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Piwarz über LernSax: "Das war ein schlechter Start"

Die Schulen sind im Lockdown und LernSax streikt: Sachsens Kultusminister Christian Piwarz über die Konsequenzen und seine Pläne für Januar.

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU).
Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU). © imago

Dresden. Nach den kompletten Ausfällen von Lernsax zu Beginn der Woche, funktioniert die sächsische Lernplattform nun wieder. Das Online-Angebot sollen Sachsens Schülerinnen und Schüler für den Fernunterricht nutzen. Über LernSax erhalten sie Mitteilungen von ihren Lehrern, es gibt Chats und Foren sowie Aufgabenplaner und weitere Instrumente, die das Lernen abseits der Klassenräume erleichtern sollen. Das ist auch nötig, denn Sachsens Schüler müssen seit Montag zu Hause lernen. Die Abkehr vom Präsenzunterricht ist ein Teil des Maßnahmenpakets in der Corona-Schutzverordnung.

Herr Piwarz, Sie haben sich lange für Präsenzunterricht eingesetzt und dann mussten die Schulen doch schließen. Ab dem ersten Tag des Lockdowns gibt es Probleme mit LernSax. Eltern und Schüler sind frustriert. Können Sie das verstehen?

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Ich kann das voll und ganz verstehen. Ich und die Mitarbeiter im Kultusministerium ärgern uns am meisten darüber, dass dann, wenn es drauf an kommt, unsere zentrale Plattform nicht funktioniert. Wir haben alles unternommen, damit wir die Erreichbarkeit wieder sicherstellen und damit die Performance funktioniert, so dass LernSax genutzt werden kann. Jetzt geht es darum, dafür zu sorgen, dass sich derartige Dinge nicht wiederholen. Ich kann da nur um Nachsicht und Verständnis werben. Das war ein denkbar schlechter Start.

Was war das Problem?

Nachdem, was wir wissen und was unser Dienstleister uns mitgeteilt hat, hat es zum einen damit zu tun, dass das Rechenzentrum von Angriffen betroffen gewesen ist: letzte Woche direkt auf LernSax, diese Woche auf eine ähnliche Plattform. Zum anderen hat sich offenbar herausgestellt, dass in den Vermittlungsservern ein Fehler ist, der dazu führte, dass diese Geräte bei einer großen Anzahl von Anfragen den Dienst quittiert haben. Wir haben jetzt erst einmal sichergestellt, dass wir die Kapazitäten haben, um den Fehler zu kompensieren. Am Wochenende wird die Technologie gewechselt, um solche Fehler in Zukunft auszuschließen.

Schon im Frühjahr gab es Probleme mit der Plattform. Hat es Sachsen versäumt, im Sommer seine Hausaufgaben zu machen, um auf erneute Schulschließungen vorbereitet zu sein?

Wir haben damals sehr schnell reagiert. Da ging es tatsächlich um nicht ausreichende Speicherkapazitäten, weil auf einmal viel mehr Schulen die Plattform genutzt haben. Mittlerweile haben wir genug Speicherkapazitäten. 133 Terabyte stehen zur Verfügung, 20 davon werden aktuell genutzt. So wie ich das wahrgenommen habe, ist jetzt ein Problem aufgetreten, dass es so bei den Vermittlungsservern vorher nicht gab. Natürlich kann man immer sagen, man muss sich auf alles vorbereiten. Hier war aber offensichtlich das Rechenzentrum selber von dieser Reaktion der Server überrascht. Ich kann nur sagen, dass wir die Dinge, die wir wussten und verändern mussten, auch getan haben. Jetzt ist ein zusätzlicher Fehler aufgetreten. Nichtsdestotrotz ist es misslich, dass das System über mehrere Tage nicht stabil funktionierte.

Ist es denn angesichts dieser technischen Probleme überhaupt clever nur auf eine Plattform zu setzen?

Wir haben mehrere Plattformen, etwa noch Opal Schule. Trotzdem wollen wir es für die Schulen möglichst einfach machen und deswegen eine Plattform anbieten, auf die möglichst viele zugreifen können. Wir müssen Lehrkräfte fortbilden und Schüler und Eltern an die Bedienung der Plattform gewöhnen. Da ist eine Vielfalt zwar nachvollziehbar wünschenswert, aber hilft uns nicht, möglichst viele Schulen hineinzubekommen. Deswegen haben wir überwiegend auf LernSax gesetzt. Mit der Konsequenz, dass wir drauf angewiesen sind, dass es technisch einwandfrei laufen muss.

Mit LernSax werden Sachsens Schüler zu Hause unterrichtet. Seit dem 14. Dezember sind die Schulen geschlossen.
Mit LernSax werden Sachsens Schüler zu Hause unterrichtet. Seit dem 14. Dezember sind die Schulen geschlossen. © Claudia Hübschmann

Gibt es Alternativen, die Sie den Lehrern an die Hand geben können, wenn die Technik wieder streikt? Oder war es das dann mit dem Unterricht zu Hause?

Es gibt natürlich andere Kommunikationsmöglichkeiten, die Schüler und Lehrer auch nutzen. Zum Beispiel kann man über E-Mail Arbeitsmaterialien austauschen. Das ist dann relativ limitiert, aber es geht. Ich möchte aber deutlich machen, dass LernSax wieder läuft. Man kann darauf zugreifen, uns wurde auch berichtet, dass Konferenzen gut funktionieren. Es kann einzelne Lastspitzen geben, wo möglicherweise mal kurz der Login nicht möglich ist. Aber jetzt läuft es und das, was die Lehrer vorbereitet haben, kann bei LernSax auch abgearbeitet werden. Im Moment stellt sich als die Frage nach Alternativen nicht. Der E-Mail-Verteiler als Backup ist aber nie verkehrt.

