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Qualifiziert. Motiviert. Arbeitslos.

Jens Schöntube wurde einst als Löbauer Stadtmaskottchen bekannt - und sucht Arbeit. Doch in der Corona-Krise wird seine Behinderung zum zusätzlichen Handicap.

Jens Schöntube ist ausgebildeter Zerspanungsmechaniker. Trotz seiner starken Sehbehinderung kann er auf einer computergesteuerten Fräse Präzisionsteile herstellen.
Jens Schöntube ist ausgebildeter Zerspanungsmechaniker. Trotz seiner starken Sehbehinderung kann er auf einer computergesteuerten Fräse Präzisionsteile herstellen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Mit einer Lupenbrille auf dem Kopf sitzt Jens Schöntube an einer kleinen CNC-Fräsmaschine in seinem Wohnzimmer. Was die Maschine aus Metall und Kunststoff-Rohlingen formt, hat er an seinem Computer konstruiert, der die Maschine steuert. Ein Präzisions-Kunstwerk soll daraus mal entstehen: Der Zittauer Bahnhof im Maßstab 1:120 (TT) für die Modelleisenbahn von Schöntube. Das Projekt beschäftigt den 41-Jährigen und macht ihm Freude. Aber er hätte gerne weniger Zeit dafür. Denn eigentlich möchte er gerne einen Arbeitsplatz, an dem er seine technischen Fertigkeiten einbringen kann. Aber niemand will Jens Schöntube einstellen. Das liegt an seiner Sehbehinderung - und die Corona-Krise hat sein Job-Problem noch mal erheblich verschärft.

Da hilft auch keine "Prominenz". Über die Grenzen der Region hinaus wurde Jens Schöntube bekannt als der Mann unter dem Löbauer Stadtmaskottchen "Friedrich", einer Plüschversion des Gusseisernen Turms, dem Schöntube ganz besonderes Leben einhauchte. Mehrere Jahre verkörperte er diese Rolle. Zum "Tag der Sachsen" 2017 in Löbau brachte auch der MDR ein Porträt über den Zittauer, der auf diese Art gewissermaßen zum bekanntesten Löbauer wurde. Eine Aufgabe, die Jens Schöntube ein bisschen Ruhm und viel Ehre einbrachte - aber keinen Job, von dem er auch seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte.

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Jens Schöntube war lange Zeit der Mann unter dem Löbauer Stadt-Maskottchen "Friedrich", einer Plüsch-Darstellung des Gusseisernen Turms.
Jens Schöntube war lange Zeit der Mann unter dem Löbauer Stadt-Maskottchen "Friedrich", einer Plüsch-Darstellung des Gusseisernen Turms. © Rafael Sampedro Archiv

Gekündigt trotz ordentlicher Arbeit

Die große Chance für ein wirtschaftlich selbst bestimmtes Leben bahnte sich für Jens Schöntube dann im März 2018 an. Damals begann er beim Berufsbildungswerk in Chemnitz eine geförderte Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker für Fräsmaschinensysteme. "Es war ein Kraftakt, da ist viel Mathematik dabei", sagt er. Und schon während eines ausbildungsbegleitenden Praktikums bei MS Powertec in Zittau gab es einen Lichtblick. "Die haben damals gesagt, sie würden mich nach der Ausbildung gerne einstellen", erzählt er. Doch als Schöntube dann im August 2020 mit seiner Ausbildung fertig war, stellte das Zittauer Unternehmen schon längst nicht mehr ein - und kurz später gingen dort auch ganz die Lichter aus.

Dennoch, Jens Schöntube hatte Glück - zunächst. "Direkt am 1. September konnte ich über eine Zeitarbeitsfirma einen Probearbeitsmonat bei einem Metallbaubetrieb hier in der Nähe beginnen", erzählt er - eine Anstellung zum Tariflohn. Und schon nach wenigen Wochen habe man ihm dort bestätigt, dass er ordentliche Arbeit leiste. "Der Meister hat gesagt, dass ich die CNC-Maschine schon alleine bedienen könnte", erzählt er. Doch nur Tage später war das alles Makulatur. "An meinem letzten Probearbeitstag hat mir der Prokurist ohne Vorwarnung mitgeteilt, dass er mich bei der Zeitarbeitsfirma abgemeldet habe und man mich nicht weiter beschäftigen wolle", erzählt er. Eine Entscheidung, die offenbar nicht nur Jens Schöntube selbst überraschte. "Die Kollegen da waren auch völlig sprachlos", sagt er.

Wenn ein Schutzgesetz zum Hemmnis wird

Jens Schöntube ist davon überzeugt, dass es nicht an einer schlechten Arbeitsleistung lag, warum er nicht eingestellt wurde - sondern an seiner Sehbehinderung. "Wenn mich jemand einstellt, unterliege ich als Schwerbehinderter einem besonderen Kündigungsschutz", sagt er. Heißt: Wer ihn einmal einstellt, wird ihn nur schwer wieder los. "Und das ist ein Risiko, das viele Arbeitgeber gerade jetzt in der schwierigen Corona-Zeit nicht eingehen wollen", sagt er. Eine eigentliche Begünstigung des Gesetzgebers, die sich in dieser Zeit als zusätzliches Handicap erweist. Dabei: "Ich muss in einem Betrieb das Gleiche leisten wie jeder andere auch, ich bekomme nichts geschenkt", sagt Schöntube.

Eine Einschätzung, die der Sozialverband Deutschland (Sovd) stützt. In einer jüngsten Veröffentlichung auf dem Nachrichtenportal "Finanznachrichten.de" erklärt Sovd-Präsident Adolf Bauer, dass die Zahl arbeitsloser schwerbehinderter Menschen mit 180.000 im Januar 2021 beinahe zwölf Prozent über dem Vorjahresmonat liege. Die anhaltende Corona-Pandemie habe die Situation dieser Menschen auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt weiter verschärft.

Zig Bewerbungen geschrieben

Seit Monaten lebt Jens Schöntube nun wieder von Hartz IV und hat allein in diesem Jahr schon mehr als ein Dutzend Bewerbungen geschrieben. Dabei ist die Zahl der Betriebe, die für ihn infrage kommen ohnehin überschaubar. "Weil ich keinen Führerschein machen kann, bin ich auf eine Arbeitsstelle angewiesen, die ich mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann", sagt er. Im näheren Umkreis von einigen Kilometern würde es auch mit dem Fahrrad funktionieren. "Gerade deshalb war die letzte Stelle so ideal, weil da der Bus quasi vor der Tür gehalten hat", sagt er. Und überhaupt: "Ich habe gerne dort gearbeitet. Ich habe mich wohl gefühlt und es hat Spaß gemacht."

Vorerst bleibt Jens Schöntube aber nur die Konstruktion seines Modellbahnhofs. "Die CNC-Maschine habe ich mir von dem Lohn gekauft, den ich da in dem einen Monat bekommen habe. "Ich hätte nur den Folgearbeitsvertrag ab dem 1. Oktober bekommen müssen, dann wäre ich der glücklichste Mensch der Welt", sagt er - ein hoffentlich nur aufgeschobenes Glück.

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