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Jüdisches Leben in Dresden: "Ich esse nicht koscher"

Jährlich am 27. Januar wird der Opfer des Holocaust gedacht. Grund genug zu fragen: Wie sehen heute junge Menschen in Dresden lebende Juden? Ein Gastbeitrag.

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"Es ist gut, dass in Deutschland die Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Juden wachgehalten wird": Stolpersteine mit Messingplatten und Namen ermordeter und enteigneter Juden.
"Es ist gut, dass in Deutschland die Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Juden wachgehalten wird": Stolpersteine mit Messingplatten und Namen ermordeter und enteigneter Juden. © dpa

Der Autor ist das älteste aktive Mitglied der Dresdner Jüdischen Gemeinde. Er war unter anderem mehrere Jahre Vertreter der Jüdischen Gemeinden Sachsens im Beirat der „Stiftung Sächsische Gedenkstätten“. Hier beschreibt er seine Sicht auf einen Teil jüdischen Lebens in Dresden.

Von Herbert Lappe

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Da ich seit vielen Jahren in Schulen eingeladen werde weiß ich, welche Fragen Schüler zu jüdischen Themen haben. Wird über Christentum unterrichtet, liegt eine Verbindung zum Leben heutiger Christen meist auf der Hand. Es gibt christliche Mitschüler die an Familienfesten wie Kindstaufen, Konfirmation oder Hochzeiten teilnehmen, Kirchen und deren Geläut gehören zu unserm Alltag und der Unterricht kann an von allen Schülern wahrgenommene Feiertage wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten anknüpfen.

Ganz anders bei der Vermittlung von Wissen über Judentum. Kaum ein Schüler hatte jemals Kontakt zu Juden. Auch die obligatorischen Synagogenführungen für Schüler, meist von Nichtjuden durchgeführt, helfen da nicht weiter.

Schüler fragen mich überwiegend über mein religiöses Leben: Essen Sie koscher? Tragen Sie immer eine Kippa? Sprechen Sie Hebräisch? Arbeiten Sie am Schabbat? Besuchen Sie regelmäßig die Synagoge?

Wenn ich antworte „Nein, so wie viele Juden in Dresden und auf der Welt gehe ich nicht oft in die Synagoge, die Vorschriften für den Schabbat beachte ich nicht und ich esse auch nicht koscher“, sind die Schüler überrascht.

Für die meistenvon ihnen scheinen Juden Exoten, Sonderlinge mit seltsamen Bräuchen zu sein. Dass deren Jüdischsein nur eine von mehreren Facetten ihrer Persönlichkeit ist, liegt außerhalb ihrer Vorstellung. Dass Juden wie andere Bürger zur Arbeit gehen, Familie haben, Sport treiben oder auch mal unter Zahnschmerzen leiden, liegt nicht im Blickfeld der Schüler. Jüdischsein hat viele Nuancen – von ultraorthodox bis atheistisch.

Eine fast verschwindend geringe Minderheit

Eine Ursache für die Unwissenheit liegt darin, dass Juden in Deutschland eine nahezu verschwindende Minderheit darstellen. Im Ergebnis entstehen Zerrbilder von Juden – auch aus Wunschvorstellungen. In Deutschland haben die Jüdischen Gemeinden etwa einhunderttausend Mitglieder. Das sind weniger als 0,2 % der Bevölkerung. Auf nicht einmal 0,4 % der Bevölkerung kommen wir, wenn man die geschätzt einhunderttausend Juden, die nicht Mitglied einer Gemeinde sind, dazu zählt.

In anderen Ländern ist das anders. In den USA zum Beispiel sind im Bundesstaat New York etwa 9 % der Bevölkerung Juden. Dort gehört zum Alltagswissen, dass führende Persönlichkeiten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Juden sind. Von Ähnlichem darf man in etwa auch der Schweiz ausgehen.

Was ist unter jüdischem Leben in Dresden zu verstehen?

