen. In der gymnasialen Oberstufe gibt es keine Klassen. Durch das Kurssystem mischen sich die Schüler jede Stunde neu und treffen damit über den Tag in immer wieder unterschiedlichen Konstellationen mit anderen Menschen zusammen. Entscheidend ist dann, ob ein Lehrer durch die Klasse geht oder Abstand wahrt, ob er während des Unterrichts lüftet. Laut Robert-Koch-Institut spielt es auch eine Rolle, ob Schüler und Lehrer über einen Zeitraum von mindestens fünf Minuten einen Gesichtskontakt zueinander hatten, also zum Beispiel gegenüberstanden und miteinander gesprochen haben.

Bizzare Szenerien

Solche Einzelfall-Entscheidungen können manchmal bizarre Szenarien nach sich ziehen. Als in der Grundschule Königstein eine Lehrerin positiv auf das Virus getestet wurde, mussten alle Lehrkräfte in Quarantäne. Die Schüler durften weiter zur Schule gehen. Über das Wochenende organisierte die Schulbehörde Ersatz für die Betreuung. In der Zittauer Wilhelm-Busch-Grundschule wurden nach einem Corona-Fall vor einer Woche elf von zwölf Lehrern in Quarantäne geschickt. Auch hier wurde eine Notbetreuung organisiert.

Für Landesschülersprecherin Joanna Kesicka muss es für alle das große Ziel sein, dass die Schulen offen bleiben. Dass die Schüler wieder in die Schulen gehen können, sei richtig und wichtig. „Alle Schülerinnen und Schüler sind froh, dass es wieder langsam losgeht“, sagt die Löbauer Gymnasiastin. „Aber von Normalität kann man nicht reden.“ Sie erlebt allerdings auch einen starken Zusammenhalt der Schulgemeinschaft, in der Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern, im Versuch zusammenzuarbeiten.

Quarantäne bedeutet für die Schüler wieder Unterricht zu Hause. Klappt das besser als im Frühjahr, als die Schulen geschlossen waren? Ja, sagt Jürgen Karras vom Gymnasium Cotta, aber nur, wenn die Schule viel Arbeitskraft in die Vorbereitung gesteckt hat. Die Online-Plattform Lernsax muss gepflegt werden, die Klassen und Stundenpläne erstellt, die Namen aller Schüler eingegeben werden. „Das war viel Lernen durch Schmerz“, sagt Karras. „Und die zusätzliche Belastung ist immens.“ Das Kultusministerium hat seine Plattformen und Datenbanken während der Sommerferien ausgebaut: es gibt nun 400 Tutorials, Arbeitsblätter, Filme und Videos mehr. Auch die Lehrer müssen mit der Doppelbelastung von Präsenz- und Fernunterricht umgehen. Schließlich sitzen alle anderen Schüler ja noch im Unterricht.

Im Gymnasium Cotta müssen alle Schüler und Lehrer im Schulgebäude in den Pausen und bei der Essensausgabe einen Mund-Nase-Schutz tragen.
Im Gymnasium Cotta müssen alle Schüler und Lehrer im Schulgebäude in den Pausen und bei der Essensausgabe einen Mund-Nase-Schutz tragen. © Matthias Rietschel

Nach wie vor funktioniere Schule nur über Präsenzunterricht, sagt Landesschülersprecherin Joanna Kesicka. In der Corona-Zeit haben aber alle gemerkt, wo genau die Probleme liegen. Sehr viele Schulen haben mittlerweile aufgerüstet und zumindest einen Zugang zu einer Lernplattform. Aber auch heute haben nicht alle Schüler Internet oder einen eigenen Computer. Der Staat will dafür 28 Millionen Euro ausgeben. „Noch sind die Geräte aber nicht in den Schulen“, sagt Kesicka. „Da muss jetzt schnell gehandelt werden.“

An diesem Donnerstag sind außer einem alle Schüler der Elften am Gymnasium Cotta wieder da. In der Mittagspause chillen ein paar Ältere auf dem Schulhof. Sie nutzen die Pause, um im Sonnenschein kurz zu entspannen, liegen auf den Bänken, nehmen sich huckepack, stecken die Köpfe zusammen, um sich zu unterhalten. Ohne Abstand. Ohne Maske. Im Freien gilt keine Maskenpflicht. 

Dass die Einhaltung eines Mindestabstandes von 1,50 Metern für Schulen und schulische Veranstaltungen nicht mehr gilt, hält Uschi Kruse nach wie vor für einen Fehler. „So nah wie in der Schule dürften sich die Schüler draußen nicht kommen“, sagt Sachsens Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissen, die die Lehrerinnen und Lehrer vertritt. „Im Alltag gilt immerhin noch das Abstandsgebot.“ Die Infektionszahlen in Sachsen sind im Vergleich zu anderen Ländern zwar immer noch niedrig. Ein Grund zur Entwarnung sei das aber nicht, sagt Kruse. Die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Schulleitungen gäben sich viel Mühe, dass alles funktioniert, aber es laufe ein bisschen auf gut Glück. „Ich glaube, die Unsicherheit wird zunehmen.“

Die Bewährungsprobe kommt noch

Die Aufregung in der Lehrerschaft sei aber nicht so groß wie im Mai, als die Schulen nach der Schließung wieder öffneten. Damals hieß es, Lehrer und Schüler seien Versuchskaninchen, ihre Gesundheit werde absichtlich gefährdet. Dass die Lehrer bisher nicht panisch sind, lässt sich klar an den Zahlen ablesen: Von 33.097 Lehrkräften haben 668 ein Attest vorgelegt, dass sie nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, weil sie zur Risikogruppe gehören. Das sind zwei Prozent aller sächsischen Lehrkräfte. 338 von ihnen wollen trotz Attest und auf eigenen Wunsch Präsenzunterricht erteilen. Damit reduziert sich die Zahl der Lehrer, die für den Unterricht in der Schule fehlen, auf lediglich 330.

Dabei kommt die Bewährungsprobe erst noch. Mit Blick auf die Erkältungszeit hat das Kultusministerium gemeinsam mit Kinderärzten und Virologen entschieden, dass bei leichten Krankheitssymptomen, wie Schnupfen oder gelegentlichem Husten, Kinder weiter die Kindertagesbetreuung und Schüler weiter die Schule besuchen können. Piwarz beruft sich dabei auch auf zwei wissenschaftliche Studien aus Dresden und Leipzig. 

Dabei kam heraus, dass es aktuell keine Hinweise auf eine hohe Verbreitungsrate des Coronavirus über Kinder gibt und Schulen bislang keine Hotspots bei der Verbreitung waren. Es gelte aber weiterhin, dass nur gesunde Kinder in die Kita oder Schule geschickt werden sollten. Es müsse auch allen klar sein, dass es nicht möglich ist, jedes Restrisiko einer Corona-Infektion zu beseitigen, so Piwarz. Die steigenden Infektionszahlen machen ihm schon ein Stück weit Sorgen, wie lange der Weg noch durchzuhalten ist.

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