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Riesen-Ansturm auf Corona-Impfungen in Dresden

Stundenlang standen Impfwillige in der Altmarktgalerie. Seit Sachsen die dritte Dosis freigegeben hat, stürmen Menschen das überforderte System. Eine Reportage.

Von Franziska Klemenz
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Von 17 bis 22 Uhr konnten Menschen sich am Freitag in der Dresdner Altmarktgalerie eine Impfung holen. Die meisten warteten drei Stunden.
Von 17 bis 22 Uhr konnten Menschen sich am Freitag in der Dresdner Altmarktgalerie eine Impfung holen. Die meisten warteten drei Stunden. © Christian Juppe (Archiv)

Omar lehnt die Arme auf die Theke und schüttelt den Kopf. „Manchmal verstehe ich die Deutschen nicht“, sagt der Tavernen-Betreiber. Durch seine getönte Goldrand-Brille mustert er die Schlange, die sich an seinem Laden vorbeizieht. Hunderte Menschen stehen, sitzen, kauern auf dem Flur der Dresdner Altmarktgalerie. „Das ist nicht normal. Sowas habe ich noch nie gesehen.“ Die Wartenden steuern einen Laden im obersten Stock an, der früher Teddys verkauft hat. Weil er leer steht, darf das Rote Kreuz ihn nutzen. Für Impfungen gegen Corona.

Anfang November hat Sachsen als einziges Bundesland die dritte Impfung für alle freigegeben, am Freitag hat das Kabinett außerdem entschieden, dass Restaurants und andere Einrichtungen ab Montag nur noch Geimpfte und Genesen einlassen dürfen. Seitdem stürmen Impfwillige Ärztinnen und Ärzte, Kliniken und mobile Teams.

Die Zeit der Bratwürste und Baumärkte ist vorbei

Für Freitagabend der spontane Extra-Termin: In der Dresdner Altmarktgalerie ist „lange Shoppingnacht“, von 17 bis 22 Uhr impfen drei Ärzte plus Helferinnen. „Wie in einer anderen Zeit“, sagt eine Rotkreuz-Mitarbeiterin mit Blick auf die Schlange. „Bis vor Kurzem hatten wir so viel Druck, mehr Leute zu überzeugen: Wo können wir noch hingehen, ihnen mit Bratwürsten oder in Baumärkten im Alltag entgegenkommen?"

Rund die Hälfte der Leute, die zu den 30 Teams des Roten Kreuz strömt, kommt für die Booster-Impfung. An diesem Abend ist es ähnlich. Für die Erstimpfung ist gut ein Drittel der Leute da. Technik und Impfkabinen haben die Rotkreuzler mitgebracht, Stühle und eine Mini-Apotheke. Ein Schalter liest Versicherungskarten ein und prüft Anamnesebögen, ein anderer druckt Impfzertifikate.

Die ersten Impfwilligen warten seit drei Stunden, als die Aktion beginnt. Um 17 Uhr stehen mehr als 200 Menschen an. Die Schlange zieht sich vorbei an Läden und Imbissen Richtung Rolltreppe, umkreist ein Geländer und wandert zurück. „Wahnsinn. Wir können die Leute verstehen, die sich boostern lassen wollen, aber wir hören nicht morgen damit auf“, sagt Elisa Reininger, die den Einsatz koordiniert.

„Die Stimmung, die wir erleben, ist immer aggressiver. Als hätten die Leute Angst, dass es für sie nicht mehr reichen wird. Wir würden auch gerne mehr impfen, aber wir haben nunmal eine begrenzte Zahl von Leuten.“ Die Rotkreuz-Teams sind bis Jahresende ausgebucht. Zwei Drittel der Rotkreuzler, die an diesem Abend helfen, arbeiten entweder ehrenamtlich oder legen eine zweite Schicht ein. 510 Impfdosen haben sie dabei. „Ich denke, wir werden 450 gut schaffen“, sagt Reininger. Das Aufklärungsgespräch bestimmt die Dauer pro Impfung.

