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Insolvente Frisörkette: Großer Schnitt bei Klier

Gegen das Unternehmen wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Für die Kette ist das eine gute Nachricht.

Auch wenn sie oft nicht schließen mussten wie Restaurants oder Kultureinrichtungen, wurden viele Friseurbetriebe von der sinkenden Nachfrage der Kunden in der Pandemie hart getroffen.
Auch wenn sie oft nicht schließen mussten wie Restaurants oder Kultureinrichtungen, wurden viele Friseurbetriebe von der sinkenden Nachfrage der Kunden in der Pandemie hart getroffen. © dpa

Weil die Zahl der Firmenpleiten trotz Corona und wegen massiver Staatshilfen im Rahmen bleibt, erregen einzelne Fälle umso größeres Aufsehen – wie jener der Klier Hair Group GmbH. Das Amtsgericht Wolfsburg hat am Dienstag das Insolvenzverfahren gegen Europas größte Friseurkette eröffnet.

Das niedersächsische Familienunternehmen hatte schon Anfang September ein Schutzschirmverfahren beantragt, um sich mit dessen Hilfe neu aufzustellen. Das Verfahren, eine Kombination aus Vollstreckungsstopp und Eigenverwaltung, schützt in die Krise geratene Firmen vor dem Zugriff der Gläubiger. Die Chance hatten auch namhafte Adressen wie die fränkische Modehauskette Wöhrl und der ostdeutsche Lampenhersteller Narva genutzt.

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Klier war in der Pandemie unter Druck geraten und hatte seine Läden im Frühjahr – wie viele andere – über Wochen schließen müssen. Zwar lief das Geschäft danach wieder an, jedoch unter erschwerten Bedingungen und mit teuren Hygieneauflagen. Die Gruppe habe ein KfW-Darlehen erhalten, nachdem die Gesellschafter noch einmal Eigenkapital eingebracht hatten – sonst aber keine Staatshilfe erhalten, heißt es auf SZ-Anfrage. Mit dem Gerichtsentscheid sei nun der Weg frei für das „Hauptverfahren“ – im Grunde ein ganz normaler Verwaltungsakt mit zeitlicher Vorgabe.

Geschäft läuft uneingeschränkt

Damit bestätigt das Gericht eine „positive Fortführungsprognose“ , die Sanierung lohnt. „Eine gute Nachricht für Kunden und Mitarbeiter: Bei der Klier Hair Group (KHG) geht es weiter!“, reagiert das Unternehmen auf den Beschluss. Ziel sei eine nachhaltige Sanierung der Gruppe. Die Geschäftsführung bleibe im Amt, und der Betrieb laufe uneingeschränkt weiter.

Allerdings: „Kurzfristig müssen wir uns aus Verantwortung gegenüber Gläubigern und Mitarbeitern leider von dauerhaft unprofitablen Salons und Shops trennen“, erklärt Vorstandschef Michael Melzer. Zahlen oder Standorte nennt er nicht. Das sei zum jetzigen Zeitpunkt unseriös, und an Spekulationen wolle er sich nicht beteiligen. Noch liefen Verhandlungen über einzelne Standorte. Klier betreibt nach eigenen Angaben in Deutschland mehr als 1.350 Salons und Shops mit rund 8.500 Beschäftigten. Ferner gibt es Standorte in Österreich, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. KHG vereint die Marken Frisör Klier, Essanelle Ihr Friseur, Super Cut, Styleboxx, Hairexpress, Cosmo, Beautyhairshop und Klier Hair World. Auch in Ostsachsen ist die Kette präsent – allein fast 20 Mal in Dresden und der näheren Umgebung.

„Jede Standortschließung tut weh“, sagt Melzer. Aber nur so sei die Gruppe als Ganzes zu erhalten und das Gros der Arbeitsplätze zu sichern. Er kämpfe um jeden Standort. In Kürze werde der Sanierungsplan vorgelegt. Wie vorerst die Jobs blieben auch die Lehrverträge von der Insolvenz unberührt. „Sollten einzelne Salons in Zukunft schließen und so ein Ausbildungsplatz wegfallen, wird sich KHG mit Unterstützung der Handwerkskammer um einen anderen Ausbildungsplatz bemühen.“

Wegbereiter des Mindestlohns

Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Dresden gibt es in Sachsen 3.289 Friseursalons, darunter viele Solisten. Drei Viertel der Läden haben höchstens vier Beschäftigte, und weniger als zehn Prozent sind in einem Verband oder in einer Innung organisiert. Sachsens Landesinnungsverband hatte sich 2015 aufgelöst. Laut Robert Klügel, Obermeister der Innung Dresden, ist das Dutzend Innungen im Freistaat „nur noch ein lockerer Verbund“.

Klier gilt als ein Wegbereiter des Mindestlohns. 2013 hatte die Kette in zwölf ihrer Salons in Ostdeutschland Löhne und Preise deutlich erhöht – als Test für die Zahlungsbereitschaft der Kunden. Mit positivem Ergebnis, obwohl sich – abgesehen von den derzeitigen Corona-Einschränkungen – noch heute manche/r in Tschechien die Haare schneiden lässt – vor oder nach dem billigen Tanken. In der Folge hatten die Tarifpartner eine Lohnuntergrenze von 6,50 Euro im Osten und von 7,50 Euro im Westen vereinbart. Zuvor waren bei langjähriger Tariflosigkeit im Freistaat teils Löhne von unter fünf Euro gezahlt worden. Folge: Schwarzarbeit und Hartz IV.

Etwa die Hälfte der Kosten im Friseurhandwerk sind Personalkosten. Mangels eines eigenen Tarifvertrags gilt in der Branche derzeit nur der gesetzliche Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde, der zum Jahreswechsel auf 9,50 Euro steigen soll.

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