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Ideen für Dresdens Innenstadthandel

Trotz Lockerungen der Corona-Regeln kämpfen viele Händler ums Überleben oder haben bereits aufgegeben. Wie eine Pleitewelle verhindert werden soll.

Für viele Läden in der Dresdner Innenstadt werden derzeit neue Mieter gesucht. Auf der Wilsdruffer Straße stehen besonders viele Geschäfte leer.
Für viele Läden in der Dresdner Innenstadt werden derzeit neue Mieter gesucht. Auf der Wilsdruffer Straße stehen besonders viele Geschäfte leer. © Christian Juppe

Dresden. Das Problem ist nicht zu übersehen: Etliche leere Schaufenster im Dresdner Stadtzentrum zeugen davon, dass es viele Händler nicht durch die Corona-Krise geschafft haben. Zwar füllen sich die Läden langsam wieder mit mehr Kundschaft, auch, weil seit vergangener Woche der Einkauf ohne Termin möglich ist - die Testpflicht hält viele Kunden aber weiterhin vom Shoppen ab, sind sich die Händler sicher. Dazu kommt die übermächtige Konkurrenz des Onlinehandels. Und auch Touristen kehren nur zögerlich nach Dresden zurück. Ebenfalls Kundschaft, die fehlt.

Sollte die Inzidenz in der Landeshauptstadt weiterhin so niedrig bleiben, wird zumindest der Nachweis über einen negativen Coronatest ab diesem Freitag nicht mehr nötig sein. Für einige Händler kommt diese Lockerung allerdings zu spät, sie haben ihr Geschäft bereits aufgegeben. Der sächsische Handelsverband prognostizierte im Januar, dass sechs von zehn Läden in der Dresdner Innenstadt von einer Insolvenz bedroht sind. Noch ist das ganze Ausmaß nicht erkennbar, denn bis Ende Juni gilt in vielen Unternehmen Kurzarbeit. Um eine Pleitewelle zu verhindern, sind Ideen gefragt.

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Citymanagement: Gutachten zu leeren Geschäften

Das Citymanagement Dresden hat nun zunächst eine Studie beauftragt, die den aktuellen Leerstand in der Innenstadt untersucht. Diese Bestandsaufnahme übernimmt ein externes Gutachterbüro und soll Aufschluss darüber geben, wie viel Prozent der Flächen tatsächlich leer stehen, erklärt Citymanagement-Chefin Friederike Wachtel.

Das Ergebnis der Studie liegt noch nicht vor, soll aber in den kommenden Wochen ausgewertet und öffentlich vorgestellt werden.

Kampagne: Dresdner in die Innenstadt holen

Das Problem des Innenstadthandels wird nun auch politisch. Die Grünen im Dresdner Stadtrat wollen den Leerstand in der Innenstadt bekämpfen. In einem Antrag, der am Donnerstag im Stadtrat besprochen wird, fordern sie von Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), dass er sich mit dem Citymanagement, Gewerbe- und Handelsverbänden, aber auch mit Vertretern der Wirtschaftsförderung und von Immobilienverbänden zusammensetzt und mit ihnen Konzepte entwickelt, wie die Innenstadt kurz- und langfristig wieder belebt werden kann.

Die Grünen-Stadträte Torsten Schulze (l.) und Thomas Löser fordern, dass die Stadt mit den Akteuren vor Ort ein Konzept erarbeitet, wie der Handel im Zentrum gerettet werden kann. Wie hier an der Wilsdruffer Straße stehen auch in anderen Bereichen viele L
Die Grünen-Stadträte Torsten Schulze (l.) und Thomas Löser fordern, dass die Stadt mit den Akteuren vor Ort ein Konzept erarbeitet, wie der Handel im Zentrum gerettet werden kann. Wie hier an der Wilsdruffer Straße stehen auch in anderen Bereichen viele L © Christian Juppe

Ein kurzfristiger Weg könnte eine Kampagne sein, die sich an die Dresdner richtet, finden die Grünen-Stadträte Thomas Löser und Torsten Schulze. "Viele Innenstadthändler beklagen, dass zu wenige Dresdner die Geschäfte im Stadtzentrum nutzen würden", sagt Löser. "Ab in die Mitte" - mit diesem Slogan sollen sie in die Innenstadt gelockt werden, vor allem jetzt, wenn die Touristen noch fehlen. Ein Projekt dieser Art sei ohnehin gerade in Planung, sagt dazu Friederike Wachtel. Ob das tatsächlich mehr Dresdner dazu bewegt, ihre Einkaufsgewohnheiten zu ändern, bleibe aber abzuwarten.

Große Einkaufszentren am Stadtrand wie der Elbepark in Mickten und der Kaufpark Nickern schwächen den Innenstadthandel - das sei auch schon vor der Corona-Krise so gewesen, betont Löser. Das müsse mit einem besonderen Mix an Geschäften, möglichst inhabergeführt, und mit einem anderen Angebot als in den Centern aufgefangen werden.

Geringere Mieten: Neue Geschäfte unterstützen

Um eben jene inhabergeführten Geschäfte in der Innenstadt zu halten oder neue dorthin zu holen, müsse der Fokus auch auf das Thema Mieten gerückt werden, sagt Thomas Löser. Die Stadt soll deshalb ein Leerstandsmanagement entwickeln. Eigentümer von Gewerbeflächen, Händler und Wirtschaftsförderer der Stadt sollen Konzepte erarbeiten, wie leerstehende Geschäfte zu geringeren oder gestaffelten Mieten vergeben werden können, damit inhabergeführte und kleine Läden mit besonderen Sortimenten in die Stadt zurückkehren.

