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Der alte Mann und der Internet-Star

Der erste Prozesstag um den Unister-Betrug in Venedig zeigte vor allem eins: Wie verzweifelt muss Gründer Thomas Wagner gewesen sein, dass er sich auf dieses Geschäft einließ?

© dpa

Von Ulrich Wolf, Leipzig

Der Mann, der das Unglück über den einstigen Leipziger Vorzeigeunternehmer und Unister-Gründer Thomas Wagner gebracht haben soll, betritt um Punkt 9.03 Uhr den Saal 115 des Landgerichts Leipzig. In Handschellen, begleitet von zwei Justizbeamten. Er hält sich einen grünen Schnellhefter vors Gesicht, schützt sich so vor dem Blitzlichtgewitter der Fotografen. Ein Schal um den Hals, Jeans, braune Lederschuhe, Hornbrille, dunkles Jackett, Igelschnitt. Immer wieder wird er sich in den folgenden drei Stunden mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischen, leise mit seinem Verteidiger diskutieren. Sein Lebensabend steht auf dem Spiel.

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Wilfried Schwätter ist 69 Jahre alt, seit Ende Juli 2016 sitzt er in Untersuchungshaft. Die 16. Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Norbert Röger wird darüber befinden, ob der gebürtige Dortmunder jenes Betrugsgeschäft eingefädelt hat, das Thomas Wagner zu einem dubiosen Millionendeal in Venedig verleitete. Es endete nicht nur in einem finanziellen Debakel und der Insolvenz der Unister-Gruppe mit ihren erfolgreichen Marken wie fluege.de oder ab-in-den-urlaub.de. Schlimmer noch: Beim Rückflug aus Italien stürzte die Propellermaschine, die Wagner zurück nach Leipzig bringen sollte, über Westslowenien ab. Der Unternehmer, einer seiner Freunde, ein Finanzmann und der Pilot starben. Wagner wurde nur 38 Jahre alt.

Nach Lesart von Staatsanwalt Dirk Reuter von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden begann dieser Teil der Unister-Tragödie im späten Frühjahr 2016. Der Internet-Reisekonzern war nach jahrelangen Betrugsermittlungen, Razzien und angeblichen Datenschutzverstößen ins Trudeln geraten, Wagner brauchte dringend Geld. Über den Leipziger Immobilienmogul Oliver Bechstedt erhielt der Unister-Chef einen Kontakt zu einem ehemaligen Manager der Deutschen Kreditbank in Leipzig. Dieser Banker, Karsten K., trat dann in Verbindung mit zwei Vertrauensleuten Wagners. Der Anklage zufolge bot K. einen Kredit von 15 bis 20 Millionen Euro an, verzinst mit 4,1 Prozent. Eine Kreditversicherungssumme von zehn Prozent des Darlehens in bar reiche als Sicherheit völlig aus, hieß es. Das Geld komme von einem seriösen Geschäftsmann aus Israel.

Vertraute rieten von dem Geschäft ab

Wagners Emissäre trafen sich dann mit K. Ende Juni im Hotel „Luisenhof“ in Hannover. An dem Gespräch nahmen zudem der bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Finanzvermittler teil sowie der nun angeklagte Schwätter. Der fungierte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft als eine Art Leumund für den vermeintlichen israelischen Kreditgeber. Ein Mann namens Levy Vass, überaus seriös. Er arbeite seit fast zwei Jahrzehnten mit ihm erfolgreich zusammen, soll Schwätter bei dem Treffen gesagt haben. Referenzen konnte er aber nicht beibringen. Wagners Vertraute rieten daraufhin von dem Geschäft ab.

Dass es dennoch zustande kam, muss Wagners Verzweiflung geschuldet sein. Nur einen Tag nach dem Treffen in Hannover schickte K. eine Mail. Darin beteuerte der Banker erneut die Seriosität von Vass. Der Israeli sei an Spielbanken beteiligt, handle seit 17 Jahren mit Diamanten, im Internet gebe es nichts Negatives über ihn. Und es sei ihm möglich, schnell zehn Millionen Euro zu besorgen. Die Laufzeit betrage zehn Jahre, die ersten zwei davon seien zinsfrei. Als Kreditversicherung reiche eine Million in bar. Als Provision erhielten er, der Banker, und die weiteren Vermittler wie Schwätter insgesamt fünf Prozent der Kreditsumme.

Wagner springt darauf an, er entscheidet sich sogar für ein 15-Millionen-Darlehen. Einen Vertragsentwurf erhält er von K. am 6. Juli per Mail, man verabredet sich in Venedig. Der Unister-Chef organisiert die geforderte Kreditversicherung, indem er 1,5 Millionen Euro von einem Konto einer Unister-Firma abhebt. Am 13. Juli fliegt er mit einer gecharterten Propellermaschine nach Italien. Der Banker K. reist mit dem Auto an, der angeklagte Schwätter fliegt nicht mit. Er begründet das mit einer Krebserkrankung seines Sohnes.

