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Die Erpresser lauerten am Schenkberg

Vor fast einem Jahr wurde Anneli-Marie Riße entführt und ermordet. Die Tat war lange geplant, aber die Täter waren überfordert. Nun stehen beide Männer vor dem Dresdner Landgericht.

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© kairospress

Von Thomas Schade

Das Drama beginnt am Schenkberg, auf einem Feldweg, der von der Bundesstraße 101 ins Triebischtal führt. Kirschbäume und Linden säumen ihn. Die 17-jährige Anneli-Marie Riße kennt den Weg gut. Regelmäßig ist sie hier mit Beagle-Dame Paula unterwegs, dem Hund der Familie. Es ist unklar, wie oft sie in den Tagen vor dem 13. August 2015 auf dieser Runde dem Mann begegnet ist, der mit einem Labrador ihren Weg kreuzte. So ahnt sie wohl auch diesmal nichts Böses, als sie ihm wieder einmal entgegenläuft.

An dem Feldweg, wo die Kidnapper lauerten, steht heute eine junge Birke.
An dem Feldweg, wo die Kidnapper lauerten, steht heute eine junge Birke. © Thomas Schade
Eine bittere Stunde für die Polizei: Fünf Tage nach der Entführung muss sie bekannt geben, dass Anneli-Marie Riße bereits am Tag nach ihrem Verschwinden ermordet wurde.
Eine bittere Stunde für die Polizei: Fünf Tage nach der Entführung muss sie bekannt geben, dass Anneli-Marie Riße bereits am Tag nach ihrem Verschwinden ermordet wurde. © Jürgen Lösel

Dieser Donnerstag ist einer der letzten Ferientage für Anneli. Am folgenden Montag will sie die 12. Klasse beginnen, ihr entscheidendes Jahr am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Nossen. Vormittags hat sie in der Firma des Vaters geholfen. Er ist Bauunternehmer in der Gegend um Meißen. Nachmittags ist sie mit der Mutter auf der Suche nach Möbeln für ihr renoviertes Zimmer gewesen. Nach dem Abendbrot mit den Eltern auf der Terrasse macht sich die sportliche junge Frau mit den langen dunklen Haaren mit Paula auf den Weg. Sie trägt blau-graue Jeans und ein helles Shirt. Anneli nimmt das Rad mit, denn vor ihr liegen einige Kilometer. Vom Elternhaus läuft sie den Schenkberg hinauf. Nach einigen Hundert Metern biegt sie ab auf den Landwirtschaftsweg, der von der B 101 kommt.

Anneli hat keine Ahnung, dass der Mann mit dem Labrador sie nicht zufällig trifft. Sie weiß nicht, dass er Markus B. heißt und aus Lampersdorf kommt auf der anderen Seite des Triebischtals, wo er einen Dreiseithof besitzt. Familie B. hat das Anwesen vor zwei Wochen verlassen und ist ins fränkische Burgebrach gezogen. Seiher lebt auf dem Hof nur noch der Labradorrüde Toni, auf den ein Mann aus Dresden Briesnitz aufpasst, Norbert K. (62).

Doch in der Woche vor jenem 13. August ist Markus B. noch einmal da, angeblich, um potenziellen Käufern den Hof zu zeigen. Wie sich später herausstellt, ist der 39-Jährige in Geldnot und aus diesem Grund entschlossen, an diesem Donnerstag den teuflischen Plan umzusetzen, den er wochenlang ausgeheckt hat.

Doch die Aktion, mit der Markus B. reich werden will, endet tragisch. Deswegen stehen er und sein Verwalter ab kommendem Montag vor dem Dresdner Landgericht – sie sind angeklagt wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge, Markus B. sogar wegen Mordes. In dem Prozess treten Annelis Eltern und ihre Schwester als Nebenkläger auf. An fünfzehn Verhandlungstagen will die Schwurgerichtskammer klären, was an jenem Abend auf jenem Feldweg und später auf dem Hof in Lampersdorf genau passiert ist. Klar ist nur: Gegen 19.30 Uhr überwältigt Markus B. die 17-Jährige, zerrt sie in einen silbergrauen BMW, in dem Norbert K. als Fahrer sitzt. Es sind etwa zwölf Kilometer von dem Feldweg quer durch das Triebischtal bis zu dem rekonstruierten Bauernhof in Lampertsdorf. Man fährt etwa zwanzig Minuten mit dem Auto.