Um auf die leeren Läden aufmerksam zu machen, könnten Künstler und Kreative die Flächen temporär nutzen, schlägt Torsten Schulze vor. In der Wilsdruffer Straße etwa sind Räume frei, die früher als Galerie genutzt wurden und sich dafür besonders anbieten.

Friederike Wachtel hat noch ein anderes Konzept im Blick: Läden in Nebenstraßen, die nicht zur Toplage zählen und deshalb weniger preisintensiv sind, werden an Neugründer vermietet. Das habe sich in anderen Städten bereits bewährt und könnte auch in Dresden dazu beitragen, dass sich Gewerbetreibende ein gut laufendes Geschäft aufbauen. Entsprechende Flächen gebe es etwa auch rund um den Neumarkt.

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Attraktiveres Umfeld: Mehr Grün und Spielplätze

Damit sich auch Familien im Zentrum wohlfühlen, soll sich auch an der Gestaltung der innerstädtischen Flächen etwas tun. "Bäume, Bänke und Spielplätze schaffen attraktive Orte, an denen sich Eltern mit Kindern länger aufhalten", sagt Thomas Löser. Das habe auch einen positiven Effekt für die Geschäfte. Als Beispiel führt Torsten Schulze den Elbepark an, der mit Kinderbereichen und gastronomischen Angeboten punktet, weshalb sich Familien für ihre Shoppingtour eher für dieses Einkaufszentrum entscheiden.

Den hohen Leerstand in der östlichen Wilsdruffer Straße - zuletzt ist auch die Apotheke ausgezogen, die jahrelang ihren Standort dort hatte - sieht Löser in der breiten und wenig einladenden Straße begründet. "Auch hier muss baulich etwas verändert werden, damit Kunden hier einkaufen." Tatsächlich sind in diesem Bereich der Wilsdruffer Straße nur wenige Menschen anzutreffen, die Laufkundschaft fehlt an dieser Stelle. Wer sich für einen Spaziergang durch die Stadt entscheidet, wählt lieber die Verbindung vom Neumarkt in Richtung Prager Straße.

Auch an der Prager Straße haben Händler ihre Geschäfte aufgegeben, große Ladenflächen stehen leer.
Auch an der Prager Straße haben Händler ihre Geschäfte aufgegeben, große Ladenflächen stehen leer. © René Meinig

Centermanager: Zentrenkonzept ist wichtig

Dass der Innenstadthandel schon vor Corona Probleme hatte, war bereits im vergangenen Jahr klar. Deshalb hatte das Citymanagement gemeinsam mit dem Handelsverband die Studie in Auftrag gegeben. "Schon damals war klar, dass Handlungsbedarf besteht", sagt Jens Preißler, der Centermanager der Altmarkt Galerie. Corona habe bestimmte Entwicklungen beschleunigt, aber andere auch ausgebremst. Konkret spricht er die Insolvenz von Händlern an, in seinem Haus musste unter anderem Spielaxie-Betreiber Daniel Dorner die Filiale aufgeben. Ausgebremst worden sei auch die Neuvermietung von Flächen, obwohl es Interessenten gibt. Nur warten diese auf Zeiten mit klaren Regeln.

Über die Vorschläge der Grünen freut sich Preißler. "Es ist gut zu wissen, dass sich die Politik Gedanken macht, wie man die Sorgen der Händler mindern kann." Aber es sei nicht Aufgabe der Politik, in die Privatwirtschaft einzugreifen. "Stattdessen sollten die Stadträte Rahmenbedingungen schaffen, von denen der Innenstadthandel profitiert."

Konkret spricht Preißler das aktuelle Zentrenkonzept für die Stadt an, was fehlt. Darin würden die städtebaulichen Ziele für viele Bereiche festgelegt, alle fünf Jahre müsste es aktualisiert werden. Dann hätte Dresden eine politische Leitplanke, an der man sich bei Problemen orientieren und auf deren Grundlage man mit Interessenverbänden, Händlern und Eigentümern nach Lösungen suchen könne.

Den Vorschlag, mit Kunst und Kultur leere Läden zu beleben, sieht Preißler eher beim Citymanagement, wo man sich dazu schon viele Gedanken gemacht hat. Für sein Haus spiele das keine Rolle, weil es keine Flächen gibt, die mehrere Monate leer stünden. Aber nur dann habe eine Bespielung damit Sinn.

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In der Centrum Galerie gab es indes bereits Gespräche mit der Stadt, wie man Kunst und Kultur im Sommer in die Halle holen kann. "Da sind wir schon einen Schritt weiter", sagt Centermanager Jürgen Wolf. Zur Fußball-Europameisterschaft wolle man aber noch keine Aktionen anbieten, um Ansammlungen zu vermeiden. Dazu sei das Infektionsgeschehen noch zu unsicher. "Wir wollen definitiv nicht noch einmal schließen." Zum Vorschlag der Grünen, dass die Stadt prüfen soll, welche Möglichkeiten es gibt, Händler bei den Ladenmieten finanziell zu entlasten, sagt Wolf nur lächelnd: "Ich freue mich auf Gespräche mit den Grünen dazu."

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