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Kraftwerk-Brand in Nürnberg: Wäre Dresden vorbereitet?

Nach einem Brand in einem Nürnberger Großkraftwerk müssen 15.000 Menschen frieren. Was in Dresden in so einem Fall hier geschehen würde.

Das Kraftwerk Nossener Brücke erzeugt bei der derzeitigen Kälte die meiste Fernwärme für Dresden. Die SachsenEnergie ist auch auf Havarien vorbereitet.
Das Kraftwerk Nossener Brücke erzeugt bei der derzeitigen Kälte die meiste Fernwärme für Dresden. Die SachsenEnergie ist auch auf Havarien vorbereitet. © Foto: Peter Hilbert

Dresden. In Nürnberg musste jetzt der Katastrophenfall ausgerufen werden. Am Montagnachmittag hatte es dort im Stadtteil Gebersdorf einen Brand in einem Großkraftwerk gegeben.

Dadurch war die Fernwärmeversorgung in zwei Stadtteilen für rund 15.000 Menschen stark beeinträchtigt. Betroffen sind nicht nur Haushalte, sondern auch Betriebe, eine Klinik, Schulen, ein Einkaufszentrum sowie Alten- und Pflegeheime.

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„Wir sind auf solche Fälle vorbereitet“, sagt Rutger Kretschmer, der als Bereichsleiter Kraft und Wärme auch für die sechs Dresdner Kraftwerke zuständig ist. „Wir möchten es aber trotzdem nicht erleben."

Insgesamt haben die Dresdner Heizkraftwerke eine Gesamtkapazität von 812 Megawatt (MW). Dass sie das auch bei starker Kälte keine Probleme haben, wird derzeit deutlich. Am Dienstagmorgen erreichten sie den diesjährigen Spitzenwert von 691 MW, erläutert Kretschmer. Er rechnet damit, dass in kommenden kalten Tagen und Nächten die 700-MW-Grenze überschritten wird.

„Wir haben drei große Erzeuger“, sagt der Bereichsleiter. Der Hauptversorger ist das Heizkraftwerk an der Nossener Brücke mit seinen drei Gas- und einer Dampfturbine.

Es ist die effizienteste Anlage mit einem Wirkungsgrad von 85 bis 90 Prozent. Nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung wird die Energie des Erdgases fast vollständig ausgenutzt.

Über einen Generator erzeugen die Gasturbinen Strom. Deren 500 Grad heiße Abgase werden im Abhitzekessel dafür eingesetzt, das Wasser für das Fernwärmenetz zu erhitzen. Das Kraftwerk mit seiner Wärmeleistung von 480 MW arbeitet das ganze Jahr über, im Sommer aber auf Sparflamme.

Zu den großen Anlagen zählen zudem das Innovationskraftwerk Reick mit einer Kapazität von 260 MW und das Heizkraftwerk Nord im Industriegelände mit 70 MW. Im Kohlekraftwerk Nürnberg war beim Brand ein Kessel ausgefallen. Würde beispielsweise im Kraftwerk Nossener Brücke eine Betriebseinheit mit Gasturbine und Abhitzekessel ausfallen, könnte selbst bei durchgängig minus 15 Grad Dresden weiter voll mit Fernwärme versorgt werden, erklärt Kretschmer.

20 Tonnen wiegt diese Welle, die im Mai 2015 im Heizkraftwerk Nossener Brücke eingebaut wurde. Damit konnte das ausgefallene Teil ersetzt werden.
20 Tonnen wiegt diese Welle, die im Mai 2015 im Heizkraftwerk Nossener Brücke eingebaut wurde. Damit konnte das ausgefallene Teil ersetzt werden. © Foto: Jürgen Jeibmann

Eine Bewährungsprobe hatte es bereits im Januar 2015 gegeben. Damals war im Kraftwerk Nossener Brücke die Welle eines Generators, die wie die eines Fahrrad-Dynamos funktioniert, durch einen Kupplungsschaden ausgefallen.

Selbst der Hersteller Siemens war damals überrascht. Denn nicht nur der Generator, sondern auch diese Welle gehe nie kaputt. Weltweit habe es noch keinen Schaden an einer Maschine dieses Typs gegeben.

In diesem Fall wird es wirklich kritisch

Abgeschaltet werden musste damals auch die Gasturbine – und das mitten im Winter. Glück im Unglück: Für die Dresdner hatte das keine Konsequenzen. Sie mussten nicht frieren, da die Reserven der Kraftwerke groß sind.