Zwei Drittel der Rotkreuz-Leute haben ehrenamtlich bei der Aktion geholfen oder eine zweite Arbeitsschicht am Tag eingelegt.
Zwei Drittel der Rotkreuz-Leute haben ehrenamtlich bei der Aktion geholfen oder eine zweite Arbeitsschicht am Tag eingelegt. © Christian Juppe

Leute in Neon-Jacken rollen Silber-Boxen mit Nachschub über die Flure, Stimmengewirr schwebt über den Köpfen. Um 18 Uhr ist Maximus der Letzte in der Schlange. Der Kanadier schimpft auf Englisch: „Ich versuche es seit heute Morgen, bin zwei Stunden mit der Bahn bis Bühlau gefahren. Die haben mich hierher geschickt.“ Mit seiner schwarzen Pelzkragen-Jacke könnte der Bartträger auch im Schnee auf die Impfung warten, seine langen schwarzen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Der 30-Jährige möchte sich die Zweitimpfung holen. „Ich war am Anfang skeptisch. Die Impfung kam mir zu schnell. Ich dachte mir: Testet sie an anderen Leuten aus.“ An einem Freitagabend, sagt der freiberufliche IT-Experte, wolle er lieber mit Whisky und Zigarre vor dem Fernseher hängen.

Rotes Kreuz: Freistaat hätte schrittweise öffnen sollen

"Ich glaube, heute werde ich nicht mehr geimpft. Es fühlt sich an wie der Black Friday in den USA." Elisa Reininger vom Roten Kreuz reißt rosafarbene Zettel mit Nummern aus einem Block. "Ich hätte mir gewünscht, dass es wie beim ersten Mal schrittweise aufgemacht wird, damit wir die Chance haben, entspannter zu boostern", sagt sie. 810 steht auf dem Zettel von Maximus. Er ächzt. "Ich werde hier wahrscheinlich sterben."

Imitate von antiken Säulen rahmen die Tische in Omars Taverne. "Bella Ciao", singen er und seine Leute, klatschen, applaudieren. Seinem Umsatz nutzt die Aktion. Auf dem Boden vor der Taverne campieren, trinken, essen die Wartenden.

Die letzten von 250 Leuten in der Schlange sind Christian und Edeltraut Kummer. Zwei Stunden Wartezeit hat das Rote Kreuz ihnen angesagt. „Halten wir durch“, sagt Christian Kummer, ein 81-jähriger Hörgerät-Träger. Seine Frau hebt die Augenbrauen und sagt: „Unsere Hausärztin in Striesen impft nicht - ohne Begründung.“ Also holen sie ihre dritte Dosis hier. „Unsere Kinder, Enkel, unser ganzer Bekanntenkreis ist geimpft - schon immer und es hat uns nicht geschadet.“

Edeltraut (78) und Christian Kummer (81) haben drei Stunden gewartet, um sich die Boosterimpfung zu holen: "Es war furchtbar."
Edeltraut (78) und Christian Kummer (81) haben drei Stunden gewartet, um sich die Boosterimpfung zu holen: "Es war furchtbar." © Christian Juppe

Am Anfang der Schlange gestikuliert ein Outdoorjacken-Träger. „Kann doch ni sein“, schimpft er, weil das Rote Kreuz eine stillende Mutter und ein Rentnerpaar aus der Schlange geholt und vorgezogen hat.

Einige Eltern sind mit ihren Kindern für die Erstimpfung gekommen. Viele erzählen von Ärzten, die sich weigern, zu impfen. Andere hätten Wartezeiten bis weit in den Dezember hinein. „Kann man sich wenigstens für die zweite Impfung einen Termin geben lassen?“, fragt eine Mutter. Die Rotkreuzlerin kräuselt die Lippen, antwortet kleinlaut: „Es tut mir leid, ich verstehe Sie, aber wir können keine Termine vergeben.“

Auch Erstimpfungen unter den Willigen

Die 14-jährigen Zwillinge Hannah und Anton haben selbst entschieden, dass sie die Impfung wollen. "Keine Lust, mich mit Corona anzustecken, ich lass mich impfen, damit das nicht so schlimme Folgen hätte", sagt Anton. Unmotivierend sei der Lockdown gewesen. "Keine Schule, kein Training." Hannah macht rhythmische Sportgymnastik, ihr Bruder spielt Fußball. "Darauf wollen wir nicht nochmal verzichten."

