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Warum ruft Dresden auf, Wochenmärkte zu besuchen?

In Dresden breiten sich die Virusmutanten aus. Gerade jetzt wirbt die Stadt auf Plakaten um Wochenmarktbesucher. Ist das verantwortbar?

Über 250-mal hängt dieses Plakat seit Dienstag im Dresdner Stadtgebiet. Ein sinnvoller Aufruf?
Über 250-mal hängt dieses Plakat seit Dienstag im Dresdner Stadtgebiet. Ein sinnvoller Aufruf? © Daniel Krüger

Dresden. Die Stadt Dresden wirbt seit diesem Dienstag, den 23. Februar, auf rund 260 Plakaten für die elf Wochenmärkte im Stadtgebiet. Das Plakat gehört zu der Kampagne „Maximal lokal“, die zum Ende des ersten Lockdowns aufgesetzt wurde, um regionale Händler in der Corona-Situation zu unterstützen.

Gleichzeitig verbreiten sich die britische und südafrikanische Mutante des Virus immer weiter im Stadtgebiet, die Angst vor einer dritten Welle wächst. Gerade die Dresdner Wochenmärkte werden erfahrungsgemäß auch von vielen älteren Menschen besucht, die zur Corona-Risikogruppe gehören.

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Erst diese Woche wurde bekannt, dass Oberbürgermeister Dirk Hilbert plant, auch in Dresden Senioren einen Taxi-Dienst zu den Terminen im Impfzentrum an der Messe anzubieten. Sogar spezielle Einkaufszeiten für Senioren wurden bereits in der Verwaltung diskutiert, dann aber wieder verworfen.

Was steckt hinter der Plakataktion der Stadt?

Ist es aus dieser Sicht verantwortbar, mit einer groß angelegten Plakataktion für einen Einkauf auf dem Wochenmarkt zu werben?

Bereits Anfang des Monats hatte eine andere Kampagne der Stadt für Empörung gesorgt, bei der eine Telefonnummer des Ordnungsamts angepriesen wurde, unter der sich Bürger über Lärmbelästigung, etwa durch Nachbarn, beschweren konnten. Die Rede war unter anderem vom "Aufruf zum Denunzieren". Auch Gastronomen meldeten sich zu Wort.

Was also steckt hinter der neuen Aktion? "Wir wollen noch einmal explizit darauf aufmerksam machen, dass die Wochenmärkte trotz Corona offen haben", sagt Stadtsprecher Kai Schulze. Dies sei auch in der Corona-Schutz-Verordnung des Freistaats ausdrücklich geregelt.

Mit den Plakaten wolle man die regionalen Lebensmittelhändler, allen voran Bauern von kleinen Höfen und Molkereibesitzern, eine Möglichkeit geben, ihre Waren anzubieten. "Für sie sind die Wochenmärkte neben Hofläden im Moment die einzige Einnahmequelle", sagt Schulz.

Welche Regeln gelten auf den Dresdner Wochenmärkten?

Madeleine Megyesi-Lukaß organisiert und führt die elf Dresdner Wochenmärkte für die Genossenschaft Deutsche Marktgilde durch. Ihr Ziel sei es, dass sich in der aktuellen Situation keine Menschenansammlungen auf den Märkten bilden.

"Die Kunden sollen ihren Einkauf erledigen und den Markt danach recht schnell verlassen", sagt sie. Es sei nicht gewünscht, sich "in irgendeiner Form dort aufzuhalten". Auf allen Märkten gelte die Maskenpflicht, Marktwächter würden über die Einhaltung der Regeln streng wachen und auch auf das Einhalten des Mindestabstandes achten.

Redebedarf: Der Wochenmarkt auf der Lingnerallee im April 2020 kurz nach der Wiedereröffnung.
Redebedarf: Der Wochenmarkt auf der Lingnerallee im April 2020 kurz nach der Wiedereröffnung. © Sven Ellger

Besonders auf dem größten Dresdner Wochenmarkt auf der Lingnerallee war es nach dem ersten Lockdown im April 2020 zu teilweise chaotischen Szenen gekommen. Stadt und Betreiber reagierten mit zusätzlichem Sicherheitspersonal und einem Zaun um das Gelände.