Nicht alle Dresdner Juden gehören zu einer jüdischen Gemeinde. Wie viele es insgesamt sind, ist nicht bekannt. Etwa eintausend sind Mitglied einer der drei Dresdner jüdischen Gemeinden, auf die ich mich im Weiteren beziehe. Geschätzt über 80 % der Juden kamen seit 1990 aus Russland, der Ukraine und anderen ehemals sowjetischen Republiken. Wenn es also so etwas wie typische Dresdner Juden gibt, dann sind es diese Zugezogenen.

Seit 1932 wurden Juden in der Sowjetunion durch den Vermerk “Nationalität: Jüdisch” im Pass stigmatisiert und zu Bürgern zweiter Klasse. Diese Zuschreibung zum Judentum erfolgte unabhängig von der persönlichen Beziehung zum Judentum. In einzelnen Familien sprachen ältere Familienmitglieder Jiddisch und pflegten die traditionelle koschere Küche – nicht unbedingt streng und nicht aus religiösen Gründen. Ansonsten waren und sind diese Juden ebenso religionsfern wie die meisten anderen Bürger nach 70 Jahren UdSSR. Auch wirkte sich der allgemeine Rückgang der Religiosität aus, wie er auch in Deutschland seit über 100 Jahren erfolgt. Weshalb sollte das bei Juden anders sein? Auch das ist an der eher geringen Teilnahme an den Gottesdiensten in der größten Gemeinde, der Jüdischen Gemeinde, zu beobachten.

Frühere Ultrarthodoxe als Kern dere Kultusgemeinde

Den Vorstellungen der Schüler kommt die Lubawitscher Gemeinde am nächsten. Ihr gehören etwa 15 % der Dresdner Juden an. Die Bewegung der Lubawitscher war im späten 18. Jahrhundert im russischen Ort Lubawitsch gegründet worden und vertrat eine besonders lebensbejahende Form des Judentums. Zugleich lebten und leben die Anhänger dieser Bewegung auch heute noch streng nach der Halacha, den jüdischen Religionsgesetzen. Ihr Dresdner Ableger ist die Gemeinde Chabad Lubawitsch.

Ebenfalls rund 15 % der Juden in Dresden gehören der jüdischen Kultusgemeinde an. Ihren Kern bilden ehemals ultraorthodoxe Juden, die aus ihrem althergebrachten Milieu ausbrachen. Sie ließen die 613 Gebote, die ihr Leben diktierten und einengten, hinter sich. Viele verloren auch den Glauben an Gott. Geblieben ist der Wunsch eines Lebens nach jüdischer Moral, orientiert an den Zehn Geboten und anderen, unserer Zeit angepassten, traditionellen jüdischen Verhaltensnormen.

Es ist gut, dass in Deutschland die Erinnerung an die vertriebenen und ermordeten Juden wachgehalten wird. Zugleich aber sollten wir vermeiden, jüdisches Leben herbeireden zu wollen. Titel wie „Größtes Laubhüttenfest der Welt soll in Deutschland stattfinden“ in der Jüdische Allgemeinen oder die Forderung „Jüdisches Leben sichtbar machen“ zeugen von Unwilligkeit, die Realität in Deutschland nach dem Holocaust zu akzeptieren: Wo es nur wenige Juden gibt, wird ein weißer Fleck bleiben.

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Wollen wir vermeiden, dass bereits Schüler Juden als seltsame Zeitgenossen betrachten, dann sollten die Schüler nicht als Erstes an religiöse Besonderheiten denken. Ich wünschte mir, dass im Mittelpunkt des Unterrichts die wechselvollen deutsch-jüdischen Beziehungen des Miteinanders aber auch die Verfolgungen stehen und die Normalität des Lebens von Juden in Dresden in Vergangenheit und Gegenwart dargestellt wird. Eine anspruchsvolle Aufgabe, das Nichtspektakuläre interessant zu vermitteln.

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