Die Familie hat es vorher am Waldschlösschen versucht - alle Dosen aus. "Wir würden uns wünschen, dass die Impfzentren wieder öffnen", sagt der Vater.

Die Frau hinter dem Paar hörte in Dresden-Löbtau eine Stunde nach Impfbeginn, dass alle Dosen aus seien. Dann das gleiche in Prohlis. „Ich hätte nicht gedacht, dass man so früh kommen muss.“ Sie steht seit zwei Stunden und 40 Minuten an. „Immerhin warten wir im Trockenen. Am Waldschlösschen standen einige im Regen.“

Zwei Kinder mit Shoppingtüten so groß wie sie selbst laufen an Stephanie vorbei, die ihrn Bogen auf dem Rücken ihres Freundes ausfüllt. Die 26-Jährige ist für die Erstimpfung da. „Meine Schwester hatte danach eine Woche lang Fieber, bei mir war immer was los, wo ich das nicht gebrauchen konnte, deswegen mache ich es erst jetzt."

Während andere Menschen zur langen Shoppingnacht in die Altmarktgalerie kamen, bestand das oberste Stockwerk vor allem aus einer Schlange, die sich quer durchgezogen hat.
Während andere Menschen zur langen Shoppingnacht in die Altmarktgalerie kamen, bestand das oberste Stockwerk vor allem aus einer Schlange, die sich quer durchgezogen hat. © Christian Juppe

Stephanie lässt sich in einen Plastik-Klappstuhl sinken. "Ich ärgere mich, dass ich so lange gewartet habe. Ehrlicherweise hätte ich nicht gedacht, dass die Zahlen so schnell hochgehen. Wenn ich Fieber bekomme, ist es halt so. Mehr Angst hab ich, dass ich mich in der Schlange angesteckt habe."

Mal dienen Stahlgitter, mal Werbetafeln als Sichtschutz für die Impfungen. "Bist du bäreit für ein fantatztisches Abenteuer?", steht über den Impfkabinen - ein Relikt des früheren Ladens. Stephanie lässt ihren linken Arm vom Stuhl gleiten. Die Nadel versinkt darin.

„Ich war noch nie in einem Leben so gelangweilt“

Maximus ist auf Höhe der Taverne angekommen. Aus den Boxen trällern griechische Gitarren und die Stimme von Popstar Pashalis Terzis. "Ich war noch nie in einem Leben so gelangweilt", sagt Maximus und donnert eine leere Sprite-Flasche in einen Mülleimer. Tavernenbesitzer Omar blickt anders darauf: "Es ist gut, wenn die Leute sich spritzen lassen, auch weil sie sonst ab Montag nicht mehr in mein Restaurant kommen dürfen." Omar kommt aus dem Emirat Dubai. "Da sind alle geimpft, das Leben ist normal."

"Bisschen aufgeregt bin ich schon", sagt die 13-jährige Elisa, die im Bärenladen auf die Spritze wartet. „In meiner Schule sind ganz viele geimpft.“ Ihr Vater trägt das Buch über Hexen, das sie beim Warten ausgelesen hat.

Elisa Reininger, Leiterin des Führungs- und Lagezentrums beim Roten Kreuz Sachsen, hilft den Schwestern Charlotte (gelber Pullover) und Elisa (rechts) und ihrem Vater dabei, den Anamnesebogen auszufüllen.
Elisa Reininger, Leiterin des Führungs- und Lagezentrums beim Roten Kreuz Sachsen, hilft den Schwestern Charlotte (gelber Pullover) und Elisa (rechts) und ihrem Vater dabei, den Anamnesebogen auszufüllen. © Christian Juppe

"Verwandte von uns hatten Corona und es war schlimm bei ihnen", sagt Charlotte, die 15-jährige Schwester. Eine Lehrerin, die es letzten Dezember hatte, werde bis heute vertreten. "Viele hier lassen sich wahrscheinlich wegen der neuen 2G-Regel impfen", sagt der Vater. "Ein sinnvolles Druckmittel, aber für uns überhaupt nicht ausschlaggebend."

Um 20.30 Uhr hat das Team 140 Menschen geimpft. Weniger als geplant. Anamnesebögen und Beratungsgespräche haben länger gedauert als gedacht. "Ich habe jetzt erstmal Annahmeschluss gemacht", sagt Koordinatorin Reininger. "Es wird zeitlich echt knapp."

