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Droht Dresdens Weihnachtsmärkten das Aus?

Veranstalter sagen, wegen der Corona-Auflagen seien keine Märkte möglich. Auch Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) sieht Probleme wegen des Striezelmarktes.

Der Striezelmarkt wird wegen Corona nicht wie sonst stattfinden können. Ob überhaupt Weihnachtsmärkte möglich sind, bezweifeln Dresdner Veranstalter.
Der Striezelmarkt wird wegen Corona nicht wie sonst stattfinden können. Ob überhaupt Weihnachtsmärkte möglich sind, bezweifeln Dresdner Veranstalter. © Sven Ellger

Dresden. In der vergangenen Woche hat der Stadtrat entschieden, dass die Weihnachtsmärkte länger öffnen dürfen. Doch nun ist ungewiss, ob sie überhaupt stattfinden können. 

Mehrere Veranstalter sagen, unter den Auflagen zum Schutz vor Corona, die für Großveranstaltung gelten, sei es unmöglich, Weihnachtsmärkte durchzuführen. Sie fordern andere Lösungen. 

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Frank Schröder veranstaltet seit mehreren Jahren die Dresdner Winterlichter auf der Prager Straße. Der Weihnachtsmarkt hat die Besonderheit, dass er direkt auf der Einkaufsmeile vom Hauptbahnhof bis etwa zur Mitte der Prager Straße stattfindet. Das bedeutet, nicht nur Marktbesucher schlendern darüber, sondern auch Menschen, die aus dem Bahnhof kommen, und Dresdner, die zum Shoppen in der Stadt sind.

"Bei uns laufen in den vier Wochen etwa drei Millionen Menschen durch", sagt Schröder. "Wie soll ich da die Kontakte zur Nachverfolgung erheben, wie in der Corona-Schutzverordnung gefordert?" Er könne nicht sicherstellen, dass alle, die über seinen Markt gehen und vielleicht noch nicht einmal dorthin wollen, sondern in ein Restaurant oder Geschäft, sich in Listen für den Markt eintragen oder sich in eine App auf ihrem Smartphone dafür registrieren.  

"Wir können nicht bis November warten"

Das sei unrealistisch, sagt Schröder. "Und es würde das Gesundheitsamt auch überfordern, mit Zehntausenden Daten pro Tag."

Absperren oder einzäunen, wie in der Allgemeinverfügung "Hygiene" vom Sozialministerium gefordert, könne Schröder den Markt auch nicht. "Damit würde ich die Geschäfte und die Gastronomie auf der Prager Straße beschneiden, weil dort keine Kunden mehr hinkämen." Das sei schade, zumal sich die Staatsregierung Ende Juli klar dazu bekannt hat, dass Weihnachtsmärkte trotz Corona stattfinden sollen

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) hatte bereits erklärt, er könne sich vorstellen, den Striezelmarkt als Flaggschiff der Dresdner Weihnachtsmärkte - der von der Stadt veranstaltet wird - zu "entzerren" und fließende Übergänge zu den anderen Weihnachtsmärkten in der Innenstadt zu schaffen. Aber auch das dürfte unter den Corona-Schutzvorschriften schwierig werden.

Im Stadtrat sagte OB Hilbert nun, die Stadt könne noch kein rechtssicheres Hygienekonzept erstellen. "Dafür gibt es keine gültige Rechtsverordnung, weil die aktuelle Schutzverordnung bis zum 2. November gilt. Das ist ein Dilemma für alle." Dabei hatte der Stadtrat beschlossen, dass die Weihnachtsmärkte bereits drei Tage früher als geplant öffnen dürfen und bis zum 3. Januar geöffnet bleiben dürfen. Nur der Striezelmarkt soll wie gewohnt am 24. Dezember schließen. 

"Wir können aber nicht bis zum 2. November warten", sagt Holger Zastrow. Der FDP-Fraktionschef ist Veranstalter des Augustusmarktes auf der Hauptstraße am Goldenen Reiter. Händler bräuchten die Sicherheit, ob die Märkte stattfinden, aber auch Hotels und Gastronomie, um planen zu können. "Wir planen den Markt seit Monaten und brauchen schnell verbindliche Vorgaben."

"Die Vorgaben aus der Verordnung und der Allgemeinverfügung des Ministeriums gehen an der Realität vorbei", so Zastrow. Er stört sich neben dem Einzäunen des Marktes und der Nachverfolgung der Besucher auch daran, dass der Zugang beschränkt und die Besucher über den Markt gelenkt werden sollen. "Dann gäbe es nur Einbahnstraßen." Und auch die in der Verfügung formulierten "Möglichkeiten zur Begrenzung des Alkoholkonsums", die im Hygienekonzept der Veranstalter aufgezeigt werden sollen, hält Zastrow für abwegig. "Welcher Glühweinhändler kommt und sagt, ich verkaufe aber nur die Hälfte der vorgesehenen Menge?"

