merken
PLUS Feuilleton

Missklänge bei den Dresdner Jazztagen

Der Verschwörungstheoretiker Daniele Ganser kommt wieder als Redner nach Dresden. Nun regt sich Widerstand.

Kriegstreiber Barack Obama? Daniele Ganser bei den Dresdner Jazztagen 2019.
Kriegstreiber Barack Obama? Daniele Ganser bei den Dresdner Jazztagen 2019. © Christian Juppe

Dresden. Nächste Woche Mittwoch beginnen die Dresdner Jazztage, doch vor dem Auftakt regt sich Unmut. Seit dem Wochenende wird das Büro der Jazztage „mit Mails überflutet“, so Intendant Kilian Forster. In diesen Mails werde gefordert, die beiden Vorträge des Publizisten Daniele Ganser am 25. Oktober abzusagen. Künstler und Sponsoren würden angeschrieben, die Jazztage zu boykottieren.

Auslöser dieser Protestwelle ist ein offener Brief der Kölner Jazzmusikerin Laura Totenhagen, die im Programm den Doppel-Auftritt Gansers entdeckt hat und darüber „schockiert“ ist. Mehrere Musiker aus Dresden schließen sich in den Facebook-Kommentarspalten dieser Kritik an. Andere Facebook-Nutzer drücken die Daumen für Daniele Ganser.

ELBEPARK Dresden
Der ELBEPARK bietet mehr
Der ELBEPARK bietet mehr

180 Läden, 5.000 kostenlose Parkplätze und zahlreiche Freizeitangebote sorgen für stressfreies und vergnügtes Einkaufen im ELBEPARK. Jetzt Angebote entdecken.

Laura Totenhagen schreibt, Ganser sei ein „manipulativer Pseudo-Wissenschaftler“, der seine Quellen aus rechtsradikalen Schriften beziehe, die „Spaltung in Parallel­Öffentlichkeiten“ vorantreibe und die Demokratie gefährde. Schon voriges Jahr hielt Ganser einen Vortrag bei den Jazztagen. Dabei wiederholte er auch seine oft zitierte Verschwörungstheorie zum 11. September, indem er nahelegte, das sei gar kein islamistischer Terroranschlag gewesen, sondern eine von US-Regierungskreisen gesteuerte Operation.

Der Schweizer Historiker Ganser bezeichnet sich selbst als „Friedensforscher“ und publiziert vor allem über amerikanische Kriegseinsätze und „US-Imperialismus“, wie es auf der Webseite der Jazztage heißt. Dabei wirft er den Medien „Kriegspropaganda“ vor. Auf seiner Facebook-Seite kommentiert der 48-Jährige auch die Corona-Politik. So zitiert er zum Beispiel den Epidemiologen Sucharit Bhakdi mit der Behauptung, das Coronavirus sei „nicht gefährlicher als ein normales bis mittelschweres Grippevirus“. Zu den Protesten in Belarus fragte Ganser auf Facebook: „Versuchen die USA und andere Nato-Staaten mit verdeckten Operationen Präsident Lukaschenko zu stürzen, der als ,Kakerlake‘ diffamiert wird?“

Jazzverband distanziert sich

Nachdem nun die Kritik an Gansers Auftritt bei den Jazztagen lauter wird, sieht sich der Jazzverband Sachsens, der vor Kurzem erst gegründet wurde, zu einer Reaktion genötigt. Er bat Forster am Montag schriftlich um eine Stellungnahme. Die Verbindung von Jazz und Diskurs sei zwar prinzipiell völlig in Ordnung, sagt Verbandsvorsitzender Sebastian Haas der SZ. „Doch bei diesem Vortrag verstehen wir einfach nicht, wie er in den Kontext eines solchen Festivals passt.“ Deshalb distanziere sich der Verband eindeutig vom Auftritt Gansers. Zugleich betont Haas aber, unbedingt im Dialog mit Kilian Forster bleiben zu wollen. „Die Jazztage sind eine wichtige Größe in der Musiklandschaft; sie all die Jahre aufs Neue zu stemmen, das ist ein hoch zu schätzender Verdienst.“

Forster wiederum versteht nicht, warum der Ganser-Vortrag ein Verstoß sein soll gegen die Prinzipien des Jazzverbandes, entschieden gegen „jegliche Form von Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie“ einzutreten. „Wer meine Klazz-Brothers- und Jazztage-Geschichte kennt, weiß, dass genau das unsere Botschaft ist.“ Aus seiner Sicht werde in diesem Fall nur Ganser diskriminiert. „Wenn jemand keine Chance bekommt, öffentlich aufzutreten“, so Forster, „habe ich sofort ein offenes Ohr und versuche, etwas möglich zu machen.“ So definiere er auch den Begriff Toleranz und sei selbst bereit, mit jedem zu reden. „Wer nur im eigenen Saft schmort, erreicht doch gar nichts.“