Ziehen Sie aus dem jetzigen Problemen Konsequenzen für Ihre Anbieter?

Mich ärgert selbst sehr, dass wir nicht liefern konnten, als wir liefern mussten. Ich habe deshalb im Haus eine umfassende Aufarbeitung beauftragt. Dort werden wir uns die Grundlagen der Verträge anschauen, etwa was die Anbieter leisten müssen. Wir werden schauen, wie wir LernSax so sicherstellen, dass es wirklich stabil und sicher läuft. Alle Eventualitäten kann ich natürlich nicht ausschließen. Wir sind aber in der Pflicht, aus den Fehlern zu lernen. Wir werden das entsprechend aufarbeiten und mit den Partnern noch einmal dezidiert sprechen, was unsererseits und was von deren Seite geleistet werden muss, um ein stabiles System zu gewährleisten. Eins haben wir schon gemacht: ein umfangreiches Sicherheitssystem aufgespielt. Ich habe persönlich ein großes Interesse daran, dass sich so eine Situation nicht wiederholt.

Gibt es die Möglichkeit, dass Sachsen LernSax und die Infrastruktur selbst betreibt?

Ich tue mich schwer damit, dass wir das selber und dann automatisch besser machen können. Es geht darum, was das Rechenzentrum leisten kann. Wenn es ein unvorhergesehener Fehler ist, wird jedes Rechenzentrum dasselbe Problem haben können. Wir haben es mit einem Anbieter zu tun, mit dem wir seit vielen Jahren gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Der stellt die entsprechende Grundsoftware. Wenn ich mich von dem lösen wöllte, bräuchte ich ein komplett neues System. Das würde nur wieder zu Verunsicherung führen. Wir sind eigentlich mit dem System an sich sehr zufrieden. Wir müssen jetzt, wo etwas schiefgegangen ist, die Abläufe so optimieren, dass das nach Möglichkeit nicht noch mal passiert.

Sollten im Januar erneut Probleme auftreten, hätten die Schüler fast einen Monat keinen Unterricht.

Das wäre der „worst case“. Aber der ist ja auch in dieser Woche nicht eingetreten. Die Plattform war vor allem in den Vormittagsstunden nicht erreichbar. Nachmittags ging es schon wieder. Das klassische Geschäft des Herunter- oder Hochladens von Dokumenten ist durchaus möglich gewesen. Leider nicht zu jeder Tageszeit. Das ist nicht in Ordnung. Die Plattform muss zukünftig besser erreichbar sein. Aber jetzt läuft das System stabil und ab dem Wochenende, wenn es auf ein neues System gezogen wird, ist das kein Thema mehr.

Eltern und Schüler ärgern sich nicht nur darüber, dass das System nicht funktioniert. Sie haben auch mit Blick auf den verpassten Unterrichtsstoff und Noten Bedenken. Halten Sie an dem Plan, Halbjahresnoten zu vergeben, fest?

Ich kann die Sorgen verstehen. Da kommt ja eine ganze Menge zusammen, auch familiär. Es wird Halbjahreszeugnisse geben. Schon allein, weil die Schüler in der Zeit, in der wir noch Präsenzunterricht anbieten konnten, viele Noten gesammelt haben. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass wir möglichst früh im Jahr wieder öffnen können. Das hängt aber natürlich vom Infektionsgeschehen ab. Es ist misslich, dass LernSax nicht zur Verfügung stand, aber es geht nur um zwei Schulwochen. Das fällt nicht so stark ins Gewicht, dass deswegen keine Notenvergabe mehr möglich ist.

Haben Sie denn einen Plan, wie die Schulen wieder öffnen sollen?

Wir haben verschiedene Konzepte entwickelt, die vom Infektionsgeschehen abhängig sind. Wir müssen uns in der Woche nach Weihnachten und in der ersten Januarwoche die Zahlen anschauen und dann entscheiden, wie viel Öffnung überhaupt geht. Wir haben zwei Prioritäten: Das sind die Jüngsten, also Kindergarten und Grundschule. Dort haben wir mit dem System der festen Gruppen und Klassen gute Erfahrungen gemacht. Die zweite Priorität haben die Abschlussklassen in allen Schularten und die Vorabschlussklassen an den Gymnasien. Dort wollen wir möglichst früh wieder Präsenzunterricht ermöglichen, damit eine gute Prüfungsvorbereitung erfolgt. Für die anderen Klassen müssen wir in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen sehen, ob sie in häuslicher Lernzeit bleiben oder ob sie schon wieder in ein Wechselmodell gehen können, flächendeckend oder nur in einzelnen Regionen.

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Wir nehmen das sehr ernst. Diese Entscheidung steht und fällt mit der Frage, wann wir wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren können und in welchem Umfang. Davon müssen wir abhängig machen, welche Lernbereiche noch vermittelt werden können, welche man gegebenenfalls schieben oder darauf verzichten muss. Wir haben im letzten Schuljahr die Anforderungen teilweise schon nach unten gesetzt. Das war bislang nicht nötig, weil wir ja im Präsenzunterricht geblieben sind. Wenn wir Anfang Januar absehen können, wie sich die Zeit bis zu den Winterferien gestaltet, werden wir auch entscheiden, ob wir Einschränkungen vornehmen müssen. Der Grundsatz ist, dass Leistungen, die nicht erbracht werden können, weil kein Präsenzunterricht stattfindet, auch entsprechend reduziert werden müssen.

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