"Es war furchtbar, jetzt bin ich echt am Limit"

Maximus ist doch geblieben. "Die Leute unterschreiben alles, ohne es zu lesen", frotzelt er und zieht sich mit seinem Anamnesebogen an einen Stehtisch zurück. Dann wirft er sich auf eine bunte Bären-Bank und wartet. Das Ehepaar Kummer stapft rein. Nicht die angesagten zwei, sondern drei Stunden hat es gedauert."„Es war furchtbar, jetzt bin ich echt am Limit", sagt Edeltraut Kummer. "Aber morgen wäre es nicht besser geworden."

Gegenüber verlässt ein Paar um die 30 mit glasigen Augen und dem Pferdespiel "Happy Horses" den Spielzeugladen. Die lange Shoppingnacht und die Impfaktion, sie spielen in parallelen Welten. Ab und zu mustern Tütenträger im Vorbeieilen das Innere des Teddyladens. Wer drei Stunden Warten überstanden hat, stapft meist direkt zum Ausgang der Galerie. Besonders viel ist in den Läden nicht los: Im Schuhladen sind mehr Kartons als Menschen zu sehen, daneben wachen Drachenreiter, Elfen und Meerjungfrauen über einen verlassenen Spielzeugladen.

Wer um 21.15 Uhr noch auf die Impfung wartet, lauert. "Nächste?", fragt eine Helferin. Mehrere springen auf. Maximus zückt seine Nummer 810. "Er wartet länger", sagt die Helferin. Christian Kummer sinkt in sich zusammen, seine Augen blicken zu Boden. "Der nächste", heißt es aus einer anderen Ecke. Der 81-Jährige rafft sich zu voller Größe auf, zischt wie eine Dampflock durch den Raum und ruft: "Nummer 820!"

Früher war ein Bärenladen in dem Raum, den das Rote Kreuz zum Mini-Impfzentrum umfunktioniert hat.
Früher war ein Bärenladen in dem Raum, den das Rote Kreuz zum Mini-Impfzentrum umfunktioniert hat. © Christian Juppe

Vor dem Impf-Provisorium erregen sich Leute über eine "Frechheit", ein "Armutszeugnis", weil sie eine Absage bekommen haben. "Nur damit Sie pünktlich Feierabend machen", raunt ein Mann zu Elisa Reininger, die seit 14 Stunden im Dienst ist. Ein Sicherheitsmann übernimmt die Situation. "Auch wenn man weiß, dass es nicht gegen einen Selbst ist, zermürbt es einen irgendwann", sagt Reininger. "Wir erleben immer mehr Beleidigungen und Aggressivität, das macht einen fertig."

Wut und Frust, weil Leute keine Impfung bekommen

Drei Wartende geben auf. Ein Ehepaar bleibt. "Ich bin 73 Jahre alt und das hier ist mein vierter Versuch in dieser Woche, das ist nicht einzusehen", sagt Hans Bodach. "Die Organisation ist eine Katastrophe", schimpft seine Ehefrau. Vorhin habe das Ehepaar im Fernsehen noch den Aufruf gesehen, zur Altmarktgalerie zu kommen. Der Sicherheitsmann wiederholt: "Wenn ich Sie reinlasse, kommen die Nächsten."

Elisa Reininger eilt zum Absperrband. "Wir haben noch Dosen übrig." Die Mundwinkel der Bodachs schießen nach oben. 22 Uhr. Trompetenmusik hallt durch die Altmarktgalerie. Die Lichter der Läden erlöschen. Der Manager der Altmarktgalerie besucht das Rotkreuz-Team. "Wir möchten weitere Termine planen, für den Handel ist es wichtig", sagt er.

Ehepaar Bodach ist frisch mit Biontech versorgt. "Befreit, froh", seien sie jetzt, sagt die Ehefrau mit blutrotem Mantel und Absatzschuhen, die auf ihr Zertifikat wartet. Die Assistentinnen ziehen ihre blauen Kittel von ihren Armen, zerknüllen sie und werfen sie weg. Am Ende haben sie 286 Menschen geimpft. Für 166 Geimpfte war es die dritte Spritze gegen das Virus.