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Das Glück der Trainerin

Gabi Frehse durfte als Kind nicht turnen, jetzt führt sie zwei Sportlerinnen zu Olympia – und ist in Rio trotzdem auch traurig.

© Toni Söll

Von Sven Geisler

Das ist so ein glücklicher Moment, der sie sagen lässt: „Ich liebe meinen Beruf.“ Als Gabriele Frehse das Plakat für den Empfang der erfolgreichen Olympia-Starterinnen ausrollt, stellt sich eines ihrer Turnküken neben die Trainerin. „Gabi“, sagt sie, „das will ich auch mal schaffen.“ Sophie Scheder bringt eine Bronzemedaille mit aus Rio, es ist die erste für eine deutsche Turnerin am Stufenbarren seit 1988. Pauline Schäfer hat zwar die Gerätefinals am Balken und Boden knapp verpasst, aber keinesfalls enttäuscht.

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Für Frehse sind die Erfolge der beiden 19 Jahre jungen Frauen eine Bestätigung dafür, dass es richtig war, nach dem Mauerfall nicht auch gleich alle Fundamente auszuheben. Sie arbeitete schon vor 1990 im Verein, der damals BSG Motor hieß. Die Betriebssportgemeinschaft wurde vom RFT-Gerätewerk unterstützt und Frehse direkt nach der Lehre zum Mechaniker für Datenverarbeitungs- und Büromaschinen als Sportinstrukteurin eingestellt.

Eigentlich wollte sie an der DHfK in Leipzig Sport studieren, aber dafür bekam sie kein ärztliches Attest. Wegen ihrer Hüften. Erst als sie ein Jahr alt war und gerade laufen gelernt hatte, wurde erkannt, dass auf beiden Seiten die Köpfe nicht in den viel zu kleinen Pfannen steckten. Sie lag zwei Jahre in Gips, konnte erst mit vier wieder laufen. An Turnen war nicht zu denken, schwimmen wäre gut für sie. Sagten alle. Nur sie selber hatte weniger Spaß im Wasser, auch wenn sie es an die Sportschule und zur DDR-Spartakiade schaffte.

„Daran hing nie mein Herz“

Vielleicht wäre mehr möglich gewesen für die Lagen-Spezialistin als jene zwölf Titel bei einer Bezirksspartakiade. Nachdem sie mit dem Leistungssport aufgehört hatte, gewann sie im Wettbewerb der ambitionierten Freizeitathleten alle Disziplinen. Und trotzdem: „Daran hing nie mein Herz, mir fehlte der Ehrgeiz.“ Sie turnte heimlich, bis Mama es mal wieder rausbekam und sie mahnte, doch an ihre Gesundheit zu denken. Sie hörte artig – und konnte doch nicht davon lassen.

Während andere Kinder nach der Schule spielten, saß sie stundenlang in der Turnhalle, beobachtete die Sportler und Trainer. Eines Tages pfiff sie auf den gut gemeinten Rat, endgültig. „Ich bin sogar noch mal Bezirksspartakiadesiegerin am Stufenbarren geworden“, erzählt Frehse. Für eine große Karriere als Turnerin war es zu spät, für sie stand jedoch fest, dass sie als Trainerin ihr Hobby zum Beruf machen wird. Schon in der 10. Klasse betreute sie ihre erste Gruppe, während der Lehre begann sie am Trainingszentrum in Altendorf, also dort, wo die 55-Jährige seitdem Turnerinnen hilft, ihr Talent zu entwickeln.

„Ohne Gabi hätten wir das nicht geschafft“, sagt Schäfer, die bei der WM 2015 Bronze am Balken gewann. Für Scheder ist sie „wie eine zweite Mutti“, und das muss Frehse auch sein. Denn Scheder war erst elf, als sie von Wolfsburg nach Chemnitz umzog, eben weil sie hier ideale Bedingungen vorfand. „Internat, die Schulen, Stadt, Sportbund – wir haben alle das gleiche Ziel“, erklärt Frehse. Dieses Zusammenspiel meint sie, wenn sie sagt: „Es ist nach der Wende ein bisschen gebröckelt, aber wir haben uns die Grundlagen erhalten, ein funktionierendes System.“

Eine gute Trainerin gehört zwingend dazu. „Sie ist super positiv eingestellt, immer für uns da, kann uns aber auch in den Hintern treten“, meint Scheder. Frehse selbst charakterisiert sich als „ehrgeizig, konsequent, hart und liebevoll“. Dann überlegt sie einen Moment. „Früher war ich härter.“ Vor etwa 15 Jahren gab es dieses Schlüsselerlebnis: Bei einem Lehrgang in Bergisch-Gladbach verfolgte ein Sportpsychologe das Training und stellte fest: „Ihr kritisiert die Kinder den ganzen Tag. Lobt doch mal!“

Das habe sie beherzigt und gemerkt, wie sie selber zufriedener wurde. Und noch etwas hat sie geändert: So wichtig ihr der Beruf ist, privat geht jetzt öfter vor. Als sie vor acht Jahren ihre Ehe löste und das Gefühl hatte, ihre Familie zu sehr vernachlässigt zu haben, half ihr die Tochter aus der kleinen Sinnkrise. „Sie sagte: Mama, wieso stellst du das infrage? Wir haben vielleicht nicht so oft zusammen Frühstück und Abendbrot gegessen wie andere Familien, aber die wenige Zeit miteinander haben wir intensiv genutzt.“

Patricia, 34, ist keine Turnerin geworden, obwohl auch sie von der Sportart fasziniert war. Doch Gabi Frehse schickte sie in den Küchwald zu den Eiskunstläuferinnen, weil sie Katarina Witt so toll fand – und weil sie die eigene Tochter nicht trainieren wollte, wie sie heute schmunzelnd zugibt. Ihre Kleine ist zwar nicht ganz groß rausgekommen, hatte aber Spaß an den Sprüngen und Schwüngen gefunden und betreut heute Eislaufsternchen.

Vielleicht schafft es eines Tages auch eines ihrer Talente zu Olympia. Gabi Frehse hatte 2008 in Peking mit Joeline Möbius ihre erste Athletin zu den Spielen gebracht, aber das war noch etwas anderes. Die erst 14-Jährige turnte an drei Geräten für die Riege, ohne eigene Ambitionen. Die hatten Scheder und Schäfer dagegen schon. Ihre Trainerin durfte mit nach Rio, aber bei den Wettkämpfen nur von der Tribüne zuschauen. „Außen vor zu sein, ist kein schönes Gefühl“, sagt Frehse.

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Sie hat die Sportlerinnen jahrelang vorbereitet, doch beim Höhepunkt werden sie von der Bundestrainerin betreut. „Gabi hat die ganze Arbeit mit uns gemacht und wurde in Rio quasi in die hintere Reihe abgeschoben“, sagt Scheder: „Das fand ich blöd.“ Gabi Frehse hat daran zu knabbern. Doch zum Glück gibt es dann wieder so einen Moment, in dem eine kleine Turnerin zu ihr kommt …