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Dresdner Striezelmarkt wegen Corona abgesagt

Die Entscheidung ist gefallen: Der berühmte Weihnachtsmarkt findet in diesem Jahr wegen der Corona-Krise nicht statt. Wie die Stadt die Absage begründet.

Bilder wie dieses aus dem Jahr 2018 wird man in diesem Jahr auf dem Dresdner Altmarkt nicht sehen: Der Striezelmarkt wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt.
Bilder wie dieses aus dem Jahr 2018 wird man in diesem Jahr auf dem Dresdner Altmarkt nicht sehen: Der Striezelmarkt wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt. © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Der Striezelmarkt fällt aus. Diese Entscheidung hat Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) an diesem Freitag bekannt gegeben. Damit ist sein Versuch gescheitert, den weltberühmten Weihnachtsmarkt trotz der Corona-Pandemie zu retten.

Lange hatte er daran festgehalten, die Entscheidung herausgezögert und immer weiter am Konzept für dieses Jahr gearbeitet. Nun steht fest: Das war alles umsonst, der Weihnachtsmarkt kann nicht stattfinden.

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"Auch wenn noch keine konkreten Beschlüsse gefällt wurden, bedeutet dies für uns, dass wir auf lokaler Ebene eine sehr schwere Entscheidung treffen müssen", sagt Oberbürgermeister Dirk Hilbert. "Da keine Lockerungen der Corona-Verordnungen absehbar sind – ganz im Gegenteil – und frühestens kommende Woche mit einem neuen Fahrplan zu rechnen ist, haben wir keine realistische Option mehr, den Striezelmarkt durchzuführen." Er bedaure dies sehr, "sehe aber, dass der Teil-Lockdown bisher nicht die Wirkung erzielt hat, die wir uns für die Adventszeit gewünscht haben". Das Infektionsgeschehen in Dresden, aber auch gerade in den umliegenden Landkreisen lasse keine andere Entscheidung zu.

Dr. Robert Franke, Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung, sagt: "Wir wollen unsere Partner nicht weiter im Unklaren lassen. Viele Händler haben mit uns gemeinsam gehofft und uns unterstützt, dass wir einen Striezelmarkt durchführen. Aber genau wie wir müssen die Händler planen, Ware einkaufen und Personal binden. Die Risiken werden jetzt für alle viel zu groß." Um überhaupt noch in der ersten Dezemberwoche mit dem Markt zu starten, hätte aufgrund der Aufbauzeiten diese Woche eine Entscheidung gefällt werden müssen, erläutert Franke.

"Das Corona-Geschehen ist immer noch sehr dynamisch", sagt Hilbert. "Es deutet sich an, dass Bund und Freistaat die bestehenden Verordnungen weiterführen oder sogar verschärfen. Unter diesen Voraussetzungen wollen wir keine unnötigen Orte schaffen, an denen sich das Virus verbreiten könnte."

OB Hilbert: "Es war richtig, bis zuletzt um den Markt zu kämpfen"

Es werde jetzt einige selbsternannte Experten geben, die der Stadt vorwerfen, man hätte schon längst absagen sollen, so Hilbert. Das sei zu kurz gedacht und der Sache nicht angemessen. "Wir haben im Vorfeld ein gutes Konzept entwickelt, um die Gesundheit der Marktbesucher bestmöglich zu schützen. Der Striezelmarkt als ältester deutscher Weihnachtsmarkt hat eine so lange Tradition und einen so hohen Stellenwert in der Stadtgesellschaft, dass es richtig war, bis zum letztmöglichen Zeitpunkt darum zu kämpfen", sagt Hilbert. Es gehe dabei ja nicht alleine um einen Markt und um Konsum, "es geht um die Idee der Vorfreude auf Weihnachten, um Lichter in einer dunklen Jahreszeit und strahlende Augen von großen und kleinen Kindern".

"Um die Chance auf einen Striezelmarkt überhaupt und so lange wie möglich zu bewahren, sind natürlich auch Kosten entstanden", sagt Amtsleiter Franke. Dazu gehöre die Planung für die Erweiterung ans Terrassenufer mit den notwendigen Hygiene-, Verkehrs- und Sicherheitskonzepten. "Um die Kostenrisiken zu minimieren, wurde bis auf die Dekoration kein Aufbau begonnen. Eine genaue Aufschlüsselung wird jetzt erstellt."

