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Der Herr der Dresdner Handtaschen

Fast 20 Jahre hat Matthias Heidrich besonders die weibliche Kundschaft in der Neustadt glücklich gemacht. Sogar die Prinzessin von Sachsen gehörte dazu.

Nur noch wenige Tage steht Matthias Heidrich in seinem Lederpunkt in der Dresdner Neustadt und hofft, dass noch viele Kunden ein letztes Mal hereinschauen.
Nur noch wenige Tage steht Matthias Heidrich in seinem Lederpunkt in der Dresdner Neustadt und hofft, dass noch viele Kunden ein letztes Mal hereinschauen. © Marion Doering

Dresden. Am Dienstagvormittag sind es noch genau 14 Tage. Matthias Heidrich hat gerade den Köder ausgeworfen, wie er sagt: „Den Zettel mit den noch offenen Geschäftstagen rauszuhängen, ist jetzt mein tägliches Ritual“, sagt der 65-jährige Dresdner. Der soll die Kundschaft noch einmal in das 35 Quadratmeter kleine Geschäft locken, denn das ist noch bis oben hin mit einer Ware gefüllt, auf die es vor allem Frauen abgesehen haben. Das merkt man schon bei einem knapp zweistündigen Besuch im Lederpunkt auf der Bautzner Straße: In dieser Zeit betritt nur ein Mann das Geschäft und der ist in Begleitung seiner Frau, die mal wieder eine Handtasche braucht.

Das Ehepaar hat schon öfter bei ihm gekauft und die Entscheidung für die richtige Tasche fällt schwer: „Eine in der Farbe hast du doch schon und eine mit solchen Henkeln auch“, beharrt der Mann.

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Den Countdown an seinem Schaufenster aktualisiert Heidrich täglich.
Den Countdown an seinem Schaufenster aktualisiert Heidrich täglich. © Marion Doering

Doch zum Abschied muss es trotzdem noch eine Neue sein. Zumal es bis zur Schließung des Geschäfts 30 Prozent Rabatt auf alle Waren gibt und das Sortiment von Matthias Heidrich über die Jahre groß geworden ist. Weil die Verkaufsfläche so klein ist, hat er sich auf platzsparende und wertige Sachen spezialisiert: „Besonders gut gehen Handtaschen, Regenschirme von Knirps und natürlich die Handschuhe“, sagt der gebürtige Dresdner. Zu seinem Angebot zählen aber auch noch Portemonnaies, Schlüsseltaschen, Ausweismäppchen, Maniküren, Schmuckkassetten, Rucksäcke und einige wenige Reise- und Sporttaschen.

Schließung noch vorm 20. Jubiläum

Im April nächstes Jahr hätte Matthias Heidrich die 20 Jahre voll machen können. Warum schließt er so kurz vor dem Jubiläum? „Wenn Corona nicht gewesen wäre, hätte ich vielleicht noch ein oder zwei Jahre länger gemacht“, erzählt er einer Kundin. Doch bis vor Kurzem wusste er nicht, ob und wann er überhaupt wieder öffnen kann: „Außerdem bin ich seit Juli Rentner und das ist ein guter Zeitpunkt, um zumindest das stationäre Geschäft zu schließen“, sagt er. Die Restbestände, die er bis dahin nicht mehr verkauft, will er online und über eine Handelsvertretung anbieten.

Damit und mit einer Frau hat auch alles angefangen: Nämlich mit seiner Frau, die sich 1990 als Handelsvertreterin für Taschen selbstständig machte. Bis dahin war es ein langer Weg, erzählt Matthias Heidrich, der in der Neustadt auch für seinen kleinen Mini mit dem orangen Logo seines Geschäfts bekannt ist. Bis 1990 arbeitete der studierte Diplom-Ingenieur für Verfahrenstechnik beim Kombinat Elaskon Dresden im Entwicklungszentrum: „Nach der Wende passierte hier erstmal gar nichts und ich hatte eine Familie zu ernähren“, sagt er rückblickend. Und so pendelte er ab 1990 als Projektingenieur nach Heidelberg und Frankfurt am Main.

Über seine Frau, die als Handelsvertreterin für Lederwaren auch auf Messen ausstellte, kam er dann in Kontakt zu Kunden und Kollektionen: „Ich flog oft von Frankfurt nach Leipzig, um ihr beim Aufbau der Stände zu helfen und dann wieder zurück zur Arbeit“, erinnert er sich an diese turbulente Zeit.

Die Kunden werden Heidrich fehlen

Nach über zehn Jahren des Pendelns wollte Matthias Heidrich etwas Eigenes machen und die Kontakte nutzen: Durch Zufall hörte die Vorbesitzerin des Ladengeschäftes auf der Bautzner Straße auf. Sie hatte auch Lederwaren verkauft und Matthias Heidrich bezog das Geschäft: „Ich habe den Laden ein bisschen umgestaltet und die Kollektion an die jüngere Kundschaft in der Neustadt angepasst.“

Und so hängen, stehen und liegen in dem kleinen Verkaufsraum Handtaschen aus Leder in allen Formen und Farben. Matthias Heidrich hat dabei immer das Besondere gesucht: So zum Beispiel die Taschen der Marke Emil, die eine Dame bis ins hohe Alter bei zwei Herstellern in Italien anfertigen ließ: „So etwas gibt es nicht überall“, sagt er. Und auch Gisela Prinzessin von Sachsen war einmal in seinem Geschäft. Bemerkt hat das Matthias Heidrich aber erst, als er ihren Namen auf der EC-Karte las: „Sie hat damals einen Rucksack für ihren Sohn gekauft“ erinnert er sich.

Vermissen wird er vor allem den Kontakt zu seinen Kunden. Und er hat immer versucht, die Menschen für die vielen kleinen Läden in der Neustadt zu begeistern: „Die Neustadt ist wie ein Kaufhaus für Individualisten“, sagt er. In wenigen Tagen wird es wieder einen Individualisten weniger geben.

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