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Wo bleibt die Omikron-Welle in Sachsen?

Sachsens Kabinett will am Mittwoch Corona-Lockerungen beschließen. Dabei hat die Verbreitung von Omikron erst begonnen. Antworten auf wichtige Fragen.

Von Martin Skurt
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In sächsischen Labors wurde die Omikron-Variante bisher nur selten festgestellt. Bislang gibt es 115 Nachweise im Freistaat.
In sächsischen Labors wurde die Omikron-Variante bisher nur selten festgestellt. Bislang gibt es 115 Nachweise im Freistaat. © dpa/Sebastian Gollnow

Bislang ist die Omikron-Variante des Corona-Virus in Sachsen kaum verbreitet. Noch, warnen Experten, Kliniken und das Gesundheitsministerium. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Wie viele Omikron-Fälle gibt es momentan in Sachsen?

Derzeit gibt es 115 nachgewiesene Omikron-Fälle sowie 900 Verdachtsfälle in Sachsen (Stand: 11.01.2022/19 Uhr). Das geht aus Meldungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervor. Deutschlandweit wurden in der ersten Januar-Woche 52.782 Fälle gemeldet, in der letzten Dezember-Woche waren es 31.286. Experten gehen davon aus, dass sich die Fälle pro Woche in etwa verdoppeln werden.

Wie hoch ist die Quote an nachgewiesenen Omikron-Fällen?

Die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen (LUA) Sachsen führt variantenspezifische PCR-Tests durch, auf die sich ein Verdacht auf die Omikron-Variante gründet. In der ersten Kalenderwoche waren zum Beispiel zwei Drittel der in der LUA untersuchten Corona-positiven Proben der Delta- und ein Drittel der Omikron-Variante zuzuordnen. Wie viele Tests oder Sequenzierungen bislang durchgeführt wurden, kann das Gesundheitsministerium aber nicht sagen. Diese sind nicht meldepflichtig.

Wie belastbar sind die aktuellen Infektionszahlen derzeit überhaupt – angesichts der Verzögerungen bei den Meldungen zwischen den Jahren?

„Belastbar genug, um politische Entscheidungen zu treffen“, das sagt jedenfalls Christian Jassoy. Er leitet den Fachbereich Virologie an der Leipziger Universität. Die wichtigsten Parameter seien Meldungen aus den Krankenhäusern und die dadurch errechnete Hospitalisierungsrate – das ist die Zahl der Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohnern in einem bestimmten Zeitraum. Interessant ist dabei: Die Infektionszahlen in Sachsen sind seit Wochen vergleichsweise niedrig.

Gibt es regionale Schwerpunkte bei der Omikron-Verteilung in Sachsen?

Aktuell werden hauptsächlich Fälle aus den sächsischen Großstädten gemeldet, so das Gesundheitsministerium. Das sei eine Besonderheit von Omikron, führt Dirk Brockmann an. Er ist Modellierer an der Humboldt-Universität Berlin. Brockmann beobachtet, dass die Virusvariante zunächst urbane Regionen heftig treffe. „London ist derzeit extrem viel stärker betroffen als die ländlichen Gegenden Großbritanniens“, so Brockmann. In Dänemark konzentriere sich der Anstieg auf Kopenhagen, eine ähnliche Entwicklung sei auch in Deutschland zu erkennen. Omikron tritt derzeit gehäuft in Bremen, Hamburg und Berlin auf. So treffen sich in Städten mehr Menschen in Kinos, Museen, Restaurants oder Kneipen als auf dem Land, und mehr Kontakte in Innenräumen begünstigen die Omikron-Verbreitung.

Wann könnte Omikron die dominante Virus-Variante in Sachsen sein?

Noch dominiert Delta das Virus-Geschehen in Sachsen. Das Gesundheitsministerium erwartet aber höherer Fallzahlen in den nächsten zwei bis drei Wochen. Momentan verzögere sich die Ausbreitung noch – im Vergleich zu anderen Bundesländern. „Omikron wird aber auch bei uns bald dominant sein, das sehe ich in der täglichen Arbeit an unserem Institut“, sagte der Leipziger Infektionsepidemiologe Jassoy. Bundesweit verdoppelt sich derzeit nach RKI-Beobachtung die Fallzahlen nach fünf Tagen. „Das ist bei uns ähnlich“, sagt Jassoy.

Warum ist Omikron in Sachsen offenbar noch nicht so weit verbreitet wie in anderen Bundesländern?

Das könnte, so schätzt das Gesundheitsministerium, auch daran liegen, dass in Sachsen mit der Notfallverordnung seit dem 22. November 2021 mit die schärfsten und strengsten Corona-Regeln im gesamten Bundesgebiet gelten.

Inwiefern wirkt sich die niedrige Impfquote in Sachsen auf die Omikron-Verbreitung aus?

Das Gesundheitsministerium sorgt sich derzeit wegen des vergleichsweise hohen Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung und der niedrigen Impfquote im Freistaat. Aktuell liegt sie bei 61,3 Prozent (vollständig Geimpfte). Doch Experten sagen, dass dies nach bisheriger Erkenntnis kaum Effekt auf die Infektionsdynamik habe.

Die Zweifach-Impfung wirke sich bei Omikron fast gar nicht, auch der Booster nur sehr wenig auf diesen Aspekt aus, sagt der Modellierer Brockmann. „Charakteristisch für Omikron ist, dass es sich so verbreitet, als wäre die Bevölkerung nicht geimpft. 2G ist da wie null G.“ Für die Kliniken ist aber eine hohe Impfquote entscheidend. „Wir haben heute mit der Impfung die Möglichkeit, aktiv der Verbreitung des Virus sowie der Möglichkeit eines schweren Verlaufs etwas entgegenzusetzen“, sagt sächsischer Krankenhaus-Koordinator Michael Albrecht.

Sind Geimpfte gegen Omikron besser geschützt als Ungeimpfte?

Für das Ansteckungsrisiko des Einzelnen hat der Booster vor allem in der ersten Zeit nach der Impfung durchaus Bedeutung: Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité verwies kürzlich etwa auf dänische Studiendaten, die zeigten, dass die Auffrischungs-Impfung das Risiko für eine Omikron-Ansteckung merklich senke. „Allerdings sind die Krankheitsverläufe bei Ungeimpften bedeutend schwerer als bei Geimpften“, sagt sein Leipziger Kollege Christian Jassoy.

Wie ist die aktuelle Lage in den sächsischen Kliniken?

Am Dienstag waren 847 Betten auf den Normalstationen mit Covid-19-Patienten belegt, auf den Intensivstationen lagen 356 Menschen mit Covid. Damit ist der Trend seit einigen Tagen rückläufig und die Werte für die Überlastungsstufe sind deutlich unterschritten. Dennoch sieht Krankenhaus-Koordinator Albrecht keinen Grund zur Entwarnung. Noch immer sei die Belegung sehr hoch und schwanke täglich um die lokalen Belastungsgrenzen.

Weitere Patientenverlegungen in andere Bundesländer seien derzeit nicht vorgesehen. Noch im Dezember hatte Sachsen mehrere Patienten auch mithilfe der Luftwaffe ausgeflogen, um hiesige Kliniken zu entlasten. Das Universitätsklinikum Dresden bereitet sich nach Albrechts Angaben weiterhin auf erhöhte Infektionszahlen vor, die durch die geplanten Lockerungen in Sachsen entstehen könnten. Bisher wurde dort erst ein Omikron-Fall behandelt. (mit dpa)