Warum gibt es in der Stadt trotzdem einzelne Buden, die Weihnachtsartikel verkaufen? Es bestehe hier ein Unterschied zwischen den Flächen, die mit einer Marktsatzung geregelt sind, und öffentlichen Flächen, die für Sondernutzungen vergeben werden. Hinzu kommen die privaten Flächen etwa im Bereich der Einkaufszentren. Hilbert: "Wir erhoffen uns hier von Bund und Freistaat eine einheitliche, für alle klar nachvollziehbare Regelung für den Dezember."

Reaktion der Dresdner: "Dafür wird der Markt nächstes Jahr doppelt so groß"

Doch was sagen die Dresdner zu der Absage? Gudrun und Franz Schilling, die am Freitag in der Stadt unterwegs waren, finden es positiv, dass der Striezelmarkt abgesagt wurde. "Die Maßnahmen scheinen einfach noch nicht genug zu sein", sagt Franz Schilling. Solidarität und Zurückhaltung seien jetzt gefragt, man müsse an das große Ganze denken. Sie waren extra morgens in die Innenstadt gefahren, um schon alle Weihnachtsgeschenke zu kaufen und enge Menschenmengen zu vermeiden.

Im Osteingang der Altmarktgalerie sind schon ein paar Weihnachtsbuden geöffnet. Hier stehen einzelne Einkaufscenterbesucher und wärmen sich mit Glühwein aus Pappbechern auf. Ein älterer Herr mit brauner Häkelmütze sagt, die Absage sei "doch eh klar" gewesen. "Dafür wird der Markt nächstes Jahr doppelt so groß", sagt er, lacht und nimmt einen letzten Schluck aus dem Becher. Dann muss er nach Hause, seiner Frau beim Mittagessen vorbereiten helfen.

Vor dem Eingang der Galerie halten auch zwei Frauen einen gemütlichen Plausch. Sie sind Arbeitskolleginnen und haben sich zum Shoppen getroffen. "Der Striezelmarkt ist mir eh zu voll. Ich mag den Historischen am Neumarkt lieber, da gibt es gute Hirschbratwürste", sagt die eine Dame mit langem, rot gefärbtem Mantel und Pelzkragen.

Michael Kretschmer: Entscheidung "zeigt Verantwortungsbewusstsein"

Die Stadträte, wie SPD-Stadtrat Richard Kaniewski befürworten zu großen Teilen die Absage. André Schollbach, Linken-Fraktionsvorsitzende sagt: "Es hatte sich bereits in den vergangenen Wochen abgezeichnet. Nun herrscht endlich Klarheit. Es ist sehr schade, dass der Striezelmarkt in diesem Jahr nicht stattfinden kann. Aber die Rettung von Menschenleben und der Schutz der Gesundheit gehen selbstverständlich vor."

Die Absage bedaure auch die AfD-Fraktion. Der Vorsitzende Wolf Hagen Braun sagt, den Striezelmarkt abzusagen, sei eine bittere Entscheidung für ganz Dresden und zugleich ein fatales Zeichen an die Händler, Hoteliers und Gastronomen. "An seiner Durchführung hängen ganze Existenzen, die nun direkt bedroht sind. Dem Oberbürgermeister sind jedoch aufgrund der aktuellen Politik von Landes- und Bundesregierung offenbar die Hände gebunden." Den Antrag auf Änderung der Marktgebührensatzung werde man auf das kommende Jahr ausdehnen.

Zuspruch bekommt der Oberbürgermeister dagegen von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der Hilberts Entscheidung bei Facebook lobt. "Sie ist schwer, aber sie zeigt Verantwortungsbewusstsein in dieser Zeit", so Kretschmer. Die Infektionsgefahr sei deutlich größer als man sich habe im Sommer vorstellen können. "Das A & O ist es, dass wir Weihnachten miteinander in Familie feiern können und dass es zu jeder Zeit medizinische Kapazitäten gibt für die Menschen, die versorgt werden müssen." Unter anderem hatten bereits Leipzig und Zwickau ihre Weihnachtsmärkte aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt.

