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"Literatur jetzt!": Kaffeekochen als Seelenstrip

Sandra Hüller und Jens Harzer geben mit ihrem Bachmann-Abend den Auftakt zum Dresdner Literaturfestival.

Sandra Hüller wurde zum vierten Mal zur besten Schauspielerin des Jahres gekürt.
Sandra Hüller wurde zum vierten Mal zur besten Schauspielerin des Jahres gekürt. © Christian Hüller

Mit einem der berühmtesten Schlusssätze der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur endet das Gastspiel von Sandra Hüller und Jens Harzer im Dresdner Zentralwerk: „Es war Mord.“ Damit verschwindet eine namenlose Schriftstellerin in einem Riss in der Wand. Generationen von Germanisten haben dem Mord und einem möglichen Mörder nachgeforscht, seit der Roman „Malina“ 1971 erschien. In der Interpretation von Hüller und Harzer scheint ein Suizid denkbar. In ihrer Textcollage entsteht das Porträt einer unbedingten, kompromisslosen, liebessehnsüchtigen und sehr verlorenen Frau: Ingeborg Bachmann. „Malina“ ist der autobiografisch gefärbte Aufschrei über existenzielle Nöte. In diesem Buch wird selbst ein schlichter Vorgang wie Kaffeekochen zum qualvollen Seelenstrip. Die beiden Ausnahmeschauspieler spannen ein Netz der Verzweiflung auf.

Der Auftritt von Sandra Hüller und Jens Harzer ist der Corona-Pandemie zu danken. Der Bachmann-Abend war für das Literaturfest in Köln konzipiert, das jedoch abgesagt wurde. Das Dresdner Festival „Literatur Jetzt!“ hatte mehr Glück. Das Programm für den zwölften Jahrgang änderte sich je nach Vorschrift. Nun bringt es eine der bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts zusammen mit Live-Hörspiel und Reporter-Slam, mit Krimi-Lesung und Bilderbuch-Zirkus. Um vermeintliche Grenzen zwischen den Gattungen haben sich die Veranstalter nie geschert. Das macht den Charme dieses Festivals aus. Das Zentralwerk in Dresden-Pieschen mit seinem bröckligen Liebreiz liefert noch bis Sonntag die Kulisse. Am Wochenende heißt es bei freiem Eintritt zu den Kinderveranstaltungen: „Literatur fetzt!“

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Bitte als Gastspiel in Dresden!

Feinsinnig bezieht die Auswahl aus Bachmann-Texten die aktuelle Situation ein. Oder reagiert man nur hellhörig, wenn von Husten und Fiebermessen die Rede ist, von Chefärzten und von Patienten, die über Balkongeländern hängen? Ein Pfarrer wird gebeten, zu gehen, „weil gelüftet werden muss“. So heißt es in der Dankrede von Ingeborg Bachmann zum Büchner-Preis 1964. Sie beschreibt ein Krankenhaus, in das bekannte Personen heimlich eingeliefert werden, nachts bei Blaulicht. Alle liegen schweigend. „Wichtigster Punkt: der nächste Angehörige.“ Später gibt es Männer, die mit bloßen Händen Bierflaschen öffnen und rufen: „Wir schaffen es schon.“ Es ist eine Rede über die deutsche Teilung mit düsteren, bösen, ironischen Bildern. Hüller und Harzer vermischen Zitate daraus mit Gedichten und mit Auszügen aus Briefen und Prosatexten. Beide sitzen vor Mikrofonen auf der Bühne am Tisch. Was nach Wasserglaslesung aussieht, wird zum faszinierenden Dialog.

Kein Wunder bei diesen Künstlern: Sandra Hüller, zu Hause in Leipzig und engagiert am Schauspielhaus Bochum, wurde gerade zum vierten Mal zur besten Schauspielerin des Jahres gekürt. Mit dem Film „Toni Erdmann“ war sie nominiert für den Oscar. Jens Harzer gehört zum Ensemble des Thalia Theaters Hamburg und ist Träger des Iffland-Rings, der dem bedeutendsten Schauspieler des deutschsprachigen Theaters zugesprochen wird. Beide standen im Vorjahr zusammen in der Zwei-Personen-Fassung von Kleists „Penthesilea“ auf der Bühne. Es wäre zu schön, wenn das Dresdner Schauspielhaus seine Gastspielreihe damit fortsetzen könnte. Wie Hüller und Harzer mit sparsamsten Mitteln eine unerhörte Präsenz erzeugen, das prägt auch den Abend für Ingeborg Bachmann. Er folgt chronologisch der Biografie der Autorin, die 1926 in Klagenfurt geboren wurde und 1973 in Rom starb. „Sei ein wenig sparsamer mit deinen Ansprüchen“, rät ihr der Dichter Paul Celan. Dabei gehört der größtmögliche Anspruch an sich selbst zum Wesen der Bachmann. Sie spottet über die „hochmütige Nachsicht“ der Männer, ihre „hilflos zerstreuten Umarmungen“. Die Liebesbeziehungen zu Paul Celan und Max Frisch enden in wechselseitigen Vorwürfen und Missverständnissen. Im Riss in der Wand.

Wenn aus Träumen Albträume werden

Ingeborg Bachmann stammt aus einem engen Kärntner Tal und will hinaus in die Welt, will Berühmtheit. Einige ihrer Gedichte, die Sandra Hüller an diesem Abend in Dresden spricht, gehören inzwischen zum Kanon der Weltliteratur: „Undine geht“, „Dunkles zu sagen“ oder „Böhmen liegt am Meer“. Bachmann-Begeisterte hätten wohl noch viel mehr hinzugefügt wie etwa das Gedicht über die scheinbare Unvereinbarkeit von Leben und Schreiben: „Erklär mir, Liebe“.

Die Texte, die Sandra Hüller und Jens Harzer lesen, spiegeln auch die Auseinandersetzung der Autorin mit ihrem Vater, der Nazi war, und mit der Rolle Österreichs in dieser Zeit. Allzu oft verwandeln sich die Träume in Albträume. Die namenlose Schriftstellerin sieht sich gefangen in der „größten Gaskammer der Welt“. Die Dialoge aus dem Roman „Malina“ werden zum bitteren Höhepunkt des Abends.

Das Festival – weitere Höhepunkte:

Freitag, 19 Uhr, Zentralwerk: Paula Irmschler liest aus dem Roman „Superbusen“. 21 Uhr: Pop & Poesieshow.

Samstag, 18 Uhr, Zentralwerk: Christian Baron liest aus „Ein Mann seiner Klasse“, 19 Uhr: Lesung mit dem Krimiautor Frank Goldammer. 20 Uhr in der Scheune: Reporter-Slam, u.a. mit dem SZ-Journalisten Maximilian Helm

Sonntag, 11 Uhr, Zentralwerk: Matinee zur Buchreihe „Naturkunden“.

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