Ein wahrer Konzertmarathon

Zugleich betont er, offen für Diskussionen zu sein. „Ich habe Herrn Ganser bereits angefragt, ob wir nicht einen Dialog mit dem Publikum nachfolgen lassen.“ Und ihm ist wichtig klarzustellen, dass keinerlei Steuergeld für diese Veranstaltung eingesetzt werde. „Das ist eine Kooperation mit Gansers Firma, wobei wir – läuft es so gut, wie es jetzt aussieht – einiges Geld einnehmen, mit dem wir weitere Jazz-Konzerte möglich machen.“

Dass Gansers Thesen mindestens für Kontroversen gut sind, kommentiert Forster so: „Das war mir natürlich bewusst. Ansonsten wäre es als Vortrag ja auch uninteressant.“ Forster selbst hält mit seinen politischen Ansichten nicht hinterm Berg, etwa auf seiner Facebook-Seite. Mal bezeichnet er da den Virologen Christian Drosten als „Merkels Lieblingscovidiot“, mal lobt er die Grünen für ihren Zehn-Punkte-Plan zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft.

Die Jazztage Dresden leiden wie viele andere massiv unter den Corona-Auflagen. Doch den bisherigen Erfolg soll das nicht stoppen. Seit 2001 hat das Festival eine rasante Entwicklung durchgemacht. Kilian Forster, der bis 2006 Solobassist der Dresdner Philharmonie war und seit 1999 mit den Klazz Brothers Klassik und Jazz fusioniert, startete das Ganze einst in der Unkersdorfer Kirche. 2006 ging auch das Festival neue Wege, wurde unter dem Namen Jazztage Dresden von Forster und seinem kleinen Team stetig vergrößert. Nahezu jeden November kamen neue Spielstätten hinzu, wurde das Festival ab 2016 zu einem wahren Konzertmarathon mit teilweise etlichen Shows pro Tag aufgewertet. Stars von Jamie Cullum bis Al Jarreau, von Klaus Doldinger bis Al Di Meola, Nina Hagen bis Ute Lemper, Konstantin Wecker bis Tom Gaebel, von Gregory Porter bis Maceo Parker sind bisher aufgetreten.

Nicht mit so heftigen Angriffen gerechnet

Unterstützt werden die Jazztage von zahlreichen Sponsoren und Partnern. Auf der Webseite genannt werden etwa die Radeberger-Brauerei, das Volkswagen-Zentrum Dresden und der Verein International Friends Dresden, der sich für eine weltoffene Gesellschaft engagiert. Die Sächsische Zeitung ist Medienpartner.

Weiterführende Artikel

Jazztage-Chef wehrt sich gegen Kritik

Jazztage-Chef wehrt sich gegen Kritik

Die Jazztage kommen nicht zur Ruhe: Nach dem Auftritt von Daniele Ganser entzündet sich die Kritik nun vor allem an den Corona-Hygiene-Zuständen.

Jazztage: So war der Ganser-Auftritt

Jazztage: So war der Ganser-Auftritt

Seine Einladung hatte für Diskussionen gesorgt. Am Sonntag war Daniele Ganser zu Gast im Ostra-Dome - auch für ein Streitgespräch.

Protest bei Jazztagen: Man muss mit jedem reden

Protest bei Jazztagen: Man muss mit jedem reden

Intendant Kilian Forster hat einen Gastredner zu den Jazztagen eingeladen, der nun auf Protest stößt. Was hat Meinungsfreiheit mit Musik zu tun?

Meinungen sind frei, aber nicht egal

Meinungen sind frei, aber nicht egal

Was hat der Auftritt des Verschwörungstheoretikers Daniele Ganser im Rahmen der Dresdner Jazztage noch mit Jazz zu tun? Ein Kommentar.

Zudem gibt es staatliche Unterstützung: Bekamen die Jazztage noch im Vorjahr von der Kulturstiftung des Freistaates einen Zuschuss von 8.000 Euro, sind es diesmal 40.000 Euro plus weitere 45.000 Euro als Corona-Soforthilfe. Die Stadt Dresden schießt wie zuvor 40.000 Euro zu. „Dem stehen jedoch durch die Corona-Pandemie 700.000 Euro Verluste bei den Ticketverkäufen gegenüber“, sagt Forster. Dennoch hat er für die 20. Auflage der Jazztage mittlerweile bereits 50 Veranstaltungen organisiert.

Mit derartig heftigen Angriffen wegen der Einladung Gansers habe Forster nicht gerechnet, sagt er. Dennoch werde er jetzt nicht weich: „Der Vortrag findet auf jeden Fall statt.“

Mehr zum Thema Feuilleton