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"Dresdner Offlinevernetzung" plante Angriffe auf Polizisten

Aus der Gruppe, die Mordpläne gegen Michael Kretschmer hegte, werden jetzt neue Details bekannt. Auch ein weltweites Neonazi-Netzwerk war dort vertreten.

Von Tobias Wolf
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In Dresden-Kaditz nehmen Polizisten bei einer Razzia gegen Mitglieder der Telegram-Guppe einen Tatverdächtigen zur Vernehmung mit, der sich in der rechtsradikalen Szene engagiert.
In Dresden-Kaditz nehmen Polizisten bei einer Razzia gegen Mitglieder der Telegram-Guppe einen Tatverdächtigen zur Vernehmung mit, der sich in der rechtsradikalen Szene engagiert. © Tobias Wolf

Die Männer in der Telegram-Chatgruppe haben keinen Zweifel daran gelassen, was sie planen: den Mord an Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und anderen, die den tatverdächtigen Dresdnern als Feinde gelten.

Mitte Dezember hatte das Landeskriminalamt infolge eines Berichts des ZDF-Magazins Frontal über die Gruppe fünf Wohnungen und die Arbeitsstelle eines der Verdächtigen durchsucht, um Beweise zu sichern. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft fünf Männern und einer Frau vor, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet zu haben.

Nun sind neue Details aus der Chatgruppe "Dresden Offlinevernetzung" bekannt geworden. Das Frontal-Rechercheteam um Arndt Ginzel und Henrik Merker hat nun weitere Nachrichten aus der Gruppe bei ZDF Frontal veröffentlicht.

Mit Messer auf Polizisten einstechen

Demnach wollten Teilnehmer des Chats auch Polizisten mit einem Messer angreifen und zustechen - womöglich, während die Beamten Demonstrationen absichern.

Einer der Verdächtigen beschreibt, wie man mit schwarzem Spray das Helmvisier eines Polizisten besprüht. "Da kann der erstmal für einen Moment nichts sehen. Und dann könntest du zum Beispiel, wenn du jetzt kämpfen tust, musst dann aber och das Messer gleich in der Tasche offen ham. Zack, rein."

Der mutmaßliche Anführer der Gruppe, Daniel G. aus Dresden-Pieschen antwortet: "Diese kranken Parasiten, die sich Polizei nennen [..] Wie weit wir hier gehen wollen und wie weit wir unseren Arsch riskieren wollen für diese Sache hier. Ich meine, ich bin bereit bis zum Äußersten zu gehen. Ja, da müssen die mich halt in den Knast stecken."

Mitglieder der Gruppe hatten sich auch persönlich getroffen, um Absprachen zu treffen, etwa mehrfach im Albertpark, einem Teil der Dresdner Heide. Im Chat hatte ein Teil der Männer darüber geschrieben, dass sie sich Waffen besorgt hätten. Beim mutmaßlichen Anführer G. fanden die Ermittler bei der Razzia Armbrüste und Schwarzpulver.

Offenbar fürchtete der Mann, eines Tages könnte ein Impfteam vor seiner Tür stehen. "Da schießen wir halt die Typen weg, wenn sie dann vor der Türe stehen. Ich werde meine Knarre jetzt modifizieren lassen." G. plante demnach, eine spezielle Schiene zu montieren, auf die er später ein Visier aufsetzen wollte.

Von panzerbrechender Munition schreibt ein anderer, aber G. ist sich dem Chat zufolge sicher, mit dem Schwarzpulvergewehr "Kaliber 54, damit schießt du auch durch ein Tor durch. Das ist dann völlig scheiß egal. Und zur Not nehm ich noch ne Armbrust zur Hand. Also, da fallen schon mal Zweie um."

Die bei den Durchsuchungen gefundenen Waffen werden derzeit vom Landeskriminalamt begutachtet, so Sprecher Tom Bernhard. Außerdem würden derzeit die sicher gestellten Smartphones und Laptops der Beschuldigten kriminaltechnisch ausgewertet.

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Die nun veröffentlichten Chatprotokolle könnten der Polizei weitere Puzzlestücke für die Ermittlungen liefern. Denn das Landeskriminalamt war erst infolge der TV-Berichterstattung auf die Gruppe beim Messengerdienst Telegram aufmerksam geworden. Zu diesem Zeitpunkt war die bis dahin öffentlich einsehbare Gruppe für Außenstehende geschlossen worden.

Telegram-Chat: Mitglieder mit Nähe zu rechtsextremen Gruppen

Mehrere Mitglieder der Telegram-Chatgruppe waren bereits in der Vergangenheit mit ihrer Nähe zu rechtsextremistischen Gruppen wie Pegida oder als Neonazis aufgefallen. Offenbar hatten sie sich über den Chat auch international vernetzt, wie aus den neuerlichen ZDF-Veröffentlichungen hervorgeht.

Demnach hatte nach der Gründung der Gruppe"Dresden Offlinevernetzung" im August 2021 das US-Neonazi-Netzwerk "MZWNEWS" Kontakt zu den Dresdnern aufgenommen. Ein Vertreter des Netzwerks soll Mitglied der Chatgruppe gewesen sein.

Spezialisten einer Beweissicherungs- und Festnahme-Einheit der Polizei Sachsen führen Daniel G. bei einer Razzia in Dresden-Pieschen ab. Er soll Anführer der Telegram-Gruppe "Dresden Offlinevernetzung" sein.
Spezialisten einer Beweissicherungs- und Festnahme-Einheit der Polizei Sachsen führen Daniel G. bei einer Razzia in Dresden-Pieschen ab. Er soll Anführer der Telegram-Gruppe "Dresden Offlinevernetzung" sein. © dpa/Sebastian Kahnert

Betreiber von "MZWNEWS" ist der US-Neonazi John de Nugent. Dem Frontal-Rechercheteam zufolge gründete "MZWNEWS" im Herbst 2021 eine übergeordnete Telegram-Gruppe mit dem Namen „Offlinevernetzung“, aus der weitere neue regionale Gruppen in ganz Deutschland hervorgegangen sein sollen.

Verbunden mit der Aufforderung, kleine Gruppen zu bilden und "effektiv aufzuräumen" soll das US-Neonazi-Netzwerk ein unter Extremisten beliebtes Kriegshandbuch mit Anleitungen für Terroranschläge, Feuerüberfälle und zur Sprengstoffbeschaffung beigefügt haben, das die Dresdner Gruppe weiter teilte.

Daniel G. soll vor seinen Mitstreitern ein klares Ziel formuliert haben: "Es ist einfach so, Du kriegst hier die Typen dieses Regime ohne friedliche Mittel, also ohne Gewalt, nicht mehr weg!"

Die Generalstaatsanwaltschaft hat nach der Razzia im Dezember darauf verzichtet, Haftbefehle zu beantragen und sieht offenbar keine Flucht- oder Verdunkelungsgefahr. Allerdings soll es nach SZ-Informationen inzwischen weitere Verdächtige aus dem Kreis der mehr als hundert Teilnehmer zählenden Telegram-Chatgruppe geben.