Der Zaun ist mittlerweile wieder abgebaut worden, Securitys der Stadt sind aber weiterhin jeden Freitag unterwegs. Es gebe auch so gut wie keine Verstöße mehr, sagt Megyesi-Lukaß. Das liege auch daran, dass zwischen den einzelnen Ständen mehr Platz geschaffen wurde - weil es weder Imbissbuden noch andere Dinge außer Lebensmittel zu kaufen gebe. So könnten Schlangen leicht auf die umliegenden Wiesen erweitert werden.

Doch trotz aller Sicherheitsvorkehrungen: Ist es ein richtiges Signal, die Dresdner zum Einkauf auf dem Wochenmarkt mit einer Werbemaßnahme aufzufordern? "Ich sehe das durchaus als richtig an", sagt Organisatorin Megyesi-Kukaß.

"Wir haben mit der Stadt darüber gesprochen und stehen voll hinter der Kampagne. Die Wochenmärkte liegen an der frischen Luft und damit mischen sich die Aerosole, weshalb es kein Infektionsproblem gibt."

Sind Wochenmärkte aktuell ein Gesundheitsrisiko?

Der Vorteil der Wochenmärkte sei nicht zu unterschätzen, sagt Stadtsprecher Schulz. "Gerade am Samstagmittag ist es in vielen Dresdner Supermärkten proppevoll, während die Märkte unter freiem Himmel stattfinden", so Schulz.

Der Sprecher verweist auf Erfahrungen aus der Verwaltung. "Unsere Experten aus dem Dresdner Gesundheitsamt haben bestätigt, dass die Infektionsgefahr hier um ein Vielfaches geringer ist. Wir haben auch seit Pandemiebeginn keinen einzigen Fall in der Kontaktnachverfolgung, der auf einen Wochenmarktbesuch zurückzuführen ist."

Auch das Ordnungsamt habe auf SZ-Nachfrage bestätigt, dass "Wochenmärkte kein Schwerpunkt bei Verstößen gegen Corona-Regeln" seien. Eine genaue Statistik zu den einzelnen Orten, an denen Vergehen registriert wurden, gebe es aber auch nicht.

Werden die Märkte bald völlig überfüllt sein?

"Streng genommen hätten wir da auch das Rodeln an der Waldschlösschenbrücke vor zwei Wochen verbieten müssen. Wer sich nicht an die Regeln halten will, will eben nicht. Und zum Plausch treffen sich die Leute auch im Supermarkt ", sagt Schulz.

Aus Sicht der Stadt sehe man die Wochenmärkte als "gesunde Möglichkeit, regional einzukaufen" - auch in Corona-Zeiten. Schulz glaubt nicht, dass die neuen Plakate eine "so starke Sogwirkung" auf die Dresdner hätten, dass die Wochenmärkte in Zukunft stark überfüllt seien.

Eine maximale Besucheranzahl aber gibt es nicht und ist auch nicht geplant. "Das Ganze findet an der frischen Luft statt. Wenn Abstände nicht eingehalten werden können, muss man die Leute eben im schlimmsten Fall bitten, weiterzugehen."

Will sonst niemand mehr auf den Plakaten werben?

Die Plakataktion an sich sei im November als Ersatz für eine andere Werbung geplant worden, bei der "wir uns nicht sicher waren, ob diese Geschäfte Ende Februar offen haben dürfen". Dass viele Dresdner den Eindruck haben, es gäbe momentan besonders viele Stadtplakate liege auch daran, dass keine Veranstaltungen stattfinden.

"Wir haben immer ein Kontingent von etwa 250 Plakaten, das sind die Rückseiten der Tafeln von zwei Unternehmen aus der Außenwerbung. Die Unternehmen übernehmen dafür Aufgaben wie etwa Toilettenreinigungen oder sind für DVB-Haltestellen verantwortlich. Einen Teil des Kontingents stellen wir den Veranstaltern kostenfrei zur Verfügung", sagt Schulz.

Weil aktuell keine Events stattfinden, habe die Stadt mehr Platz zum Plakatieren. Alle zwei Wochen startet sie eine neue Kampagne. Nicht immer treffen die Macher damit den Geschmack der Dresdner - während Corona fällt das besonders auf.

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