Was bedeutet die Absage für die anderen Märkte?

Fünf weitere Weihnachtsmärkte werden sonst im Auftrag der Stadt in Dresden veranstaltet, die in Konzession vergeben sind. Wie geht es nun mit den thematischen Weihnachtsmärkten weiter? Amtsleiter Franke erklärt: "Wir haben die Konzessionsnehmer für die Märkte unter anderem auf dem Neumarkt, der Pager Straße und der Hauptstraße über die Entscheidung zum Striezelmarkt informiert und stehen im Austausch."

Frank Schröder organisiert den Weihnachtsmarkt an der Prager Straße. "Wir können jetzt nicht absagen, weil wir sonst eine Strafe von 10.000 Euro pro Tag oder maximal 75.000 Euro zahlen müssten", erklärt er.

Dies ist in den Verträgen der Stadt mit den Konzessionären geregelt. "Dazu müssten wir auch Schadenersatz an die Händler zahlen", erläutert Schröder. Das sei eine "juristische Sache". "Realistisch wird in diesem Jahr keiner der Weihnachtsmärkte stattfinden."

Doch dafür bedürfe es entweder einer Verordnung des Bundes oder Landes, die Weihnachtsmärkte auch weiterhin untersagt oder der Dresdner Stadtrat müsste die Konzessionäre per Beschluss aus der Pflicht nehmen. Schröder beziffert alleine den Schaden für ihn auf rund 100.000 Euro, weil er bereits viele Ausgaben für den Markt hatte.

"Da steckte die Arbeit eines ganzen Jahres drin"

Sven-Erik Hitzer organisiert den Markt auf dem Neumarkt. "Es ist noch zu früh, eine Entscheidung über eine Absage zu fällen", sagt er. Er sei nicht an die Entscheidung der Stadt gebunden. "Wir müssen die neuen Verordnungen abwarten, aktuell sind Märkte nicht erlaubt." Eine Absage hätte laut Hitzer dramatische Folgen für die Händler und Veranstalter.

Auch der Elbhangfest-Verein, der den Loschwitzer Weihnachtsmarkt organisiert, will an diesem Freitag noch keine Entscheidung treffen. "Wir warten auf die Entscheidung der Bundesregierung kommende Woche und entscheiden dann über eine Absage oder nicht", so Chefin Lydia Göbel. Derzeit sammelt der Verein noch Spenden für den Markt.

"Die Überraschung bei uns ist nicht so groß, wir sind davon ausgegangen, dass der Markt abgesagt wird", sagt Beate Brunke, die das Weingut Keth auf dem Striezelmarkt vertritt und deshalb direkt von der Absage betroffen ist. "Dennoch ist der Verlust riesengroß, da steckte die Arbeit eines ganzen Jahres drin."

"Die Dresdner brauchen Weihnachtsflair für ihre Seele"

Absagen kann und will Holger Zastrow den Augustusmarkt an der Hauptstraße nicht. "Ich glaube auch nicht, dass es in diesem Jahr Weihnachtsmärkte als richtige Märkte geben kann. Aber es gibt Alternativen."

Die Privaten, die die Märkte wie beispielsweise er, Hitzer und Schröder für die Stadt durchführen, stehen in engem Kontakt. "Wir sind flexibel, professionell und haben die Möglichkeit, ein bisschen Weihnachten für Dresden zu retten", so Zastrow. Er wolle es noch nicht komplett aufgeben und stehe bereit. "Wir bieten der Stadt an, das zu realisieren, was möglich ist. Die Leute sollen ja an die frische Luft."

Imbisse und Glühwein gebe es derzeit vor jedem Einkaufszentrum, vor dem World Trade Center, auf Wochenmärkten und so weiter. "Wir können auch fliegenden Handel machen und beispielsweise entlang der Hauptstraße verteilte Inseln schaffen", so Zastrow. Das würde auch den Geschäften dort helfen und es gäbe eine Weihnachtsbeleuchtung. Denn die hat in den vergangenen Jahren Zastrow kurz vor dem Aufstellen der Pagoden für seinen Markt aufgehängt. "Wir sind systemrelevant, denn die Dresdner brauchen Weihnachtsflair für ihre Seele, gerade in der Corona-Zeit." (mit dpa)

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