Geldtausch auf Hotelparkplatz

Was dann passierte, schildert Staatsanwalt Reuter so: Wagners Gruppe trifft sich mit den Vass-Leuten im Hotel Antony’s Palace in Marcon bei Venedig. Vass zeigt seinen Ausweis, angeblich wohnt er in Varese in der Lombardei. Der vermeintliche Israeli verpflichtet sich gegenüber Wagner, 15 Millionen Euro zu zahlen, eine erste Tranche von 4 090 000 Schweizer Franken befinde sich in einem Koffer in seinem Auto, der Rest fließe später. Im Gegenzug solle Wagner ihm die 1,5 Millionen Euro übergeben. Der Geldtausch geht auf dem Hotelparkplatz über die Bühne. Man verabredet sich dann bei einer Bank, wo das Vass-Geld zugunsten von Wagner und Unister eingezahlt werden soll. Vass aber kommt nicht. Und Wagner entdeckt, dass in dessen Koffer nur die oberen Geldscheine echt sind, rund 20 000 Franken. Der Rest sind Blüten. Wagner erstattet noch in Venedig Anzeige, dann fliegt er zurück …

Nicht einmal eine halbe Stunde benötigt der 43-jährige Reuter, um seine Anklage zu verlesen. Wagners ehemaliger Finanzchef ist unter den Zuhörern, hört aufmerksam zu. Schwätter sitzt meist regungslos da, dreht höchstens einen Ring an der linken Hand. In der Anklage ist noch ein zweiter, von Unister unabhängiger Fall enthalten. Schwätter und Vass sollen eine Frau aus dem Sauerland mit dergleichen Masche betrogen haben.

Die Frau ist Immobilienmaklerin, heißt Susanne R. und lebt im sauerländischen Menden. Und sie sagt als erste Zeugin aus, ausgerechnet am Tag ihres 56. Geburtstages. Eine Million Euro habe sie benötigt, Projektierungskosten für ein Seniorenheim in Berlin. Banken würden solche Kosten angeblich nicht finanzieren. Ein Bekannter habe sie an Schwätter verweisen, der habe ihr dann von Vass erzählt. Der habe unentwegt Überzeugungsarbeit geleistet. „Ich habe so oft mit Schwätter telefoniert, ich hätte bei Schwätters einziehen können“, sagt die Maklerin. Im Juni 2016 sei es zu einem Treffen in einem Hotel in der slowenischen Hauptstadt Llubjana gekommen, sie habe als Sicherheit die geforderten 100 000 Euro in bar mitgebracht. Dieses Geld habe Schwätter auf dem Hotelparkplatz an Vass übergeben. Der Geldkoffer des Kreditgebers, der sich ihr nicht als Vass, sondern als Wiaiss vorgestellt habe, ging aber nicht gleich auf. In diesem Moment des Trubels sei der angebliche israelische Diamantenhändler mit einem alten dunklen Jaguar davongefahren - und nicht mehr gesehen.

Zeuge hatte in Thailand Ärger

Als der Koffer des Israelis schließlich geöffnet war, befand darin mit Ausnahme von 7 000 Schweizer Franken nur Falschgeld. „Ich habe das dann an einem Einkaufszentrum weggeschmissen, danach war ich finanziell ruiniert“, sagt die Maklerin. Tatsächlich finden sich auf ihrer Internetseite keine aktuellen Immobilienangebote mehr. Nach dem Betrug habe sie mit Schwätter und dem ominösen Vass zwar noch Kontakt gehabt, ihr seien sogar knapp 5 000 Euro zurücküberwiesen worden. Sie sei auch zu zwei weiteren Verabredungen nach Rom gereist, habe aber auch dort Vass nicht angetroffen. „Als ich das dann mit Herrn Wagner erfuhr, habe ich mich an den Spiegel und die Polizei gewendet und alles erzählt.“

Ihre Aussage unterstützte der zweite Zeuge. Der 54-jährige Roger B. hatte sie nach Llubjana gefahren, er stammt ebenfalls aus Menden. In der dortigen Lokalpresse wird er als „Kultwirt“ bezeichnet, Spitzname „Budde“. Der Mann betrieb mehrere Jahre auf Thailand eine Gaststätte, hatte dort auch Ärger mit lokalen Reiseveranstaltern. Ein Zeuge, der nicht gerade den Eindruck reinkarnierter Glaubwürdigkeit machte - und einen Vorgeschmack lieferte, in welch zwielichtiges Milieu sich Thomas Wagner begeben hatte. So steht auch ein Deutscher auf der Zeugenliste, den der Vorsitzende Richter als „Diamantenhändler in Anführungszeichnen“ bezeichnete. Kommen wird er wohl nicht, denn derzeit ist er in Tansania abgetaucht.

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Seriöser dürften zumindest die Zeugen sein, die das Gericht am Mittwoch hören will. Darunter sind der Leipziger Immobilienunternehmer Bechstedt und der Ex-Pressesprecher von Unister, Konstantin Korosides. Er arbeitet inzwischen beim Online-Vergleichsportal billiger.de in Karlsruhe. Banker K., gegen den die Staatsanwaltschaft gesondert ermittelt, wird die Aussage verweigern. Schwätter will sich in der nächsten Woche äußern. Und nach dem ominösen Levy Vass wird immer noch gefahndet.