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Alexej Nawalny besucht Dresden

Alexej Nawalny, Putins schärfster Kritiker, taucht am Freitag überraschend vor dessen früherer Dresdner Wohnung auf. Ein Anwohner berichtet.

Alexej Nawalny, so wie ihn der Dresdner Jörg Hofmann vor seiner Wohnung auf der Radeberger Straße gesehen hat.
Alexej Nawalny, so wie ihn der Dresdner Jörg Hofmann vor seiner Wohnung auf der Radeberger Straße gesehen hat. © Christian Juppe/ privat

Dresden. Es ist etwa 10 Uhr, als am Freitag die schweren, schwarzen Audi-Limousinen im Dresdner Jägerpark vorfahren. „Ich habe ihn ganz genau erkannt“, sagt Jörg Hofmann und meint Kreml-Kritiker Alexej Nawalny.

Seit 30 Jahren lebt Hofmann in der Radeberger Straße 101 – nicht in irgendeiner Wohnung, sondern in einer mit Vorgeschichte, die offenbar auch Putins schärfsten Kritiker interessiert. „Als ich mir die Wohnung im März 1990 angesehen habe, war er noch da, mit Frau und Kind“, erinnert sich Jörg Hofmann.

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Die Wohnungsgenossenschaft hatte ihm die neue Bleibe vermittelt, weil der aktuelle Mieter bald ausziehen wollte. „Der war da ja noch nix“, entschuldigt sich der 51-Jährige dafür, dass er den damaligen Hausherrn nicht erkannt hat: KGB-Major Wladimir Putin, der mit seiner Familie dort lebte.

Jörg Hofmann in seiner Wohnung in der Radeberger Straße. Dort ist er vor 30 Jahren eingezogen, als Nachmieter von Wladimir Putin, sagt der 51-Jährige.
Jörg Hofmann in seiner Wohnung in der Radeberger Straße. Dort ist er vor 30 Jahren eingezogen, als Nachmieter von Wladimir Putin, sagt der 51-Jährige. © Christian Juppe

Damit könnte sich auch der Überraschungsbesuch vor dem Haus im Jägerpark erklären. Zwei gepanzerte Audi-Limousinen fahren vor, erzählt der Dresdner. Die Autos hatten Berliner Kennzeichen, die Männer seien schwer bewaffnet gewesen. „Einer hatte eine Maschinenpistole, die anderen normale Pistolen.“, sagt Hofmann. Und so ist es auch auf Aufnahmen zu sehen, die Hofmann von seinem Balkon aus gemacht hat.

Personenschutz für einen Mann, auf den internationalen Ermittlern zufolge am 20. August im russischen Tomsk ein Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok verübt worden ist. Im Verdacht: der russische Geheimdienst. Nawalny selbst hält den russischen Präsidenten für den Auftraggeber – den Mann, dessen ehemalige Wohnung und früheren Geheimdienst-Arbeitsplatz er am Freitag in Dresden besucht hat. Die Männer seien ausgestiegen „und über eine Stunde ums Haus gelaufen“, erzählt Jörg Hofmann. Ein Kamerateam war auch dabei.

Der 51-Jährige hat nicht alles mitbekommen, was die Überraschungsbesucher vor und hinter dem Plattenbau am Rand des Jägerviertels gemacht haben. „Die sind dann zur Angelikastraße gelaufen, wo der Putin gearbeitet hat.“ Im Haus mit der Nummer 4 residierte damals der KGB. Putin arbeitete dort von 1985 bis kurz nach der Wende.

„Sie sind weg, kamen wieder angelaufen, sie haben geredet und dann vor meinem Balkon noch mal angehalten“, erzählt Jörg Hofmann von dem Besuch am Freitagvormittag. „Dann hat mich Nawalny angesprochen.“ Auf Englisch habe er ihn gefragt, wie es ihm gehe und ob sie ein Interview machen können. Hofmann lehnte ab. Kameras will er nicht in seiner Wohnung.

Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland, gilt als der schärfste Putin-Kritiker.
Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland, gilt als der schärfste Putin-Kritiker. © Pavel Golovkin/AP/dpa

„Da waren auch schon andere da, damals von Putin welche, die habe ich auch nicht reingelassen.“ Aber Hofmann hat der Besuch trotzdem weiter interessiert. „Ich habe gefilmt und jede Menge Fotos gemacht.“ Das Material zeigt mehrere Personen, die hin und her laufen, sich interessiert alles anzuschauen scheinen.

Worum es bei der Stippvisite der mysteriösen Besuchergruppe ging, dazu kann Hofmann nichts sagen. Auf der Facebook-Seite von Alexej Nawalny, auf der immer wieder auch während seiner derzeitigen Erholungsphase nach dem Giftanschlag neue Einträge zu finden sind, war dazu bis zum Abend nichts zu lesen.

Auf SZ-Nachfrage bei einem engen Mitarbeiter Nawalnys will dieser den Dresden-Besuch weder bestätigen noch dementieren. Nawalny könne sich doch völlig frei bewegen in Deutschland. Möglich wäre, dass Nawalny derzeit auf Putins Spuren unterwegs ist und seine auch in Deutschland umstrittene Geheimdienst-Vergangenheit aufarbeiten möchte. Auch seine Pressesprecherin ist auf Fotos zu erkennen.

Der Kameramann habe sich noch vor der Haustür aufgebaut, um zu klingeln und dann nach oben zu schwenken, wenn sich Hofmann blicken lässt. „Aber da habe ich dann nicht mehr reagiert“, sagt der 51-Jährige. Jede Menge Fragen hat Hofmann in den vergangenen Jahren bereits zu seinem Vormieter beantwortet, in dessen Wohnung er seit drei Jahrzehnten zu Hause ist. „Ich musste damals nach der Besichtigung noch einen Monat warten, dann kamen Lkws mit Containern und Holzkisten, und Putin ist ausgezogen.“

In diesem Haus hat Wladimir Putin vor vielen Jahren gewohnt.
In diesem Haus hat Wladimir Putin vor vielen Jahren gewohnt. © Christian Juppe
Ein Kamerateam begleitet Nawalny (schwarze Jacke, Mitte) bei seinem Besuch.
Ein Kamerateam begleitet Nawalny (schwarze Jacke, Mitte) bei seinem Besuch. © Screenshot SZ
Mit einem Tablet in der Hand und Leibwächtern um ihn herum, geht Nawalny (Mitte) um den Block.
Mit einem Tablet in der Hand und Leibwächtern um ihn herum, geht Nawalny (Mitte) um den Block. © Screenshot SZ

Wie der damals gerade 20-Jährige die Wohnung vorgefunden hat, weiß er noch genau. „Da waren jede Menge Abziehbilder, an der Wand war Alufolie-Tapete, alles war braun angepinselt.“ Sogar die Elektrik, Steckdosen und Lichtschalter seien übermalt gewesen. „Aber sonst war alles in Ordnung“, antwortet Hofmann heute auf die Frage, ob da vielleicht auch noch elektronische Geräte waren, die in keiner anderen Wohnung zu finden gewesen wären. „Die Wohnung war im März 1990 leer. Nur die DDR-Tapete, die Scheuerleisten, alles war selber gestrichen …“

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Gern scheint er sich nicht an diesen Anblick zu erinnern. Die Wohnung ist inzwischen längst viel mehr seine als die des ehemaligen russischen Majors, der heute im Kreml residiert. 66 Quadratmeter, drei Zimmer, Küche, Bad im vierten Stock. Nur wenn solche Besucher wie am Freitagvormittag vor seinem Haus auftauchen, wird er noch an ihn erinnert.

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