Anneli ist keine 40 Minuten fort von zu Hause, als das Telefon klingelt. Uwe Riße kommt zu spät zum Hörer. Das Gespräch ist weg. Er sieht, dass der Anruf von Annelis Handy kam, und ruft zurück. Doch nicht seine Tochter meldet sich, sondern ein Mann. Der versucht, einen tschechischen Dialekt vorzutäuschen, kann aber sein Schwäbisch nicht verbergen. Es ist Markus B., wie sich später herausstellt. Anneli sei in seiner Gewalt, erklärt er, und fordert 1,2 Millionen Euro Lösegeld. Er droht der Familie: Wenn sie nicht zahle, werde sie ihre Tochter nie wieder sehen. Im Hintergrund hört der Vater seine Tochter schreien. Er weiß nicht, dass es das Letzte ist, was er von Anneli hört.

Unmittelbar nach dem Anruf alarmieren die Eltern die Polizei. Beamte sind bereits vor Ort, als der Kidnapper eine Nachricht auf die Mailbox spricht und mitteilt, dass man in Tschechien angekommen sei. Bis Freitag, zwölf Uhr, wolle er das Geld haben. Auf welchem Weg, sagt er nicht.

Während der ganzen Nacht sucht die Polizei das Gebiet um den Schenkberg ab, wo Anneli verschwunden ist. Der Vater findet den Hund und das Rad. Am Morgen stürmen Beamte einen Hof im Dorf Luga, finden aber nichts. Stunden später erfährt die mittlerweile gegründete Sonderkommission Marie von dem BMW. Er war einem Zeugen aufgefallen.

Kurz vor zwölf Uhr mittags meldet sich der Entführer erneut und ordnet an: Rißes sollen das Geld per Internet-Banking nach Malaysia überweisen. Die Familie ist bereit zu zahlen und schon dabei, die Summe verfügbar zu machen. Aber die Polizei stellt fest, dass es technisch nicht möglich ist, eine so hohe Summe auf dem geforderten Weg zu transferieren. Zudem erhalten sie kein Lebenszeichen von Anneli. Nur die Ansage, dass sie nun auf dem Weg in die Ukraine sei.

In der Soko Marie macht sich Sorge breit über das unprofessionelle Vorgehen der Entführer. Die primitive Art, die Stimme zu verstellen, irritiert. Es gibt keine klaren Anweisungen zur Geldübergabe. Der Täter trägt nicht mal Handschuhe. An Annelis Rad finden Kriminaltechniker eine DNA-Spur. Sie bringt am Sonntag den Durchbruch bei der Fahndung. Die Spur gehört zu Markus B., der wegen Brandstiftung und einem Sexualdelikt polizeibekannt ist und dessen Daten in der DNA-Datenbank vorliegen. Doch der 39-Jährige meldet sich nicht. Deshalb platziert Uwe Riße auf der Facebookseite seiner Firma eine Botschaft: „Ihre Ideen sind unser Antrieb. Wir unterstützen Sie bei der Finanzierung Ihrer Vorhaben! Treten Sie unbedingt mit uns in Kontakt! Wir warten auf Ihren Anruf!“ Keiner meldet sich.

Am Sonntagnachmittag hat die Soko Markus B. im Visier. Sein Handy wird in Bayern geortet. Am Abend entdecken fränkische Polizisten den silbergrauen BMW vor dem neuen Wohnhaus der Familie B. in Burgebach. In der Nacht zum Montag stürmen Beamte den verlassenen Bauernhof von Markus B. in Lampersdorf, wo sie das Versteck des Kidnappers vermuten. Sie finden aber nichts. Durch die Auswertung von Handyverbindungsdaten weiß die Soko inzwischen, dass der gebürtige Schwabe einen Komplizen hat – Norbert K. Fast gleichzeitig werden beide am Montagmorgen in Dresden und Burgebach festgenommen.

Während Markus B. schweigt, verrät Norbert K. nach einigen Stunden, dass Anneli tot ist. Er habe mit dem Mord nichts zu tun, wisse aber, wo Annelis Leiche liege. Der 62-Jährige ist anscheinend selbst erschüttert über den Verlauf der Ereignisse. Einsatzkräfte finden das tote Mädchen auf dem Hof in Lampertsdorf hinter einer Scheune – grob verscharrt in einer Grube und nackt. Teile ihrer Kleidung sind offenbar verbrannt.

