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"Dresdner Friedrichstadt wird Investoren überlassen"

Die Friedrichstadt zieht Immobilienunternehmen an. Nun könnte eine der größten Dresdner Baustellen 2022 entstehen. Es regt sich Bürgerprotest.

Von Luisa Zenker
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Die Freifläche auf der Seminarstraße 18 soll bebaut werden. Die Anwohner Milan, Nika, Susann Klenner und Mariana Seeboth sammeln jetzt Unterschriften dagegen.
Die Freifläche auf der Seminarstraße 18 soll bebaut werden. Die Anwohner Milan, Nika, Susann Klenner und Mariana Seeboth sammeln jetzt Unterschriften dagegen. © Sven Ellger

Dresden. Anwohnerin Susann Klenner lebt seit 2007 in der Friedrichstadt. Seitdem konnte sie beobachten, wie ein Neubau nach dem anderen hochgezogen wurde. Das lange vernachlässigte Viertel lockt mit seinen freien Nachkriegsflächen die Immobilienunternehmen an. Die Bagger und Kräne haben nun ein Viertel im Visier, wo die Mieten noch halbwegs moderat sind. Mehr Wohnungsbau bedeutet gleichzeitig weniger Grün- und Spielflächen für die Familien in dem Quartier.

Das will die 43-jährige Anwohnerin nun nicht länger hinnehmen, sie hat mit ihren Nachbarn zusammen eine Unterschriftensammlung gestartet. Konkret geht es um eine 8.000 Quadratmeter große verwilderte Brachfläche an der Seminarstraße, gegenüber der 48. Grundschule.

Gestrüpp, ein altes Barackenviertel und mehrere Bäume dienen auf dem Privatgrundstück als Entdeckungsort für Kinder und Jugendliche. "Und bestimmt auch als Lebensraum für viele Tiere", fügt Susann Klenner hinzu.

171 Wohnungen statt Brachfläche

Das könnte bald ein Ende nehmen. Der Stadt Dresden zufolge könnten in der Seminarstraße 20/22 etwa 125 Wohnungen entstehen. Ein Bauantrag liege dem Bauaufsichtsamt jedoch noch nicht vor. "Das Vorhaben beinhaltet Neubauten, den Umbau sowie die Sanierung von Bestandsgebäuden auf dem Areal", heißt es vom Stadtplanungsamt. Zum Eigentümer hält es sich bedeckt. Das Hamburger Immobilienunternehmen Vila plant außerdem laut Webseite 46 Wohneinheiten in der Seminarstraße 16 bis 18.

Im Themenstadtplan sind für das gesamte Grundstück drei Bauvorhaben eingezeichnet. Bei den Bewohnern macht sich deshalb Angst breit: "Wir befürchten, dass hier alle Grünflächen verschwinden."

Um dieses Gebiet geht es in der Friedrichstadt. Hier stehen mehrere ruinöse Gebäude leer.
Um dieses Gebiet geht es in der Friedrichstadt. Hier stehen mehrere ruinöse Gebäude leer. © Themenstadtplan Dresden/Screenshot SZ

Friedrichstädter wollen mitreden

Die Anwohner wünschen sich deshalb mehr Mitsprache. "Natürlich darf dort gebaut werden, aber mit Maß", so Susann Klenner. "Die Gestaltung der Friedrichstadt wird sonst den Investoren überlassen", mischt sich ein weiterer Anwohner ein, der bereits seit 1999 in dem Quartier wohnt. Damit nicht Hamburger Investoren über die Planungen entscheiden, verlangen die Anwohner in einem Brief an Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne) einen Bebauungsplan für das Areal.

Dieser regelt, was und wie in einem bestimmten Gebiet gebaut werden darf. Mit dieser Art von Plan kann das Stadtplanungsamt rechtsverbindlich festsetzen, inwieweit Grünflächen, Spielplätze, Zahl der Wohneinheiten von Immobilienbesitzern eingeplant werden müssen. Eine Bürgerbeteiligung wird dadurch möglich. Gemäß Baugesetzbuch können Bebauungspläne aufgestellt werden, "sobald und soweit es für die städtebauliche Entwicklung und Ordnung erforderlich ist."

Blick auf die verwilderte Freifläche auf der Seminarstraße: bald könnten hier 171 Wohnungen entstehen.
Blick auf die verwilderte Freifläche auf der Seminarstraße: bald könnten hier 171 Wohnungen entstehen. © Sven Ellger

Laut Themenstadtplan der Stadt Dresden liegt für das Areal bisher kein Bebauungsplan vor. Deshalb gilt in der Regel § 34 des Baugesetzbuches, das heißt, der Investor muss die neuen Gebäude an die umliegenden Häuser anpassen, eine Bürgerbeteiligung ist nicht erforderlich.

Die Sorge der Anwohner hat auch mit einem Gebiet zu tun, dass mehrere hundert Meter entfernt an der Weißeritzstraße liegt. Dort wurde das umstrittene Projekt "Grüne Mitte" umgesetzt. Viele Friedrichstädter hatten damit ein Problem. Vor dem Baustart war das Areal als "Grüne Ecke" im Stadtteil bekannt. Für den Neubau mussten etliche Bäume weichen. Zunächst hatten die Planungen vorgesehen, dass an dieser Stelle ein großes Einkaufszentrum entsteht. Dagegen hatten sich 2015 rund 1.500 Dresdner mit einer Petition gewehrt.

Jetzt ist das Areal fertiggestellt. Im vergangenen Jahr ist eine Häuserzeile mit sechs verschiedenen Gebäuden, Wohnungen in den oberen Etagen und Läden im Erdgeschoss entstanden. Erhalten geblieben ist ein grüner Innenhof, in dem ursprünglich ebenfalls Neubauten vorgesehen waren.

Grünflächen für Jugendliche fehlen

Doch für Anwohnerin Susanne Klenner sind dort zu wenig Grünflächen gerettet worden. Zumal bereits 2017 der Bolzplatz der Kinder- und Jugendeinrichtung "Mobile Arbeit Friedrichstadt (MAF)" an der Adlergasse beräumt werden musste. Ein neues Freigelände für die Kinder- und Jugendlichen ist nicht entstanden.

Die Anwohner wünschen sich für die Brachfläche an der Seminarstraße einen Erholungsort und Spielort für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, den Erhalt der Bäume, eine maßvolle Bebauung mit Sozial- und Familienwohnungen sowie Kita-Plätzen. Eine Antwort von Baubürgermeister Stephan Kühn haben sie auf den Brief vom 9. Januar bisher noch nicht erhalten.