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Kretschmer: "Die Zeit der Appelle ist vorbei"

Ministerpräsident Kretschmer schwört auf den Corona-Lockdown ein. Die Lage in Krankenhäusern in Sachsen ist angespannt.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht in dem am Montag beginnenden Lockdown in Sachsen die einzige Möglichkeit, die medizinische Versorgung im Land zu gewährleisten.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sieht in dem am Montag beginnenden Lockdown in Sachsen die einzige Möglichkeit, die medizinische Versorgung im Land zu gewährleisten. © Robert Michael/dpa

Mit einer eindringlichen Warnung vor immensen Schwierigkeiten in den Krankenhäusern haben Politiker und Mediziner aus Sachsen die Bevölkerung zur Zurückhaltung in der Corona-Pandemie aufgerufen. „Die Zeit der Appelle ist vorbei“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Freitag nach einem Besuch des Helios-Klinikums in Aue. Mit milderen Mitteln wie Kontaktbeschränkungen sei es nicht gelungen, die Fallzahlen zu reduzieren.

Krankenhauskoordinator Professor Christoph Josten vom Universitätsklinikum Leipzig sagte: „Die Zahl der Patienten, die auf Intensivstationen kommen, ist enorm.“ Zudem erkrankten auch Mitarbeiter von Kliniken. „Wir haben eine Schere, die auseinanderklafft“, sagte Josten – mehr Patienten und weniger Mediziner. Ziel sei es, Personal zu schützen. „Wenn es so weitergeht, werden wir an Weihnachten in den Krankenhäusern die weiße Fahne heben müssen“, warnte Josten. Dann müsse über andere Modalitäten nachgedacht werden.

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Josten verneinte aber die Frage, ob Sachsen das neue Bergamo werde, wo die Pandemie im Frühjahr heftig gewütet hatte. Es gebe unter anderem größere Ressourcen im Gesundheitswesen als in Italien Der Krankenhauskoordinator fügte hinzu: „Wenn wir sagen, wir heben die weiße Flagge, dann heißt das: bis zu dem Punkt können wir eine Therapie nach unserem jetzigen Standard durchführen. Kommen wir in die nächste Kaskade müssen wir uns wirklich überlegen, das geht in ethische Fragen hinein: Müssen wir eine Triagierung durchführen?“ Unter Triagierung verstehen Mediziner vereinfacht formuliert die Einschätzung, wie dringend die Behandlung bei hohem Patientenaufkommen, etwa in Notlagen, ist.

Notfallversorgung über Weihnachten ist gesichert

Bislang sei das nicht notwendig, sagte Josten. Jeder Patient sei bestmöglich behandelt worden. Auch sei die Notfallversorgung über Weihnachten gesichert. Josten appellierte an die Bevölkerung, Kontakte zu reduzieren, damit sich die Fallzahlen nicht exponentiell vermehren. Erwogen werde derzeit, dass Covid-19-Patienten aus Ostsachsen und der Chemnitzer Region in Leipzig behandelt werden, fügte Josten hinzu und betonte: „Wir tun alles, was wir tun können.“

Der Infektiologe Dr. Thomas Grünewald vom Klinikum Chemnitz mahnte mit Blick auf die Krankheit: „Das ist keine Grippe.“ Derzeit sterben seinen Angaben zufolge zwischen 50 und 100 Menschen in Sachsen pro Tag an oder mit dem Coronavirus. Auch er mahnte zur Einhaltung aller Infektionsschutzregeln und riet auch jungen Menschen eindringlich zur Zurückhaltung bei Kontakten.

Der Landrat des Erzgebirgskreises, Frank Vogel (CDU), zeigte sich betroffen angesichts von Reaktionen aus der Bevölkerung. Der Kreis hatte wegen hoher Infektionszahlen bereits am Donnerstag Regelungen verschärft. „Wir müssen etwas tun, um eine deutliche Entlastung in den Krankenhäusern hinzubekommen“, sagte Vogel. Er sprach zudem von einer „Welle der Entrüstung“ die ihm und seinen Mitarbeitern entgegenschlage.

Kretschmer fordert „autoritäre Maßnahmen“

Deutschlandweit sei am Freitag ein Höchstwert an Neuinfektionen verzeichnet worden. Das werde sich in zehn bis 14 Tagen auch in den Kliniken zeigen. Vogel: „Mir laufen einfach noch zu viele Leute unbesorgt draußen rum, die da sagen, das ist alles dummes Geschwätz.“ Im Erzgebirgskreis sei von rund 3.000 Coronatests in der vergangenen Woche rund die Hälfte positiv gewesen. Er berichtete davon, dass bei der Nachvervfolgung geschwindelt werde. Manche Bürger hätten auffallend geringe Kontakte angegeben und erst auf Nachfrage eingeräumt, dass sie doch mehr Menschen getroffen hätten.

Regierungschef Kretschmer rang sich zu einem harten Lockdown nach dem Besuch des Görlitzer Klinikums vor einer Woche durch. Nach der Besichtigung der Intensivstation habe er gewusst: „Wir brauchen hier ganz andere, ganz klare autoritäre Maßnahmen des Staates.“ Es sei nicht mehr mit Ermahnungen getan.

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Kretschmer will am Freitagabend nach einer Kabinettssitzung in Dresden die Regeln vorstellen, die ab Montag in Sachsen gelten. Unter anderem sollen Schulen und Kitas geschlossen werden. „Es muss so sein, dass das gesellschaftliche Leben in Sachsen zur Ruhe kommt“, sagte Kretschmer. Nur so gelinge es, Kontaktzahlen zu reduzieren „und damit auch den Zulauf in die Krankenhäuser zu verringern“. Zu den Maßnahmen zählen auch die Schließung von Einzelhandelsgeschäften und Ausgangsbeschränkungen.

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