Der Ort des Verbrechens befindet sich kaum mehr als einen Kilometer vom Firmensitz der Rißes entfernt. Auf dem Hof sei die Schülerin bereits in den ersten 24 Stunden nach der Entführung ermordet worden, teilt Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll am folgenden Tag mit. Dem gestandenen Kriminalisten stehen Tränen in den Augen. Es ist ein bitterer Tag auch für die Polizei, die mit mehr als eintausend Beamten nach Anneli gesucht hat.

Die Nachricht vom Tod der Unternehmertochter löst große Trauer aus und rührende Anteilnahme. Mitschüler lassen einen Stern auf den Namen Anneli ins Sternenregister eintragen und schenken ihn den Eltern. Familie Riße ruft eine Stiftung ins Leben, die den Namen ihrer Tochter trägt und künstlerische Jugendprojekte fördern will. Ein Song für Anneli entsteht. Schüler halten Mahnwachen. Bis heute flackern Windlichter an der Auffahrt zu dem Bauernhof in Lampersdorf, hinter dem man die Leiche fand. Annelis Porträt prägt das Familiengrab auf dem Friedhof im Ortsteil Sora. Ein Holzkreuz auf dem schwarzen Granit trägt ihren Namen.

Es sieht danach aus, dass die 17-Jährige zwei habgierigen Dilettanten zum Opfer gefallen ist, die sich selbst maßlos überschätzt haben. Markus B. hat das Verbrechen offensichtlich wochenlang vorbereitet. Das können Ermittler bei der Auswertung seines Computers rekonstruieren. So recherchierte er spektakuläre Entführungsfälle im Internet. Zudem informierte er sich über die Wirkung des Betäubungsmittels Äther und besorgte es sich später. Vieles plante Markus B. bis ins Detail, aber nichts bis zu Ende. Er konnte die Geldübergabe nicht organisieren und blieb während der Entführung unmaskiert. Wohl weil er fürchtete, von Anneli identifiziert zu werden, ist der Kidnapper bis zum Äußersten gegangen. Die 17-Jährige musste sterben, weil er die Entführung verdecken wollte, wie Juristen das nennen.

Laut Anklage ist der 39-Jährige für den Tod des Mädchens allein verantwortlich. Er soll Anneli als Opfer ausgewählt haben. Markus B. stammt aus der Gegend von Pforzheim und ist 2004 zu seiner Freundin nach Lampersdorf in die Gemeinde Klipphausen gezogen. Hier führt fast jeder Weg am Firmensitz des Bauunternehmers Uwe Riße vorbei, dessen Familie in Sora seit Generationen verwurzelt ist. Heute lebt sie auf der anderen Seite des Triebischtales und gilt als vermögend. Dem gelernten Koch und Gastwirt aus Schwaben, der sich bei der Modernisierung des Bauernhofes angeblich übernommen haben soll, dürfte Familie Riße schnell eingefallen sein, als er auf die Idee kam, durch Erpressung an das Geld anderer Menschen zu kommen.

Wie viel Schuld Norbert K. auf sich geladen hat, wird die Beweisaufnahme zeigen. Der 62-Jährige konnte die Staatsanwaltschaft davon überzeugen, dass er den Mord an Anneli-Marie nicht gebilligt hat. Er war wohl auch nicht dabei, als das Mädchen getötet wurde. Zeugen und ein Kassenzettel belegen, dass sich Norbert K. zu dieser Zeit nicht in Lampersdorf aufhielt. Der Anklage zufolge starb Anneli am Freitag kurz vor Mittag – auf grausame Weise. Markus B. hat angeblich dreimal Anlauf genommen für den Mord und sie brutal leiden lassen.

Dort, wo Uwe Riße den Hund der Familie und das Annelis Fahrrad fand, erinnern heute drei Granitbrocken und ein Birkenbäumchen an die dramatischen Minuten am Abend des 13. August 2015. Hier lauerte der Kidnapper. Mit bloßem Auge konnte er sehen, wie Anneli den Schenkberg heraufkam und nichts ahnend ins Verderben lief.