Wahrscheinlich keine Sonderregeln für Weihnachtsmärkte

Generell müssten Weihnachtsmärkte auch 2020 vom Charakter her so stattfinden wie in den vergangenen Jahren, fordert Zastrow. "Das wird durch die Verordnungen fast unmöglich. Es scheitert am Freistaat." Es brauche andere Regeln als für sonstige Großveranstaltungen.

Das fordert auch Schröder. "Ich könnte mir vorstellen, dass auf dem Markt bestimmte abgegrenzte Zonen geschaffen werden, in denen die Besucher länger als 15 Minuten verweilen." Denn erst dann bestehe Ansteckungsgefahr. 

"Das Sozialministerium erarbeitet für Großveranstaltungen und Märkte derzeit eine Rahmen-Checkliste für Gesundheitsämter, die auf bundesweiten Absprachen beruhen", sagt eine  Sprecherin der Sozialministerin Petra Köpping (SPD).

Sie bestätigt, dass die aktuellen Regeln keine Sonderlösungen ausschließlich für Weihnachtsmärkte vorsehen und wahrscheinlich auch keine unterschiedlichen Regelungen geplant sind. "Welche Vorgaben in der neuen Verordnung ab 3. November gelten, ist derzeit noch nicht absehbar und von den Infektionszahlen abhängig", so die Sprecherin.

Lösungsvorschlag: "Ähnlich wie bei Kriminalfällen"

Dresdens Weihnachtsmarkt-Veranstalter verzweifeln an den Corona-Auflagen, berichtet auch Sven Erik Hitzer. Er ist der Geschäftsführer von Neuland-Zeitreisen, die in Dresden den Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt unter dem Titel 'Advent auf dem Neumarkt' ausrichten. "Ich freue mich, dass die Landesregierung grundsätzlich positiv herangeht und die Politik sagt, wir wollen Weihnachtsmärkte auch in diesem Jahr." Dann kommt das große Aber.

Grundsätzlich könnten die meisten Auflagen erfüllt werden, wenn auch mit großem Aufwand. "Für uns stellt sich nicht die Frage, ob wir einen Markt durchführen: Wir müssen!" Veranstalter, Händler und Gastronomen stehen laut Hitzer wegen der Corona-Auswirkungen mit dem Rücken zur Wand. Die Durchführung sei aber ein "heftiges Risiko". Denn es sei zu erwarten, dass – wegen der Auflagen, aber auch generell – zu wenig Besucher kommen. "Dadurch werden Erträge fehlen", sagt Hitzer voraus. 

Das zweite Risiko ist, dass die Märkte bei einem drastischen Anstieg der Corona-Fälle in Dresden jederzeit durch Entscheidungen des Landes oder der Stadt abgesagt oder abgebrochen werden können. "Dann sind wir aber bereits Verträge eingegangen, haben Kosten. Das ist ein Wahnsinns-Risiko und für die Veranstalter ein Harakiri-Akt", so Hitzer.

Er hat sich bereits Gedanken gemacht, wie die Hygiene gewährleistet werden kann. Deshalb will er das Mehrweg-Tassen-System umstellen. Die Kunden dürfen dann nicht mehr die Glühweintassen dort abgeben, wo sie sich ihre Getränke geholt aber oder an einem anderen Verkaufsstand. Stattdessen soll es mehrere zentrale Sammelstände nur für die Abgabe der Pfand-Tassen geben. "Das gewährleistet ein besseres Hygiene-System und es gibt keine zwei Schlangen mehr an den Glühweinständen."

Ein Weihnachtsmarkt könne aber kaum eingezäunt werden. Stattdessen sollten nur die Räume, in denen sich Personen länger als 15 Minuten aufhalten, abgegrenzt werden – so wie es der Marktbetreiber von der Prager Straße, Frank Schröder, auch vorschlägt.

"Die Landesregierung muss nachregulieren", fordert Hitzer. Am besten wäre es, die Weihnachtsmärkte aus der Verordnung zu streichen und eine gesonderte Regelung dafür zu schaffen, sagt der Veranstalter. Laut Hitzer ist eine Nachverfolgung und Sicherung der Daten der Besucher nur möglich, wenn für eine Veranstaltung Eintritt verlangt wird. "Für Märkte darf aber kein Eintritt genommen werden, weil jeder das Recht hat, sich frei im öffentlichen Raum zu bewegen. Auf privatem Gelände ist das anders."

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Er hat einen weitreichenden Vorschlag: Die Veranstalter sollten mit der Nachverfolgung gar nichts zu tun haben. Es handle sich um eine Aufwertung der Nutzung von öffentlichem Raum. "Im Grunde ist das mit einer Shopping-Mall vergleichbar, da muss sich auch kein Besucher registrieren", sagt Hitzer. Stattdessen sollten die Mobilfunkanbieter, die für kurze Zeit eh die Daten erfassen, diese bei Bedarf an die Gesundheitsämter weitergeben dürfen. "Das ginge mit einem Beschluss der Staatsanwaltschaft, ähnlich wie bei Kriminalfällen. Natürlich nur, wenn es Corona-Fälle gibt. Das wäre eine mutige Lösung."

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