„Beim Ausfall von zwei großen Betriebseinheiten würde es aber kritisch werden“, sagt Kretschmer. „Dann würden wir nicht mehr die volle Temperatur erreichen.“ Das 128 Grad heiße Wasser würde in dem Fall durch das 618 Kilometer lange Fernwärmenetz nicht mehr mit der vollen Temperatur in die Häuser strömen, wodurch dort weniger geheizt werden könnte.

Die Gasturbinen im Heizkraftwerk Nossener Brücke werden in der warmen Jahreszeit regelmäßig überprüft und falls nötig instandgesetzt.
Die Gasturbinen im Heizkraftwerk Nossener Brücke werden in der warmen Jahreszeit regelmäßig überprüft und falls nötig instandgesetzt. ©  Foto: Sven Ellger

Vorbereitet ist die SachsenEnergie auch für den Fall, wenn der Brennstoff Erdgas in den Heizkraftwerken ausfällt.

Beispielsweise, wenn eine Bombe gefunden wird und die Fernwärmeleitung abgesperrt werden muss, nennt Kretschmer eine realistische Möglichkeit. „Dann setzen wir leichtes Heizöl als Reserve ein. Dafür sind unsere Anlagen ausgelegt.“

Erhöht wird die Versorgungssicherheit auch durch den neuen Fernwärmetunnel an der Marienbrücke. Dadurch sei das rechtselbische Gebiet viel besser ans zentrale Fernwärmenetz angeschlossen. Geplant ist auch, die sogenannten Inseln Trachau und Kaditz, die noch von separaten Kraftwerken mit Fernwärme versorgt werden, ans zentrale Netz anzuschließen.

Das passiert beim totalen Blackout

Zudem investiert die SachsenEnergie in Reick 95 Millionen Euro in eine hochmoderne, flexible Anlage. Das Kraftwerk hat acht Gasmotoren, die auch nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) Strom und Fernwärme erzeugen.

Die Anlagen sind sehr flexibel und können schnell zu- oder abgeschaltet werden. So ist es auch im Falle eines großflächigen Stromausfalls, eines Blackouts, weiter möglich, die Bürger und die Wirtschaft der Stadt zu versorgen.

In der Fachsprache nennt sich das Schwarzstartfähigkeit. Im Winter kann die Anlage etwa ein Viertel des Dresdner Wärmebedarfs decken. Jährlich werden mit der Gasmotorentechnologie gegenüber herkömmlichen Werken rund 80.000 Tonnen Kohlendioxid eingespart.

Ende 2019 hatte der Bau begonnen. Anfang Dezember 2020 war der achte und letzte Gasmotor eingebaut worden. Ab dem Spätsommer soll das Kraftwerk in Betrieb genommen werden. Anfang nächsten Jahres soll das neue Kraftwerk fertig werden.

Darum wird neben Fernwärme auch Strom erzeugt

Es sei äußerst sinnvoll, dass nach dem KWK-Prinzip nicht nur Fernwärme, sondern auch Strom erzeugt wird. Denn der werde dringend gebraucht.

Am Dienstagmorgen ist bei der Stromversorgung in Deutschland eine Leistung von 72 Gigawatt benötigt worden, wovon 20 Gigawatt erneuerbare Energien waren. Wenn es wie jetzt kalt, dunkel und zudem windstill ist, wird das als „Dunkelflaute“ bezeichnet.

„In solchen Fällen werden zusätzliche Anlagen benötigt, um Strom zu erzeugen“, sagt Kretschmer. Das Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung, nach dem die Dresdner Kraftwerke arbeiten, sei dabei ein gutes Mittel, um nicht nur Wärme, sondern als überlebenswichtiges Produkt auch Strom zu erzeugen. „Daran kann man erkennen, dass wir so eine neue Anlage wie in Reick brauchen.“

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Dresden ist also auf viele Fälle vorbereitet, so auch auf eine Havarie, wie sie jetzt in Nürnberg geschehen ist. Dafür gibt es Notfallpläne. „Die Kollegen in Nürnberg haben echt Pech gehabt“, sagt der Sachsen-Energie-Bereichsleiter. „Ich drücke ihnen die Daumen. Sicher werden sie Lösungen finden.“

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